Mittelrheingold

Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Wilde Wutz und blauer Pilzsammer in Boppard

Ein betrunkener Pilzsammler und ein rabiates Wildschwein bringen den Boppard Wald gleich doppelt in die Schlagzeilen. Die eine Geschichte klingt skurril, die andere gefährlich. Aber der Reihe nach. Ralf Schwammkrug, Jagdpächter im Bopparder Hamm, und sein Sohn Tobias mussten am Sonntag 2 Touristinnen vor einem 95-Kilo-Keiler retten. Die beiden Wanderinnen aus Münster hatten sich auf Bäume gerettet und vergeblich versucht, das Tier zu verscheuchen. Zum Glück hatten ihre Handys Empfang, die Notrufzentrale verband sie mit der Bopparder Polizei, die wiederum den Jäger alarmierte. Laut „RZ“ war dem Keiler nicht zu helfen. Er griff Schwammkrug und seinen Sohn an und musste schließlich vom Junior erschossen werden.

Vierseeblick über Boppard. Foto: Dominik Ketz / Romantischer Rhein Tourismus

Wegen der ungwöhnlichen Aggressivität des Tieres ist das Veterinäramt eingeschaltet worden. Es wird das tote Wildschwein auf eventuelle Krankheiten untersuchen. Der Jagdpächter, im Zivilberuf Manager bei der Koblenzer Autohandelsgruppe Löhr & Becker, warnt davor, Wanderwege zu verlassen. Die beiden Touristinnen waren in ein Gelände vorgedrungen, in dem das Wild besonders viel Futter findet. Jäger legen die sogenannten Wildackerflächen an, um die Tiere von nahegelegenen Jungpflanzungen abzulenken. Die Frauen hatten insgesamt 2 Stunden auf den Bäumen ausharren müssen.

Etwas länger dauerte einige Tage später der Ausflug eines Pilzsuchers im Bopparder Wald. Er hatte sich verlaufen, fand nicht mehr zu seinem Auto und rief schließlich bei der Polizei an. Die Beamten konnten ihm die Sorge um das Auto abnehmen: Es stellte sich heraus, dass der Pilzsammler 1,2 Promille Alkohol im Blut hatte. Boppards Freunde und Helfer lotsten den Mann aus dem Wald und behielten seinen Autoschlüssel und seinen Führerschein ein. Pilze hatte er übrigens nicht gefunden. Rhein-Zeitung (€, Wildschwein), SWR (Promille-Pilzsammler)

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Das große Bibbern auf den Burgen

Der aktuelle Schrecken aller Fertighausbesitzer ist für Bewohner von Mittelrhein-Burgen auch ohne Putin der Normalfall: Heizungen im Frostschutz-Modus, ausgekühlte Wände und eisige Innenräume. Die Deutsche Presse-Agentur hat sich bei Burgherren im Welterbetal umgehört. Demnach bleibt Energieeffizienz in den alten Gemäuern ein frommer Wunsch. Die Burgen können allein schon aus Denkmalschutzgründen nicht energetisch durchsaniert werden. „Es ist nicht so, als würden wir draußen leben, aber wir kriegen schon jedes Wetter mit“, zitiert die dpa den Geschäftsführer der Deutschen Burgenvereinigung Stefan Hirz. Der Mann weiß, wovo er spricht – er arbeitet nicht nur auf der Marksburg, er wohnt auch dort. Mehr als 19 Grad Raumtemparatur sind hoch über Braubach nicht drin. Teile der Burg lassen sich überhaupt nicht heizen.

Marksburg über Braubach. Foto: Romantischer Rhein Tourismus / Henry Tornow

Marksburg über Braubach. Foto: Romantischer Rhein Tourismus / Henry Tornow

Ähnlich sieht es auf Burg Rheinstein aus. Im historischen Kern hat es noch nie eine Zentralheizung gegeben. Für die Hohenzollernprinzen, die dort im 19. und frühen 20. Jahrhundert lebten, stochten Dienstboten die Kamine und Kachelöfen. Weil die Räume nicht mehr bewohnt werden, bleiben sie im Winter einfach kalt. Burgbesitzer Markus Hecher und seine Familie leben abseits des Hauptgeböudes im früheren Personaltrakt. Dort gibt es zwar eine Zentralheizung, aber außer Doppelglasfenstern keine Dämmung. Ein altes altes Haus müsse atmen, ansonsten bilde sich Schimmel, heißt es im Artikel. Wenn es durch die Ritzen zieht, wenden die Hechers ein altes Hausmittel an: „Da legen wir dann Wollknäuel davor.“ Der dpa-Text über die traditionelle Eiszeit auf Rheinstein und der Marksburg ist u. a. in der „FAZ“ erschienen. Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Was zur Hölle ist eigentlich Schiefer?

Schiefer ist im Rheintal so allgegenwärtig, dass man ihn kaum noch bemerkt. Außer, man heißt Christian Büning, hat einen Blick für das Besondere und ist der beste Mittelrhein-Erklärer weit und breit. Hier schreibt er, warum Schiefer und Welterbetal das perfekte Paar sind. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Werkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Am Mittelrhein ist alles etwas schiefer. Nicht nur die Dacheindeckungen und die Mauern, sondern auch der Humor, manche Charaktere und bei manchen Flötenkonzerten ist es auch manchmal etwas schiefer und das ist auch gut so. Aber was ist Schiefer eigentlich? Ein Stein? gepresster Sand? Die fossilen Reste von Walfett? Woraus ist Schiefer gemacht, was zeichnet ihn aus und woraus ist demzufolge der Mittelrhein gemacht? Keine einfache Frage, aber wir sind ja hier, um sowas herauszufinden. 

Geologisch gesehen ist Schiefer nicht Sand, nicht Lehm und nicht Stein, sondern der Begriff für eine Sedimentschicht, die unter sehr hohem Druck auf dem Weg vom Lehm zum Stein ist, also irgendwas dazwischen. Würde Schiefer noch gemütlich ein paar Millionen Jahre unter Druck und hohen Temperaturen so vor sich hin liegen, würde daraus irgendwann ein Stein werden, vermutlich sogar ein schöner. Wahrscheinlich passiert genau das gerade auch irgendwo, ohne dass es jemand mitbekommt, tief unter der Erde.

Aber am Mittelrhein haben die Menschen das spitz gekriegt mit dem Schiefer und ihn einfach aus dem Berg geholt. Damit wurden fabelhafte Dächer, Gauben und Mauern und natürlich unzählige Servierplatten für Käseigel gebaut. Schiefer ist also geologisch ein »Dazwischen«, das zum richtigen Zeitpunkt ans Licht kam und gerne rumliegt.

Schiefer kann mehr oder: Fifty Shades of Grey

Farblich ist Schiefer ebenfalls nicht eindeutig zu bestimmen. Natürlich ist der übliche Schiefer dunkelgrau bis anthrazit, auch wenn man immer erst überlegen muss, wie man anthrazit schreibt. Ich merke mir das immer mit Anthrax, aber zum Glück ist der Schiefer nicht so giftig. Es gibt übrigens auch weißen, roten, grünen oder gelben Schiefer. Man könnte damit bunte Dächer decken und schöne Muster oder QR-Codes in Kirchendächer reinlegen, an denen Historikerinnen und Historiker in naher Zukunft verzweifeln werden. Auch innerhalb der Grautöne gibt es viele Varianten und Nuancen. Die Vielfalt an Grau ist groß, da sind fünfzig Schattierungen noch gar nichts. Die meisten werden bei Schiefer jedoch an ein warmes Dunkelgrau denken. Eine Farbe, in der gerade alles produziert wird – vom Fensterrahmen bis zur Serviette. Alles in warmem Dunkelgrau, alles in Schiefer. Alles in schick. Schiefer ist also eigentlich Grau, kann aber heimlich mehr. 

Ebenfalls schwer greifbar ist die Festigkeit von Schiefer, anders als die von Granit oder Basalt. Granit ist hart wie – nun ja Granit. Basalt ist auch hart, aber unter bestimmten Umständen doch bröselig. Schiefer ist irgendwo zwischen sehr stabil und sehr spröde, je nachdem, von welcher Seite man auf den Schiefer klopft. Beim Spalten eines Schieferbrockens kann man das gut sehen. Die einzelnen Lagen gehen so leicht auseinander wie Blätterschokolade. Man kann kaum glauben, dass es ein Stein ist, der da gespalten wird. Man muss aber schnell sein mit dem Spalten. Wenn der Schiefer trocknet, bricht er nicht mehr so gut. Die einzelne Schieferplatte hingegen ist nach dem Trocknen erstaunlich stabil und hält einiges aus. Zumindest meistens.

Warum muss ich jetzt an Wein denken?

Das Dach gegenüber von meinem Schreibtisch ist mit Schiefer eingedeckt. Im Sommer, Regen war gemeldet, beobachtete ich, dass von dem Dach eine Schieferschindel zur Hälfte in der Regenrinne lag und das Dach nun ein strategisch und zeitlich ungünstiges Loch hatte. Die Holzplanke darunter war sichtbar und jeder, der schonmal in einem Haus war, weiß dass es bei einem Dach nichts Gutes ist, wenn es reinregnen kann. Mit der Ley wars vorbei, aber das Loch konnte noch rechtzeitig geflickt werden bevor der Regen kam. Damals, kurz vor dem Regen, wusste ich nicht, dass dieser Niederschlag für Teile in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen eine schreckliche Flutkatastrophe werden sollte, nach der ein kleines Loch im Dach als Schaden sehr harmlos klingt.

Warum die Ley genau zu dem Zeitpunkt gebrochen ist, kann keiner sagen. Alle anderen Schindeln liegen stabil und stramm wie ein Gefieder, aber diese eine brach. Vermutlich hat sich vor ein paar Millionen Jahren, als sich der Lehm verdichtete, ein winziger Spannungsriss erhalten, der jetzt, genau an einem Dienstag, kommentarlos die Schindel in zwei Teile brechen ließ. Die Festigkeit von Schiefer ist also nicht ganz eindeutig zu greifen. Fest? Hart? Spröde? Irgendwas dazwischen. 

Der Schiefer ist also schwer zu greifen und sehr vielseitig. Das Material ist irgendwas zwischen Lehm und Stein. Die Farbe ein warmes Grau, aber auch nicht nur grau, sondern irgendwas dazwischen. Die Festigkeit ist sowohl spröde als auch stabil, also irgendwas dazwischen. Der Schiefer ist irgendwas dazwischen, ein Hybrid sozusagen, einer, den man nicht so ganz einfach zuordnen kann. Komplex, mineralisch, warm, vielschichtig. Warum muss ich jetzt an Wein denken? 

Das passt zusammen

Ich finde, der Schiefer hätte sich keine bessere Region als den Mittelrhein aussuchen können. Der Mittelrhein ist auch irgendwo zwischen Hunsrück und Taunus, zwischen Ober- und Niederrhein und bei weitem nicht so einfach abgrenzbar wie Schleswig-Holstein oder das Emsland. Auf der Deutschlandkarte könnten viele vermutlich nur ungefähr, verlegen lächelnd zeigen, wo der Mittelrhein genau ist. Dazu kommt die Topographie. Nicht Berg, nicht flach, nicht eng, nicht weit, sondern irgendwas von allem, irgendwas dazwischen.

Dann die Farben der Häuser. Die Schieferdächer dominieren die Region und doch wirken die Orte nicht eintönig und grau, sondern schimmern in vielen Facetten des Schiefers und bunten Putzen (Yes, looking at you, Niederheimbach). Schließlich noch die Gemütslage hier, die ebenfalls wie der Schiefer irgendwo zwischen sehr fest, in manchen Fällen auch stur – und sehr anpassungsfähig ist, je nachdem, wer da klopft und von welcher Seite. Das Dazwischen, das Mehrdeutige, das Hybride, das macht den Schiefer aus. Und das macht auch den Mittelrhein aus. 

Der Schiefer ist aus feinem Lehm entstanden, der sich zufällig irgendwo niedergelassen hat, wo die Strömung ihn hintrieb. Er wurde feste gedrückt und ist heute ein stabiler und begehrter Grundstoff. Von seiner Farbe darf man sich nicht täuschen lassen, da ist vieles möglich und was auf den ersten Blick vielleicht spröde wirkt, kann bei der Arbeit sehr geschmeidig sein. Das gleiche könnte man über die Leute hier sagen. Der Mittelrhein und Schiefer passen also offenbar ganz gut zusammen, dann lassen wir das für heute auch so. Am Mittelrhein ist alles etwas schiefer. Punkt.

 

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Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist er Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen: 

Bis dahin fließt noch viel Wasser denn Rhein runter (über Hungersteine und Niedrigwasser)

Was macht die Welt mit der Loreley? (über das Image der bekanntesten aller Mittelrheinerinnen)

Was die Abladeoptimierung Mittelrhein mit einem wackligen Tisch zu hat (über die Vertiefung der Mittelrhein-Fahrrinne)

Blühende Schleifenlandschaften – die heimliche Blume von Boppard (über Iberis linifolia subsp. boppardensis und was man damit anstellen könnte

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)


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