Zu einem typischen Haushalt im Bacharacher Stadtteil Steeg gehörte noch in den 80er Jahren der „Bulldog“ mit altem GOA-Kennzeichen und der eigene „Wingert“ in Steillagen, die heute fast niemand mehr kennt. Gero Schüler war damals noch nicht geboren, aber die Weinbautradition seines Heimatortes prägt ihn seit seiner Kindheit. Jetzt macht er einfach weiter, wo viele aufgehört haben. Mit Anfang 20 gilt der Steeger Student als Geheimtipp und Ausnahmetalent: Er hat nach dem Abitur sein eigenes kleines Weingut gegründet, war die Entdeckung auf der Mittelrhein-Weinmesse 2018 und will im Steeger Tal noch eine Menge anpacken, aber auch viel lernen.  7 Fragen an einen mutigen kleinen Winzer, der ein ganz großer werden könnte.

Foto: Weingut Gero Schüler.

Gero Schüler mit dem „Steeger Esel“, dem Wappentier seines Heimatortes. Foto: Weingut Schüler.

In Steeg haben in den letzten 30 Jahren eine Menge Winzer aufgehört. Warum fängst du an?

Nach dem Abitur 2017 wollte ich eigentlich Chemie studieren. Doch in den letzten Jahren war ich auf vielen Weinfesten und -messen und habe mehr und mehr Interesse fürs Wein trinken und für das Thema Wein generell entwickelt, weshalb ich anfing, meinem Onkel im Weinberg zu helfen. Plötzlich bekam ich zwischen schriftlicher und mündlicher Abiturprüfung die Idee, alles miteinander zu verknüpfen. Draußen an der frischen Luft bei meist schönem Wetter arbeiten und die Aussicht genießen, im Keller natürliche chemische und biologische Prozesse durchführen und im Marketingbereich mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen, sei es auf Festen und Messen, auf meinem Hof oder auch im Weinberg. So konnte ich auch Dich kennenlernen, einen so begnadeten Blogger, der für meine Lieblingsregion in Deutschland und sich selbst kräftig die Werbetrommel rührt.

Ich glaube, der Weinbau im Steilhang hat eine große Zukunft. Man muss mehr Arbeit reinstecken als im Flachland, doch die Mühe für einen guten Mittelrhein-Riesling lohnt sich. Außerdem habe ich hier die Möglichkeit, mich auszuleben, während sich die Winzer anderswo die Köpfe einschlagen, um ein paar Hektar Land zu bekommen. Hier liegen große Flächen der Kulturlandschaft brach. Die kann man rekultivieren, um sie für nachkommende Generationen zu bewahren. Außerdem wird hier kein fruchtbares Ackerland verschwendet, sondern der Wein hier wird auf kargem, mineralischem Schieferboden angepflanzt, der auch niemals mit Industrieparks zugepflastert wird.

Wie groß ist dein Betrieb?

Mein Onkel hat bis 2017 ein Drittel Hektar Weinberge als Hobby bewirtschaftet, während er in Oberursel hauptberuflich arbeitete. 2017 traf ich dann die vorläufige Entscheidung, Weinbau zu studieren. Also bewirtschaftete ich die Flächen in den Weinbergen das Jahr über und trat gemeinsam mit meinem Onkel wie im Jahr zuvor die Lese an, wobei wir im Keller unterschiedliche Interessen haben. 2018 pachtete und kaufte ich mit meinem Onkel zusammen ca. 1,2 Hektar weitere Flächen, da ich selbst natürlich ein breiteres Angebot an Riesling-Weinen produzieren wollte, aber auch mein Onkel selbst ein wenig mehr Weinvielfalt schaffen wollte. 2018 bewirtschaftete ich dann die 1,5 Hektar neben der Uni mit Hilfe ab und zu einiger Unikollegen und Freunden. In der Lesezeit konnte ich mich wirklich großartig auf meine Familie und Freunde verlassen, ohne die ich es nicht geschafft hätte, und auch die Harmonie mit meinem Onkel stimmte. Gelesen und gekeltert wurde gemeinsam. Der Most wurde anschließend im Keller nach den verschiedenen Ausbauformen aufgeteilt.

Du bewirtschaftest eine Einzellage, die fast schon aufgegeben worden ist, den Steeger Hambusch. Was ist das Besondere daran?

Der Steeger Hambusch wurde viele Jahre vor meiner Zeit mit einer staatlichen Prämie stillgelegt.

Durch viele Zufälle habe ich dieses Jahr zwei kleine Stücke dort bewirtschaften können. Hauptgrund dafür war ganz einfach, dieses Jahr herauszufinden, was diese Lage für einzigartige Weine hervorbringt. Dieses Jahr ist leider nicht so repräsentativ wie gedacht, doch ich bin hochzufrieden und auf die nächsten Jahre sehr gespannt.

Ein Lagenname ist bekanntlich nicht alles, und daher denke ich, dass diese Lage viel mehr Potenzial hat, als man vielleicht bei der Stilllegung dachte. Die Weine im Keller sprechen für sich, und ihr könnt im neuen Jahr sehr gespannt sein.

Weinbergsflächen am Mittelrhein sind leicht zu haben. Willst du noch zukaufen und irgendwann hauptberuflich als Winzer arbeiten?

Ja ich möchte definitiv noch Flächen dazukaufen und auch neue Sorten anlegen. Mein großer Traum ist ein eigener Spätburgunder im Barriquefass gereift und auch ein Blanc de Noir. Doch im ersten Jahr kann man nicht gleich alles machen. Im Moment bin ich erstmal mit dem sehr zufrieden, was ich bisher neben der Uni machen konnte. Vielleicht kommt 2019 noch ein kleines Stück Rotwein dazu. Aber dieses „erste“ Jahr war grandios, und neben Auslese und Beerenauslese konnte ich eine Kleinstmenge Trockenbeerenauslese, mehr für mich selbst, produzieren. Ich habe sogar vielleicht die Möglichkeit, dieses Jahr einen Eiswein zu machen.

Außerdem erzählten mir mein Vater und meine Oma, dass im Hambusch früher geniale Bacchus-Weine gewachsen sind. Deshalb möchte ich gerne einen kleinen Weinberg anlegen, weil das ihre Lieblingsweine waren.

Ob ich den Betrieb hauptberuflich nach der Uni weiter mache, lasse ich mir offen. Dafür gibt es noch so viele Faktoren, die zu überdenken sind. Ich wünsche es mir natürlich, aber ich muss auch erstmal Erfahrungen in anderen Weingütern sammeln oder mal ins Ausland gehen. Nebenberuflich mache ich es auf jeden Fall weiter, bis ich dann irgendwann vielleicht den Schritt wage.

 

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Nachdem es gestern nur geregnet hat konnten wir nicht mehr lesen. Deshalb gehe ich jetzt unter der Woche solo in den Weinberg, um die verlorene Zeit aufzuholen. Sehr meditativ und erholsam, aber nicht ganz das Lesefeeling, das ich gewöhnt bin. Zusätzlich zum Zeitverlust drängt jetzt auch noch die Zeit. Die durch die Trockenheit sehr kleinen Trauben plattzen nun durch die Regenmassen, da die Beerenhaut nicht mehr mitwächst. Wer also unter der Woche Mal Zeit und Lust hat mir zu helfen, meldet sich bei mir und kommt einfach einen Tag vorbei. #Wein #Wine #Herbst #Winzer #Weingut #Winemaker #Handmade #picoftheday #solo #worklifebalance #hobby #Bacharach #Mittelrhein#Middlerhine #Work

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Für meinen Geschmack machst du in jungen Jahren schon unglaublich gute Weine. Was ist das Geheimnis?

Mein Geheimnis ist ganz einfach die Freiheit, die ich genieße. Ich habe die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, ohne Angst haben zu müssen, dass etwas schiefgeht. Ich mache es einfach und schaue, was dabei herauskommt. Bisher hat das super geklappt. Ich stehe noch ganz am Anfang eines großen Lernweges. Ich meine damit nicht nur die Ausbildung in der Universität, sondern einfach auch die Erfahrung. Man kann über so ein komplexes Produkt wie den Wein nicht in ein paar Jahren, auch nicht in 10, alles erlernen. Jedes Jahr ist für sich betrachtet einzigartig, jeder Weinberg und somit auch jeder Wein.

Ich kann die fehlende Erfahrung durch viel Wissensdurst und Hilfe vieler Winzerkollegen, sei es in der Uni oder am Mittelrhein, ganz gut kompensieren. Das wichtigste bei allem ist aber die Liebe zur Arbeit im Weinberg und zum Wein und vor allem die einzigartige Aussicht am Mittelrhein.

Deine Familie betreibt neben dem Weinbau auch den einzigen Laden von Steeg, ein Haushaltswarengeschäft. Wie geht es damit weiter?

Meine Oma betreibt dieses kleine Lädchen neben Öl und Gas. Dies ist momentan auch mehr ein Hobby, um sich mit den Menschen im Ort zu treffen. Aus meiner Sicht ist dank Amazon etc. ein Geschäft wie dieses nicht mehr möglich. Meine Oma nimmt täglich fast mehr Pakete von der Post für Nachbarn an, als sie selbst Kunden im Laden hat. Meiner Meinung nach eine traurige Wahrheit. Seit man aber dort meinen Wein kaufen kann, auch wenn ich in der Uni oder im Weinberg bin, kommen wieder mehr Leute in den Laden und kaufen auch mal eine Kleinigkeit. Von daher hier nochmal ein großes Dankeschön an meine Oma, dass sie mich so unterstützt.

Nach deinem liebsten Laden muss ich wahrscheinlich nicht fragen. Aber welches Lokal und welchen Aussichtspunkt würdest du am Mittelrhein besonders empfehlen?

Am liebsten koche ich zuhause frisch aus dem Garten mit einem schönen Gläschen Wein oder lasse mich von meinem Vater bekochen, wenn ich arbeite. Ein Lokal kann ich leider nicht empfehlen, da es wirklich sehr viele gute Straußwirtschaften und Restaurants gibt, wie z. B. der Altkölnische Hof und das Restaurant Stüber in Bacharach oder das Restaurant Loreleyblick Maria Ruh in Urbar mit seiner herrlichen Aussicht auf den Rhein und die Loreley. Am Rhein gibt es überall gutes Essen und Weine sowieso.

Der schönste Ausblick ist für mich in der Einzellage Bacharacher Wolfshöhle im obersten Gewand. Dort habe ich einen kleinen Weinberg, von dem ich ins Steeger Tal schauen kann sowie auf die Burg Stahleck und auf das Rheintal. Da kann ich manchmal abends nach der Arbeit die Zeit vergessen und etwas träumen.

Schlussredaktion: Natascha Meyer

Anmerkung von Mittelrheingold: Der Laden der Schülers liegt in der Blücherstraße 221 in Bacharach-Steeg, auf dem Weg von Bacharach nach Rheinböllen.

Bisher in der Reihe „7 Fragen an …“ erschienen:

Sebastian Busch (Landtagskandidat aus Lorch) – Christian Büning (Designer aus Oberwesel) – Sandra Bruns (Instagrammerin und Journalistin aus Emmelshausen) – Hasso Mansfeld (PR-Berater und Brücken-Aktivist aus Bingen) – Peter Theis (Gastronom und Shop-Betreiber in St. Goar) – Esther Pscheidt (Treibholzkünstlerin aus Lorch) – Wolfgang Blum (Wanderführer und Welterbe-Botschafter auf dem Rheinsteig) – Markus Fohr (Brauereibesitzer und Bier-Sommelier aus Lahnstein) – Christin Jordan und Lars Dalgaard (Journalisten und Winzer in Eltville und Oberdiebach) – Nadya König-Lehrmann (Welterbe-Managerin in St. Goarshausen) – Jörg Lanius (Winzer in Oberwesel) – Mario Link (Lebensmittel-Händler in Boppard) – Rolf Mayer (Kultur- und Event-Manager in Boppard) – Uwe Girnstein (Hotelier in Kamp-Bornhofen)  – Stefan Herzog (Tourismus-Berater und früherer Marketingchef für die Region Rheinhessen) – Horst Maurer (Welterber-Gästeführer aus Oberdiebach) – Gerd Ripp (Gastronomie-Unternehmer auf Schloss Rheinfels und Maria Ruh) – Niko Neuser (Kommunalpolitiker aus Boppard) – Christof A. Niedermeier (Krimi-Autor aus Frankfurt und Schöpfer von „Jo Weidinger“) – Stefan, Andreas und Markus Wanning (Gin-Macher aus Münster-Sarmsheim) – Christoph Bröder (Burgenblogger auf Sooeneck) – Hubertus Jäckel (Architekt aus Oberwesel) – Bernd und Marion Stahl (Gastronomen in Boppard) – Markus Hecher (Burgherr auf Rheinstein) – Timo Ahrens (Strandbar-Gründer aus Oberwesel) – Philipp Loringhoven (Kommunalpolitiker aus Boppard) – Carolin Riffel (Winzerin aus Bingen) – Sarah Hulten – Ex-Weinkönigin, Winzerin und Riesling-Influencerin aus Leutesdorf – Walter Mallmann (Politiker aus St. Goar) – Franziskus Weinert (Einzelhändler und E-Commerce-Experte aus Oberwesel) – Klaus Becker (Präsident der TH Bingen) – Marek Gawel (Hotelier aus Boppard) – Andreas Roll (Initiator der Bopparder „Stolpersteine“, Kommunalpolitiker und Verkehrsplaner) – Rolf Wölfert (Tourismuschef in Rüdesheim) – Joachim Noll und Susanne Pander (Reeder in Boppard) – Tanja Werle (Bloggerin im Rheingau) – Anna Elisabeth Bach (Pensionsbesitzerin, Heilpraktikerin und Himalaya-Reisende aus Boppard) – René Klütsch (Koch und Gastronom in Boppard-Weiler) – Herbert Piel (Fotograf aus Holzfeld) – Andreas Stüber (Hotelier und Koch aus Bacharach) – Claudia Schwarz (Tourismus-Managerin und Welterbe-Repräsentantin aus St. Goar) – Sonja Spano (Restaurant-Einrichterin und Raumausstatterin in Boppard) – Marcel D’Avis (Banker und Designer aus Oberwesel)

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Sonntag in Boppard – Die Sonntagsmatinee „Das Klavier singt“ – eine musikalische Reise durch die Jahrhunderte mit Ewa Blum-Pochwatko 
(Preis pro Erwachsenen: 25,50 € inkl. Frühstücksbrunch, Tee – und Kaffee-Spezialitäten.) – 18. November, 11 Uhr. bellevue-boppard.de

Foto: Bellevue Rheinhotel

Assmannshausen – Tage des offenen Rotweinkellers in der Domäne – 18. November, 11 Uhr – 18 Uhr. kloster-eberbach.de

Trechtingshausen – „Von mutigen Maiden und raffinierten Rittern“ / Rittergeschichten auf Burg Reichenstein – 18. November, 13 Uhr. VG Rhein-Nahe

Damscheid – Konzert mit Werken von Haydn und Mozart in der Pfasskirche St. Johannes – 18. November, 18 Uhr. VG St. Goar-Oberwesel

St. Goar – Küchenparty auf Schloss Rheinfels – 18. November, 18 Uhr. mittelrheinmomente.de

Boppard – „A Star is born“ / Kino in der Stadthalle – 18. November, 20 Uhr. boppard.de

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