Von Sarah Hulten lernen, heißt Marketing lernen. Die Koblenzerin gilt seit ihrer Zeit als Mittelrhein-Weinkönigin 2015/2016 als Symbol für moderne Mittelrhein-Kommunikation. Ihre Bodenhaftung hat sie trotzdem nicht verloren. Dafür sorgt allein schon das Rekultivierungsprojekt „Plan R“, bei dem sie selbst Hand im Steilhang anlegt. 7 Fragen an eine junge Werbe-Virtuosin, die in großen Städten gebraucht würde und trotzdem am Mittelrhein bleiben möchte.

Die Mittelrhein-Winzer suchen wie jedes Jahr eine neue Weinkönigin. Wie schwierig ist es, geeignete Kandidatinnen zu finden? 

Die gewählte Königin und ihre Prinzessinnen sind ein Jahr lang Repräsentantinnen der Weine und einer der schönsten Regionen der Welt. Als Mitterhein-Weinkönigin lernt man das eigene Anbaugebiet und die Winzer sowie Weine genauer kennen und nimmt an Terminen bis hin zur Staatskanzlei und der Grünen Woche in Berlin teil. Selten geht man ohne eine Flasche Wein oder einen hübschen Strauß Blumen nach Hause. Klingt toll? Ist es auch!

Dennoch handelt es sich um ein Ehrenamt, und das macht es nicht immer leicht, geeignete Kandidatinnen zu finden. Gerne nutze ich diese Plattform, um allen jungen Mittelrheinerinnen zu sagen: Traut Euch! Ihr müsst keine Winzertochter sein und werdet prima auf die Wahl vorbereitet. Es wird ein unvergessliches und prägendes Jahr.

Du selbst hast während Deiner Amtszeit einen neuen Stil geprägt, Dich sehr stark in sozialen Netzwerken engagiert und entgegen des traditionellen Jungmädchen-Klischees auch noch geheiratet. Wie viel Modernisierung verträgt ein Folklore-Job und wohin muss er sich entwickeln? 

Das ist eine gute Frage, die ich mir so manches Mal selbst gestellt habe. Eine Gebietsweinkönigin sollte fachlich etwas von Wein verstehen und gleichzeitig charmant aber auch schlagfertig sein. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen die Gebietsweinkönigin im Dirndl vom Wagen lächelnd Wein ausschenkte. Es ist mittlerweile ein hochwertiger Crashkurs in Sachen PR und ein echter Marketing-Job. Jede Königin hat dabei die Möglichkeit zur Gestaltung des Amtes.

Als Medienstudentin war es mir wichtig, diesem einen modernen und manchmal emanzipierten Stil zu verleihen sowie auch inhaltliche Aspekte regionaler Themen aufzugreifen. Einer der ersten Schritte war es, eine breit gefächerte Präsenz in den sozialen Medien zu gründen und diese regelmäßig mit Leben zu füllen. Über das große Interesse der Leser und auch der regionalen Presse freute ich mich sehr. Es trainiert definitiv das Fingerspritzengefühl, die manchmal erwartete Folklore und die Modernisierung auszubalancieren.

I just love this place in the #middlerhinevalley. There’s not much more to say…

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Zur Geschichte von Sarah Hulten gehört auch der eigene Weinberg, finanziert durch Crowdfunding im Netz. Ist das für Dich eher Hobby, Weiterbildung oder Beruf? 

Ich möchte eine vierte Wahlmöglichkeit hinzufügen: Es ist eine Leidenschaft!

Schon vor der Wahl zur Weinkönigin hatte ich den Wunsch, den Menschen nicht nur zu erzählen, warum der Wein aus Steillagen etwas mehr kosten dürfe. Es war mir wichtig, die harte Arbeit auch selbst zu erleben. Daher absolvierte ich ein Praktikum im Weingut Scheidgen. Der Erhalt des Steillagenweinbaus liegt mir sehr am Herzen. Gerade die alten Weinbergterrassen sind Biotope, die der Mensch schuf. Hier leben zahlreiche seltene Arten wie Schmetterlinge und Eidechsen. Warum sollte ich nur vom Wert dieser Lagen sprechen? Es wurde zum Ziel, selbst einen Teil zum Erhalt unserer wichtigen Kulturlandschaft beizutragen und möglichst viele Menschen in dieses Projekt zu integrieren. Ein Crowdfunding war hierfür genau die richtige Form, da viele Menschen auf modernem Weg zur Realisierung eines Projektes beitragen. Das Ziel war es, einen brachliegenden Weinberg nach über 40 Jahren wieder aus dem Dornröschenschaf zu erwecken und erneut mit Riesling zu bepflanzen. Gesagt, getan!

Die Rebfläche am #Mittelrhein schrumpfte im vergangenen Jahrhundert von 2.000 auf 470 Hektar. Lasst uns dies gemeinsam stoppen und die brachliegende Weinbergsterrasse in #Leutesdorf wieder mit #Riesling bepflanzen! Noch 8 Tage lang könnt ihr etwas Gutes tun und euch daran beteiligen. Selbstverständlich habt ihr auch etwas davon. Zum Beispiel leckeren #Wein, schicke #Gläser oder sogar eure eigene #Weinrebe! Es ist ein absolutes #Herzensprojekt: #linkinbio . https://www.ploppster.de/projects/plan-r-das-weinbergprojekt/ . #weinbergsrettung #rekultivierung #crowdfunding @stihl @stihl_benelux @stihloutfitters #wein #winelover #sarahhultenweine #rheinsteig #allesfürdenwein #blonde #potd #riesling #germanwine #nursteilistgeil #PlanR #believeinyourdreams #dontcallitaplancallitadream

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Du hättest es Dir einfach machen und Dein Weinbau-Projekt mitten im Welterbe-Tal starten können. Dort hätte es wahrscheinlich für noch mehr Aufsehen gesorgt. Warum hast Du Dich für das vergleichsweise ruhige Leutesdorf entschieden? 

Der Mittelrhein wird oft geteilt in „oben“ und „unten“, „links“ und „rechts“. Für mich ist es der „eine“ Mittelrhein. Es stand überhaupt nicht zur Debatte, ob das Projekt an einem bestimmten Ort mehr Reichweite erhalten würde. Es zeigte sich, dass der Erfolg des Projektes nicht allein daran hängt. Der Mittelrhein ist in seiner Gesamtheit wunderschön und einzigartig, es hätte mich überall hin verschlagen können. Als ich von Düsseldorf zurückzog, ergab sich jedoch die Möglichkeit, in das ursprüngliche Weingutshaus des Weingut Selt einzuziehen. Leutesdorf und der Zusammenhalt der dort ansässigen Winzer gefielen mir schon immer. Peter Selt glaubte an meinProjekt, als ich das Potenzial dieser einen besonderen Weinbergslage hoch oben über Leutesdorf erkannte und stellte mir zum Lernen ein Stück seines eigenen Weinberges für meinen ersten eigenen Wein zur Verfügung. 

Du warst zum Studium in Düsseldorf. Was hält Dich am Mittelrhein? 

Mein Herz schlägt für den Mittelrhein, und ich könnte viele Gründe nennen. Schon als Kind entwickelte ich eine große Heimatliebe, sodass ich seit der Grundschule alle großen Burgen aufzählen konnte. In meinem frühen Engagement und Interesse fiel mir später schnell auf, dass der Mittelrhein ein großes Potenzial birgt, das nicht immer ganz ausgeschöpft wird. Die Stadtentwicklung durch die BUGA 2011 faszinierte mich hingegen sehr. Als Koblenzerin erlebte ich es hautnah. Es war daher schon immer mein Ziel, das Tal nur vorübergehend zu verlassen, um an den besten Orten etwas zu lernen und später mit neuer Erfahrung zurückzukehren, um zuhause etwas zu bewegen. Allerdings konnte ich mich selbst für das Studium nie so ganz vom Rhein trennen. Statt Berlin oder München wurde es also Düsseldorf…

Du verstehst eine Menge von Marketing und Social Media, und Du kennst die Region. Was muss bei der Vermarktung des Mittelrheintals und seiner Weine besser werden? 

Wir sind aktuell auf einem guten Weg, es weht ein Wind der Veränderung. Man muss sich immer bewusst machen, dass der Mittelrhein eine ganz besondere Region ist – nicht nur wegen der einzigartigen Landschaft hier, sondern auch wegen der besonderen Strukturen. Zum Beispiel sind die Marketing-Budgets im Vergleich zu anderen Regionen eher knapp. Aber weniger Geld kann man immer durch mehr Kreativität ausgleichen. Darum ist digitales Marketing so wichtig. Wir müssen keine teuren Werbekampagnen schalten, wenn wir im Netz spannende Geschichten über uns erzählen können und zum Beispiel auf Instagram Menschen auf der ganzen Welt zeigen, wie schön es hier ist. Gleichzeitig sollten wir die Menschen am Mittelrhein selbst miteinander ins Gespräch bringen. Jeder von uns ist Botschafter für seine Heimat. In allen Bereichen ist es wichtig, dass sich Menschen verknüpfen und gemeinsam an einem großen Ziel arbeiten. Dass dies gut klappt, zeigte beispielsweise das wein date mittelrhein in Leutesdorf, bei dem Winzer aus dem ganzen Anbaugebiet bei einem modernen Konzept ihre Weine gemeinsam präsentierten.

Zum Schluss noch der Geheimtipp: Welches Lokal, welchen Laden und welchen Platz am Mittelrhein magst Du besonders gern? 

Der Mittelrhein selbst ist ein toller Tipp, der hoffentlich nicht allzu geheim ist. Zahlreiche Orte sind empfehlenswert. Ein Ort, an dem ich gerne bei meinen vielen beruflichen wie privaten Mittelrhein-Touren anhalte, ist der Foodtruck von Christoph Johann in Osterspai. Neben tollem Essen und sehr gutem Kaffee mit Blick auf den Bopparder Hamm bietet Christoph hier jedem gestrandeten Touristen gerne seine kompetente Hilfe an. Das Ganze stets garniert mit erfrischendem Humor und einer gehörigen Portion guter Laune. Christoph kann mittlerweile an meinen Blick ablesen, ob es eine kurze Pause wird oder er nur schnell einen heißen Kaffee und ein Lächeln über die Theke reicht. Danke dafür!

Schlussredaktion: Natascha Meyer

Bisher in der Reihe „7 Fragen an ….“ erschienen:

Sebastian Busch (Landtagskandidat aus Lorch) – Christian Büning (Designer aus Oberwesel) – Sandra Bruns (Instagrammerin und Journalistin aus Emmelshausen) – Hasso Mansfeld (PR-Berater und Brücken-Aktivist aus Bingen) – Peter Theis (Gastronom und Shop-Betreiber in St. Goar) – Esther Pscheidt (Treibholzkünstlerin aus Lorch) – Wolfgang Blum (Wanderführer und Welterbe-Botschafter auf dem Rheinsteig) – Markus Fohr (Brauereibesitzer und Bier-Sommelier aus Lahnstein) – Christin Jordan und Lars Dalgaard (Journalisten und Winzer in Eltville und Oberdiebach) – Nadya König-Lehrmann (Welterbe-Managerin in St. Goarshausen) – Jörg Lanius (Winzer in Oberwesel) – Mario Link (Lebensmittel-Händler in Boppard) – Rolf Mayer (Kultur- und Event-Manager in Boppard) – Uwe Girnstein (Hotelier in Kamp-Bornhofen)  – Stefan Herzog (Tourismus-Berater und früherer Marketingchef für die Region Rheinhessen) – Horst Maurer (Welterber-Gästeführer aus Oberdiebach) – Gerd Ripp (Gastronomie-Unternehmer auf Schloss Rheinfels und Maria Ruh) – Niko Neuser (Kommunalpolitiker aus Boppard) – Christof A. Niedermeier (Krimi-Autor aus Frankfurt und Schöpfer von „Jo Weidinger“) – Stefan, Andreas und Markus Wanning (Gin-Macher aus Münster-Sarmsheim), Christoph Bröder (Burgenblogger auf Sooeneck) – Hubertus Jäckel (Architekt aus Oberwesel) – Bernd und Marion Stahl (Gastronomen in Boppard) – Markus Hecher (Burgherr auf Rheinstein) – Timo Ahrens (Strandbar-Gründer aus Oberwesel) – Philipp Loringhoven (Kommunalpolitiker aus Boppard) – Carolin Riffel (Winzerin aus Bingen)

Termine des Tages

Festung Ehrenbreitstein – Gauklerfest(ung) / Internationales Gaukler- und Kleinkunstfestival – 29. Juli, 10 – 24 Uhr. tor-zum-welterbe.de

Bacharach – Mittelrheinpokal des Pétanque Club – 29. Juli, boule-bacharach.de

Oberwesel – Aldegundismarkt im Stadtwald – 29. Juli, ab 11 Uhr. oberwesel.de

Waldalgesheim – „Gemeinsam für Lorena“ / Typosierungsaktion der Deutschen Knochenmarkspenderdatei“ – 29. Juli, 11 – 16 Uhr. bingen.de

Bingen – Vorführung des Alten Rheinkrans – 29. Juli, 14 Uhr. bingen.de

Bacharach – „Bacharach und Victor Hugo“ / Stadtführung mit Horst Maurer und Lesung – 29. Juli, 15 Uhr. welterbe-mittelrhein.de

Foto des Tages

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