Willy Praml bringt Frankfurter Theaterkultur nach Bacharach: Der Regisseur inszeniert seit Samstag „Der Rabbi von Bacharach“ an Heines Originalschauplatz. Aus dem Open-Air-Theater ist mittlerweile ein ganzes Festival kreuz und quer über den Fluss geworden: „An den Ufern der Poesie“  bietet auch in Oberwesel, Lorch, Kaub und Niederheimbach Schauspiel, Literatur und Musik. Praml hat diesmal sogar die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz als Schirmherrin gewonnen. 7 Fragen an einen Großstadtkünstler mit Sinn für Rheinromantik.

Willy Praml bei den Proben in Bacharach.

Der „Rabbi von Bacharach“ ist ein unvollendeter und wenig bekannter Text von Heine. Wie bist du darauf aufmerksam geworden, und warum hast du ein Theaterstück daraus gemacht?

Heines Erzählung gehört zu den wichtigsten in der deutschen Literatur, die das Verhältnis des Christentums und des Judentums behandelt. Dass sie Fragment geblieben ist, ist kein Hindernis, sie heute wieder in Erinnerung zu rufen. Unsere Inszenierung dieses Textes in Bacharach, dem historischen Auslöser hierfür und Namensgeber für den Titel, soll dazu beitragen, dass auf jeden Fall die Bewohner des Rheintales, aber auch die vielen Besucher, die nun zum dritten Mal schon zu diesen Aufführungen von weit her anreisen, die Erinnerung an dieses vor hunderten von Jahren stattgefundene Ereignis am Leben erhalten.

Wie kam der Kontakt nach Bacharach zustande?

Die Bacharacher Aufführung dieses Textes basiert auf unserer Inszenierung in Frankfurt im Jahr 2013, die von engagierten Bürgern aus Bacharach gesehen wurde und die dann angeregt haben, diese an den Rhein zu übertragen. In Bacharach steht ja die auch kulturgeschichtlich bedeutende Wernerkapelle. Sie hat als Ruine schon die berühmten Rheinreisenden des 19. Jahrhundert fasziniert und dazu beigetragen, dass das Mittelrheintal als die Wiege der Rheinromantik bekannt geworden ist, die noch heute eine große Zahl von Menschen aus aller Welt zum Besuch anregt. Dass diese Ruine überhaupt überlebt hat, ist den engagierten Bacharacher Bürgern zu verdanken, die vor Jahrzehnten angefangen haben, in Eigeninitiative das Denkmal für die Nachwelt und als Mahnmal für die Verfolgung Andersdenkender zu erhalten.

Aus der Heine-Aufführung ist ein ganzes Festival geworden. Wer unterstützt euch dabei?

An erster Stelle sind es die Bürger der Stadt Bacharach, die dieses Festival ideell, aber auch tatkräftig und – ganz wichtig – vorwiegend ehrenamtlich mitzutragen helfen. Längst sind umliegende Orte im Mittelrheintal als Spielorte hinzugekommen. 2017 waren es Oberwesel und das rechtsrheinische Lorch. In diesem Jahr sind es insgesamt schon fünf Orte, die von dem Festival erfasst sind, nämlich zusätzlich Kaub und Niederheimbach, die sich durch den Zusammenschluss zu einer zukunftsträchtigen Kooperations-Initiative mit dem Namen BAKALONI jüngst verbunden haben. Uns kam es und kommt es darauf an, die beiden durch den Strom geteilten Ufer näher zu bringen, was in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden soll: Zur Buga 2029 soll das Festival, das seit 2015 im Zweijahres-Rhythmus stattfindet und weiterhin stattfinden wird, den Ruf des Mittelrheintales als Ort der Kultur in die Welt hinaus tragen. Es ist vergleichbar mit dem Rheingau-Musik-Festival, nur hier mit dem Schwerpunkt auf Theater und Literatur.

Natürlich hoffen wir, dass die Unterstützung durch staatliche, kommunale und private Förderung dem wachsenden und sich ausweitenden Umfang des Festivals gerecht bleibt und wird. Immerhin drückt sich durch die Schirmherrschaft der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz Malu Dreyer schon jetzt die Bedeutung unseres Festivals aus, das sich mit den Folgen der Romantik für unsere Gegenwart auseinandersetzt. Das ist wichtig, weil nicht alles, was wir heute wahrnehmen oder nicht, neu entdeckt und für unser Überleben eingesetzt werden muss.

Du nennst es „Theaterfestival für rheinsüchtige Melancholiker“. Macht dich das Rheintal melancholisch?

Klar. Wem geht das nicht so, der für das Zusammenspiel von Landschaft, Kunst, Geschichte, Literatur und Musik empfänglich ist? Die hervorgerufene Melancholie lässt uns aber auch erinnern an die vielen Schicksale, die mit der Epoche der (Rhein-)Romantik verbunden sind; ich erinnere nur an Karoline von Günderrode, die – es war im Rheingau – ihr Leben, sich selbst erdolchend, im Rhein beendet hat. Auch an andere ihrer Zeitgenossen wie Georg Büchner, Franz Schubert, Heinrich von Kleist oder den heute zu Unrecht vergessenen Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, die alle zu den jungen Künstlern des beginnenden 19. Jahrhunderts gehören. Sie sind zerrissen zwischen den Hoffnungen der Revolution, die von Frankreich ausging, und der Restauration, die im alten Reich die vorhergehenden Verhältnisse wiederherstellte.

Willy Praml, August 2019

Ihnen allen ist die Ausgabe dieses dritten Festivals „An den Ufern der Poesie“ gewidmet. Und so versammeln sich an diesem Ufer im Jahr 2019 neben den Mitgliedern unseres Frankfurter Theaters auch Künstler aus anderen Teilen Europas, wie z. B. der Sänger und Schauspieler Graham F. Valentine, der als brexitfliehender Schotte in Lorch und Kaub die Partie des unglücklichen Müllergesellen in Schuberts berühmtem Liederzyklus  „Die schöne Müllerin“  performt, der die Liebe sucht und den Tod findet.

Im „Rabbi von Bacharach“ geht es um Fremdenhass. Hast du dir bei der ersten Aufführung 2013 vorstellen können, wie aktuell es 2019 ist?

1287 wurde der Knabe Werner aus Oberwesel in Bacharach ermordet aufgefunden. Die Tat lastete man ohne vernünftigen Grund den Juden an, und man fand darin den willkommenen Grund, diese zu verfolgen, zu vertreiben und zu ermorden. Und trotzdem oder gerade deswegen pilgerten Volksmassen zum Grabe des dann als Märtyrer verehrten Werner hin. Die Judenverfolgungen haben sich nach diesem „Modell“ bis in unsere nahe Gegenwart wiederholt, wie wir alle aus unserer erlebten und erinnerten Geschichte wissen. Immer wieder und auch heute gibt es  Menschen, die – wie die Juden damals – aus erfundenen Gründen verfolgt werden.

Wie ist dein persönliches Verhältnis zum Mittelrheintal. Was gefällt dir?

Als in Frankfurt am Main produzierender Theatermacher, der – wenn die Zeit des Festivals näher rückt – zwei bis drei Mal die Woche an den Mittelrhein für Vorbereitungen und Proben rüberkommt, ist man erstaunt, wie nah diese Region mit dem Rhein-Main-Gebiet verbunden ist. Das hat überraschender Weise zur Folge, dass sich auch viele unserer Zuschauer aus Frankfurt und Umgebung motiviert fühlen, uns an den Rhein zu folgen. Durch die mittlerweile 5 Jahre des produktiven Theater- und Kulturaustausches zwischen Main und Rhein haben sich Kontakte und Freundschaften entwickelt, die Mut machen, die Weiterentwicklung des Festivals sowohl im nationalen wie auch internationalen Kontext voranzubringen.

Und was fehlt dir?

Ganz ehrlich, bei aller Liebe zum Riesling des Mittelrheintales: der Frankfurter Apfelwein.

„Rabbi von Bacharach“-Inszenierung 2017. Foto: Linda Butz.

Schlussredaktion: Natascha Meyer

Weitere Informationen zum Festival „An den Ufern der Poesie“

Zuletzt in der Reihe „7 Fragen an …“ erschienen

Robert Wurm (Ex-Manager und Winzer in Lorch) – Marcus Schwarze (Journalist, Digitalberater und Buga-Blogger) – Tristan Storek (Düsseldorfer Jungwinzer und Techniktalent in Steeg) – Andreas Nick (Lehrer, Kommunalpolitiker und Hostel-Besitzer in Bad Salzig) – Jean-Michel Malgouyres (französischer Küchenchef in Rüdesheim) – Natascha Meyer (Kanzlei-Managerin, Lektorin und Boppard-Botschafterin) – Heiner Monheim (Verkehrsforscher und Bahnlärm-Bekämpfer) – Carolin Weiler (Winzerin und „FAZ“-Liebling aus Lorch) – Petra Bückner (Tourismuschefin in Lahnstein) – Michael Stein(Kommunalpolitiker aus Bingen) – Falko Hönisch (Opernsänger und Bürgermeisterkandidat in St. Goar) – Kathrin Büschenfeld (Apothekerin in Lorch) – Dieter Stein (IT-Manager und Konzertveranstalter aus St. Goar) – Peter Henrich (Archäologe in Koblenz) – Martin Bredenbeck (Geschäftsführer des Rheinischen Vereins) – Markus Patschke (Energieberater in Bacharach) – Ulrich Lautenschläger (Konzertveranstalter auf der Loreley) – Ivo Reßler(Bürgermeister-Kandidat in Lorch) – Jean-Marc Petit (Hausbesitzer und Denkmalpfleger in Bacharach) – Anne Kauer (Winzerin in Bacharach) – Gerd Benner (Manager und Hobby-Köhler aus Boppard) – Markus Kramb (Metzger aus St. Goar) – Mary-Ann Gellner (Hauptkommissarin der Wasserschutzpolizei St. Goar) – Ilka Heinzen (Einzelhändlerin und Stadträtin in Bingen) – Jan Bolland (Hotel-Investor in Bingen) – Pater Eryk (Franziskaner im Kloster Bornhofen)Mareike Knevels (Kommunikationsdesignerin und Burgenbloggerin)

Werbung: Die Queen auf Maria Ruh

Am kommenden Samstag gibt es „Queen May Rock“ mit Loreley-Blick. Das Open-Air-Konzert startet um 20 Uhr auf Maria Ruh. Einlass ist ab 18 Uhr 30. Wer es sich besonders gut lassen will: Der Logenplatz ist die Terrasse des Waldchalets. Dort fährt das Team von Gerd Sekt, Wein und eine Vesperplatte auf. maria-ruh.demomente.shop (Tickets)

Termine des Tages

Niederheimbach – Kerb – 11. August. rhein-nahe-touristik.de

Bornich – Bornicher Winzerfest – 11. August. loreley-touristik.de

Oberwesel – Orgelmatinee in der Lienfrauenkirche – 11. August, 11 Uhr 30. oberwesel.de

Rüdesheim – Weingarten in der Brömserburg – 11. August, ab 12 Uhr. ruedesheim.de

Oberwesel – Führung vom Kloster zum barocken Pfarrgarten St. Martin – 11. August, 14 Uhr. gaestefuehrer.welterbe-mittelrhein.de

Oberwesel – „Glotzt nicht so romantisch“ / Podium für Welterbe-Pioniere / Festival „An den Ufern der Poesie“ – 11. August, 14 Uhr. mittelrheinfestival-poesie.com

Filsen – „Aprikosen, Pfirsiche, Pflaumen“ / Genusswansderung zum Mittelrhein-Obst – 11. August, 14 Uhr. loreley-touristik.de

Bingen  – „Villa Sachsen – Garten Eden und ZDF-Filmkulisse“ / Sonderführung  – 11. August, 15 Uhr. bingen.de

Bacharach – „Der Widerspenstigen Zähmung“ / Theater in der Wernerkapelle – 11. August, 18 Uhr. VG Rhein-Nahe

Lorch – „Der goldne Topf“  / Theateraufführung im Hilchenhaus / Festival „An den Ufern der Poesie“ – 11. August, 19 Uhr 30. mittelrheinfestival-poesie.com

Foto des Tages

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