Laut „Spiegel“-Bestseller-Liste ist Arno Luik Deutschlands Bahnkritiker Nr. 1. Der „Stern“-Journalist hat für sein Buch „Schaden in der Oberleitung  – Das geplante Desaster der Deutschen Bahn“ u. a. im Oberen Mittelrheintal recherchiert, bei Andreas Stüber im Bacharacher Rheinhotel übernachtet und mit dem Bopparder Bahnlärm-Aktivisten Frank Groß („Pro Rheintal“) gesprochen.  Luik ist sich sicher: Die Region braucht keinen Milliarden-Tunnel am St. Nimmerleinstag, sondern schnelle und intelligente Maßnahmen – und eine Politik, die das Bahn-Management endlich an die Kandare nimmt. 7 Fragen an den Schrecken des Bahnvorstandes.

"Stern"-Journalist Arno Luik ist einer der proflitiersten Bahnkritiker. Foto: Lukas Reinhardt.

„Stern“-Journalist, Buchautor und Bahnkritiker: Arno Luik. Foto: Lukas Reinhardt.

Arno, ich kenne das Mittelrheintal seit meiner frühesten Kindheit, habe dort 10 Jahre lang als Erwachsener gelebt und fand den Zugverkehr nie besonders störend. Er gehörte irgendwie immer dazu. Ist das Abstumpfung oder Realismus?

Die Bahn war lange Jahre lang ein Segen für die Region. Sie brachte Touristen aus Berlin, dem Ruhrgebiet, aus Schwaben. Am Zugverkehr störte sich bis in die 90er Jahre des  vergangenen Jahrhunderts niemand, der Lärm der Autos war nervender, auch der Lärm der Kampfjets, die das enge Rheintal rauf- und runterdüsten und Krieg übten.

Die Bahnlärm-Debatte hat erst in den vergangenen 10 Jahren richtig Fahrt aufgenommen. Wie stark ist der Zugverkehr seit den 90er Jahren angestiegen?

Mit dem Bau der Schnellstrecke von Köln nach Frankfurt wurden den Bürgern im Rheintal versprochen: Es wird ruhiger. So sagten  und versprachen es alle Parteien. Das Gegenteil ist eingetreten. Es wurde immer lauter. Die relativ leisen Personenzüge verschwanden, aber es kam nun ins enge Tal das infernalische Lärmen der Güterzüge. Heute donnern bis zu 500 Güterzüge durch das Tal, Tag und Nacht, rund um die Uhr. Mit Lärmexplosionen bis zu 110 Dezibel. Das ist  – im wahrsten Sinne des Wortes  – mörderisch laut. Lärm kann töten, sagt die WHO. Der zunehmende Lärm entleert die Dörfer und Städte im Oberen Mittelrheintal, dem Weltkulturerbe. Ein Traum von einer Gegend, ein Albtraum für die Bewohner – wegen des Zuglärms.

Ist es wirklich so viel lauter geworden? Die Bahn argumentiert unter anderem mit dem Einbau von Flüsterbremsen …..

Es ist extrem lauter geworden. Wie gesagt: Manchmal, eher oft, knallt es im Tal bis zu 110 Dezibel hoch.  Es sind die uralten Güterzüge, die diesen Lärm verursachen, wenn die über Weichen springen, über unebene Stellen im Gleis hüpfen, ungepflegte Räder, verkommenes Material, Stahl auf Stahl hämmert  – dann ist es mit der Nachtruhe für Tausende Menschen vorbei. Diese gepriesene Flüsterbremsen …. Na ja, ein Witz. In anderen Ländern, beispielsweise Portugal, sind sie seit den 80er Jahren Standard. Das Problem ist: Die Güterwagen der Deutschen Bahn sind im Schnitt über 30 Jahre alt, also richtige Lärmmonster mit uralten Kupplungen, die Krach machen, da ändern Flüsterbremsen wenig.

Welche Lärmschutzmaßnahmen würden im Rheintal helfen?

Neues, modernes Material, moderne, leise Güterzüge und Güterwagen, Geschwindigkeitsbegrenzungen für Güterzüge nachts, gepflegte Gleise und Räder – wie es früher bei der Bundesbahn üblich war. Intelligente Maßnahmen gegen den Lärm, nicht diese meterhohen Betonmauermonster, die nichts bringen – nur Geld für die Betonindustrie.

Im Mittelrheintal wehren sich 2 unterschiedliche Bürgerinitiativen gegen den Bahnlärm. Sollten sie sich verbinden?

Ja.

In deinem Buch „Schaden in der Oberleitung“ beschreibst du die Lust der Bahn, monströse Tunnelprojekte zu organisieren. Dann müsste ihr ein Tunnelsystem auf der rechten Rheinseite doch eigentlich recht sein, oder?

Tunnel sind unnötig. Der Mensch ist kein Maulwurf und fahren im Tunnel kein Spaß. Die einzigen, die bei Tunnelbauten profitieren, sind die Beton- und dieTunnelbohrindustrie. Es ist bizarr, was in Deutschland passiert: Die Streckenlänge nimmt seit viele Jahren ab, um gut 20 Prozent in den vergangenen 25 Jahren. Aber die Länge der Tunnel ist immens gewachsen: Zwischen 2008 und 2018 ist die Anzahl der Tunnel von 675 auf aktuell 793 gestiegen, die Tunnellänge von 490.375  auf 762.634 Meter, eine Steigerung um 55,5 Prozent. Der Grund? Ganz profan gesagt: Geld. Richtig viel Geld.  Ein Kilometer Eisenbahntunnel kostet mindestens 50 Millionen Euro – wenn die geologischen Bedingungen optimal sind. Wenn es durch Karst geht, kommt man rasch  auf 100 bis 110 Millionen Euro.  Im Klartext: Für die Tunnelbohrmaschinen- und Betonindustrie sind Tunnelbauten ein El Dorado. Aber für das Klima sind sie Gift: Beim Bau eines Kilometers Bahntunnel wird so viel Treibhausgas freigesetzt wie von 26.000 Autos im Jahr, die über 13.000 Kilometer fahren. Kommen Tunnel ins Spiel, pulverisiert sich der Öko-Bonus der Bahn aber noch aus einem Grund: Der Energieverbrauch für die Züge nimmt immens zu. Bei einem zweigleisigen Tunnel um gut 50 Prozent, einem eingleisigen Tunnel um 100 Prozent. Es gibt nun Planspiele, auf der rechten Rheinseite einen Tunnel von rund 100 Kilometern zu bauen, das ist absurd. Dieser babylonische Tunnelbau wäre ein unverantwortlicher staatlich subventionierter Klimakiller.  Und wie gesagt: Der Mensch ist kein Maulwurf. Er ist keine Rohrpost. Gerade das Fahren entlang des Rheins: ein Genuss. Und die Züge könnten dort sehr wohl leise sind, sie würden weniger stören als Autos. Wenn Gleise, Weichen und Züge gepflegt werden, siehe Schweiz, sind moderne Züge erfreulich leise. Aber billige Lösungen mag diese Bahn nicht. Der Grund: Für Neubauten muss nicht sie zahlen, das zahlt der Bürger, für Neubauten bekommt die Bahn für ihre Planungsaufsicht rund 20 Prozent der Bausumme. Darum hat die Bahn ein Interesse, dass Neubauten möglichst teuer sind. Der Bürger bezahlt und bezahlt für Unkomfort – und die Umwelt leidet. Absurd.

Unabhängig vom Bahnlärm-Problem: In welchem Zustand sind Personennahverkehr und Bahnhöfe am Mittelrhein?

Desolat. „Pitoyable“, wie Schweizer Zeitungen höhnen. Bemitleidenswert.

 

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Arno Luiks „Schaden in den Oberleitung“  (296 Seiten) ist im Westend-Verlag erschienen und kostet 20 Euro. Die digitale Ausgabe gibt’s für 13,99 Euro. Das Buch gibt es z. B. im Online-Shop von Franziskus Weinert (Schreibwaren Hermann) in Oberwesel. Franziskus kann es über Nacht besorgen. 

Dieses Jahr in der Reihe „7 Fragen an …“ erschienen

Robert Wurm (Ex-Manager und Winzer in Lorch) – Marcus Schwarze (Journalist, Digitalberater und Buga-Blogger) – Tristan Storek (Düsseldorfer Jungwinzer und Techniktalent in Steeg) – Andreas Nick (Lehrer, Kommunalpolitiker und Hostel-Besitzer in Bad Salzig) – Jean-Michel Malgouyres (französischer Küchenchef in Rüdesheim) – Natascha Meyer (Kanzlei-Managerin, Lektorin und Boppard-Botschafterin) – Heiner Monheim (Verkehrsforscher und Bahnlärm-Bekämpfer) – Carolin Weiler (Winzerin und „FAZ“-Liebling aus Lorch) – Petra Bückner (Tourismuschefin in Lahnstein) – Michael Stein (Kommunalpolitiker aus Bingen) – Falko Hönisch (Opernsänger und Bürgermeisterkandidat in St. Goar) – Kathrin Büschenfeld (Apothekerin in Lorch) – Dieter Stein (IT-Manager und Konzertveranstalter aus St. Goar) – Peter Henrich (Archäologe in Koblenz) – Martin Bredenbeck (Geschäftsführer des Rheinischen Vereins) – Markus Patschke (Energieberater in Bacharach) – Ulrich Lautenschläger (Konzertveranstalter auf der Loreley) – Ivo Reßler(Bürgermeister-Kandidat in Lorch) – Jean-Marc Petit (Hausbesitzer und Denkmalpfleger in Bacharach) – Anne Kauer (Winzerin in Bacharach) – Gerd Benner (Manager und Hobby-Köhler aus Boppard) – Markus Kramb (Metzger aus St. Goar) – Mary-Ann Gellner (Hauptkommissarin der Wasserschutzpolizei St. Goar) – Ilka Heinzen (Einzelhändlerin und Stadträtin in Bingen) – Jan Bolland (Hotel-Investor in Bingen) – Pater Eryk (Franziskaner im Kloster Bornhofen) – Mareike Knevels (Kommunikationsdesignerin und Burgenbloggerin) – Willy Praml (Theatermacher „An den Ufern der Poesie) – Sebastian Hamann           (Beigeordneter der Stadt Bingen) – Johannes Lauer (Dachdeckermeister und Kommunalpolitiker in Lahnstein) – Almut Lager (Unternehmerin und Denkmalschützerin in Bacharach) – Maximilian Siech (Sportler und Projektleiter beim Zweckverband Welterbe) – Till Gerwinat und Lambert Lensing-Wolff (Unternehmer auf Burg Reichenstein) – Christiane Speth (Exil-Bopparderin und Udenhausen-Patriotin an der Schweizer Grenze) – Christian Albrecht (Feuerwehr-Profi aus Oberwesel) – Markus Kalkofen (Polizist und Landschaftspfleger aus Kamp-Bornhofen) – Lena Höver (Stadtmanagerin und Tourismus-Chefin in Oberwesel) – Klaus Zapp (Bürgermeister-Kandidat in Rüdesheim) – Walter Karbach (Autor und Verleger aus Oberwesel) – Heike Zimmer (Floristin und Krankenhaus-Kämpferin in Oberwesel) – Axel Strähnz (Arzt in Oberwesel) – Jens Voll (Kommunalpolitiker in Bingen) – Roger Lewentz (Innenminister des Landes Rheinland-Pfalz)

Termine des Tages

St. Goar – Advent im Weingut Philippsmühle – 8. Dezember, 11-19 Uhr. VG St. Goar-Oberwesel

Boppard – Bälzer Weihnachtsmarkt – 8. Dezember, ab 12 Uhr. boppard-tourismus.de

Burg Rheinstein – „Märchenhafte Weihnachtsburg“ – 8. Dezember, 12 – 19 Uhr. rhein-nahe-touristik.de

Bacharach – Punsch- und Glühweinzeit im Weingut Karl Heidrich – 7. Dezember, 14 – 18 Uhr. rhein-nahe-touristik.de

Lorch-Espenschied – Espenschieder Advent / Lieder und Glühwein – 17 Uhr. lorch-rhein.de

Festung Ehrenbreitstein – „Festungsvarieté – 8. Dezember, 19 Uhr 30. tor-zum-welterbe.de

Boppard – „Das perfekte Geheimnis“ / Cinema in der Stadthalle – 8. Dezember, 20 Uhr. boppard-tourismus.de

Foto des Tages

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