Mittelrheingold

Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Autor: Frank Zimmer Seite 1 von 239

Wenn der Fährverkehr absäuft

Die Corona-Krise legt gerade gnadenlos offen, was seit Jahren versäumt wird: Die Rheinfähren staatlich zu unterstützen und dadurch zu kontrollieren. Alle 5 Betriebe zwischen Boppard und Rüdesheim müssen privatwirtschaftlich über die Runden kommen; sie erhalten anders als Bus- oder Bahnlinien keine Zuschüsse. Das rächt sich gerade. Wegen Corona sind deutlich weniger Autos unterwegs. Vor allem der Pendlerverkehr ist drastisch eingebrochen. Rein kommerzielle Fähre können auf die gesunkene Nachfrage nur betriebswirtschaftlich reagieren – sie reduzieren ihr Angebot und verzichten auf unrentable Fahrten am Abend. Systemrelevante Schichtarbeiter wie Pflegepersonal oder Supermarkt-Mitarbeiter müssen zeitraubende Umwege in Kauf nehmen.

Die Loreley-Fähre vor der Kirche von St .Goarhausen. Foto: Fähre Loreley GmbH & Co. KG

Die Binger-Rüdesheimer Fähre ist ohnehin schon gebeutelt, weil neben der Fähre auch leere Ausflugsschiffe zur Flotte gehören. Die Betreiberfirma wollte gerade ihren Fahrplan ausdünnen, rudert nach einem Schrei der Entrüstung aber zurück. Ohne Geld vom Staat wird es aber nicht funktionieren: „Damit wir auch weiterhin diese Fahrzeiten anbieten können, sind wir auf eine staatliche Unterstützung angewiesen“, heißt es auf der Facebook-Seite des Unternehmens.

In St. Goarshausen will Fährmann Klaus Hammerl am Montag einen „Covid-19-Notfahrplan“ in Kraft setzen, dann ist um 19 Uhr Schluss, und an Wochenenden geht’s erst um 10 Uhr vormittags los (werktags um 5 Uhr 30).

In Kaub und zwischen Niederheimbach und Lorch wird am Wochenende überhaupt nicht mehr gefahren, und auch in Boppard gibt es Einschränkungen.

Seit Jahren wird am Mittelrhein darüber diskutiert, Fähren zu subventionieren und dadurch den Betrieb auch spätabends und in der Nacht zu ermöglichen – bislang ohne Ergebnis. Befürworter eines Brückenbaus zwischen St. Goar und St. Goarshausen reagieren auf das Thema allergisch. Sie halten die Brücke für alternativlos und befürchten, dass 24-Stunden-Fähren das Projekt überflüssig machen könnten. Mit der Fertigstellung einer Brücke wird nicht vor den 30er Jahren gerechnet.

„Nach Corona müssen wir im Tal etwas bieten können“

Eigentlich ist die Wintersaison gerade erst vorbei, aber Rheinstein-Gastronom Marco Hecher denkt schon an die nächste. Aus gutem Grund: Wenn Corona die besten Tourismus-Zeit verhagelt, kann sich ab Oktober niemand zurücklehnen. Darum müssen schon jetzt Netzwerke gebildet und Vorbereitungen getroffen werden. In einem offenen Brief ruft Hecher zur Zusammenarbeit auf:

Viele von uns sind Familienbetriebe, die eine besondere Verantwortung tragen für Ihre Mitarbeiter, Gäste, Lieferanten und für unser Tal. Nun brauchen wir alle schnell kreative Ideen zur Sicherung unserer Betriebe. Seit vielen Jahren ist die
Ausweitung der Saison in die Wintermonate ein großes Thema. Aufgrund der akuten Krise, sehe ich die Zeit gekommen, dieses Potential dringend zu nutzen.

Den ganzen Text mit Marcos Kontaktdaten gibt es hier. Im Mittelrheingold-Interview erklärt er seine Initiative und schildert, wie die Krise seinen eigenen Betrieb trifft. Marco Hecher ist der Juniorchef auf Burg Rheinstein bei Trechtingshausen. Er bewirtschaftet das Schlossrestaurant „Kleiner Weinprinz“.

Marco Hecher ist Juniorchef auf Burg Rheinstein und betreibt dort das Schlosslokal "Kleiner Weinprinz". Foto: Privat.

Marco, am Anfang des Frühjahrs über die Wintersaison zu reden, klingt erst einmal verrückt. Was erhoffst du dir von deiner Initiative?

Ja klar, vor allem bei der jetzigen Situation. Andererseits aber auch nur auf den ersten Blick. Die meisten touristischen Betriebe im Rheintal leben von der Sommersaison, und da diese nun eingeschränkt und verkürzt stattfindet, können wir die Ausfälle nur durch eine Verlängerung der Saison abfangen. Ich habe Verständnis für jeden Betrieb, der sich in seiner Not neue Geschäftsideen ausdenkt. Abhol- und Lieferdienste werden die Verluste aber nicht mal annähernd abfangen können. Ein Lichtblick ist, dass die Menschen nach den jetzigen Einschränkungen wieder etwas unternehmen wollen, und auf Reisen ins Ausland werden viele wohl erstmal verzichten. Dann müssen wir im Tal etwas bieten können, sonst werden wir diese Chance an andere nationale Tourismus-Regionen verlieren.

Wie trifft euch die Corona-Krise persönlich?

So, wie wohl die meisten anderen auch, sehr hart. Ein privates Kulturgut wirtschaftlich zu führen, ist schon in normalen Zeiten ein herausfordernde Aufgabe. Für die staatlichen Hilfen muss man eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass man in Finanznot ist. Das heißt, private Rücklagen, z.B. für das Alter, müssen erst genutzt werden. Eine Hilfe mit großem Haken.

Greift in so einem Extremfall irgendeine Versicherung?

Nein, unsere Betriebsschließungsversicherung umfasst keine Coronaviren …. man hätte es sich denken können. Aber wir haben einen sehr guten Steuerberater, der uns frühzeitig auf die aufkommende Situation eingestellt hat. Unsere Hausbank ist seit 40 Jahren unser Partner und steht an unserer Seite. Erstmal sind alle möglichen Kosten und Vorhaben eingefroren. Unsere Mitarbeiter erhalten Kurzarbeitergeld, das wir auf 100 Prozent aufstocken. Unsere Lieferanten haben wir natürlich alle noch bezahlt. Wir haben nun also einen vollen Weinkeller, aber keine Gäste.

Wie geht es für euch in den kommenden Monaten weiter?

Entscheidend wird sein, wie lange die Einschränkungen dauern. Und ob wir die Solidarität, die wir allen nun für die Schwächsten unserer Gesellschaft zeigen, von unseren Gäste und Veranstaltern zurückbekommen. Da bin ich guten Mutes. Unser Plan steht aber bereits, wir werden unsere Angebote in der Wintersaison ausbauen und hoffen auf viele Mitstreiter.

Flagge zeigen in allen Medien

In Oberwesel, St. Goar und anderen Orte am Mittelrhein haben zahlreiche Anwohner weiße Bettlaken und Tischtücher aus den Fenstern gehängt. Der stumme Protest gegen die Schließung der Loreley-Kliniken wurde von zahlreichen Medien verbreitetet, u.a. in der „Süddeutschen Zeitung“. Trotzdem kann die Krankenhäuser nur noch ein Wunder retten. Der Standort St. Goar wird bereits geräumt, und bei der nächsten Gesellschafterversammlung in 2 Wochen würde bereits die einfache Mehrheit des Hauptgesellschafters Marienhaus genügen, um auch Oberwesel stillzulegen. Die kommunalen Minderheitsgesellschafter Oberwesel, St. Goar und VG Hunsrück-Mittelrhein hätten theoretisch die Möglichkeit, die Kliniken in Eigenregie weiterzuführen. Die Marienhaus-Gruppe hat immer wieder angeboten, ohne Gegenleistung auszusteigen. Allerdings schrecken die Bürgermeister vor dem unkalkulierbaren Risiko zurück. Momentan wird nicht nur das Geld, sondern auch das Personal immer knapper. Süddeutsche Zeitung, SWR, Rhein-Zeitung

„Vergesst das Lachen nicht!“

Gute Lokaljournalisten greifen in ungewöhnlichen Zeiten zu ungewöhnlichen Formaten. Im Rhein-Lahn-Kreis startet „RZ“-Redakteur Michael Stoll die Reihe „Eine Verabredung mit ….“ Er telefoniert mit interessanten Menschen aus der Region und lässt sich erzählen, wie sie mit der Krise umgehen. Gerade erschienen: Das Interview mit dem Lahnsteiner Volksschauspieler, Karnevalisten und Tourismus-Experten Karl Krämer. Krämer vermisst die Bühne und hat sich neulich schon mit seinem Akkordeon in den Hof gesetzt, um die Nachbarschaft zu unterhalten. Seine Bitte an alle: „Vergesst das Lachen nicht! Und vergesst bitte eure Nachbarn und all diejenigen nicht, die jetzt Hilfe brauchen.“ Rhein-Zeitung

Löwen-Krise in Bingen

Die Corona-Krise bringt Bingens größten Gewerbesteuerzahler in Schwierigkeiten. Laut „AZ“ hat die Spielautomatenfirma Löwen zum 1. April Kurzarbeit für über 4.000 Mitarbeiter angemeldet. Gewöhnlich spürt Bingen es in der Stadtkasse, wenn bei Löwen etwas nicht wie gewohnt läuft. Zuletzt hatten größere Investitionen im Unternehmen für einen massiven Einbruch bei den Steuereinnahmen gesorgt. Allgemeine Zeitung

Bei Anruf Barbecue

Florian und Marc Lambrich vom „Weinberg-Schlösschen“ bieten in Zeiten der Corona-Krise ein Haustürgeschäft der besonderen Art: Sie kommen mit ihrem Grill vorbei und brutzeln direkt vor der Haustür. Allgemeine Zeitung

Foto des Tages

In Bacharach hat Eisen- und Haushaltswaren-Händler André Heisecke Flagge für die Loreley-Kliniken gezeigt. Die geschlossene Ladentür täuscht übrigens: Die Firma Heisecke bleibt offen, weil als Werkzeug- und Gartenmarkt klassifiziert ist.

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Stummer Protest in St. Goar und Oberwesel

Im schwarzen Mercedes sind die Vertreter des Krankenhaus-Konzerns Marienhaus am Donnerstagvormittag in Oberwesel vorgefahren, um über die Schließung der Loreley-Kliniken zu verhandeln. Die Lage der Krankenhäuser gilt als aussichtslos, weil der Hauptgesellschafter kein Interesse daran hat, sie weiter zu betreiben. Andere ernsthafte Investoren gibt es nicht, und ein Einsatz als Corona-Klinik kommt nicht in Frage – es fehlt das Personal.
In Oberwesel, St. Goar und Umgebung hängen zum Zeichen des Protests weiße Bettlaken aus den Fenstern. Die Einwohner waren im vergangenen Herbst noch gegen die Schließung auf die Straße gegangen und hatten einen Aufschub herausgeholt. Moment sind wegen des Virus keine Demonstrationen möglich. Auch der Klinik St. Goar ist beflaggt – gegen den Willen der Geschäftsführung, wie es heißt.

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