Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

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Rüdesheim-Profi Kai Climenti: „Ich glaube an meine Idee und habe die Erfahrung“

Keine Gäste, keine Event-Kunden und keine Nachtruhe mehr: Kai Climenti war gerade Vater geworden, als der erste Lockdown das komplette Familienunternehmen mit 6 Mitarbeitern von heute auf morgen lahmlegte. Der Rüdesheimer Tourismus-Profi machte aus der Not eine Chance und entwickelte „Walk like a local“, eine neue Art der  Weinwanderung. Noch im selben Jahr gewann er damit den Rheingauer Gründerpreis. Im Gespräch mit Mittelrheingold-Gastbloggerin Marie-Luise Krompholz, erzählt er, wie die Idee entstand, Tempo aufnahm und nach Corona noch größer werden soll. 

Kai Climenti setzt (fast) alles auf eine Karte. Foto: Tim Krämer

Kai Climenti setzt (fast) alles auf eine Karte. Foto: Tim Krämer

Kai, was ist „Walk like a local”?

Du bekommst eine coole „Walk like a local“-Umhängetasche und gehst dann eigenständig auf eine Weintour rund um Rüdesheim. In der Tasche sind vier Flaschen à 0,25 Liter Rheingauer Weine, zwei Gläser, eine Wegkarte und 15 Spielkarten. Die Spielkarten sind der eigentliche Clou am Konzept: An jeder Station kannst du mit deinem Smartphone einen QR-Code scannen und dir kurze Videos anschauen, bei denen ein Einheimischer Interessantes über die Region erzählt, dich in seinen Weinkeller mitnimmt oder Insider-Tipps gibt. Bei einigen Karten gibt es auch Audio-Dateien mit extra aufgenommenen kleinen Hörspielen. Dabei kannst du feinen Wein probieren und unfassbar schöne Aussichten genießen, und wenn du wieder daheim bist, dir nochmal alles angucken und deinen Lieblingswein online bestellen. 

Wie bist du auf die Idee gekommen? 

In der Rüdesheimer Altstadt gegenüber der Seilbahn ist unsere Homebase mit den Querfeldwein-Weinwanderungen, den Querfeldheim-Ferienwohnungen und dem Bollesje-Keller. Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 mussten wir von heute auf morgen alles stoppen und schließen. Wir hatten gerade Nachwuchs bekommen, dazu die Verantwortung für 6 Angestellte und einige Helfer. Ich bin kein ängstlicher Typ, aber da habe ich mich schon gefragt, wie es weitergehen soll. Beim Joggen durch die Weinberge höre ich manchmal Podcasts und bei einem Lauf kam mir die Idee, dass man regionale Audios für Touristen anbieten könnte, das wäre ja corona-konform. Das Format sollte informativ sein, auf den Punkt, aber auch locker und Spaß machen. Daraus ist dann über sechs Monate „Walk like local“ gereift und etwas größer geworden. Ich habe Tim Krämer als Videofilmer und die Wiesbadener Agentur 99 Grad für die Idee begeistern können und einige Weingüter davon überzeugt, Sonderabfüllungen ihrer hochwertigen Weine zu machen. Außerdem habe ich Einheimische ins Boot geholt, die Gästen ihre Region und Leidenschaften näherbringen wollen. Das Ganze entspannt, authentisch und mit dem richtigen Know-how. 

Wie läuft es bisher? Welche Kunden habt ihr gewinnen können?

Individuelle Touren und Online-Angebote sind in der Corona-Zeit viel populärer geworden, das spielt uns natürlich in die Karten. Unsere Kunden sind bunt gemischt: Da kommen junge Leute aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet zum Weinwandern. Privatleute verschenken Gutscheine zu Geburtstagen und Firmen ordern die Taschen als Mitarbeiter- oder Kundenpräsente. Das Tolle an „Walk like a local“ ist ja, dass es so flexibel ist und dir viele Freiheiten gibt. Du musst keinen festen Termin vorab buchen, sondern kannst auf die Weintour gehen, wenn du Zeit hast und die Sonne scheint. Du kannst die bequeme Variante mit der Seilbahn wählen oder das ganze Jahr über unterwegs sein. Und natürlich kannst du den Wein trinken, wann, wo und mit wem du das am liebsten magst.

Dein Hauptgeschäft ist ja die Vermietung von Ferienwohnungen, Weinwanderungen und das Event-Essen. Welche Auswirkungen hat Corona?

Es ist eine schwierige Zeit, daran hat sich seit einem Jahr leider nicht viel geändert. Die Ferienwohnungen und die Vinothek liefen zumindest im Sommer und Herbst. Event-Essen und das umsatzstarke Weihnachtsgeschäft fielen dagegen komplett aus.

Wer oder was hilft dir, auch in diesen schwierigen Zeiten mutig und kreativ zu sein?

Für „Walk like a local“ habe ich ein Darlehen bei meiner Hausbank aufgenommen. Klar ist es riskant, jetzt zu investieren, aber ich bin mir sicher, dass es sich langfristig auszahlen wird. Ich glaube an meine Idee und habe Erfahrung durch unsere Weinwanderungen und die Gästezahlen, um das Potenzial einzuschätzen. Mit „Walk like a local“ bin ich seit Monaten sehr umtriebig, fürs Grübeln habe ich eher selten Zeit. Meine Frau und Familie halten mir dabei den Rücken frei und unterstützen mich sehr bei der Umsetzung. Meine Tochter sieht mich durch die relativ vielen Termine manchmal nicht so oft, aber ich bin unfassbar stolz, wenn sie ein Plakat mit dem Wanderer sieht und „Papa“ ruft. Dafür hat sich die eine oder andere Extra-Stunde für Illustrationen gelohnt. Abschalten kann ich ganz gut bei meiner großen Liebe elektronische Musik. Sie lässt einen entspannt durch den Tag schlendern und macht mir viel Freude.  Vom Typ her bin ich eine Kombination aus bodenständig und kreativ. Spazierengehen mit meinem Hund durch die Weinberge macht mir den Kopf frei für neue Ideen. Die nehme ich dann unterwegs als Sprachnachrichten auf und feile zuhause weiter daran. Ich mag schöne Dinge sehen und bin sehr detailverliebt. Wenn ich etwas mache, dann soll es möglichst perfekt werden!

Wie geht es weiter? Kann sich „Walk like a local“ halten, wenn wieder persönliche Führungen und gesellige Weinproben möglich sind?

Bisher kommen die meisten Anfragen online zu uns. Wir bearbeiten jede Bestellung individuell: unsere Köchin packt die Pakete, unser Animateur fährt sie aus. Damit kann ich ihnen zumindest etwas Beschäftigung geben, und sie sind voll motiviert dabei! Das Frühjahr nutze ich vor allem, um das Projekt bekannt zu machen. Ich habe es in regionalen Fachforen vorgestellt und 18 Kooperationspartner dafür begeistert, darunter mehrere Hotels und Tourist-Informationen von Lorch bis Wiesbaden und der anderen Rheinseite. So richtig losgehen wird es, wenn die Hotels wieder aufmachen dürfen. Dann sind die Leute vor Ort und wollen etwas unternehmen. „Walk like a local“ ergänzt die bestehenden Angebote und ist gerade für Individualgäste attraktiv, weil es ihnen viel Freiheit und Flexibilität bietet. Der Individualtourismus wird weiter zunehmen, unabhängig von Corona. Deshalb wird sich „Walk like a local“ langfristig etablieren und wachsen. Wenn in ein oder zwei Jahren wieder mehr internationale Gäste kommen, wird auch eine englischsprachige Version umgesetzt.

Worauf freust du dich am meisten, wenn Corona endlich unter Kontrolle ist?

Aufs Musik machen, ein überragendes Open-Air mit netten Leuten, am liebsten viele Freunde treffen und umarmen – einfach auf eine unbeschwerte Zeit zum Feiern und „no distancing“.

Marie-Luise-Krompholz hat während der Pandemie noch weitere Macherinnen und Macher am Mittelrhein interviewt. Bisher erschienen:

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„Tal- und Höhengemeinden müssen sich gemeinsam weiterentwickeln“

Wenn man sich das Welterbetal als Staat vorstellt, heißt der Präsident Frank Puchtler. Als Vorsteher des Zweckverbandes Welterbe Oberes Mittelrheintal ist er Repräsentant und Klassensprecher aller Kommunen und Kreise zwischen Koblenz und Rüdesheim. Bei der Steuerung der Bundesgartenschau 2029 spielt Puchtler eine wichtige Rolle, denn der Zweckverband hält die Mehrheit an der Buga-GmbH. Der gelernte Banker war 13 Jahre lang Mitglied des rheinland-pfälzischen Landtages. Seit 2014 ist er Landrat des Rhein-Lahn-Kreises und damit auch im Verwaltungsalltag mit der Loreley und ihrer Umgebung befasst. Im Interview spricht er u. a. über das umstrittene Loreley-Hotel und das, was das Tal jetzt braucht.

Frank Puchtler ist seit 2014 Landrat des Rhein-Lahn-Kreises. Foto: Kreisverwaltung

Frank, wann hast du zuletzt am Mittelrhein in einem Lokal gesessen?

Das war Ende Oktober kurz vor dem Lockdown.

Die Corona-Krise wirft Gastronomie und Einzelhandel im Welterbetal zurück. Wie schätzt der gelernter Banker Frank Puchtler den wirtschaftlichen Schaden ein?

Extrem. Die Hilfe vom Bund ist  dauerhaft notwendig. Unser Kreis begleitet über unsere Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft mit Beratung und Investitionszuschüssen.

Was macht dir Hoffnung?

Die Impfungen sind ein Licht am Ende eines langen, sehr langen Tunnels. Und unsere Bürgerinnen und Bürger bringen sich mit hohem Engagement und viel Verständnis für die Lage ein. Sie zeigen Haltung, Mut und Zuversicht.

In Medien und sozialen Netzwerken gibt es unterschiedliche Meinungen zum Bau des Loreley-Hotels. Die Entscheidung liegt jetzt beim Kreis. Wird der Bau genehmigt?

Zurzeit läuft das erforderliche Baugenehmigungsverfahren bei der Unteren Bauaufsichtsbehörde, also bei der Kreisverwaltung. Zu dem Antrag wurden elf betroffene Fachbehörden um Abgabe ihrer Stellungnahmen gebeten, Das Thema „Unesco Welterbegebiet“ spielt dabei eine zentrale Rolle. Dazu wurde die Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord um Stellungnahme gebeten. Die SGD Nord steht in engem Kontakt mit dem Sekretariat für das Welterbe in Rheinland-Pfalz, das beim Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur angesiedelt ist. Vom Sekretariat erwarten wir eine Bewertung, die die Meinung von Unesco und der internationalen Denkmalpflegeorganisation Icomos berücksichtigt. Bisher liegt uns von der Unesco noch keine Stellungnahme vor. Für die Untere Bauaufsichtsbehörde sind die baurechtlichen Vorgaben aus dem Bebauungsplan als Grundlage anzuwenden. Erst nach Vorlage der Stellungnahmen der Fachbehörden kann  eine Bewertung vorgenommen werden. Auf Basis der Stellungnahmen erfolgt dann eine Entscheidung über den Bauantrag im Rahmen der Landesbauordnung  und der baurechtlichen Vorschriften durch die Untere Bauaufsichtsbehörde.

Kritiker des „Slow-Down-Loreley“-Projektes befürchten, dass die Orte im Tal unter die Räder kommen, wenn sich der Tourismus auf die Höhen verlagert. Was kann man gegen Leerstand in den alten Ortskernen tun?

Tal- und Höhengemeinden müssen sich gemeinsam weiterentwickeln. Mit gezielten Förderprogrammen für öffentliche und private Investitionen in Modernisierung und Digitalisierung und aktivem Immobilienmanagement gilt es, nach vorne zu kommen.

In Oberwesel hat die Stadtverwaltung leerstehende Läden, Hotels und Häuser besonders im Blick und hilft  bei der Vermarktung. Gibt es ein zentrales Leerstandskataster für das ganze Tal?

Nein, ein zentrales Leerstandskataster für das gesamte Tal gibt es nicht. Der Rhein-Lahn-Kreis arbeitet flächendeckend mit der Plattform für Immobilienmanagement  „KIP“. Jede Verbandsgemeinde und auch die Mittelzentren im Kreis haben eine eigene KIP-Seite – die darauf eingestellten Angebote werden auf Kreisebene aggregiert, so dass man unter rhein-lahn-kreis.kip.net die  verfügbaren Bauplätze, Gewerbeflächen, freie Gebäude und Mietimmobilien finden kann.

Als Vorsteher des Welterbe-Zweckverbandes bist du auch für die Buga-GmbH zuständig. Ihr fehlt noch eine Geschäftsstelle im Tal. Welcher Ort würde am besten passen? 

Wir freuen uns über eine Geschäftsstelle im Welterbegebiet.

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Thomas Feser: „Wir sind da und erreichbar“

Was macht Corona mit einer Stadt? Thomas Feser ist Oberbürgermeister von Bingen, der nach Koblenz größten Kommune im Welterbetal. Im Interview mit Mittelrheingold-Gastbloggerin Marie-Luise Krompholz erzählt er, wie die Verwaltung auf die Krise reagiert, was ihn besonders beeindruckt hat, was ihm Sorge bereitet und worauf er sich am meisten freut. 

Petra Fleischmann, Leiterin des Lernzentrums, Julia Löffler, Leiterin der Bücherei und OB Thomas Feser (v. li.) bei der symbolischen Bücherei-Eröffnung im Juli 2020. © Stadt Bingen

Feier ohne Publikum: Thomas Feser mit Petra Fleischmann, Leiterin des Lernzentrums, und Büchereichefin Julia Löffler (Mitte) bei der symbolischen Bücherei-Eröffnung im Juli 2020. © Stadt Bingen

Herr Feser, wie hat Corona Ihren Alltag verändert?

Mir persönlich geht es da nicht anders als allen Menschen: Die Welt ist klein geworden, fokussiert auf wenige Orte und wenige Menschen, zumindest was die direkten Kontakte anbelangt. Meine Familie ist mir wichtig, besonders besorgt bin ich natürlich um die Gesundheit meiner betagten Mutter. Trotz allem lebe ich wie alle einen gewissen Rhythmus, aber die Gewohnheiten sind andere als ohne Lockdown. 

Kontakte spielen sich häufig über die digitalen Wege ab, eine spontane Begegnung mit der Bürgerschaft findet leider kaum statt, trotz allem erreichen mich viele Informationen und Fragen. Und mein Kalender ist leerer geworden, „Absage“ steht oft als Randvermerk an Terminvormerkungen. Gremiensitzungen, all die größeren und kleineren Anlässe, Eröffnungen, Einweihungen, Konferenzen, sie sind entweder verschoben, finden nur in begrenztem Umfang statt oder sind gleich in die digitale Welt ausgegliedert. Dafür sind andere Aufgaben dazu gekommen. 

Insgesamt unterscheide ich mich nicht vom Durchschnitt. Mir fehlen die direkten Begegnungen, die Selbstverständlichkeit beim Einkaufen, die Urlaubsplanung. Aber ich weiß auch: Unser Feind ist nicht Herr Spahn oder Frau Merkel, unser Feind ist das Virus. Wir haben schon so viel erreicht, die Zahlen sind dank der Kooperation und Einsicht unserer Bürgerinnen und Bürger runtergegangen, ein Impfstoff ist in kürzester Zeit entwickelt worden. Dafür bin ich dankbar. Auch für die vielfach zu erlebende Hilfsbereitschaft, das ist bei allen Sorgen das Positive. 

Wieviel Stadtverwaltung und Lokalpolitik funktionieren aus dem Home Office?

Wichtig ist für uns, dass Stadtrat und all die anderen städtischen Gremien arbeiten können, denn deren Entscheidungen sind die Basis für die Arbeit der Verwaltung und die Entwicklung der Stadt. Da war viel Organisationstalent und Kreativität gefordert, zunächst in der Fortsetzung der Gremienarbeit in Präsensform in unseren größten Hallen mit den erforderlichen Corona-Regeln. Mittlerweile tagen unsere Gremien weitgehend digital – das funktioniert, aber echter Austausch, Diskussionen mit dem unmittelbarem Gegenüber sind eigentlich unersetzlich.

An das Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiter-Team der Stadtverwaltung kann ich nur ein großes Kompliment aussprechen: Die Arbeit geht weiter, neue Herausforderungen werden kreativ gestemmt, die sich ständig ändernden Regelungen rasch umgesetzt. Homeoffice, meist im Wechselbetrieb, ist mittlerweile gängige Praxis, die technischen Voraussetzungen dafür konnten wir in kürzester Zeit schaffen. Ganz „nebenbei“ wurden Hygienekonzepte entwickelt, eingeführt und auch gelebt. Aber auch hier fehlt allen der unmittelbare Austausch mit Gesprächspartnern, der Small-Talk in der Teeküche, ein Betriebsfest und vieles mehr. Am Wichtigsten jedoch: Wir sind für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt da und erreichbar.

Normalerweise nehmen Sie viele Termine in der Stadt wahr, sind sichtbar und leicht ansprechbar für Bürgerinnen und Bürger. Wie bleiben Sie in der Corona-Zeit präsent?

Die Menschen, die ein Anliegen haben, finden den Weg zu mir auf andere Weise. Generell liegt es mir am Herzen, die Menschen in unserer Stadt gut, umfassend und zeitnah zu informieren, darum ist Pressearbeit besonders wichtig. Als Informationsportal spielt unsere stets aktuelle Homepage eine wichtige Rolle. Zudem informiere ich unsere Bingerinnen und Binger regelmäßig über wöchentliche Videonachrichten zu aktuellen Themen. Auf diesem Wege und mit einem ausführlichen Neubürgerbrief konnte ich auch viele unserer neu zugezogenen Mitbürgerinnen und Mitbürger ansprechen, da unser jährlicher Neubürgerempfang ausfallen musste. 

Wieviel kann eine Kommune wie Bingen in Sachen Corona eigentlich selbst entscheiden? Wo müssen Vorgaben von Land und Kreis zu Corona „einfach nur umgesetzt“ werden? Und wie sorgen Sie dafür, dass die Erfahrungen und Sorgen aus Bingen bei den übergeordneten Stellen ankommen und ernst genommen werden?

Maßgeblich sind für uns in erster Linie die Corona-Regelungen von Bund und Land. Diese Regelungen umzusetzen, ist dann wiederum im örtlichen Bereich auch unsere Aufgabe. Dazu gehören die Aufrechterhaltung der Verwaltung in Corona-Zeiten, die Organisation des Betriebs unserer Kindergärten und Schulen, ebenso die Kontrolle auf Einhaltung der Corona-Regelungen im öffentlichen Bereich in Abstimmung mit Polizei und Kreisverwaltung. 

Ständiger Austausch erfolgt zum Beispiel über regelmäßige Video-Konferenzen mit unserer Landrätin; unsere darüber hinaus gehenden Sorgen und Anliegen trage ich brieflich oder im Gespräch an die zuständigen Stellen, etwa Ministerien oder auch kommunale Spitzenverbände, heran.  

Was war bislang die größte Herausforderung im Zusammenhang mit Corona?

Der Betrieb des Heilig-Geist-Hospitals in Corona-Zeiten, das war und ist schon eine Herausforderung, vor allem für das HGH-Team. Hier habe ich mich etwa bei Minister Spahn für eine Erhöhung der Freihaltepauschale eingesetzt. Der Gang durch die Binger Innenstadt macht mich mehr als nachdenklich beim Blick auf den Einzelhandel. Mit einem kurzfristig entwickelten Online-Einkaufsportal und Appellen, lokal zu kaufen, haben wir versucht zu unterstützen. Betriebe und Institutionen, die unter dem Lockdown in Existenz bedrohende Situationen gekommen sind – das sind Situationen, die eine Kommune alleine nicht lösen kann.

Insgesamt treibt mich die Sorge um das Wohlergehen der Menschen und deren Gesundheit um, das ist ja der Maßstab für all unsere Anstrengungen. Ich bin aber auch dankbar, dass so viel Solidarität in unserer Stadt spürbar war und ist. Gegenseitige Unterstützung, jetzt wieder beim Fahrdienst beim Impfen, organisiert von unserer Ehrenamtsbeauftragten Anette Hammel, und besonders in der ersten Welle die unwahrscheinliche Nachbarschaftshilfe – großartig!

Das Stadtleben besteht ja keineswegs nur aus dem Corona-Management, auch in anderen Bereichen muss die Entwicklung vorangehen. Auf welchen Fortschritt in den letzten Monaten sind Sie besonders stolz?

Ich habe ja bereits erwähnt, dass unsere Verwaltung auch unter den veränderten Bedingungen gut funktioniert. Nur so war es auch möglich, eine Vielzahl von Projekten auch unter den aktuellen Umständen voran zu treiben – im Übrigen wichtig nicht nur für das städtische Leben, sondern auch für eine Aufrechterhaltung der Wirtschaft, die auf diese Aufträge angewiesen ist. Was ich bedaure ist, dass viele Maßnahmen einfach „unter dem Radar“ umgesetzt worden sind. 

So fehlte zum Beispiel eine tolle Eröffnungsfeier unserer neuen Bücherei, die ein ganz großartiges Projekt ist! Damit kommt eine wichtige Kultureinrichtung mitten in die Stadt, nahe zu den Menschen, und kann gleichzeitig Frequenzbringer sein für unsere Innenstadt. Oder ich denke an die Grundschule am Entenbach, grundlegend saniert und jetzt eine der modernsten Schulen im Landkreis, beispielhaft in der Barrierefreiheit und Digitalisierung. So ganz nebenbei wurde mit dem Wald- und Naturkindergarten ein für unsere Stadt völlig neues Konzept erfolgreich realisiert. Man kann die Sanierung des Stadtteilzentrums in Bingerbrück beobachten oder den Anbau der Feuerwehr in Kempten. Viele weitere Vorhaben sind in verschiedenen Phasen der Umsetzung, etwa der Park-and-Ride-Parkplatz oder das Familienzentrum in Bingerbrück. 

Auch wenn das Gastgewerbe derzeit noch generell im Lockdown ist, so konnte das ehrgeizige Projekt des Hotels Papa Rhein am Binger Kulturufer seine Tore zunächst öffnen. Das ist ein wichtiges Signal für mich auch mit Blick auf die Buga 2029, die ich als große Chance für die Stadt und die Region begreife. Besonders freut mich auch, dass Bingen interessant ist für private Bauträger, was sich an den vielen Baukränen im Stadtbild ablesen lässt. So lässt die Gartenstadt, als Schlussstein der Landesgartenschau 2008, quasi einen neuen Stadtteil direkt am Wasser entstehen und verändert damit das „Binger Rheingesicht“ entscheidend.

 

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Welche längerfristigen Veränderungen durch Corona sind bereits absehbar und wie wollen Sie es aktiv angehen?

Was uns sicher noch lange beschäftigen wird, das sind die zu erwartenden Steuerausfälle. Die Auswirkungen lassen sich zurzeit noch gar nicht absehen, da werden wir reagieren müssen. Corona war stellenweise ein bisschen wie ein Brennglas. Veränderungen im Einzelhandel waren schon zuvor spürbar, sind jetzt aber natürlich verstärkt. Schon lange setzen wir uns für eine zeitgemäße Breitbandversorgung ein, die Defizite waren stellenweise bei verstärkter Digitalisierung spürbar. 

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Corona-Pandemie einigermaßen im Griff ist und die Beschränkungen wieder gelockert werden können? 

Wir mussten so viele Jubiläumsveranstaltungen aussetzen, z.B. die 60-jährige Partnerschaft mit Venarey-les Laumes, 25 Jahre Bingen swingt oder 75 Jahre Binger Winzerfest. Da hoffe ich sehr, dass es Wege geben wird, diese Anlässe angemessen zu feiern. Und natürlich freue ich mich darauf, wieder Menschen unmittelbar und persönlich zu treffen und wieder in ein lächelndes Gesicht zu sehen. Und ganz naheliegend: auf meinen Friseurbesuch ☺ 

Interview: Marie-Luise Krompholz

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