Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

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Marathonmann und Brückenbauer: 5 Fragen an Volker Boch

Unabhängige Bewerber für kommunale Spitzenämter sind nichts Ungewöhnliches mehr. Oft haben sie bessere Chancen und mehr Erfolg als Parteipolitiker mit jahrzehntelanger Erfahrung. Beispiele aus dem Welterbetal sind der Rüdesheimer Bürgermeister Klaus Zapp und sein Lorcher Kollege Ivo Reßler. Beide setzten sich 2019 gegen langjährige Amtsinhaber durch. Medienprofi und Leistungssportler Volker Boch ist trotzdem ein Sonderfall: Der Mann, der Landrat des Rhein-Hunsrück-Kreises werden will, ist weder Newcomer noch Veteran. Er hat noch nie in einem Kommunalparlament gesessen und kennt das Geschäft trotzdem aus nächster Nähe, denn er arbeitet seit 17 Jahren als Redakteur und Chefreporter für die „Rhein-Zeitung“. Zum Jahreswechsel sorgte er mit einem Vorstoß zur Mittelrheinbrücke für Aufsehen. Was ihn umtreibt und wie er seinen Redaktionsjob von der Kommunalpolitik trennt, erklärt er im Interview mit Mittelrheingold.

Volker Boch im Bopparder Hamm. Foto: Arthur Lik

Volker Boch im Bopparder Hamm. Foto: Privat

Herr Boch, Sie haben die Idee einer Fußgänger- und Radfahrerbrücke zwischen St. Goar und St. Goarshausen präsentiert. Von wem ging die Initiative aus und wer hat die beteiligten Ingenieure ins Boot geholt?

Die Idee ist sukzessive im einem Entwicklungsprozess von mehreren Wochen entstanden. Es ging für mich dabei um die Frage, wie die Buga 2029 und der Tourismus belebt werden könnte. Ich sehe in der Bundesgartenschau ein großes Potenzial nicht nur für das Mittelrheintal, sondern auch für die gesamte Region. Von dieser Buga sollte gerade im touristischen Bereich ein Effekt auch für den gesamten Rhein-Hunsrück-Kreis ausgehen. Der Tourismus im Rhein-Hunsrück-Kreis kann im Vorfeld der Buga und durch die Buga noch besser vernetzt werden. Die Idee der Rad- und Fußgängerbrücke ist im Kontext solcher perspektivischen Überlegungen entstanden und vor der Frage, wie sich noch ein Highlight für diese Buga setzen lässt. Da ich mich klar für den Bau der Mittelrheinbrücke als feste Querung ausspreche, habe ich einfach überlegt, ob die Fertigstellung dieses Projekts bis 2029 wirklich realistisch sein kann, um positiv während der Buga wirken zu können. Ich hoffe darauf, aber ich bin sehr skeptisch, dass es gelingen kann, diese Brücke bis 2029 zu bauen. Weil die Buga auf alternative Mobilität und auf die Schiene setzt und nachhaltig wirken soll, lag für mich der Gedanke nah, dass die Buga einen solchen temporären Brückenschlag für Radfahrer und Fußgänger gebrauchen kann; zumal der Bund auf den Radwegeausbau setzt und im Rahmen des Klimapakets 2030 auch entsprechende Förderungen in Aussicht stellt. Die Seilbahn in Koblenz hat eine unglaubliche Strahlkraft entwickelt, auch die Hängeseilbrücke Geierlay im Hunsrückort Mörsdorf wirkt weit über die Region hinaus. Eine temporäre und modular errichtete, also wiederverwendbare Rad- und Fußgängerbrücke an prominenter und zugleich schmaler Stelle im Mittelrheintal zur Buga ist aus meinen Überlegungen im Austausch mit engen Wegbegleitern entstanden. In Abstimmung mit dem Büro Dr. Siekmann + Partner wurde dies weiter vertieft und mit ingenieurtechnischem Know-how in eine Visualisierung übertragen. Ich bin den Büros Dr. Siekmann + Partener sowie Verheyen-Ingenieure sehr dankbar dafür, dass sie sich dieser Sache angenommen haben. Sie haben eine Visualisierung erarbeitet, die aufzeigt, dass es ein baulich umsetzbares Projekt ist. Diese Visualisierung habe ich mit einer Erläuterung verschiedenen Fachstellen, Entscheidern und Behörden zur Diskussion zugesandt.

Geplante Fahrradbrücke an der Loreley.

Entwurf / Visualisierung: Dr Siekmann Partner. Verheyen Ingenieure

Wie kam der Vorschlag an?

Die ersten Rückmeldungen liegen vor, die Reaktionen sind sehr offen und positiv. Es ist natürlich nachvollziehbar, dass es in regionalen politischen Kreisen im Vorfeld der Landratswahl zunächst eine gewisse Zurückhaltung und in Einzelfällen auch eine nach außen getragene Skepsis gibt. Das liegt in der Natur der Sache. Dennoch gibt es auch im Bereich der regionalen Politik Zustimmung. Und wer die Entwicklung der Geierlay-Hängeseilbrücke verfolgt hat, konnte auch dort zunächst erkennen, dass es nicht nur Begeisterung gab. Bei meinem Vorschlag zur Rad- und Fußgängerbrücke Loreley war es daher sehr schön zu erleben, dass ich bereits wenige Minuten nach dem Versenden der persönlichen Anschreiben an Entscheider die ersten telefonischen und schriftlichen Rückmeldungen hatte, die sich für das Projekt aussprachen. Das war wirklich gut. Die Idee befindet sich erkennbar in einer inhaltlichen Bearbeitung, es gibt bereits erste sehr kurzfristige Gesprächstermine mit maßgeblichen Institutionen. Das finde ich sehr gut. Mein Ziel ist es, die Landratswahl im Rhein-Hunsrück-Kreis zu gewinnen und dann an diesem Projekt gemeinschaftlich weiterzuarbeiten.

Für Rüdesheim und Bingen gibt es eine ähnliche Idee. Sind Sie mit den Aktivisten dort in Kontakt?

Ich möchte nicht drum herumreden: Mir war die Idee des Hildegardsteges bis zu meiner Veröffentlichung der Rad- und Fußgängerbrücke Loreley so nicht bekannt. Entsprechend klasse fand ich es, dass sich Stefan Schweitzer als einer der Motoren dieses Projekts sofort bei mir gemeldet hat und in großer Offenheit meinen Vorschlag begrüßt hat. Das fand ich insofern stark, als dieser erste Austausch eine Gemeinsamkeit symbolisiert hat, die wir einfach brauchen, nicht nur für dieses Projekt, sondern ganz allgemein. Wir haben länger telefoniert und verabredet, dass wir uns gemeinsam austauschen. Tenor unseres Gesprächs war, miteinander zu agieren und Projektideen nicht als Konkurrenz zu interpretieren. Ich denke, dass dies eine ideale Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung von großen Zielen ist.

Sie treten als unabhängiger Kandidat für die Landratswahl an und werden von SPD und Grünen unterstützt. Wie finanziert sich der Wahlkampf?

Sie beschreiben es genau richtig. Ich bin ein unabhängiger Kandidat ohne Parteibuch, der sich bei SPD, Grünen, FDP und Freien Wähler vorgestellt hat. Jeweils in mehreren Runden, bei kleineren und größeren Versammlungen. SPD und Grüne haben sich dazu entschlossen, mich zu unterstützen, FDP und Freie Wähler haben keine Wahlempfehlung ausgesprochen. Für mich war von Beginn an klar, dass ich mich bei dieser Kandidatur vor allem selbst als Person einbringen muss, mit vielen Terminen, beim Organisieren und Aufstellen von Bauzäunen, beim Plakatieren, beim Fotografieren, Texten und Büromanagement – und selbstverständlich vor allem auch beim Finanzieren. Meine Familie unterstützt mich, ich habe von Beginn an auf Eigenfinanzierung gesetzt. Im Gegensatz zu den Parteien kann ich als Einzelperson keine Spenden annehmen. Menschen aus der Region, die mich unterstützen, haben sich mit Spenden an die unterstützenden Parteien eingebracht, um meine Kandidatur zu unterstützen. Dafür bin ich sehr dankbar. Diese Spenden sind mit eingeflossen in ein Gesamtbudget, das knapp ist und von dem ich einen sehr hohen Eigenanteil trage.

Und wie finanziert sich Volker Boch selbst? Können Sie während des Wahlkampfs noch in der Redaktion der „Rhein-Zeitung“ arbeiten?

Als ich mich zu dieser Kandidatur entschieden habe, war klar, dass es kein leichter Weg sein wird – meine Road to RHK ist so, wie ich es von einem früheren Leistungssportler und langjährigen Journalisten selbst erwarten würde: großer Einsatz, professionelle Einstellung und voller Fokus auf das Ziel! Für mich fängt dies mit einer scharfen Trennung von Beruf und Ambition an. Ich werde häufiger gefragt, warum ich zuvor nicht kommunalpolitisch in Räten engagiert gewesen bin. Ich hätte es nicht für professionell gehalten, hauptberuflich über Politik zu schreiben und vor Ort parallel dazu kommunalpolitisch tätig zu sein. Für mich ist eine Trennung wichtig. Ich habe deshalb vor der Bekanntgabe meiner Kandidatur bei meinem Arbeitgeber um unbezahlten Urlaub gebeten.

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Zugezogen und angekommen: Eine Managerin in Oberdiebach

Ein Spanien-Urlaub und ein Hund sorgten vor fast 20 Jahren dafür, dass Bettina Wietzel-Skakowski nach Oberdiebach fand. Die Unternehmensberaterin aus dem Rhein-Main-Gebiet kaufte das alte Pfarrhaus, machte aus den Steilhang dahinter einen gefeierten Welterbe-Garten und engagierte sich für den Ort. Warum sie das Leben dort liebt, wie sie Teil der Dorfgemeinschaft wurde, was Zugezogene aus der Großstadt wissen sollten und was im Mittelrheintal noch besser laufen könnte, erzählt sie im Interview mit Mittelrheingold.

Bettina Wietzel-Skakowski vor Oberdiebach-Kulisse. Foto: Privat

Bettina Wietzel-Skakowski zog vor fast 20 Jahren nach Oberdiebach. Foto: Privat

Du hast in Paris studiert und warst Managerin in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Warum Oberdiebach?

2003 ist uns im Urlaub auf der Kanareninsel La Palma ein wild lebender Hund zugelaufen, den wir mitgenommen haben. In unserer Wohnung bei Frankfurt hatten wir ziemlich viel Ärger mit den Nachbarn, so dass wir ein naturnahes Haus mit großem Grundstück gesucht haben. Und hier fanden wir das unter Denkmalsschutz stehende Alte Pfarrhaus in Oberdiebach. Mit Probewohnen in einem Hotel in Bacharach habe ich 14 Tage geprüft, ob ich täglich die Strecke nach Frankfurt in die Arbeit aufnehmen kann. Mehrfach haben wir das Haus angesehen und letztlich gekauft. Wir waren vom ersten Moment sehr zufrieden mit dem Ort, den Nachbarn und dem Haus und sind es heute nach fast 17 Jahren immer noch. Oberdiebach dient als Kraftort für das Arbeiten in der Fremde, man kommt immer wieder gerne zurück.

Wie beschreibst du das Dorf denen, die noch nie dort waren?

An sich ist es so als ob man in einem Hochhaus in einer Metropole lebt, man sitzt in einem Boot. Das Dorf ist mehr eine Lebensgemeinschaft als nur eine Wohngemeinschaft, von einigen fühlt man sich richtig in die Familie adoptiert. Du hast mit 824 Einwohnern, davon rund 500 in Oberdiebach, ein Universum von Interessen, Talenten, Schicksalen auf kleinen Raum, jeder kennt jeden, aber jeder hat sehr viel Platz für sich. Anfangs hatten wir sehr viel Arbeit in unseren Garten gesteckt, rund 10 Jahre und wenig Zeit für die Gemeinschaft. Bist Du angekommen, realisiert du, wieviel Wert eine tolle Nachbarschaft hat, und vor allem, was dir die atemberaubende Landschaft des Oberen Mittelrheintals fürs Leben gibt und welchen Schatz man hat, darin leben zu können. Seit 2015 ist unser Garten auch in der Route der Welterbegärten Oberes Mittelrheintal gelistet und von Einheimischen und Touristen besucht.

2020 war auch der SWR im Oberdiebacher Welterbe-Garten: 

Du hast gerade mit anderen Menschen im Ort ein neues Informationssystem vorgestellt. Wie schwer war es für dich, in Oberdiebach anzukommen?

Weil wir genau in den Ortsmittelpunkt gezogen sind, war es nicht schwer, wahrgenommen zu werden. Wir sind auf die Nachbarn zugegangen, wir wurden schnell integriert, haben immer handwerkliche Hilfe und konkrete Handgriffe erhalten. Die Idee eines Informationssystems oder neudeutsch einer Besuchersteuerung für den Ort hatte ich schon länger, weil mich auch Rentnerinitiative der Heinzelmänner vor einiger Zeit angesprochen haben. Ich wollte dem Ort auch etwas zurückgeben und das sollte gleichzeitig einen Nutzen für die Besucher und die Einheimischen haben. Im Frühjahr 2021 habe ich mir Zeit genommen, ein Konzept zu entwickeln und das mit den handwerklich genialen Heinzelmännern – einer bärenstarken Gemeinschaft – im Ort umzusetzen. Umso erfreulicher war es auch, dass sich mit Elke Müller und Reinhard Roos zwei weitere Mitstreiter für das Redaktionsteam gefunden haben. Wir haben schon Zukunftspläne.

Von der Stadt aufs Land zu ziehen, liegt spätestens seit Corona im Trend. Was ist der größte Fehler, den man dabei machen kann?

Wie bei der Aufnahme in jede neue Gemeinschaft tut man gut daran reinzuhören und sich tunlichst aus uralten Streitigkeiten heraushalten. Besserwissen und voreiliges Bewerten ist auch nicht von Glück gesegnet. Man sollte die Leute erst einmal nehmen, wie sie sind. Nur wenn man aufgenommen ist, kann man langsam Veränderung einbringen. Mein Mann und ich sind dem Feuerwehrverein beigetreten und haben unseren Bekanntenkreis vergrößert. Die Strukturen im Ort sind von Weinbau und Handwerk geprägt, darum haben Leute mit einem eher zupackenden Wesen und pragmatisches Verständnis vom Leben auf jeden Fall Vorteile. Die Samstage sind von arbeitsamen Treiben dominiert, spätestens ab 7 Uhr tuckern Traktoren durch den Ort. Uns gefällt das. Sonntagsredner werden sehr schnell enttarnt und aufs Abstellgleis gestellt. Es ist auf jeden Fall gut, mit Mixed-Teams zu arbeiten, mit Eingesessenen und Neubürgern. Das fördert aus meiner Sicht die Veränderung.

In den 90er Jahren gab es in Oberdiebach ein Wirtshaus, eine Bäckerei mit Lebensmittelhandel, einen eigenen Pfarrer. Das ist heute alles verschwunden. Wie hält man ein Dorf fast ohne Gewerbe, Arbeitsplätze und Institutionen am Leben?

Es ist sehr schade, dass wir diese wichtige Infrastruktur nicht mehr am Ort haben. Wir haben jedoch Alternativen mit dem Viertälerbus oder mittlerweile einem Verkaufswagen mit Waren frisch vom Bauernhof aus dem Hunsrück. Die Gastwirtschaft als sozialer Treffpunkt fehlt ganz eindeutig für das Dorf und vor allem die Gäste. Die so genannten Garagenkneipen oder Nachbarschaftsfeste sind als Alternativen etabliert worden und sehr gemütlich. Sie ersetzen die Gastwirtschaft nicht, hier müssen wir noch Ideen entwickeln. Der wirtschaftliche und demografische Wandel hat auch nicht vor der Kirche haltgemacht. Ich denke aber, dass unter der Leitung unseres Pfarrers Timm Harder und mit der Unterstützung durch die Prädikanten, Küster und Freiwillige in Oberdiebach und den anderen Gemeinden die Kirchenarbeit sehr gut organisiert wird und sogar dem Phänomen der Isolierung und Abgrenzung der Orte voneinander entgegenwirkt. Ich denke, dass die Kirche wie auch die Vereine sehr gut zum Gemeindeleben beitragen. Die Zahl der Gewerbebetriebe ist aus meiner Sicht nicht einmal so gering. Leider können wir nicht den Sitz eines Weltkonzerns verzeichnen, aber Handwerksbetriebe bereichern die Gewerbestrukturen. Ich bin auch der Meinung, dass Jammern nicht hilft, sondern eher Mut machen und sich an kleinen Schritten begeistern. Es ist auch erfreulich, dass junge Leute mit Kindern wieder in den Ort ziehen.

Eine Zukunftsvision für das Mittelrheintal ist die Ansiedlung von kleinen, ortsungebundenen Digitalfirmen, die junge Menschen und Familien nach sich ziehen. Wie realistisch ist das?

Ich finde die Idee sehr gut, neben dem Tourismus noch weitere Standbeine für die Orte im Mittelrheintal zu etablieren. Die digitale Welt, Programmierer, Berater sind dazu auf jeden Fall prädestiniert, wenn sichergestellt ist, dass die Infrastruktur in Netz- und Stromleitungen ausreicht. Ich kann mir auch vorstellen, dass Künstler angesiedelt werden könnten und Kunstgewerbe und Manufakturbetriebe für die Herstellung von Nahrungsmitteln eine Chance hätten.

Wenn das Mittelrheintal ein Unternehmen wäre und du die Vorstandsvorsitzende: Was würdest du als erstes verändern?

Im Vergleich zu anderen Gebieten finde ich das Mittelrheintal immer noch im Dornröschenschlaf und am Glanz seiner Vergangenheit orientiert. Es gibt aus meiner Sicht zwei Hebel: den Gewerbezweig Tourismus/Gastronomie/Freizeitwirtschaft, der nicht nur aus den einzelnen „Locations“ besteht, sondern nur in Kombination mit dem Wein oder der wunderbaren, einmaligen Landschaft funktioniert, Und die gerade erwähnten neuen Industrien, um die Landflucht zu vermeiden. Aus meiner Sicht beschäftigen sich die Orte heute beim Tourismus erst einmal mit sich selbst, oder besser gesagt, sie versuchen sich gegenseitig den Rang abzulaufen als mit übergreifenden Initiativen zu arbeiten. Denn was nutzt einem einzelnen Hotelier, wenn der Ort, in dem sich sein Hotel befindet, insgesamt heruntergekommen ist. Bei der Attraktivität des Mittelrheintals kommt es vor allem auf das Gesamtbild an. Wenn das stimmig ist, fällt für alle etwas ab. Jeder Ort sollte zum Multiplikator für den anderen werden und nicht zum Wettbewerber. Den Besucher interessiert vor allem die Vielfalt der Möglichkeiten im Mittelrheintal, nicht die Probleme dahinter, denn er kommt vorrangig, um sich zu erholen und abzuschalten.

Was schlägst du vor? 

Ich würde als erstes Wirtschafts- und Wohnraumförderer einsetzen, die sich um Wirtschaftsansiedlung, regionale Gestaltung und die Reduzierung beziehungsweise Umwidmung von Leerstand kümmern. In jedem Gemeinderat oder auf Ebene der Verbandsgemeinde sollte ein Verantwortlicher diese Anliegen verantworten und bei der Umsetzung bereitstehen. Flankierend dazu sollte es zentrale Finanztöpfe für Ansiedlung von neuen Bürgern und Gewerbe geben. Die kleineren Gemeinden sind damit oft überfordert und können aus eigenen Kräften nicht viel verändern. Zweitens sollten die Kommunikationsstrukturen wie Webauftritte, Veranstaltungen und Pressearbeit verbessert werden, den kleineren Gemeinden sollte unter die Arme gegriffen werden. Vielleicht helfen auch zentrale Strukturen. Eventuell sollten auch Persönlichkeiten aus dem Tal, die hier leben oder noch immer Verbindung haben und die breit vernetzt sind, noch mehr für das Tal werben. Nicht nur Winzer, sondern eben auch Unternehmer, Künstler, Handwerker etc. und nicht nur Weinbaubetriebe. Das Tal mit den 4 Verbandsgemeinden hat gute Chancen die besten Kräfte zusammenzubringen, in dem man sich noch stärker themenspezifisch und ohne Rücksicht auf geografische Belange wie den Rhein für das Ganze vernetzt. Gerne bringe ich mich auch hier stärker ein. Bei unserem Informationssystem für den Ort habe ich mich von den rechtsrheinischen Wispertrails inspirieren lassen.

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„Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen“

Susanne Röntgen-Müsel war Tourismus-Managerin in Frankfurt, als sie einen ungewöhnlichen Anruf bekam: Ob sie sich vorstellen könnte, einen Hotelbetrieb in Lorch aufzubauen? Sie konnte. Das Hotel sollte nicht in irgendeiner Gewerbeimmobilie entstehen, sondern in der ehemaligen Schule. Die Lorcher Weingutsbesitzerin Franziska Breuer-Hadwiger hatte das Gebäude im Bauhaus-Stil gekauft, um es vor dem Leerstand zu retten. Sie selbst war dort als Kind zur Schule gegangen. Röntgen-Müsel bekam freie Hand. Die gebürtige Dortmunderin startete eine der erfolgreichsten Neugründungen am Mittelrhein. Sie setzte nicht auf herkömmlichen Seniorenteller-Tourismus, sondern auf Gäste mit Geschmack und Sinn für das Besondere. Heute gehört das „Hotel im Schulhaus“ zu den Vorzeigebetrieben im Tal und zu den zertifizierten „Welterbe-Gastgebern“. 7 Fragen an eine Quereinsteigerin mit Marketing-DNA.

Susanne Röntgen-Müsel eröffnete 2013 das "Hotel im Schulhaus". Foto: Rald Kaltenbach

Susanne Röntgen-Müsel eröffnete 2013 das „Hotel im Schulhaus“. Foto: Ralf Kaltenbach

Susanne, wie kommt eine Marketingexpertin aus Dortmund zu einem Hotel in Lorch?

Der Liebe wegen bin ich im Rheingau gelandet und gleich in das Hotelgeschäft eingetaucht. Von da ab war ich angefixt und konnte mir keinen anderen Beruf mehr vorstellen. Aber nach einigen Hotel-Stationen im Rheingau und Wiesbaden hat mich auch die andere Seite des Tourismus interessiert. Bei der Rüdesheimer Tourist Information habe ich die Privatisierung und Überführung in die „RÜD AG“ live erlebt und gelebt. Das war spannend. Im Rahmen der internationalen Vermarktung konnte ich die halbe Welt bereisen, wertvolle Erfahrungen sammeln, mein Wissen erweitern und mein touristisches Netzwerk ausbauen. Alles das kam mir zugute, nachdem ich als Vertriebsleiterin zur Deutschen Zentrale für Tourismus nach Frankfurt gewechselt hatte. Dann bekam ich im Sommer 2011 einen Anruf, den ich wohl nie vergessen werde. Ich sollte die Leitung eines neu entstehenden Hotels in Lorch übernehmen.. Meine Liebe zum Hotel Business war sofort wieder geweckt,  auch wenn viele Menschen in meinem Umfeld das neue Projekt als wenig erfolgversprechend ansahen. So kann man sich täuschen. 

Wie schwer war es für dich, im Hotelgeschäft anzukommen und was hat dich am meisten überrascht?

Es war super interessant, alles von Beginn an mitzugestalten. Am Anfang hatte ich lediglich einen Grundrissplan vor Augen und einen Plan im Kopf. Doch dann ging alles sehr schnell, im April 2013 haben wir eröffnet und jetzt bin ich sozusagen schon im 9. Schuljahr. Ich kann das kaum glauben. Ich habe bis heute nie an meinem Entschluss gezweifelt, auch nicht, wenn es Schwierigkeiten gab. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mit der unerwarteten hohen Fluktuation des Personals umzugehen. Das kannte ich in meiner bisherigen Laufbahn nicht. Nach wie vor ist es mir wichtig, mein Team  zu motivieren, zu fördern und langfristig zu halten. 

Positiv überrascht hat mich die steigende Zahl der Wandergäste. Über den Run auf unser kleines Lorch freue ich mich riesig. Ich habe das Thema Wandern zwar von Anfang an vorangetrieben, aber dass es sich so entwickeln würde, hätte selbst ich nicht zu hoffen gewagt. Und jetzt bin ich glücklich, dass es so gut läuft. Mit den neuen Premium-Wanderwegen, den Wisper Trails, kommen noch mehr Gäste, die gerne wandern zu uns ins Hotel. Lorch und unser Haus sind jetzt noch gefragter. Für mich ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen. 

 

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Eine Studie hat den Hotel-Bedarf im Mittelrheintal hochgerechnet. Demnach müssen bis zur Buga 2029 noch mehrere 1000 Betten modernen Standards her. Wie soll das funktionieren?

Oh ja, ein heikles Thema! Aber eigentlich ist es doch klar: Investiert – auch von außen –  wird nur, wenn man der Meinung ist, dass es sich lohnt. Und da gilt es in diesem Fall, viele Voraussetzungen zu schaffen, dass der Invest auch zurückkommt. Zwei wichtige Punkte sind die Verbesserung der Infrastruktur und die Verlängerung der Saison. Das Tal muss auch für die Monate November bis  März attraktiv werden. Dazu gehören u. a. touristische Attraktionen und gästefreundliche Öffnungszeiten der Gastronomie. Diese Themen sind nicht neu und werden schon seit zig Jahren von allen Hotel-Kollegen gefordert. Unsere Gäste haben in den Wintermonaten einfach zu wenig Möglichkeiten, außer Wandern, die Belegung sinkt vom Oktober mit knapp 90 Prozent  im November auf 20 Prozent  bis Februar auf 10 Prozent! Wer traut sich da, zu investieren? 

Die Corona-Krise hat deine Branche schwer getroffen. Wie ist es euch nach dem Lockdown ergangen?

Nach dem ersten Lockdown in 2020 waren alle euphorisch und noch nicht so gebeutelt wie nach dem zweiten Lockdown. In 2020 gab es für mich keine Personalprobleme. Die Gäste haben fleißig gebucht und wir hatten von Juni bis September gutes Geschäft. Doch der Umsatz schmolz dahin, denn wir hatten durch die Pandemie viele zusätzliche Kosten. Und dann kam der Winter, und der ist hier sowieso schwierig. Der zweite Lockdown war dann eine Voll- Katastrophe! Danach haben sich einige Mitarbeiter einen neuen Job gesucht und Personal zu finden ist noch schwieriger geworden als vor Corona. Das geht in die Knochen und belastet das verbleibende Team, das einen supertollen Job macht. 

Von der Belegung her sind wir zufrieden. Wir sind glücklich, mittlerweile als Wanderhotel bekannt und beliebt zu sein. Und heute gilt mehr denn je: Gäste wollen raus! Das merken wir bei den aktuellen Buchungen. Leider können wir uns dennoch nicht voll ausbuchen, da die Abstandsregelung im Restaurant unsere Sitzkapazitäten einschränkt. Bei einer Auslastung von 75 – 80 Prozent ist Schluss.

Zudem hängen die Ungewissheit, wie es weitergehen wird und aktuellen Corona-Verordnungen wie ein Damoklesschwert über der Branche – die Ungewissheit ist weiter hoch. Denn keiner weiß, wie sich die Politik mit steigenden Inzidenzahlen entscheiden wird. Trotzdem – wir blicken positiv nach vorne! Denn wir lieben das, was wir machen Wir sind Gastgeber von Herzen.

Das Weingut Altenkirch ist Partnerbetrieb deines Hotels. Wann eröffnet der Gutsausschank wieder?

Sobald es geht! Wir suchen aktuell neue Pächter, die bereit sind eine gute Gastronomie anzubieten. Weil wir ein Hotel garni sind, ist eine Kooperation von unserer Seite aus gesehen mehr als gewünscht. Lorch ist ein guter Ort  für einen Neuanfang. Vielleicht  auch für Gastronomie-Kollegen, die durch das jüngste Hochwasser ihre Betriebe  verloren haben. Hier in Lorch wären sie herzlich willkommen. Und ich verspreche eins: Unser Team wird helfend zur Seite stehen und Gäste schicken. 

Das Angebot an einen Gastronomen aus dem Flutgebiet ist eine von vielen Möglichkeiten zu helfen. Welche Initiativen aus deiner Branche sind dir aufgefallen?

Die Hilfsbereitschaft ist umwerfend groß! Jeder versucht mit seinen Mitteln etwas dazu beizutragen. Man sollte keinen besonders herausstellen, weil jeder mit einer Aktion dabei ist. Zum Beispiel mit Events und Menüs, deren Erlös gespendet werden. Aus vielen Winzerorten fahren jede Woche kleine Trupps an die Ahr zum Helfen. Sehr gut kommt die Aktion „Flutwein“ an! Toll finde ich, dass alle, Gäste und Kollegen, am gleichen Strang ziehen und sich mit Spenden an der Hilfe beteiligen. Wir sind uns einig, dass die Aktionen noch lange weitergehen müssen.

Du warst schon vor deinem Wechsel nach Lorch Tourismus-Profi. Was könnte man beim Marketing für das Obere Mittelrheintal besser machen? 

Schon wieder so eine Frage, bei der ich weit ausholen könnte, weil sie mich immer wieder beschäftigt. Ich antworte hier jetzt einfach mal in Schlagworten zum Weiterdenken … und Handeln: 

  • Kommunikation verbessern – man soll endlich wieder über uns sprechen … 
  • Die Bildsprache muss ansprechender und moderner werden, mehr sexy, 
  • Romantisch sein liegt doch im Trend … 
  • Mittelrheintal – D I E  Destination für Hochzeitsreisende, Why not? 
  • So viele Burgen – so viele Chancen 
  • Vermarktung von ansprechenden Events: Oldtimer Treffen, Sport Events, Romantik Parcours, Landhaus-Living inklusive Mode … auf einer Burg, etc.
  • Weine des Mittelrheintals besser herausstellen – siehe junge Moselwinzer 
  • Begriff „Welterbe“ erklären. Das ist doch was. Aber was eigentlich? 
  • Junges Publikum fokussieren – zum Beispiel junge und junggebliebene Outdoor – Liebhaber, 
  • Ich wünsche mir insgesamt mehr Mut und Kampagnen, die Lust machen 

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