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Autor: Redaktion

Thomas Feser: „Wir sind da und erreichbar“

Was macht Corona mit einer Stadt? Thomas Feser ist Oberbürgermeister von Bingen, der nach Koblenz größten Kommune im Welterbetal. Im Interview mit Mittelrheingold-Gastbloggerin Marie-Luise Krompholz erzählt er, wie die Verwaltung auf die Krise reagiert, was ihn besonders beeindruckt hat, was ihm Sorge bereitet und worauf er sich am meisten freut. 

Petra Fleischmann, Leiterin des Lernzentrums, Julia Löffler, Leiterin der Bücherei und OB Thomas Feser (v. li.) bei der symbolischen Bücherei-Eröffnung im Juli 2020. © Stadt Bingen

Feier ohne Publikum: Thomas Feser mit Petra Fleischmann, Leiterin des Lernzentrums, und Büchereichefin Julia Löffler (Mitte) bei der symbolischen Bücherei-Eröffnung im Juli 2020. © Stadt Bingen

Herr Feser, wie hat Corona Ihren Alltag verändert?

Mir persönlich geht es da nicht anders als allen Menschen: Die Welt ist klein geworden, fokussiert auf wenige Orte und wenige Menschen, zumindest was die direkten Kontakte anbelangt. Meine Familie ist mir wichtig, besonders besorgt bin ich natürlich um die Gesundheit meiner betagten Mutter. Trotz allem lebe ich wie alle einen gewissen Rhythmus, aber die Gewohnheiten sind andere als ohne Lockdown. 

Kontakte spielen sich häufig über die digitalen Wege ab, eine spontane Begegnung mit der Bürgerschaft findet leider kaum statt, trotz allem erreichen mich viele Informationen und Fragen. Und mein Kalender ist leerer geworden, „Absage“ steht oft als Randvermerk an Terminvormerkungen. Gremiensitzungen, all die größeren und kleineren Anlässe, Eröffnungen, Einweihungen, Konferenzen, sie sind entweder verschoben, finden nur in begrenztem Umfang statt oder sind gleich in die digitale Welt ausgegliedert. Dafür sind andere Aufgaben dazu gekommen. 

Insgesamt unterscheide ich mich nicht vom Durchschnitt. Mir fehlen die direkten Begegnungen, die Selbstverständlichkeit beim Einkaufen, die Urlaubsplanung. Aber ich weiß auch: Unser Feind ist nicht Herr Spahn oder Frau Merkel, unser Feind ist das Virus. Wir haben schon so viel erreicht, die Zahlen sind dank der Kooperation und Einsicht unserer Bürgerinnen und Bürger runtergegangen, ein Impfstoff ist in kürzester Zeit entwickelt worden. Dafür bin ich dankbar. Auch für die vielfach zu erlebende Hilfsbereitschaft, das ist bei allen Sorgen das Positive. 

Wieviel Stadtverwaltung und Lokalpolitik funktionieren aus dem Home Office?

Wichtig ist für uns, dass Stadtrat und all die anderen städtischen Gremien arbeiten können, denn deren Entscheidungen sind die Basis für die Arbeit der Verwaltung und die Entwicklung der Stadt. Da war viel Organisationstalent und Kreativität gefordert, zunächst in der Fortsetzung der Gremienarbeit in Präsensform in unseren größten Hallen mit den erforderlichen Corona-Regeln. Mittlerweile tagen unsere Gremien weitgehend digital – das funktioniert, aber echter Austausch, Diskussionen mit dem unmittelbarem Gegenüber sind eigentlich unersetzlich.

An das Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiter-Team der Stadtverwaltung kann ich nur ein großes Kompliment aussprechen: Die Arbeit geht weiter, neue Herausforderungen werden kreativ gestemmt, die sich ständig ändernden Regelungen rasch umgesetzt. Homeoffice, meist im Wechselbetrieb, ist mittlerweile gängige Praxis, die technischen Voraussetzungen dafür konnten wir in kürzester Zeit schaffen. Ganz „nebenbei“ wurden Hygienekonzepte entwickelt, eingeführt und auch gelebt. Aber auch hier fehlt allen der unmittelbare Austausch mit Gesprächspartnern, der Small-Talk in der Teeküche, ein Betriebsfest und vieles mehr. Am Wichtigsten jedoch: Wir sind für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt da und erreichbar.

Normalerweise nehmen Sie viele Termine in der Stadt wahr, sind sichtbar und leicht ansprechbar für Bürgerinnen und Bürger. Wie bleiben Sie in der Corona-Zeit präsent?

Die Menschen, die ein Anliegen haben, finden den Weg zu mir auf andere Weise. Generell liegt es mir am Herzen, die Menschen in unserer Stadt gut, umfassend und zeitnah zu informieren, darum ist Pressearbeit besonders wichtig. Als Informationsportal spielt unsere stets aktuelle Homepage eine wichtige Rolle. Zudem informiere ich unsere Bingerinnen und Binger regelmäßig über wöchentliche Videonachrichten zu aktuellen Themen. Auf diesem Wege und mit einem ausführlichen Neubürgerbrief konnte ich auch viele unserer neu zugezogenen Mitbürgerinnen und Mitbürger ansprechen, da unser jährlicher Neubürgerempfang ausfallen musste. 

Wieviel kann eine Kommune wie Bingen in Sachen Corona eigentlich selbst entscheiden? Wo müssen Vorgaben von Land und Kreis zu Corona „einfach nur umgesetzt“ werden? Und wie sorgen Sie dafür, dass die Erfahrungen und Sorgen aus Bingen bei den übergeordneten Stellen ankommen und ernst genommen werden?

Maßgeblich sind für uns in erster Linie die Corona-Regelungen von Bund und Land. Diese Regelungen umzusetzen, ist dann wiederum im örtlichen Bereich auch unsere Aufgabe. Dazu gehören die Aufrechterhaltung der Verwaltung in Corona-Zeiten, die Organisation des Betriebs unserer Kindergärten und Schulen, ebenso die Kontrolle auf Einhaltung der Corona-Regelungen im öffentlichen Bereich in Abstimmung mit Polizei und Kreisverwaltung. 

Ständiger Austausch erfolgt zum Beispiel über regelmäßige Video-Konferenzen mit unserer Landrätin; unsere darüber hinaus gehenden Sorgen und Anliegen trage ich brieflich oder im Gespräch an die zuständigen Stellen, etwa Ministerien oder auch kommunale Spitzenverbände, heran.  

Was war bislang die größte Herausforderung im Zusammenhang mit Corona?

Der Betrieb des Heilig-Geist-Hospitals in Corona-Zeiten, das war und ist schon eine Herausforderung, vor allem für das HGH-Team. Hier habe ich mich etwa bei Minister Spahn für eine Erhöhung der Freihaltepauschale eingesetzt. Der Gang durch die Binger Innenstadt macht mich mehr als nachdenklich beim Blick auf den Einzelhandel. Mit einem kurzfristig entwickelten Online-Einkaufsportal und Appellen, lokal zu kaufen, haben wir versucht zu unterstützen. Betriebe und Institutionen, die unter dem Lockdown in Existenz bedrohende Situationen gekommen sind – das sind Situationen, die eine Kommune alleine nicht lösen kann.

Insgesamt treibt mich die Sorge um das Wohlergehen der Menschen und deren Gesundheit um, das ist ja der Maßstab für all unsere Anstrengungen. Ich bin aber auch dankbar, dass so viel Solidarität in unserer Stadt spürbar war und ist. Gegenseitige Unterstützung, jetzt wieder beim Fahrdienst beim Impfen, organisiert von unserer Ehrenamtsbeauftragten Anette Hammel, und besonders in der ersten Welle die unwahrscheinliche Nachbarschaftshilfe – großartig!

Das Stadtleben besteht ja keineswegs nur aus dem Corona-Management, auch in anderen Bereichen muss die Entwicklung vorangehen. Auf welchen Fortschritt in den letzten Monaten sind Sie besonders stolz?

Ich habe ja bereits erwähnt, dass unsere Verwaltung auch unter den veränderten Bedingungen gut funktioniert. Nur so war es auch möglich, eine Vielzahl von Projekten auch unter den aktuellen Umständen voran zu treiben – im Übrigen wichtig nicht nur für das städtische Leben, sondern auch für eine Aufrechterhaltung der Wirtschaft, die auf diese Aufträge angewiesen ist. Was ich bedaure ist, dass viele Maßnahmen einfach „unter dem Radar“ umgesetzt worden sind. 

So fehlte zum Beispiel eine tolle Eröffnungsfeier unserer neuen Bücherei, die ein ganz großartiges Projekt ist! Damit kommt eine wichtige Kultureinrichtung mitten in die Stadt, nahe zu den Menschen, und kann gleichzeitig Frequenzbringer sein für unsere Innenstadt. Oder ich denke an die Grundschule am Entenbach, grundlegend saniert und jetzt eine der modernsten Schulen im Landkreis, beispielhaft in der Barrierefreiheit und Digitalisierung. So ganz nebenbei wurde mit dem Wald- und Naturkindergarten ein für unsere Stadt völlig neues Konzept erfolgreich realisiert. Man kann die Sanierung des Stadtteilzentrums in Bingerbrück beobachten oder den Anbau der Feuerwehr in Kempten. Viele weitere Vorhaben sind in verschiedenen Phasen der Umsetzung, etwa der Park-and-Ride-Parkplatz oder das Familienzentrum in Bingerbrück. 

Auch wenn das Gastgewerbe derzeit noch generell im Lockdown ist, so konnte das ehrgeizige Projekt des Hotels Papa Rhein am Binger Kulturufer seine Tore zunächst öffnen. Das ist ein wichtiges Signal für mich auch mit Blick auf die Buga 2029, die ich als große Chance für die Stadt und die Region begreife. Besonders freut mich auch, dass Bingen interessant ist für private Bauträger, was sich an den vielen Baukränen im Stadtbild ablesen lässt. So lässt die Gartenstadt, als Schlussstein der Landesgartenschau 2008, quasi einen neuen Stadtteil direkt am Wasser entstehen und verändert damit das „Binger Rheingesicht“ entscheidend.

 

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Welche längerfristigen Veränderungen durch Corona sind bereits absehbar und wie wollen Sie es aktiv angehen?

Was uns sicher noch lange beschäftigen wird, das sind die zu erwartenden Steuerausfälle. Die Auswirkungen lassen sich zurzeit noch gar nicht absehen, da werden wir reagieren müssen. Corona war stellenweise ein bisschen wie ein Brennglas. Veränderungen im Einzelhandel waren schon zuvor spürbar, sind jetzt aber natürlich verstärkt. Schon lange setzen wir uns für eine zeitgemäße Breitbandversorgung ein, die Defizite waren stellenweise bei verstärkter Digitalisierung spürbar. 

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Corona-Pandemie einigermaßen im Griff ist und die Beschränkungen wieder gelockert werden können? 

Wir mussten so viele Jubiläumsveranstaltungen aussetzen, z.B. die 60-jährige Partnerschaft mit Venarey-les Laumes, 25 Jahre Bingen swingt oder 75 Jahre Binger Winzerfest. Da hoffe ich sehr, dass es Wege geben wird, diese Anlässe angemessen zu feiern. Und natürlich freue ich mich darauf, wieder Menschen unmittelbar und persönlich zu treffen und wieder in ein lächelndes Gesicht zu sehen. Und ganz naheliegend: auf meinen Friseurbesuch ☺ 

Interview: Marie-Luise Krompholz

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Ein Kloster und die Corona-Krise: 6 Fragen an Philippa Rath

Corona bremst aus, engt ein und zwingt zum Verzicht – sogar hinter Klostermauern. Im 3 .Teil ihrer Corona-Interviews hat Gastbloggerin Marie-Luise Krompholz mit Philippa Rath von der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen gesprochen. Die katholische Ordensfrau, die als Buchautorin gerade bundesweit im Gespräch ist, sorgt sich um den Klosterbetrieb und hofft auf Lehren aus der Krise. 

Philippa Rath lebt seit 1990 im Kloster Eibingen. Foto: Abtei St. Hildegard Rüdesheim-Eibingen.

Philippa Rath lebt seit 1990 im Kloster Eibingen. Foto: Abtei St. Hildegard Rüdesheim-Eibingen.

Wie hat Corona in den letzten Monaten Ihren Alltag verändert? 

Mein persönlicher Alltag hat sich radikal verändert. Durch meine verschiedenen Aufgaben hier im Kloster als Stiftungsvorstand der Klosterstiftung Sankt Hildegard und als Geschäftsführerin unseres Freundeskreises war ich vor Corona viel unterwegs. Auch mein Engagement in dem Reformprozess der Kirche „Synodaler Weg“ war mit Reisen verbunden. Nun finden alle Begegnungen und Kontakte ausschließlich digital statt, ich verbringe viele Stunden am Tag in Zoom-Konferenzen und Telefonschaltungen. 

Auch die geistliche Begleitung von Menschen, die ansonsten zu uns kommen und ein Gespräch suchen, hat sich auf diese alternativen Kommunikationswege verlagert. Das alles ist manchmal sehr anstrengend. Ich bin aber erstaunt, wie gut es trotz allem geht. Dennoch vermisse ich natürlich – wie wahrscheinlich alle Menschen – die persönlichen Begegnungen und den direkten Austausch.

Mit Gottesdiensten, Seminaren, dem Klostercafé und dem Klosterladen zieht die Abtei St. Hildegard in normalen Zeiten sehr viele Besucher an. Wie hielten bzw. halten Sie während des Lockdowns Kontakt zu den Menschen außerhalb des Klosters? 

Das ist je nachdem sehr unterschiedlich. Unsere Kirche und unsere Gottesdienste sind ja weiterhin offen für alle, die kommen möchten. Gott sei Dank ist unsere Kirche ziemlich groß, so dass 40 Menschen problemlos auch unter strikter Einhaltung aller Corona-Abstands- und Hygieneregeln an den Gebetszeiten teilnehmen können. 

In allen anderen Bereichen ergeht es uns wie so vielen Hoteliers, Gastronomen und Geschäftsleuten überall auf der Welt, die um ihre Existenz bangen und deren Reserven von Monat zu Monat mehr dahin schmelzen. Unser Gästehaus ist seit Monaten komplett geschlossen. Das schmerzt uns besonders, denn alle Kurse, Seminare und Exerzitienangebote mussten wir ersatzlos streichen. Die Wartelisten sind nun lang, so dass nach dem – so Gott will – baldigen Ende des Lockdowns die Gäste hoffentlich wieder zu uns strömen werden. 

Die Schließung des Klosterladens und des Klostercafés hat uns ebenfalls hart getroffen, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in unserer Sorge für die Mitarbeitenden, vor allem für die Menschen mit Beeinträchtigung, die in unserem Inklusiven Klostercafé arbeiten. Sie alle sind ohne ihre Arbeit haltlos und warten sehnsüchtig darauf, wieder voll mitmachen zu dürfen. Am Wochenende gibt es aber wenigstens ein kleines „Café to go“-Angebot, das die Besucher auch gerne annehmen. Unser Klosterladen und das Klosterweingut haben sich damit geholfen, dass sie ihr Online-Angebot seit Beginn des Lockdowns massiv ausgebaut haben und nun Bestellungen per Telefon oder Mail möglich sind. Die Kunden sind dankbar dafür, aber einen normalen Einkaufsbummel und das Stöbern im Laden ersetzt das natürlich in keiner Weise.

 

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Wieviel Beistand, Trost und Begleitung können Sie trotz Social Distancing geben?

In diesem Punkt bin ich eigentlich recht zuversichtlich. Uns erreichen in diesen Wochen und Monaten sehr viele Bitten um Gebetsunterstützung in den verschiedensten Anliegen. Unser Gebet ist für die Menschen in nah und fern wichtig und, wie mir scheint, in Corona-Zeiten auch deutlich intensiver geworden. Viele Mitschwestern begleiten Menschen zudem telefonisch oder per Mail. Ich selbst telefoniere regelmäßig mit mehreren Personen, die durch Corona nahe Angehörige verloren habe und versuche, ihnen auf diese Weise Trost zu spenden und neue Lebenskraft in ihnen zu wecken. Wir hoffen einfach, dass die Menschen durch unser Gebet und unser – wenn auch reduziertes – so doch treues Dasein für sie ein wenig Hoffnung und Zuversicht schöpfen können.

Ein Kloster ist traditionell ein Ort des Innehaltens und der Besinnung. Die Corona-Pandemie hat viele Menschen in ihrem hektischen Alltag ausgebremst. Aus Ihrer Erfahrung heraus, inwiefern kann Entschleunigung auch hilfreich sein?

Ich denke, Corona hat vieles von dem in Frage gestellt, was wir bisher für unumstößlich hielten. Das Virus stellt Fragen an unseren Lebensstil, an unser Verhältnis zur Natur, an unser Zusammenleben, an mein Verhältnis zu mir selbst, zu meinen Mitmenschen und zu Gott. Eine Krise hat für mich aber nur dann Sinn, wenn wir anders aus ihr hervorgehen als wir in sie hineingegangen sind. Insofern ist die erzwungene Entschleunigung sicher für manche, leider nicht für alle, auch eine Möglichkeit zur Besinnung. 

Die vielleicht wichtigste Lektion, die uns Corona lehren kann, ist meines Erachtens, dass die Zeit des Egoismus und Individualismus vorbei ist und Miteinander und Füreinander das Gebot der Stunde sind. Eine zweite Lektion wäre für mich: Maßlosigkeit kann krankmachen und ins Chaos führen. Corona lehrt uns, dass Maßhalten, Sich-Einschränken und Verzichten bisweilen unausweichlich und auch möglich sind – nicht als Selbstzweck, sondern um eines höheren Gutes willen. Verzichten kann zu mehr innerer Freiheit und zu einem Mehr an Leben führen

 

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Ein Beitrag geteilt von Mari Ta (@pixel_madchen)

Was können, was sollten wir alle aus dieser besonderen Zeit lernen? 

Jede und jeder sollte aus meiner Sicht die eigenen Lehren aus dieser Zeit ziehen. Das können wir niemandem abnehmen und schon gar nicht für alle bestimmen. Mich persönlich haben vor allem die vielen Toten der Pandemie sehr bewegt. Sie mahnen uns, dass wir alle jeder Zeit abberufen werden können. Das braucht uns, denke ich, keine Angst zu machen, aber kann achtsamer sein lassen. So leben, dass die Begegnung mit unserem Schöpfer uns nicht „kalt erwischt“. Das wäre aus meiner Sicht ein Lebensprogramm nicht nur in Coronazeiten.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Corona-Pandemie einigermaßen im Griff ist und die Beschränkungen wieder gelockert werden?

Ich freue mich vor allem, wenn die Menschen wieder angstfrei zu uns kommen können, und wenn ich meine Familie und meine Freunde wieder ungehindert in den Arm nehmen kann. Für unsere Gemeinschaft freue ich mich vor allem darauf, dass wir unser Gotteslob wieder singen können, was jetzt in Corona-Zeiten nur sehr eingeschränkt möglich ist. Neben der Freude überwiegt aber auch die Dankbarkeit für meine Gemeinschaft. In Krisenzeiten ist das so unendlich wichtig. Wir durften das haben, was andere schmerzlich vermisst haben. Das ist wahrhaftig ein Grund zum Danken. 

Und dann ist da neben Vorfreude und Dankbarkeit noch die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass wir alle nicht nur wieder dort anfangen, wo wir vor Corona aufgehört haben, sondern die Lehren und Erkenntnisse dieser langen und schwierigen Zeit in die Zukunft retten. Dann können wir dieser Krise am Ende auch einen Sinn abringen.

Sr. Philippa Rath OSB  wurtde1990 Benediktinerin der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen. Sie studierte Theologie, Geschichte und Politikwissenschaften und hat vor ihrem Klostereintritt als Redakteurin und Lektorin gearbeitet. Im Kloster ist sie u. a. für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Leben und Werk Hildegards von Bingen und war 2011/12 am Verfahren um Hildegards Heiligsprechung und Erhebung zur Kirchenlehrerin beteiligt. Schwester Philippa engagiert sich für die Gleichstellung der Frauen in der Kirche. Gerade hat sie ihr bundesweit beachtetes Buch „Weil Gott es so will“ erschienen, ein Appell für Frauen im Priesteramt

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Wander-Profi Heike Tharun: „Mach es für dich passend und angenehm“

Heike Tharun ist als Wander- und Mentaltrainerin oft am Mittelrhein unterwegs. In ihren Kursen hilft sie Outdoor-Fans, Ängste zu überwinden und den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Die Mainzerin bloggt außerdem über Wandern und stressfreien Naturgenuss. In Teil 2 der Interview-Reihe von Marie-Luise Krompholz erzählt sie, warum Wandern gegen Corona-Blues hilft, wie man sich auch im Winter vom Sofa aufrafft, was in den Rucksack gehört und welche persönlichen Erfahrungen sie in der Pandemie gemacht hat. 

Alpiner Abstieg am Mittelrhein. Foto: heimatwandern.de

Alpiner Abstieg am Mittelrhein. Foto: heimatwandern.de.

Was macht für dich den Reiz des Wanderns am Mittelrhein aus? 

Es sind die Höhen, Weiten und Pfade dieser Landschaft! Ich liebe sportliches Wandern, Ruhe und Abgeschiedenheit. Ich steige gerne rauf und runter, strenge mich an, um dann den Lohn der Arbeit auf der Höhe und bei tollen Aussichten zu genießen. Das Obere Mittelrheintal bietet mir quasi vor der Haustür genau die Landschaftsräume, in denen ich gerne unterwegs bin.  Als Sport-Mentalcoach für Bergwanderer finde ich in den Hängen und Felsen rechts und links des Flusses zwischen Bingen und Boppard das passende Terrain für meine Kurse und Coachings.

Wie kann Wandern gegen den Corona-Blues helfen? 

Ängste und Stress können durch neurophysiologische Wechselwirkungen zum Selbstläufer werden, das gilt generell und nicht nur beim Corona-Blues. Wir machen uns Sorgen, lassen Kopf und Schultern hängen, fühlen uns dadurch schlecht und triggern mit diesem schlechten Gefühl unbewusst weiter negative Gedanken – und das böse Spiel beginnt von vorne.

Wandern setzt da an, wo die Probleme entstehen und ist ein praktischer Ausweg: Du kommst von Kopf bis Fuß in Bewegung und machst neue, positive Erfahrungen in der Natur. Wenn du zum Beispiel vom Fluss auf einem Serpentinenweg durch den Wald hinauf auf die offene Rheinhöhe stapfst, kommt der Kreislauf in Schwung und Stresshormone werden abgebaut. Durch das Steigen richtet sich der Körper auf. Neue Bilder, das Rauschen eines Baches, das Knistern der Steinchen unter den Schuhen, ein glitzernder Sonnenstrahl lösen Grübel-Knoten und führen Schritt für Schritt aus der mentalen Sackgasse raus. Dieses Zusammenspiel von physischer Aktion, Sinneseindrücken und Perspektivenwechsel bringt uns automatisch auf neue, schöne Gedanken.

Warum mangelt es uns oft an Zuversicht? Und wie können wir lernen, gelassener und mutiger zu werden?

Herausforderungen und Probleme werden oft zu kopflastig angegangen, dabei ist Zuversicht viel weniger Kopfsache als du denkst. Mut und Gelassenheit wachsen mit der Erfahrung und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie dem Gefühl, sein Schicksal selbst in der Hand zu haben und positiv beeinflussen zu können. Konkret führt der Weg zu mehr Zuversicht also über das Sammeln von wohltuenden Erfahrungen. Mein Tipp, damit du besser ins Tun kommst: Mache die Aktivität für dich passend und angenehm.

Wie funktioniert das konkret?

Ich veranschauliche das mal am Beispiel Winterwandern. Du hattest eine stressige Woche im Home Office, beim Home Schooling usw. Du bist müde, kaputt, willst nur noch auf die Couch. Andererseits weißt du, eine Luftveränderung täte dir jetzt gut. Deshalb machst du dir das Wandern passend für den kalten Wintertag. Du suchst dir zum Beispiel eine einfache Strecke mit kurzer Anfahrt aus, ziehst eine Mütze oder ein Stirnband in deiner Lieblingsfarbe an, nimmst Grödel – also eine Art Schneeketten für die Schuhe – im Rucksack mit und stellst dir für die Belohnung hinterher einen leckeren Kuchen daheim bereit. 

Dein Tipp: Wo kann man auch jetzt im Spätwinter gut wandern?

Meine aktuelle Lieblingsrunde im Winter führt ab Weiler bei Bingen um oder über den Münstererkopf. Sie ist mit 6 Kilometern kurz, in Abschnitten geschützt durch Wald und bietet trotzdem tolle Aussichten, sowohl nach Rheinhessen als auch ins Rheintal. Die Tour ist ein abgewandeltes, für mich passend gemachtes, Teilstück des Premiumweges „Rhein-Nahe-Schleife“. 

Eine unverlaufbare, weil sehr gut ausgeschilderte, kurze und vom Untergrund einfache Runde ist das Traumschleifchen Pfalzblick bei Langscheid (5 km). Dann noch ein Tipp rheinabwärts, wo die Hänge steiler und die Täler tiefer werden: Ab Kestert hoch, ein Stück auf den Rheinsteig und durch die windgeschützte und wilde Pulsbachklamm runter an den Rhein und zurück nach Kestert (6 km).

 

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Ein Beitrag geteilt von Marc Christen (@marc.xkc)


Im letzten Jahr zog es viele Großstädter und junge Familien raus in die Natur. Was könnte man im Oberen Mittelrheintal noch besser machen, um aus dem Boom einen nachhaltigen und umweltverträglichen Trend zu machen?

Als Außenstehende stehen mir kluge Ratschläge eigentlich nicht an. Aber wenn ich gefragt werde: Insbesondere was den Anreiseverkehr und die Parkplatz-Situation betrifft, mache ich mir schon meine Gedanken. Für Wanderer ist die ÖPNV-Infrastruktur ja grundsätzlich super mit Bahn und Schiff. Die ÖPNV-Angebote könnte man noch besser aufeinander abstimmen, in Verbindung mit Wandertipps visualisieren und kommunizieren. Eine Lösung des Park-Dilemmas im Tal könnte sein, Ein- und Zustiege beliebter Routen wo möglich auf die Höhen zu verlegen.

Für Familien könnten mehr und im Tal verteilte naturnahe und kindgerechte Angebote, wie die Baumgeister-Tour im Binger Wald, eine gute Idee sein. Ich persönlich würde mich über mehr und anspruchsvollere Angebote für Erkunder und Entdecker freuen. Zwischen Bingen und Boppard gibt es einige interessante Pfade und Routen, die leider zum Teil vom Verwildern und Zuwachsen bedroht sind. Diese zu reaktivieren, könnte eine weitere Möglichkeit sein, dem „Overtourism“ an den Hotspots etwas entgegen zu setzen ohne allzu sehr reglementierend einzugreifen.

Wie hat Corona in den letzten Monaten dein Wanderleben verändert? 

Mit dem ersten Lockdown im Frühling 2020 war von jetzt auf gleich meine Kreativität, Flexibilität und Geduld gefragt. Ab Mitte März hieß es für mich Kurstermine verschieben, umbuchen, Stornoregelungen aufheben, sensibel auf Kundenwünsche eingehen, umsetzbare Angebote entwickeln. Der zweite Lockdown fällt zum Glück mit meiner Winterpause zusammen. Diese nutze ich ausgiebig für Erkundungen und Online-Fortbildungen. Streckenwanderungen vermisse ich, die gehen zurzeit nicht, weil ich den ÖPNV wegen der Ansteckungsgefahr gerade meide. 

Bei allen Problemen und Herausforderungen durch Corona, nimmst du auch positive Erfahrungen und Inspirationen mit aus dieser Zeit?

Neben dem draußen unterwegs sein, ist der vorbehaltlose und lebensbejahende Spirit meiner drei kleinen Enkeltöchter eine verlässliche Quelle der Freude. Zwei Stunden auf dem Spielplatz und der Corona-Blues ist aus dem Kopf. 

Außerdem durfte ich die tolle Erfahrung machen, dass mir meine Kunden treu sind. Letztes Jahr haben fast alle umgebucht, wenn ich einen Kurs wegen Corona absagen musste. Nur ein paar stornierten komplett, einige davon haben sich aber für 2021 schon wieder angemeldet. Die schöne Kehrseite des eingeschränkten Kursbetriebs war mehr Zeit für Wanderungen mit meinem Mann im Frühling 2020.

Worauf freust du dich am meisten, wenn die Corona-Pandemie einigermaßen im Griff ist und die Beschränkungen wieder gelockert werden? 

Ich freue mich sehr auf einen normalen Kursbetrieb ohne mir einen Kopf machen zu müssen, ob und wie ein Kurs stattfinden kann. Auf einen unbeschwerten Alltag, der einen nicht permanent dazu zwingt, sich zu disziplinieren. Das Leben wieder mehr laufen zu lassen, damit das, was ich beim Wandern so sehr mag, auch im Alltag wieder ein Stück Raum erhält: das Rumstromern!

Mehr über Heike Tharun gibt es auf ihrer Website www.heimatwandern.de   

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Ein Beitrag geteilt von VINUM – Magazin für Weinkultur (@vinummagazin)

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