Am Mittelrhein gibt es es momentan 3 Arten von Einzelhändlern:

  1. Die, die trotz Shutdown geöffnet bleiben, z,B. Lebensmittel- und Drogeriemärkte.
  2. Die, die seit Dezember geschlossen sind und um ihre Existenz kämpfen.
  3. Franziskus Weinert aus Oberwesel.

Der Inhaber von Spiel- und Schreibwaren Hermann hat den Familienbetrieb konsequent digitalisiert und wurde dafür mehrfach bundesweit ausgezeichnet. Franziskus‘ Innovationsgeist ist in der Corona-Krise Gold wert. Sein Online-Shop brummt und hält das klassische Ladengeschäft über Wasser. Im Mittelrheingold-Interview erklärt er, was stationäre Einzelhändler jetzt tun können und warum eine E-Commerce-Steuer Blödsinn wäre.

Schreibwaren Hermann 4.0: Franziskus Weinert führt den Familienbetrieb in vierter Generation.

Schreibwaren Hermann 4.0: Franziskus Weinert führt den Familienbetrieb in vierter Generation. Foto: Unternehmen

Franziskus, wie viele Pakete verschickst du pro Tag?

Unseren Peak hatten wir erst vor ein paar Tagen am Montag, dem 4. Januar, mit 266 Sendungen an einem Tag. Generell ist der Montag immer der stärkste Versandtag, da die Menschen mit Vorliebe am Sonntag online shoppen. Richtig ab ging es auch zwischen den Jahren in der Vorweihnachtszeit mit bis zu 200 Sendungen am Tag. Normalerweise versenden wir täglich zwischen 50 und 100 Sendungen. Was mich besonders stolz macht: Dass wir das mit einem kleinen Team sehr effizient und nahezu fehlerfrei abarbeiten. Wir haben alle Prozesse standardisiert und automatisiert – sonst wäre das nicht zu schaffen.

Als Digitalexperte kommst du vermutlich besser durch die Krise als viele andere Einzelhändler. Wie oft bist du schon von Kollegen um Rat gefragt worden?

Ohne unsere Online-Standbeine würde es uns schon seit Jahren in dieser Form nicht mehr als stationären Geschäft in Oberwesel geben. Aktuell ist bei uns kein Mitarbeiter in Kurzarbeit. Auch wenn wir jetzt im Lockdown einen täglichen Abhol- und Lieferservice anbieten, steht der damit erzielte Umsatz in keinem Verhältnis zu einem geöffneten Geschäft. Unser Versandhandel rettet uns durch die Krise. Durch meine Vorstandsarbeit bei Unternehmen für Oberwesel e.V. stehe ich regelmäßig im Kontakt und Austausch mit Kollegen. Mittlerweile hat jeder verstanden, dass es „ohne dieses Internet“ nicht mehr geht – aber noch lange nicht jeder handelt nach dieser Erkenntnis. Viele stehen vor strukturellen Problemen, die zum Großteil hausgemacht sind. In vielen Unternehmen herrscht ein Digitalisierungsstau. Der Grundpfeiler für Handelsunternehmen ist eine moderne Warenwirtschaft mit Schnittstellen in die Onlinewelt. Der Kunde möchte zu Hause sehen, ob die Ware im Laden vorhanden oder bestellt werden kann. Diesen Rückstand innerhalb von Wochen oder Monaten aufzuholen ist unmöglich.

 

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Was empfiehlst du Händlern und Gastronomen?

In der Krise ist die Kundenkommunikation das A und O. Unternehmen, die sich in den vergangenen Jahren eine Präsenz mit der eigenen Homepage und auf Facebook oder Instagram erarbeitet haben, können trotz Lockdown weiterhin mit ihren Kunden in Kontakt sein. Wer keine Präsenz im Internet hat oder diese nicht pflegt, ist beim Kunden nicht sichtbar. Ich wundere mich in diesen Tagen, dass selbst No-Brainer wie aktuelle Öffnungszeiten und Angebote bei Google My Business vielfach nicht genutzt werden. Bei uns hat sich auch die Kundenkommunikation via Whatsapp etabliert – das ist leicht für jeden umzusetzen.

Wie genau arbeitest du mit WhatsApp?

Mein erster Tipp für die Kollegen ist: Auf keinen Fall das geschäftliche Whatsapp übers private Handy laufen lassen, sonst hat man im Feierabend oder Urlaub keine Ruhe mehr. Als Geschäfts-Handy reicht ein günstiges Android-Smartphone. Außerdem sollte man die kostenlose Business-Variante von Whatsapp nutzen. Dadurch erhält man zusätzliche Funktionen, die einem das Leben leichter machen. Zum Beispiel die Autoresponder- oder die Begrüßungsnachricht-Funktion. Um schneller tippen zu können, empfiehlt es sich, in Whatsapp aussschließlich über die Desktop-App am Rechner zu schreiben. Um dem Kunden schnell und einfach einen Chat zu ermöglichen, kann man von einer Homepage direkte Verknüpfungen als Link setzen. Dann kann man direkt losschreiben, ohne erstmal umständlich einen Kontakt speichern zu müssen.

Wirtschaftsexperten befürchten eine Pleitewelle im Einzelhandel. Wie schätzt du die Lage am Mittelrhein ein? Stecken Händler auf dem Land den Shutdown besser weg oder geht es dort jetzt erst recht abwärts?

Die aktuelle Situation ist für jedes Unternehmen – egal ob auf dem Land oder in der Stadt – schmerzlich. Zusätzlich trifft es manche Branchen ungleich härter. Gerade die Gastronomie, Weingüter, Hotels, Tourismusbranche und komplette Kultur- und Kreativwirtschaft hatten im letzten Jahr schon große Einbußen. Alles hängt davon ab, wie lange die Zwangsschließungen jetzt noch andauern. Unabhängig davon ist es entscheidend, dass die zugesagten Unterstützungsgelder auch zeitnah ausgezahlt werden. Viele Unternehmen warten, nachdem sie bisher nur kleine Abschlagszahlungen erhalten haben, bislang vergeblich. Jedes Unternehmen, das unverschuldet wegen der Pandemie in die Krise geraten ist, muss finanziell vom Staat unterstützt werden.

 

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Was wünschst du dir von Politik und Verwaltung?

Ein paar Tage vor Weihnachten brachte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein Grundsatzpapier zu einer Paketsteuer auf die Agenda. Das ist reiner Populismus, und wer so einen Quatsch fordert, hat rein gar nichts verstanden. Dieses Bürokratiemonster würde vor allen Dingen die kleinen Online-Händler stark belasten. Steueroptimierte Großkonzerne wie Amazon würde es weniger treffen. Die versenden schon heute aus ihrem Versandlager in Polen und Tschechien direkt hinter der deutschen Grenze Pakete für den deutschen Markt und müssten dort natürlich keine deutsche Paketsteuer bezahlen. Jahrelang hat der deutsche Fiskus die Augen vor China-Händlern verschlossen, die keine Umsatzsteuer für ihre aus deutschen Amazon-Lagern versendete Ware entrichteten. Hunderte Millionen Euro an Steuergeld gingen damals verloren – und niemand hat es gekümmert. Im Lockdown dürfen Drogerie- und Supermärkte weiterhin ihr gesamtes Sortiment, das weit über den täglichen Bedarf hinausgeht, verkaufen, und wir Fachgeschäfte müssen schließen. Dabei berufen sich diese Märkte auf schwammige Formulierungen in der Corona-Bekämpfungsverordnung. Da hat die große Politik maßlos versagt – die, die immer wieder betont, wie wichtig und schützenswert der innerstädtische Einzelhandel doch sei.

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