Susanne Röntgen-Müsel war Tourismus-Managerin in Frankfurt, als sie einen ungewöhnlichen Anruf bekam: Ob sie sich vorstellen könnte, einen Hotelbetrieb in Lorch aufzubauen? Sie konnte. Das Hotel sollte nicht in irgendeiner Gewerbeimmobilie entstehen, sondern in der ehemaligen Schule. Die Lorcher Weingutsbesitzerin Franziska Breuer-Hadwiger hatte das Gebäude im Bauhaus-Stil gekauft, um es vor dem Leerstand zu retten. Sie selbst war dort als Kind zur Schule gegangen. Röntgen-Müsel bekam freie Hand. Die gebürtige Dortmunderin startete eine der erfolgreichsten Neugründungen am Mittelrhein. Sie setzte nicht auf herkömmlichen Seniorenteller-Tourismus, sondern auf Gäste mit Geschmack und Sinn für das Besondere. Heute gehört das „Hotel im Schulhaus“ zu den Vorzeigebetrieben im Tal und zu den zertifizierten „Welterbe-Gastgebern“. 7 Fragen an eine Quereinsteigerin mit Marketing-DNA.

Susanne Röntgen-Müsel eröffnete 2013 das "Hotel im Schulhaus". Foto: Rald Kaltenbach

Susanne Röntgen-Müsel eröffnete 2013 das „Hotel im Schulhaus“. Foto: Ralf Kaltenbach

Susanne, wie kommt eine Marketingexpertin aus Dortmund zu einem Hotel in Lorch?

Der Liebe wegen bin ich im Rheingau gelandet und gleich in das Hotelgeschäft eingetaucht. Von da ab war ich angefixt und konnte mir keinen anderen Beruf mehr vorstellen. Aber nach einigen Hotel-Stationen im Rheingau und Wiesbaden hat mich auch die andere Seite des Tourismus interessiert. Bei der Rüdesheimer Tourist Information habe ich die Privatisierung und Überführung in die „RÜD AG“ live erlebt und gelebt. Das war spannend. Im Rahmen der internationalen Vermarktung konnte ich die halbe Welt bereisen, wertvolle Erfahrungen sammeln, mein Wissen erweitern und mein touristisches Netzwerk ausbauen. Alles das kam mir zugute, nachdem ich als Vertriebsleiterin zur Deutschen Zentrale für Tourismus nach Frankfurt gewechselt hatte. Dann bekam ich im Sommer 2011 einen Anruf, den ich wohl nie vergessen werde. Ich sollte die Leitung eines neu entstehenden Hotels in Lorch übernehmen.. Meine Liebe zum Hotel Business war sofort wieder geweckt,  auch wenn viele Menschen in meinem Umfeld das neue Projekt als wenig erfolgversprechend ansahen. So kann man sich täuschen. 

Wie schwer war es für dich, im Hotelgeschäft anzukommen und was hat dich am meisten überrascht?

Es war super interessant, alles von Beginn an mitzugestalten. Am Anfang hatte ich lediglich einen Grundrissplan vor Augen und einen Plan im Kopf. Doch dann ging alles sehr schnell, im April 2013 haben wir eröffnet und jetzt bin ich sozusagen schon im 9. Schuljahr. Ich kann das kaum glauben. Ich habe bis heute nie an meinem Entschluss gezweifelt, auch nicht, wenn es Schwierigkeiten gab. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mit der unerwarteten hohen Fluktuation des Personals umzugehen. Das kannte ich in meiner bisherigen Laufbahn nicht. Nach wie vor ist es mir wichtig, mein Team  zu motivieren, zu fördern und langfristig zu halten. 

Positiv überrascht hat mich die steigende Zahl der Wandergäste. Über den Run auf unser kleines Lorch freue ich mich riesig. Ich habe das Thema Wandern zwar von Anfang an vorangetrieben, aber dass es sich so entwickeln würde, hätte selbst ich nicht zu hoffen gewagt. Und jetzt bin ich glücklich, dass es so gut läuft. Mit den neuen Premium-Wanderwegen, den Wisper Trails, kommen noch mehr Gäste, die gerne wandern zu uns ins Hotel. Lorch und unser Haus sind jetzt noch gefragter. Für mich ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen. 

 

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Eine Studie hat den Hotel-Bedarf im Mittelrheintal hochgerechnet. Demnach müssen bis zur Buga 2029 noch mehrere 1000 Betten modernen Standards her. Wie soll das funktionieren?

Oh ja, ein heikles Thema! Aber eigentlich ist es doch klar: Investiert – auch von außen –  wird nur, wenn man der Meinung ist, dass es sich lohnt. Und da gilt es in diesem Fall, viele Voraussetzungen zu schaffen, dass der Invest auch zurückkommt. Zwei wichtige Punkte sind die Verbesserung der Infrastruktur und die Verlängerung der Saison. Das Tal muss auch für die Monate November bis  März attraktiv werden. Dazu gehören u. a. touristische Attraktionen und gästefreundliche Öffnungszeiten der Gastronomie. Diese Themen sind nicht neu und werden schon seit zig Jahren von allen Hotel-Kollegen gefordert. Unsere Gäste haben in den Wintermonaten einfach zu wenig Möglichkeiten, außer Wandern, die Belegung sinkt vom Oktober mit knapp 90 Prozent  im November auf 20 Prozent  bis Februar auf 10 Prozent! Wer traut sich da, zu investieren? 

Die Corona-Krise hat deine Branche schwer getroffen. Wie ist es euch nach dem Lockdown ergangen?

Nach dem ersten Lockdown in 2020 waren alle euphorisch und noch nicht so gebeutelt wie nach dem zweiten Lockdown. In 2020 gab es für mich keine Personalprobleme. Die Gäste haben fleißig gebucht und wir hatten von Juni bis September gutes Geschäft. Doch der Umsatz schmolz dahin, denn wir hatten durch die Pandemie viele zusätzliche Kosten. Und dann kam der Winter, und der ist hier sowieso schwierig. Der zweite Lockdown war dann eine Voll- Katastrophe! Danach haben sich einige Mitarbeiter einen neuen Job gesucht und Personal zu finden ist noch schwieriger geworden als vor Corona. Das geht in die Knochen und belastet das verbleibende Team, das einen supertollen Job macht. 

Von der Belegung her sind wir zufrieden. Wir sind glücklich, mittlerweile als Wanderhotel bekannt und beliebt zu sein. Und heute gilt mehr denn je: Gäste wollen raus! Das merken wir bei den aktuellen Buchungen. Leider können wir uns dennoch nicht voll ausbuchen, da die Abstandsregelung im Restaurant unsere Sitzkapazitäten einschränkt. Bei einer Auslastung von 75 – 80 Prozent ist Schluss.

Zudem hängen die Ungewissheit, wie es weitergehen wird und aktuellen Corona-Verordnungen wie ein Damoklesschwert über der Branche – die Ungewissheit ist weiter hoch. Denn keiner weiß, wie sich die Politik mit steigenden Inzidenzahlen entscheiden wird. Trotzdem – wir blicken positiv nach vorne! Denn wir lieben das, was wir machen Wir sind Gastgeber von Herzen.

Das Weingut Altenkirch ist Partnerbetrieb deines Hotels. Wann eröffnet der Gutsausschank wieder?

Sobald es geht! Wir suchen aktuell neue Pächter, die bereit sind eine gute Gastronomie anzubieten. Weil wir ein Hotel garni sind, ist eine Kooperation von unserer Seite aus gesehen mehr als gewünscht. Lorch ist ein guter Ort  für einen Neuanfang. Vielleicht  auch für Gastronomie-Kollegen, die durch das jüngste Hochwasser ihre Betriebe  verloren haben. Hier in Lorch wären sie herzlich willkommen. Und ich verspreche eins: Unser Team wird helfend zur Seite stehen und Gäste schicken. 

Das Angebot an einen Gastronomen aus dem Flutgebiet ist eine von vielen Möglichkeiten zu helfen. Welche Initiativen aus deiner Branche sind dir aufgefallen?

Die Hilfsbereitschaft ist umwerfend groß! Jeder versucht mit seinen Mitteln etwas dazu beizutragen. Man sollte keinen besonders herausstellen, weil jeder mit einer Aktion dabei ist. Zum Beispiel mit Events und Menüs, deren Erlös gespendet werden. Aus vielen Winzerorten fahren jede Woche kleine Trupps an die Ahr zum Helfen. Sehr gut kommt die Aktion „Flutwein“ an! Toll finde ich, dass alle, Gäste und Kollegen, am gleichen Strang ziehen und sich mit Spenden an der Hilfe beteiligen. Wir sind uns einig, dass die Aktionen noch lange weitergehen müssen.

Du warst schon vor deinem Wechsel nach Lorch Tourismus-Profi. Was könnte man beim Marketing für das Obere Mittelrheintal besser machen? 

Schon wieder so eine Frage, bei der ich weit ausholen könnte, weil sie mich immer wieder beschäftigt. Ich antworte hier jetzt einfach mal in Schlagworten zum Weiterdenken … und Handeln: 

  • Kommunikation verbessern – man soll endlich wieder über uns sprechen … 
  • Die Bildsprache muss ansprechender und moderner werden, mehr sexy, 
  • Romantisch sein liegt doch im Trend … 
  • Mittelrheintal – D I E  Destination für Hochzeitsreisende, Why not? 
  • So viele Burgen – so viele Chancen 
  • Vermarktung von ansprechenden Events: Oldtimer Treffen, Sport Events, Romantik Parcours, Landhaus-Living inklusive Mode … auf einer Burg, etc.
  • Weine des Mittelrheintals besser herausstellen – siehe junge Moselwinzer 
  • Begriff „Welterbe“ erklären. Das ist doch was. Aber was eigentlich? 
  • Junges Publikum fokussieren – zum Beispiel junge und junggebliebene Outdoor – Liebhaber, 
  • Ich wünsche mir insgesamt mehr Mut und Kampagnen, die Lust machen 

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