Ein Spanien-Urlaub und ein Hund sorgten vor fast 20 Jahren dafür, dass Bettina Wietzel-Skakowski nach Oberdiebach fand. Die Unternehmensberaterin aus dem Rhein-Main-Gebiet kaufte das alte Pfarrhaus, machte aus den Steilhang dahinter einen gefeierten Welterbe-Garten und engagierte sich für den Ort. Warum sie das Leben dort liebt, wie sie Teil der Dorfgemeinschaft wurde, was Zugezogene aus der Großstadt wissen sollten und was im Mittelrheintal noch besser laufen könnte, erzählt sie im Interview mit Mittelrheingold.

Bettina Wietzel-Skakowski vor Oberdiebach-Kulisse. Foto: Privat

Bettina Wietzel-Skakowski zog vor fast 20 Jahren nach Oberdiebach. Foto: Privat

Du hast in Paris studiert und warst Managerin in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Warum Oberdiebach?

2003 ist uns im Urlaub auf der Kanareninsel La Palma ein wild lebender Hund zugelaufen, den wir mitgenommen haben. In unserer Wohnung bei Frankfurt hatten wir ziemlich viel Ärger mit den Nachbarn, so dass wir ein naturnahes Haus mit großem Grundstück gesucht haben. Und hier fanden wir das unter Denkmalsschutz stehende Alte Pfarrhaus in Oberdiebach. Mit Probewohnen in einem Hotel in Bacharach habe ich 14 Tage geprüft, ob ich täglich die Strecke nach Frankfurt in die Arbeit aufnehmen kann. Mehrfach haben wir das Haus angesehen und letztlich gekauft. Wir waren vom ersten Moment sehr zufrieden mit dem Ort, den Nachbarn und dem Haus und sind es heute nach fast 17 Jahren immer noch. Oberdiebach dient als Kraftort für das Arbeiten in der Fremde, man kommt immer wieder gerne zurück.

Wie beschreibst du das Dorf denen, die noch nie dort waren?

An sich ist es so als ob man in einem Hochhaus in einer Metropole lebt, man sitzt in einem Boot. Das Dorf ist mehr eine Lebensgemeinschaft als nur eine Wohngemeinschaft, von einigen fühlt man sich richtig in die Familie adoptiert. Du hast mit 824 Einwohnern, davon rund 500 in Oberdiebach, ein Universum von Interessen, Talenten, Schicksalen auf kleinen Raum, jeder kennt jeden, aber jeder hat sehr viel Platz für sich. Anfangs hatten wir sehr viel Arbeit in unseren Garten gesteckt, rund 10 Jahre und wenig Zeit für die Gemeinschaft. Bist Du angekommen, realisiert du, wieviel Wert eine tolle Nachbarschaft hat, und vor allem, was dir die atemberaubende Landschaft des Oberen Mittelrheintals fürs Leben gibt und welchen Schatz man hat, darin leben zu können. Seit 2015 ist unser Garten auch in der Route der Welterbegärten Oberes Mittelrheintal gelistet und von Einheimischen und Touristen besucht.

2020 war auch der SWR im Oberdiebacher Welterbe-Garten: 

Du hast gerade mit anderen Menschen im Ort ein neues Informationssystem vorgestellt. Wie schwer war es für dich, in Oberdiebach anzukommen?

Weil wir genau in den Ortsmittelpunkt gezogen sind, war es nicht schwer, wahrgenommen zu werden. Wir sind auf die Nachbarn zugegangen, wir wurden schnell integriert, haben immer handwerkliche Hilfe und konkrete Handgriffe erhalten. Die Idee eines Informationssystems oder neudeutsch einer Besuchersteuerung für den Ort hatte ich schon länger, weil mich auch Rentnerinitiative der Heinzelmänner vor einiger Zeit angesprochen haben. Ich wollte dem Ort auch etwas zurückgeben und das sollte gleichzeitig einen Nutzen für die Besucher und die Einheimischen haben. Im Frühjahr 2021 habe ich mir Zeit genommen, ein Konzept zu entwickeln und das mit den handwerklich genialen Heinzelmännern – einer bärenstarken Gemeinschaft – im Ort umzusetzen. Umso erfreulicher war es auch, dass sich mit Elke Müller und Reinhard Roos zwei weitere Mitstreiter für das Redaktionsteam gefunden haben. Wir haben schon Zukunftspläne.

Von der Stadt aufs Land zu ziehen, liegt spätestens seit Corona im Trend. Was ist der größte Fehler, den man dabei machen kann?

Wie bei der Aufnahme in jede neue Gemeinschaft tut man gut daran reinzuhören und sich tunlichst aus uralten Streitigkeiten heraushalten. Besserwissen und voreiliges Bewerten ist auch nicht von Glück gesegnet. Man sollte die Leute erst einmal nehmen, wie sie sind. Nur wenn man aufgenommen ist, kann man langsam Veränderung einbringen. Mein Mann und ich sind dem Feuerwehrverein beigetreten und haben unseren Bekanntenkreis vergrößert. Die Strukturen im Ort sind von Weinbau und Handwerk geprägt, darum haben Leute mit einem eher zupackenden Wesen und pragmatisches Verständnis vom Leben auf jeden Fall Vorteile. Die Samstage sind von arbeitsamen Treiben dominiert, spätestens ab 7 Uhr tuckern Traktoren durch den Ort. Uns gefällt das. Sonntagsredner werden sehr schnell enttarnt und aufs Abstellgleis gestellt. Es ist auf jeden Fall gut, mit Mixed-Teams zu arbeiten, mit Eingesessenen und Neubürgern. Das fördert aus meiner Sicht die Veränderung.

In den 90er Jahren gab es in Oberdiebach ein Wirtshaus, eine Bäckerei mit Lebensmittelhandel, einen eigenen Pfarrer. Das ist heute alles verschwunden. Wie hält man ein Dorf fast ohne Gewerbe, Arbeitsplätze und Institutionen am Leben?

Es ist sehr schade, dass wir diese wichtige Infrastruktur nicht mehr am Ort haben. Wir haben jedoch Alternativen mit dem Viertälerbus oder mittlerweile einem Verkaufswagen mit Waren frisch vom Bauernhof aus dem Hunsrück. Die Gastwirtschaft als sozialer Treffpunkt fehlt ganz eindeutig für das Dorf und vor allem die Gäste. Die so genannten Garagenkneipen oder Nachbarschaftsfeste sind als Alternativen etabliert worden und sehr gemütlich. Sie ersetzen die Gastwirtschaft nicht, hier müssen wir noch Ideen entwickeln. Der wirtschaftliche und demografische Wandel hat auch nicht vor der Kirche haltgemacht. Ich denke aber, dass unter der Leitung unseres Pfarrers Timm Harder und mit der Unterstützung durch die Prädikanten, Küster und Freiwillige in Oberdiebach und den anderen Gemeinden die Kirchenarbeit sehr gut organisiert wird und sogar dem Phänomen der Isolierung und Abgrenzung der Orte voneinander entgegenwirkt. Ich denke, dass die Kirche wie auch die Vereine sehr gut zum Gemeindeleben beitragen. Die Zahl der Gewerbebetriebe ist aus meiner Sicht nicht einmal so gering. Leider können wir nicht den Sitz eines Weltkonzerns verzeichnen, aber Handwerksbetriebe bereichern die Gewerbestrukturen. Ich bin auch der Meinung, dass Jammern nicht hilft, sondern eher Mut machen und sich an kleinen Schritten begeistern. Es ist auch erfreulich, dass junge Leute mit Kindern wieder in den Ort ziehen.

Eine Zukunftsvision für das Mittelrheintal ist die Ansiedlung von kleinen, ortsungebundenen Digitalfirmen, die junge Menschen und Familien nach sich ziehen. Wie realistisch ist das?

Ich finde die Idee sehr gut, neben dem Tourismus noch weitere Standbeine für die Orte im Mittelrheintal zu etablieren. Die digitale Welt, Programmierer, Berater sind dazu auf jeden Fall prädestiniert, wenn sichergestellt ist, dass die Infrastruktur in Netz- und Stromleitungen ausreicht. Ich kann mir auch vorstellen, dass Künstler angesiedelt werden könnten und Kunstgewerbe und Manufakturbetriebe für die Herstellung von Nahrungsmitteln eine Chance hätten.

Wenn das Mittelrheintal ein Unternehmen wäre und du die Vorstandsvorsitzende: Was würdest du als erstes verändern?

Im Vergleich zu anderen Gebieten finde ich das Mittelrheintal immer noch im Dornröschenschlaf und am Glanz seiner Vergangenheit orientiert. Es gibt aus meiner Sicht zwei Hebel: den Gewerbezweig Tourismus/Gastronomie/Freizeitwirtschaft, der nicht nur aus den einzelnen „Locations“ besteht, sondern nur in Kombination mit dem Wein oder der wunderbaren, einmaligen Landschaft funktioniert, Und die gerade erwähnten neuen Industrien, um die Landflucht zu vermeiden. Aus meiner Sicht beschäftigen sich die Orte heute beim Tourismus erst einmal mit sich selbst, oder besser gesagt, sie versuchen sich gegenseitig den Rang abzulaufen als mit übergreifenden Initiativen zu arbeiten. Denn was nutzt einem einzelnen Hotelier, wenn der Ort, in dem sich sein Hotel befindet, insgesamt heruntergekommen ist. Bei der Attraktivität des Mittelrheintals kommt es vor allem auf das Gesamtbild an. Wenn das stimmig ist, fällt für alle etwas ab. Jeder Ort sollte zum Multiplikator für den anderen werden und nicht zum Wettbewerber. Den Besucher interessiert vor allem die Vielfalt der Möglichkeiten im Mittelrheintal, nicht die Probleme dahinter, denn er kommt vorrangig, um sich zu erholen und abzuschalten.

Was schlägst du vor? 

Ich würde als erstes Wirtschafts- und Wohnraumförderer einsetzen, die sich um Wirtschaftsansiedlung, regionale Gestaltung und die Reduzierung beziehungsweise Umwidmung von Leerstand kümmern. In jedem Gemeinderat oder auf Ebene der Verbandsgemeinde sollte ein Verantwortlicher diese Anliegen verantworten und bei der Umsetzung bereitstehen. Flankierend dazu sollte es zentrale Finanztöpfe für Ansiedlung von neuen Bürgern und Gewerbe geben. Die kleineren Gemeinden sind damit oft überfordert und können aus eigenen Kräften nicht viel verändern. Zweitens sollten die Kommunikationsstrukturen wie Webauftritte, Veranstaltungen und Pressearbeit verbessert werden, den kleineren Gemeinden sollte unter die Arme gegriffen werden. Vielleicht helfen auch zentrale Strukturen. Eventuell sollten auch Persönlichkeiten aus dem Tal, die hier leben oder noch immer Verbindung haben und die breit vernetzt sind, noch mehr für das Tal werben. Nicht nur Winzer, sondern eben auch Unternehmer, Künstler, Handwerker etc. und nicht nur Weinbaubetriebe. Das Tal mit den 4 Verbandsgemeinden hat gute Chancen die besten Kräfte zusammenzubringen, in dem man sich noch stärker themenspezifisch und ohne Rücksicht auf geografische Belange wie den Rhein für das Ganze vernetzt. Gerne bringe ich mich auch hier stärker ein. Bei unserem Informationssystem für den Ort habe ich mich von den rechtsrheinischen Wispertrails inspirieren lassen.

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