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Thomas Feser: „Wir sind da und erreichbar“

Was macht Corona mit einer Stadt? Thomas Feser ist Oberbürgermeister von Bingen, der nach Koblenz größten Kommune im Welterbetal. Im Interview mit Mittelrheingold-Gastbloggerin Marie-Luise Krompholz erzählt er, wie die Verwaltung auf die Krise reagiert, was ihn besonders beeindruckt hat, was ihm Sorge bereitet und worauf er sich am meisten freut. 

Petra Fleischmann, Leiterin des Lernzentrums, Julia Löffler, Leiterin der Bücherei und OB Thomas Feser (v. li.) bei der symbolischen Bücherei-Eröffnung im Juli 2020. © Stadt Bingen
Feier ohne Publikum: Thomas Feser mit Petra Fleischmann, Leiterin des Lernzentrums, und Büchereichefin Julia Löffler (Mitte) bei der symbolischen Bücherei-Eröffnung im Juli 2020. © Stadt Bingen

Herr Feser, wie hat Corona Ihren Alltag verändert?

Mir persönlich geht es da nicht anders als allen Menschen: Die Welt ist klein geworden, fokussiert auf wenige Orte und wenige Menschen, zumindest was die direkten Kontakte anbelangt. Meine Familie ist mir wichtig, besonders besorgt bin ich natürlich um die Gesundheit meiner betagten Mutter. Trotz allem lebe ich wie alle einen gewissen Rhythmus, aber die Gewohnheiten sind andere als ohne Lockdown. 

Kontakte spielen sich häufig über die digitalen Wege ab, eine spontane Begegnung mit der Bürgerschaft findet leider kaum statt, trotz allem erreichen mich viele Informationen und Fragen. Und mein Kalender ist leerer geworden, „Absage“ steht oft als Randvermerk an Terminvormerkungen. Gremiensitzungen, all die größeren und kleineren Anlässe, Eröffnungen, Einweihungen, Konferenzen, sie sind entweder verschoben, finden nur in begrenztem Umfang statt oder sind gleich in die digitale Welt ausgegliedert. Dafür sind andere Aufgaben dazu gekommen. 

Insgesamt unterscheide ich mich nicht vom Durchschnitt. Mir fehlen die direkten Begegnungen, die Selbstverständlichkeit beim Einkaufen, die Urlaubsplanung. Aber ich weiß auch: Unser Feind ist nicht Herr Spahn oder Frau Merkel, unser Feind ist das Virus. Wir haben schon so viel erreicht, die Zahlen sind dank der Kooperation und Einsicht unserer Bürgerinnen und Bürger runtergegangen, ein Impfstoff ist in kürzester Zeit entwickelt worden. Dafür bin ich dankbar. Auch für die vielfach zu erlebende Hilfsbereitschaft, das ist bei allen Sorgen das Positive. 

Wieviel Stadtverwaltung und Lokalpolitik funktionieren aus dem Home Office?

Wichtig ist für uns, dass Stadtrat und all die anderen städtischen Gremien arbeiten können, denn deren Entscheidungen sind die Basis für die Arbeit der Verwaltung und die Entwicklung der Stadt. Da war viel Organisationstalent und Kreativität gefordert, zunächst in der Fortsetzung der Gremienarbeit in Präsensform in unseren größten Hallen mit den erforderlichen Corona-Regeln. Mittlerweile tagen unsere Gremien weitgehend digital – das funktioniert, aber echter Austausch, Diskussionen mit dem unmittelbarem Gegenüber sind eigentlich unersetzlich.

An das Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiter-Team der Stadtverwaltung kann ich nur ein großes Kompliment aussprechen: Die Arbeit geht weiter, neue Herausforderungen werden kreativ gestemmt, die sich ständig ändernden Regelungen rasch umgesetzt. Homeoffice, meist im Wechselbetrieb, ist mittlerweile gängige Praxis, die technischen Voraussetzungen dafür konnten wir in kürzester Zeit schaffen. Ganz „nebenbei“ wurden Hygienekonzepte entwickelt, eingeführt und auch gelebt. Aber auch hier fehlt allen der unmittelbare Austausch mit Gesprächspartnern, der Small-Talk in der Teeküche, ein Betriebsfest und vieles mehr. Am Wichtigsten jedoch: Wir sind für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt da und erreichbar.

Normalerweise nehmen Sie viele Termine in der Stadt wahr, sind sichtbar und leicht ansprechbar für Bürgerinnen und Bürger. Wie bleiben Sie in der Corona-Zeit präsent?

Die Menschen, die ein Anliegen haben, finden den Weg zu mir auf andere Weise. Generell liegt es mir am Herzen, die Menschen in unserer Stadt gut, umfassend und zeitnah zu informieren, darum ist Pressearbeit besonders wichtig. Als Informationsportal spielt unsere stets aktuelle Homepage eine wichtige Rolle. Zudem informiere ich unsere Bingerinnen und Binger regelmäßig über wöchentliche Videonachrichten zu aktuellen Themen. Auf diesem Wege und mit einem ausführlichen Neubürgerbrief konnte ich auch viele unserer neu zugezogenen Mitbürgerinnen und Mitbürger ansprechen, da unser jährlicher Neubürgerempfang ausfallen musste. 

Wieviel kann eine Kommune wie Bingen in Sachen Corona eigentlich selbst entscheiden? Wo müssen Vorgaben von Land und Kreis zu Corona „einfach nur umgesetzt“ werden? Und wie sorgen Sie dafür, dass die Erfahrungen und Sorgen aus Bingen bei den übergeordneten Stellen ankommen und ernst genommen werden?

Maßgeblich sind für uns in erster Linie die Corona-Regelungen von Bund und Land. Diese Regelungen umzusetzen, ist dann wiederum im örtlichen Bereich auch unsere Aufgabe. Dazu gehören die Aufrechterhaltung der Verwaltung in Corona-Zeiten, die Organisation des Betriebs unserer Kindergärten und Schulen, ebenso die Kontrolle auf Einhaltung der Corona-Regelungen im öffentlichen Bereich in Abstimmung mit Polizei und Kreisverwaltung. 

Ständiger Austausch erfolgt zum Beispiel über regelmäßige Video-Konferenzen mit unserer Landrätin; unsere darüber hinaus gehenden Sorgen und Anliegen trage ich brieflich oder im Gespräch an die zuständigen Stellen, etwa Ministerien oder auch kommunale Spitzenverbände, heran.  

Was war bislang die größte Herausforderung im Zusammenhang mit Corona?

Der Betrieb des Heilig-Geist-Hospitals in Corona-Zeiten, das war und ist schon eine Herausforderung, vor allem für das HGH-Team. Hier habe ich mich etwa bei Minister Spahn für eine Erhöhung der Freihaltepauschale eingesetzt. Der Gang durch die Binger Innenstadt macht mich mehr als nachdenklich beim Blick auf den Einzelhandel. Mit einem kurzfristig entwickelten Online-Einkaufsportal und Appellen, lokal zu kaufen, haben wir versucht zu unterstützen. Betriebe und Institutionen, die unter dem Lockdown in Existenz bedrohende Situationen gekommen sind – das sind Situationen, die eine Kommune alleine nicht lösen kann.

Insgesamt treibt mich die Sorge um das Wohlergehen der Menschen und deren Gesundheit um, das ist ja der Maßstab für all unsere Anstrengungen. Ich bin aber auch dankbar, dass so viel Solidarität in unserer Stadt spürbar war und ist. Gegenseitige Unterstützung, jetzt wieder beim Fahrdienst beim Impfen, organisiert von unserer Ehrenamtsbeauftragten Anette Hammel, und besonders in der ersten Welle die unwahrscheinliche Nachbarschaftshilfe – großartig!

Das Stadtleben besteht ja keineswegs nur aus dem Corona-Management, auch in anderen Bereichen muss die Entwicklung vorangehen. Auf welchen Fortschritt in den letzten Monaten sind Sie besonders stolz?

Ich habe ja bereits erwähnt, dass unsere Verwaltung auch unter den veränderten Bedingungen gut funktioniert. Nur so war es auch möglich, eine Vielzahl von Projekten auch unter den aktuellen Umständen voran zu treiben – im Übrigen wichtig nicht nur für das städtische Leben, sondern auch für eine Aufrechterhaltung der Wirtschaft, die auf diese Aufträge angewiesen ist. Was ich bedaure ist, dass viele Maßnahmen einfach „unter dem Radar“ umgesetzt worden sind. 

So fehlte zum Beispiel eine tolle Eröffnungsfeier unserer neuen Bücherei, die ein ganz großartiges Projekt ist! Damit kommt eine wichtige Kultureinrichtung mitten in die Stadt, nahe zu den Menschen, und kann gleichzeitig Frequenzbringer sein für unsere Innenstadt. Oder ich denke an die Grundschule am Entenbach, grundlegend saniert und jetzt eine der modernsten Schulen im Landkreis, beispielhaft in der Barrierefreiheit und Digitalisierung. So ganz nebenbei wurde mit dem Wald- und Naturkindergarten ein für unsere Stadt völlig neues Konzept erfolgreich realisiert. Man kann die Sanierung des Stadtteilzentrums in Bingerbrück beobachten oder den Anbau der Feuerwehr in Kempten. Viele weitere Vorhaben sind in verschiedenen Phasen der Umsetzung, etwa der Park-and-Ride-Parkplatz oder das Familienzentrum in Bingerbrück. 

Auch wenn das Gastgewerbe derzeit noch generell im Lockdown ist, so konnte das ehrgeizige Projekt des Hotels Papa Rhein am Binger Kulturufer seine Tore zunächst öffnen. Das ist ein wichtiges Signal für mich auch mit Blick auf die Buga 2029, die ich als große Chance für die Stadt und die Region begreife. Besonders freut mich auch, dass Bingen interessant ist für private Bauträger, was sich an den vielen Baukränen im Stadtbild ablesen lässt. So lässt die Gartenstadt, als Schlussstein der Landesgartenschau 2008, quasi einen neuen Stadtteil direkt am Wasser entstehen und verändert damit das „Binger Rheingesicht“ entscheidend.

 

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Welche längerfristigen Veränderungen durch Corona sind bereits absehbar und wie wollen Sie es aktiv angehen?

Was uns sicher noch lange beschäftigen wird, das sind die zu erwartenden Steuerausfälle. Die Auswirkungen lassen sich zurzeit noch gar nicht absehen, da werden wir reagieren müssen. Corona war stellenweise ein bisschen wie ein Brennglas. Veränderungen im Einzelhandel waren schon zuvor spürbar, sind jetzt aber natürlich verstärkt. Schon lange setzen wir uns für eine zeitgemäße Breitbandversorgung ein, die Defizite waren stellenweise bei verstärkter Digitalisierung spürbar. 

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Corona-Pandemie einigermaßen im Griff ist und die Beschränkungen wieder gelockert werden können? 

Wir mussten so viele Jubiläumsveranstaltungen aussetzen, z.B. die 60-jährige Partnerschaft mit Venarey-les Laumes, 25 Jahre Bingen swingt oder 75 Jahre Binger Winzerfest. Da hoffe ich sehr, dass es Wege geben wird, diese Anlässe angemessen zu feiern. Und natürlich freue ich mich darauf, wieder Menschen unmittelbar und persönlich zu treffen und wieder in ein lächelndes Gesicht zu sehen. Und ganz naheliegend: auf meinen Friseurbesuch ☺ 

Interview: Marie-Luise Krompholz

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