Die Stadt Rüdesheim hat Karl Ottes gerade zum Ehrenbürger ernannt, aber eigentlich könnte die Auszeichnung im ganzen Tal gelten. Der Winzersohn aus Lorch engagiert sich seit über 50 Jahren für den Oberen Mittelrhein und hat die Entwicklung zur international anerkannten Unesco-Region von Anfang an vorangetrieben. Als „Welterbe-Dezernent“ des Rheingau-Taunus-Kreises gehörte er 16 Jahre lang zum Vorstand des Zweckverbandes Welterbe Oberes Mittelrheintal, der einzigen gemeinde- und länderübergreifenden Organisation für das ganze Tal. Ottes startete 1967 im damals noch eigenständigen Höhenort Aulhausen als jüngster Bürgermeister Deutschlands und beendete seine Laufbahn im Frühjahr als dienstältester Kreispolitiker. Up to date bleibt er trotzdem: Ottes, 79, ist Apple-User und kommuniziert digital so selbstverständlich wie ein 29-Jähriger. Im Interview mit Mittelrheingold erzählt er, was sich im Tal geändert hat, wie es weitergehen muss, und welche 2 Grundregeln nicht nur in seinem Heimatort Lorch wichtig sind. 

Karl Ottes oberhalb von Lorch.

Welterbe-Pionier und Ehrenbürger: Karl Ottes engagiert sich seit Jahrzehnten für die Region. Foto: Privat

Du hast im Mittelrheintal schon Verantwortung übernommen als viele heutige Bürgermeister, Beigeordnete und Stadträte noch gar nicht auf der Welt waren. Was hat sich seit 1967 am meisten verändert und was ist konstant geblieben?

Die Hektik und Ungeduld hat sich vielfach ausgebreitet. Man verlangt von den Verantwortlichen schnelle Entscheidungen und auch möglichst sofortige Umsetzungen von Maßnahmen ohne Rücksicht auf Finanzierbarkeit oder sonstige Hindernisse. Was geblieben ist,  das ist die Liebe zur Mittelrhein-Region mit all ihren kulturellen Highlights sowie zu unserer einmaligen Landschaftskulisse, um die uns viele aus dem In- und Ausland beneiden.

Du hast die große Gebietsreform Ende der 60er bis Mitte der 70er erlebt. Seitdem gibt es im Tal kaum noch hauptamtliche Bürgermeister und es wird immer schwieriger, ehrenamtliche Kommunalpolitiker zu verpflichten. Was tun? 

Bei dieser Frage kann ich nur auf die kommunalrechtliche Situation in meinem Heimatland Hessen eingehen. Wir kennen hier seit der Gebietsreform nur die Einheitsgemeinde mit einem hauptamtlichen Bürgermeister als Verwaltungsspitze. Auf Ortsebene agieren ehrenamtlich die Ortsvorsteher mit ihren Ortsbeiräten. Das große Manko hierbei: Oftmals werden die Ideen und Vorschläge der Ortsbeiräte nicht genügend von den übergeordneten Gremien wahrgenommen. Das erzeugt teilweise Frust, da man nach dem Gesetz nur eine beratende Funktion wahrnehmen kann Umgekehrt stelle ich mir die ehrenamtliche Arbeit eines rheinland-pfälzischen Bürgermeisters in den kleinen Orten als sehr schwierig vor, auch wenn man im Gegensatz zu Hessen hier noch die direkte Einflussnahme auf Beschlüsse für seine Gemeinde hat. Schließlich haben die Gewählten neben ihrem Amt aber in der Regel einen Hauptberuf, was die Situation nicht einfacher macht. Einen Rat von „außerhalb“ möchte aus verständlichen Gründen nicht abgeben. Aber die  Schwierigkeiten bei der Verpflichtung von Amtsträgern kann ich gut nachvollziehen.

Du warst viele Jahre lang „Welterbe-Dezernent“ im Rheingau-Taunus-Kreis. Wie wichtig ist der Welterbe-Status für Rüdesheim und Lorch?

Mit dem Siegel des Welterbe – Status spielt man in der Tat in einer ganz besonderen international bekannten Liga. Das ist Anerkennung und Verpflichtung  zugleich. Für Lorch und Rüdesheim ist es wichtig, dass man als Rheingau-Kommune auch Teil der romantischen Mittelrheinregion ist. Das eröffnet neue Wege in der Entwicklung der beiden Städte -ganz besonders in der touristischen Vermarktung – aber auch für die Einwohner selbst.

Im Zweckverband Welterbe bist du immer auch eine Art hessischer Botschafter gewesen. Hattest du genug Unterstützung vom Land?

Wie im richtigen Leben gibt es immer Luft nach oben. Bei der Restaurierung und Wiederherstellung des Lorcher Hilchenhauses und bei den umfangreichen Maßnahmen am Niederwalddenkmal bzw. dem Osteinschen Park war das Land Hessen sehr kooperativ wie auch finanziell sehr aktiv dabei. Allerdings sind die besagten Flächen ohnehin im Besitz des Landes. Der weitaus bedeutendere Testfall wird die Buga 2029 sein. Hier muss meiner Meinung nach unbedingt die schriftliche Zusage des Ministerpräsidenten Volker Bouffier von  den Landesbehörden eingehalten werden, wonach Lorch und Rüdesheim eine großzügige Unterstützung bei den anstehenden Projekten erfahren sollen.

Welche Probleme löst die Buga 2029? 

Ich hoffe sehr, dass die BUGA 2029 die jeweiligen Stadtbilder hin zum Positiven verändert. Beispielgebend sind für mich hierbei die Städte Bingen und Koblenz mit der vorangegangenen Landes- bzw. Bundesgartenschau im Land Rheinland-Pfalz.

Und welche müssen anderswo gelöst werden?

Die Lösung von Verkehrsproblemen ist für das Rheintal der Schlüssel für eine erfolgreich Zukunftsperspektive. An vorderster Stelle steht die Verlagerung des unsäglichen und gesundheitsschädigenden Bahnlärms auf eine neue Gütertrasse fernab der Unesco-Kulturlandschaft. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Beseitigung des Rüdesheimer Bahnübergangs. Für beide Problemfelder ist einzig und allein der Bund zuständig. Viel zu lange wird hierüber diskutiert. Die Geduld der Bewohner wird hierbei außergewöhnlich strapaziert. Für die geplante Rheinquerung mit einer Brücke steht die Entscheidung der Unesco an. Man darf gespannt sein.

Apropos Probleme und Lösungen. Du bist gebürtiger Lorcher und wirst den heftigen politischen Streit dort verfolgt haben. Was würdest du dem Bürgermeister und den Fraktionen dort raten?

Was anderswo gilt, das gilt auch für Lorch: Erstens den Ball flach halten und sich auf die Sache konzentrieren. Und zweitens persönliche Angriffe unterlassen. Alles andere schadet dem Ansehen der Stadt und zahlt sich auch bei Wahlen niemals aus. Die Bürger wollen ein Team, das Lösungen erarbeitet und Entscheidungen trifft. Dauerstreit ist für die meisten Menschen – auch in Lorch- ein Graus und man wendet sich zu  Recht mit Kopfschütteln ab. Das sollten die Gewählten überall in den Gremien erkennen.

 

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Die nächste Welterbe-Generation

Junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren können im Spätsommer am internationalen Welterbe-Austausch am Mittelrhein und in der österreichischen Wachau teilnehmen. Das 14-tägige Programm umfasst neben Denkmalschutz und Landschaftspflege auch Ausflüge und vermutlich das eine oder andere Glas Riesling. Es findet je zur Hälfte am Mittelrhein und an der Donau statt. Nico Melchior vom Zweckverband Welterbe in St. Goarshausen freut sich über Teilnehmer direkt aus dem Tal. Infos unter n.melchior@zv-welterbe.de oder telefonisch unter 06771-599546. Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal

LAG: Reden wir über Geld

Apropos Zweckverband: An die Mittelrhein-Zentrale angedockt ist die  „Lokale Aktionsgruppe“ (LAG), die EU-Fördermittel aus dem Leader-Programm organisiert, verwaltet und in verteilt. Die Geld aus Brüssel hat in den vergangenen Jahren viele private und kommunale Projekte im Tal ermöglicht. Damit das so weitergeht und möglichst viele Mittelrheiner mitmachen, hat die LAG einen Plan für die Zukunft entwickelt. Die so genannte „Lokale Integrierte Entwicklungsstrategie“ für die Jahre 2023 bis 2029 wird am kommenden Montag ab 16 Uhr im Oberweseler Rathausaal und per Zoom-Konferent vorgestellt und diskutiert. Anmeldungen über Max Siech: (m.siech@zv-welterbe.de). LAG Mittelrhein

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