Carolin Weiler ist Nachzüglerin und Senkrechtstarterin zugleich: Die Jungwinzerin aus Lorch arbeitete als Erzieherin, ehe sie das Abitur nachholte, das Weinbaustudium aufnahm und in den Betrieb ihres Vaters einstieg. Für die „FAZ“ ist sie die „Entdeckung des Jahres 2018“. 7 Fragen an eine Weinmacherin mit starkem Willen und großem Marketing-Talent.

Carolin Weiler. Foto: Weingut Weiler.

Carolin Weiler. Foto: Weingut Weiler.

Herzlichen Glückwunsch zum „Liebling des Jahres“ der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Wie hast du es gemacht?

Vielen Dank! Ich bin jetzt noch völlig geplättet von so einer tollen Auszeichnung. Wahnsinn… Wie habe ich das gemacht… Ich glaube, dahinter stecken Glück und Wille. Ich habe im Januar 2018 das „Weinweiblich“-Casting gewonnen.Es handelt sich um einen Dokumentarfilm, in dem vier Winzerinnen der ersten Generation, eine Jungwinzerin und ein britischer Weinkritiker einen Riesling ausbauen. Dadurch lernte ich den berühmten Weinkritiker Stuart Pigott kennen, der wie ich ein Protagonist im Dokumentarfilm „Weinweiblich“ ist und u. a. für die „FAZ“ schreibt. Wir haben im April 2018 zusammen im Keller gesessen und die neuen Weine probiert, und er war ganz begeistert. Über das Jahr haben wir uns öfter während des Filmdrehs getroffen. Irgendwann im November kam er auf mich zu und sagte: „Hör mal, du musst 36 Flaschen von dem ‚Lorcher Schlossberg Riesling Schiefer‘ zurückhalten. Du wirst Winzerin-Entdeckung des Jahres 2018 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung!“ Und meine Reaktion darauf war: „Hä? Wie jetzt?“ Das war verrückt. Dann fand Anfang Februar dieses Jahres die Preisverleihung auf Schloss Bensberg statt. Ich habe zum einen großes Glück, dass ich Stuart kennenlernen durfte, sich daraus eine Weinfreundschaft entwickelte und er mich als „Entdeckung“ sieht. Zum anderen bin ich ziemlich aktiv im Bereich Social Media und poste viel über meinen beruflichen Werdegang. Ich will die Menschen ringsherum mit auf meine Reise in die Weinwelt nehmen. Und ich glaube, das kommt ganz gut an.

Du bist eigentlich ausgebildete Erzieherin. Warum der Wechsel in die Weinbranche?

Puh, das ist längere Geschichte. Ich bin geboren und aufgewachsen im Familienweingut Weiler. Nach meinem Realschulabschluss mit 16 Jahren wusste ich nicht wirklich, was ich machen will. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade Lorcher Weinprinzessin. Meine Eltern waren sich sicher, dass einer meiner Brüder mal das Weingut übernehmen würde. Also wurde ich zuerst Sozialassistentin, quasi die Voraussetzung, um die Erzieherausbildung absolvieren zu können. Dabei merkte ich schon, dass das Soziale zwar ein schöner Beruf ist, mir aber zu wenig Futter für den Kopf bietet. Währenddessen war ich sechs Jahre Lorcher Weinkönigin, bereiste viele Orte, begeisterte die Menschen für meine Region und vor allem für den Wein. 2014 wollte ich mich beruflich verändern, musste aber erst noch mein Abitur nachholen. Das absolvierte ich dann während meiner Arbeit als Erzieherin zwei Jahre lang jeden Samstag an einer privaten Wirtschaftsschule in Mainz. 2017 kündigte ich dann und begann ein halbjähriges Praktikum im Weingut Baron Knyphausen in Erbach, bevor ich dann im Oktober mein Studium der Internationalen Weinwirtschaft begann.

Das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Kein Tag ist wie der andere. Im Studium geht es viel um Marketing, Unternehmensführung, aber auch um Weinbau oder Weinbeurteilung. Zuhause im Weingut lerne ich die Praxis kennen. Ich bin oft im Weinberg oder im Keller und arbeite mich langsam in die Büroarbeit hinein. Jeder Tag bietet neue Chancen, ich liebe diesen nicht immer planbaren Alltag.

Eine funktionierende Nachfolgeregelung im Betrieb ist nicht selbstverständlich. Was muss die ältere Generation dafür tun?

Spannende Frage. Die ältere Generation sollte der jüngeren Generation unbedingt Freiraum zur eigenen Entfaltung lassen. Interessant wird es, wenn man die Nachfolgeregelung am eigenen Leib erlebt! Mein Vater führt das Weingut seit knapp 30 Jahren. Da sind natürlich einige Dinge eingespielt. Dann kommt da plötzlich ein potentieller Nachfolger um die Ecke, noch dazu eine Frau und erzählt was von Veränderung. Das ist nicht immer leicht. Auf beiden Seiten.

Und was die jüngere?

Die jüngere Generation sollte nicht alles von Grund auf verändern wollen, nicht zu voreilig sein, auch mal auf langjähriges Wissen bauen. Auch hier spreche ich aus Erfahrung. Ich glaube eine Mischung aus Altbewährtem und frischem Wind ist gut für einen Familienbetrieb.

Gute Weine verkaufen sich nicht von allein. Wie wichtig ist Marketing, und was ist deine persönliche Strategie?

Eine individuelle Marketingstrategie ist heutzutage das A und O. Viele Winzer machen guten Wein. Allerdings hat sich die Vermarktung verändert. Ich weiß noch, als ich Kind war und unsere Kunden sonntags im Weinugt anriefen und teilweise 180 Fl. Wein bestellten. Jahresvebrauch, versteht sich. Das hat sich ganz schön geändert. Die Stammkunden werden älter, sie bestellen weniger, und potentielle Neukunden bestellen am liebsten über das Internet. Da muss man sich natürlich von der breiten Masse abheben können. Jede/r Winzer/in sollte authentisch ihre/seine eigene Geschichte erzählen. Man muss die alten und neuen Kunden mit einbeziehen. Aber das ist ja das Spannende in der Weinbranche; die Geschichten und Personen hinter den Weinen. Meine persönliche Strategie: Das Rad nicht neu erfinden wollen, bodenständig bleiben, die Menschen von der Couch abholen und für die Weine begeistern.

Ich fühle mich sowohl im schicken Kleid auf einer Bühne, als auch in Jeans im Weingut oder in Arbeitskleidung im Weinberg wohl und stehe voll hinter dem, was ich tue. Ich will mit meinem Leben und mit dem, was ich bisher erreicht habe, begeistern.

Auf der Website des Dokumentarfilms „Weinweiblich“ nennst du euren Betrieb selbst „ein kleines Steillagen-Weingut“. Willst du das ändern und wachsen?

Wir besitzen aktuell 3,5 ha eigene Weinbergsflächen. 2019 haben wir einen weiteren Hektar dazu pachten können. Das ist schon ein schönes Gefühl, zu wissen, dass die Weine gut ankommen und wir noch weitere interessante Weine produzieren können. Ich will den Betrieb aber nicht riesig groß werden lassen. Meine Philosophie ist so ähnlich wie die meines Vaters – Steillage, Mineralik- Riesling und Spätburgunder.

Hier kommt Qualität vor Quantität. Wenn ein Wein ausverkauft ist, dann ist das so. Da muss man eben manchmal schnell sein. Trotzdem werde ich auch einiges verändern wollen wie z. B. Jahrgänge lagern und reifen lassen, Barriques, Ausstattung. Mal sehen, das ist Zukunftsmusik.

Jetzt noch die Geheimtipps von Carolin Weiler: Welcher Ort und welches Lokal im Welterbe-Tal sind dir besonders wichtig? Abgesehen von eurer Straußwirtschaft natürlich 😉

Ich mag das Landgasthaus von Familie Fetz in Dörscheid sehr. Fetz haben ein Hotel, ein Restaurant, machen eigenen Wein, und sie sind Jäger. Ich liebe gutes, regionales Essen und einen Mittelrhein-Wein dazu. Wechselnde, ausgefallene Gerichte, interessante Weinkarte, absolut empfehlenswert. Einen Ort allein kann ich nicht nennen. Ich bin ebenfalls Jägerin, bin oft im Rheingauer Wald unterwegs. Aber ich stehe vor allem gerne in den Lorcher Weinbergen, schaue auf den Rhein und denke mir: Das ist der schönste Arbeitsplatz der Welt.

Schlussredaktion: Natascha Meyer

Fotos: Andrea Hofmann / Kamerah / Weingut Weiler

Zuletzt in der Reihe „7 Fragen an …“ erschienen

Claudia Schwarz (Tourismus-Managerin und Welterbe-Repräsentantin aus St. Goar) – Sonja Spano (Restaurant-Einrichterin und Raumausstatterin in Boppard) – Marcel D’Avis (Banker und Designer aus Oberwesel) – Gero Schüler (Winzer und Student aus Steeg) Marlon Bröhr (Landrat des Rhein-Hunrück-Kreises) – Matthias Pflugradt (Medienprofi, Bestatter und Loreley-Rebell aus St. Goarshausen) – Heinz-Uwe Fetz (Weinbau-Präsident, Winzer und Gin-Macher aus Dörscheid) – Michael Maul (Sprecher der Fährbetriebe am Mittelrhein) Martin Nickenig (Bäckermeister in Boppard)Walter Bersch (Bürgermeister von Boppard) – Robert Wurm (Ex-Manager und Winzer in Lorch) – Marcus Schwarze (Journalist, Digitalberater und Buga-Blogger) Tristan Storek (Düsseldorfer Jungwinzer und Techniktalent in Steeg)Andreas Nick (Lehrer, Kommunalpolitiker und Hostel-Besitzer in Bad Salzig) Jean-Michel Malgouyres (französischer Küchenchef in Rüdesheim) – Natascha Meyer (Kanzlei-Managerin, Lektorin und Boppard-Botschafterin) – Heiner Monheim (Verkehrsforscher und Bahnlärm-Bekämpfer)

Termine des Tages

Sonntag ab Bingen – Schiffsexkursion entlang des Europareservates Rheinauen – 24. Februar, 9 Uhr 15. bingen.de

Sonntag in Bingen – „Valentin und seine Altweiber“ / Konzert mit Orgel und Gesang in der ev. Johanniskirche mit Mezzosopranistin Melanie Jäger-Gubelius – 24. Februar, 16 Uhr. bingen.de

Foto des Tages

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