Matthias Pflugradt hat Sonntag für eine Mittelrhein-Sensation gesorgt: Der unabhängige Musikagent und Bestatter ist mit über 60 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister von St. Goarshausen gewählt worden und seine Liste gewann sämtliche Sitze im Stadtrat. Pflugradt gilt als Schrecken des Establishments. Er hatte zuvor die Neugestaltung der Loreley massiv kritisiert. Sein erstes Interview gab er am Dienstagabend Mittelrheingold. Hier ist es:

Matthias Pflugradt ist neuer Bürgermeister von St. Goarshausen. Foto: Privat.

Matthias Pflugradt ist neuer Bürgermeister von St. Goarshausen. Foto: Privat.

Glückwunsch, Matthias. Haben dir der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Loreley und sein Loreley-Manager Armin Schaust schon gratuliert? Du hast ihre Arbeit auf dem Plateau massiv kritisiert.

Nein, das haben sie noch nicht. Aber das ist im Moment auch schwierig. Denn die Verbandsgemeinde Loreley hat die Kommunalwahl zu bearbeiten und im Moment unglaublich viel zu tun. Da war die Verbandsgemeinderatswahl, die Orts- und Stadtbürgermeister wurden neu gewählt, die Stadträte. Das bedeutet viel Arbeit. Gerade komme ich von der Wahlausschusssitzung. Dort hat mir der Büroleiter unseres Verbandsbürgermeisters gratuliert.

Mit Herrn Schaust hatte ich in der vergangenen Woche einen Termin. Ich denke, wir beide können das voneinander trennen. Man ist in einer Sache unterschiedlicher Meinung, das heißt aber nicht, dass man nicht mehr miteinander spricht oder nicht mehr zusammen arbeitet. Und genau das tun die Verbandsgemeinde und ich auch über unsere Kirchengemeinde, wo ich Vorsitzender des Kirchenvorstands bin. Für den Sommer planen wir eine gemeinsame Konzertveranstaltung unter dem Motto „Felsensingen“ mit dem Münchner Musiker Andi Weiss. Im Kultur- und Landschaftspark auf der Loreley! Wir wollen laut und inbrünstig Kirchenlieder auf der Loreley singen. Das wird eine wunderbare Veranstaltung, und sowohl die Verbandsgemeinde als auch die Loreley-Touristik unterstützen uns dabei.

Wie stehst du zum weiteren Loreley-Umbau?

Da will ich unterscheiden. Auf dem Loreley-Plateau steht ja nun zunächst der Umbau des ehemaligen Turner- und Jugendheims an. Da fühle ich mich ein wenig bestätigt. Das Haus hat seine Geschichte, aber auch seine Tücken. Schon vor Jahren hatte ich immer wieder betont, dass der Bau es in sich hat und die Verbandsgemeinde Loreley da ziemlich blauäugig ran geht. Nun wurde ja vergangene Woche bekannt, dass die Kosten steigen. Das wundert mich nicht wirklich. Ich hoffe für den neuen Gastronomen auf der Loreley, Herrn Oguz, dass er einen langen Atem hat und bald auch im Turnerheim durchstarten kann. Was er aus dem Bistro im Besucherzentrum gemacht hat, ist toll.

Dann haben wir als Stadt St. Goarshausen die Freilichtbühne weiter zu modernisieren. Hier will ich so rasch wie möglich gemeinsam mit dem Stadtrat und unserem Vertragspartner über die Möglichkeiten der Umsetzung des 2. Bauabschnitts ins Gespräch kommen. Vorher muss allerdings der erste komplett aufgearbeitet sein.

Der Pächter der Freilichtbühne lag mit der bisherigen Stadtspitze im Clinch. Wie willst du den Konflikt lösen?

Sprechenden Menschen kann geholfen werden. Die Kommunikation kam in der Vergangenheit viel zu kurz. Der Geschäftsführer der Loreley Venue Management GmbH Ulrich Lautenschläger und ich pflegen ein herzliches und gutes Verhältnis zueinander. Ich muss mir nach der Amtsübernahme so rasch wie möglich einen kompletten Überblick verschaffen, den Stadtrat stärker einbinden und besser informieren, als das bisher der Fall war. Dann hat der bisherige Stadtrat den Auftrag erteilt, mit dem Pächter der Loreley-Freilichtbühne in ein Mediationsverfahren einzusteigen. Das wird dann eine meiner ersten Amtshandlungen sein. Zuvor will ich aber in persönlichen Gesprächen mit Ulrich Lautenschläger und gemeinsamen Beratungen mit meinem Stadtrat dieses Verfahren so gut wie möglich vorbereiten um, wie ich es vor ein paar Tagen einmal  zu Ulrich Lautenschlägers Anwalt sagte „die dicke Kuh so schnell wie möglich vom dünnen Eis zu bekommen“.

Und so bald wir hier einen entscheidenden Schritt weiter sind, möchte ich gemeinsam mit dem Stadtrat und unserem Vertragspartner den bestehenden Pachtvertrag anpassen und verlängern. Ich kann mir auch vorstellen, gemeinsam mit allen Beteiligten ein komplett neues Kooperationsmodell aufzustellen. Wichtig ist, dass alle Seiten etwas davon haben. Die Stadt, die Loreley Freilichtbühne und ihr Pächter, unsere Gäste auf der Loreley, die Gastronomie und das Gewerbe in St. Goarshausen.

St. Goarshausen braucht wieder eine starke Stimme auf der Loreley. Da hat sich die Stadt vor allem in den letzten drei Jahren zu sehr von der Verbandsgemeinde vor den Karren spannen lassen. Hier will ich im Interesse unserer Stadt selbstbewusster als mein Vorgänger, aber nicht arrogant auftreten.

Was möchtest du noch alles für die Stadt erreichen?

Ich möchte es schaffen, St. Goarshausen zu einen. Das von außen in den Wettbewerb ums Rathaus gespritzte Gift hat in der Bevölkerung Wunden hinterlassen. Vor allem die CDU in St. Goarshausen und zwei Privatpersonen haben sich hier nicht mit Ruhm bekleckert. Parteipolitik hat im Rathaus einer so kleinen Stadt mit so großen Problemen nichts zu suchen. Wer dann versucht, Entscheidungen durch persönliche Respektlosigkeiten gegenüber dem Stadtrat zu beeinflussen, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt und handelt grob verantwortungslos.

Mein Vorgänger Manfred Baumert und ich pflegen seit Jahren ein hervorragendes Verhältnis zueinander. Das war während des Wettbewerbs um das höchste Amt der Stadt nicht anders und wird auch in Zukunft so bleiben. Ihn nehme ich von meiner Kritik ausdrücklich aus.

Ansonsten möchte ich eng mit meinem neuen Kollegen Falko Hönisch in St. Goar zusammenarbeiten. Es stehen so wichtige Themen wie die Digitalisierung unserer Städte an. Das Thema Klimawandel und erneuerbare Energien sind für mich auch vor dem allübermächtigen Thema Buga 2029 wichtige Aspekte. Beide Städte leiden unter Einwohnerschwund, das Gewerbe zieht sich immer mehr und mehr zurück, das Thema Brücke bewegt die Menschen. Und dann gibt es ja noch die ganzen anderen, schon bestehenden Projekte in unserer Stadt. Der Verkauf des Rathauses, der Umbau des Bahnhofs, die Sanierung des Krans und die Umgestaltung des dazu gehörigen Geländes.

Die Wählerinnen und Wähler haben mir aber auch Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben. Das Thema Geschwindigkeitskontrollen in St. Goarshausen und allen Stadtteilen ist eines der zentralen Anliegen.

Unsere Feuerwehr wird von der Verbandsgemeinde seit Jahren im Regen stehen gelassen. Stichwort Feuerwehrgerätehaus. Ich kann nicht zaubern, aber ich will für die Kameradinnen und Kameraden da sein. Am Montagabend war ich kurz bei unserer Feuerwehr, hab mich vorgestellt und ein paar Kaltgetränke mitgebracht. Das ist eine tolle Truppe, die wir da haben. Ich will den Einsatzkräften auch und vor allem nach schwierigen Einsätzen zur Seite stehen. Da hilft mir sicherlich meine langjährige Erfahrung im Bereich der Notfallseelsorge. Die Kameradinnen und Kameraden sollen wissen, dass sie im Rathaus einen Bürgermeister haben, der für sie da ist.

Übrigens, an Himmelfahrt ist Feuerwehrfest in St. Goarshausen auf dem Loreleyplatz!

Weitere Termine des Tages

Lorch – „Ransel Classics“ – 30. Mai – lorch-rhein.de

Festung Ehrenbreitstein – Historienspiele 2019 – 30. Mai, ab 10 Uhr. tor-zum-welterbe.de

Bacharach – „Kulturerbe Schieferbruch-Trockenmauern“ / Wanderung mit Welterbeführer Horst Maurer – 30. Mai, 11 Uhr. gaesteführer.welterbe-mittelrhein.de

Bingen – Terroir-Tour zur „Nacht der Verführung“ – 30. Mai, 16 Uhr. bingen.de

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