Hungersteine heißen die Felsbrocken, die der Rhein nur bei großer Trockenheit und extremem Niedrigwasser freigibt. Den Namen gibt es seit vielen Jahrhunderten, aber noch nie waren die Hungersteine  so oft zu sehen wie in unserer Zeit. Wird der Rhein jetzt zum Rinnsal? Nein, glaubt Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning. Es muss aber einiges anders werden, damit der Rhein bleibt. Noch haben wir es in der Hand. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Werkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Warm wie ein Kinderplanschbecken ist der Rhein an seinen Ufern in diesem Sommer. Die Ufer sind sich deutlich näher gekommen als sonst, der mächtige Vater Rhein ist gerade eher ein schmächtiges Väterchen. Sonst bekam der Rhein im Frühjahr eine Welle Schmelzwasser und im Sommer einen kräftigen Schluck Gletscherwasser, damit er imposant fließen kann und den ganzen Leuten an seinem Ufer ein schönes Gefühl von der Weite der Welt gibt. Die Schneeschmelze war in diesem Jahr nix, weil es kaum Schnee zum Schmelzen gab. Das Gletscherwasser geht zur Neige, weil die Gletscher zur Neige gehen. Also bekommt der Rhein zweimal weniger und zeigt uns einen Pegel nahe bei den Außentemperaturen. Alles, was erst in ein paar Jahren passieren sollte mit diesem Klimawandel, passiert bereits jetzt – der Rhein wird zukünftig im Sommer nicht mehr durchgehend schiffbar sein.

Nun steh ich am Ufer dieses Rheins, schaue auf seine Kieselränder, die sonst unter Wasser sind und jetzt in der Sonne braten. Der Schlamm ist trocken gebacken wie Teigreste im Ofen. Eine Mischung aus Besorgnis und Empörung befällt mich. Die Besorgnis, das macht der Verstand. Jeder, der auch nur gelegentlich Nachrichten schaut, weiß, was gerade passiert und wer der Verursacher ist. Die Empörung kommt dagegen tief aus dem Bauch. Empörung darüber, dass der Rhein einfach zerrinnt, weniger wird und vielleicht irgendwann einfach Pause macht. Dass der Rhein als Mythos aufhört und ich akzeptieren muss, dass es am Ende einfach Wasser war, das von einem höheren Punkt zu einem niedrigeren Punkt fließt. Als ob ich einen Anspruch darauf hätte, dass der Rhein da ist, nur weil es ein paar hübsche Redensarten drumherum gehäkelt gibt.

Den Rhein befahren zu können, war ein Privileg

Alles, was den Mittelrhein ausmacht, ist der Rhein. Der hat sich hier in Jahrzehntausenden durch den Fels gelutscht und quasi aus Versehen diese großartige Landschaft liegen gelassen. Er hat Kies, Sand und gemischte Gerüche hier abgeladen und Abwasser, Schlamm, ein wenig Spucke und hin und wieder eine Flaschenpost mit heißer Liebe mitgenommen. Er hält den Frost in Schach, er macht die Hitze erträglicher. Der Rhein hat Leute gebracht und geholt, Waren geliefert, Autorreifen entsorgt und manchen heimlichen Kuss am Ufer gesehen. Den Rhein befahren zu können, war ein Privileg. Die Schiffslotsen waren lässige Helden, die den Kahn einhändig durch diese Waschmaschine kutschierten und dabei den Zigarettenrauch mit einem Auge wegblinzelten. Die Kapitäne wurden nicht von ihrer Uniform getragen, die Kapitäne haben die Uniform getragen. Der Rhein hat sie stolz gemacht. Und jetzt ist der stolze Rhein ein schwacher Patient mit Aderlass.

Was bleibt vom Mittelrhein, wenn man den Rhein wegnimmt? Mittel. Mittel ist halt so mittel. Mittelmäßig, mittelgut, mittelschlecht. Alles nicht so berauschend. Wer den Mittelrhein kennt, weiß, dass er nicht mittel ist. Sondern krass. Aber ohne Rhein ist das schwer zu vermitteln. Wir brauchen den Rhein, damit wir Mittelrhein sein können. Sonst hätten wir ja auch direkt an die Mosel gehen können.

Der Rhein hat uns viele Jahrhunderte versorgt. Manchmal zu viel, manchmal zu wenig, meistens ganz gut. Die Träumer hat er mitgenommen in seinen Gedanken ans Meer. Die Pragmatiker hat er huckepack genommen mit ihrem Holz, ihren Booten und neuerdings ihren Jetski. Jetzt müssen wir den Rhein versorgen, mit weniger von uns und unserem Bedarf. Weniger Erderwärmung, weniger Gletscherschmelze, weniger Flächenversiegelung. Weniger wollen, weil wir mehr wollen.

Der Rhein ist nicht alleine mit seinem Wassermangel. Die wunderschöne Loire in Frankreich ist gerade einfach nicht da. Sie ist nur ein trockenes Flußbett. Rascheln statt Rauschen. Die Fische sind irgendwohin, der Boden trocken, die Kaninchen können endlich entfernte Verwandte besuchen. Das Wasser der Loire, wegen dessen Glitzern vor den Schlössern die Touristen sonst kommen, macht Pause. Vielleicht bis zum Oktober, wenn es wieder etwas regnet. In Italien beim Po das gleiche.

Die neuen Hungersteine

Überall fallen Flüsse trocken, die Leute stehen schweigend am Ufer und versuchen sich, einen Reim darauf zu machen. Flüsse verschwinden vielleicht in der Serengeti oder im Okawango-Delta. Dann heißen sie Wadi und kommen am Ende der Fernsehdoku schön wieder zurück, alles ist wieder grün, die Tiere fressen sich satt und danach die Nachrichten. Vom sicheren Sofa aus sind Wadis interessant. Vor dem Fenster ist so ein Wadi eher bedrohlich.

Bedrohlich ist auch die Warnung, nicht auf den jetzt freiligenden Uferstreifen herum zu laufen, weil da möglicherweise noch Blindgänger liegen auf die man treten könnte. Überall werden auch gruselige Hungersteine sichtbar. Die liegen sonst unter Wasser und tauchen nur bei extremem Niedrigwasser auf. Die Inschriften sind dramatisch: »Wenn du mich siehst, dann weine!«, weil klar war, dass Niedrigwasser schlechte Ernten bedeuteten.

Wir könnten heute neue Hungersteine dazulegen, die eher Klimasteine heißen müssten. Die Inschrift könnte lauten: »Wenn du mich siehst, spar mehr CO2!« oder »Wenn du mich siehst, dann ist wahrscheinlich das Pariser Klimaabkommen nicht ganz erreicht worden und vielleicht sollte da etwas nachgebessert werden, wenn es keine Umstände macht!« aber das passt dann vermutlich wieder nicht auf den Stein.

Man kann noch etwas tun

Dabei ist es ja nicht so, dass es weniger regnet – der Regen ist nur ungleichmäßiger verteilt über das Jahr. Mehr Regen im Winterhalbjahr, dafür trockene Sommer. Gegenden, die viel Übung mit heißen Sommern und feuchten Wintern haben, sind jetzt im Vorteil. Iran, Afghanistan und die Südstaaten der USA zum Beispiel. Sie haben Techniken entwickelt, die Niederschläge nicht direkt abfließen zu lassen, sondern zu halten und verzögert zu dosieren. Das dämmt die trockene Zeit ein und versorgt die Pflanzen mit Wasser. Hierzulande könnten Wälder das Wasser gut halten und langsam weiter dosieren. Also richtige Wälder und keine Fichtenplantagen mit Drainagegräben. Der Humus hält das Wasser, die Bäume geben Schatten und halten den Wind weg, so in etwa. Die Wälder werden tatsächlich schon umgebaut, aber ein Wald ist kein D-Zug, sowas dauert halt.

Bis dahin könnte man sich ja Flächen anschauen, die bisher Regenwasser nicht dosieren, sondern einfach ableiten. Dächer, betonierte Hinterhöfe, Stellplätze für Autos, da kommt schon was zusammen. Jede Fläche, die jetzt entsiegelt wird und das Wasser in die Erde lässt, ist ein kleiner High-Five für das Grundwasser. Jeder Schluck im Grundwasser macht aus 4 trockenen und heißen Monaten ein kleines Stück nicht ganz so schlimme trockene und heiße Monate. Der Boden ist ein guter Wasserspeicher, dafür muss er halt auch Wasser bekommen. Wir können es ihm geben.

Der Rhein hat die Menschen immer berührt und ihnen auch meistens Zuversicht gegeben. Es kann passieren, was will: Der Rhein fließt einfach weiter. Du warst ein paar Jahre weg? Kein Thema, der Rhein hat schön weiter sein Flussding gemacht und auf dich gewartet. Du warst noch nie in Deutschland und siehst zum ersten Mal den Rhein? Bitte sehr, da ist er und fließt schon eine Weile gemütlich vor sich hin. Genau dieses Konstante hält mich gerade stimmungsmäßig über Wasser: er fließt noch, der Rhein, und man kann noch etwas tun dass er im Sommer nicht ganz verschwindet. Weniger sinnlos konsumieren, die Erderwärmung eindämmen und Flächen entsiegeln zum Beispiel. In Köln am Rhein sagt man »Arsch hu, Zäng usseinander«, was man hier vielleicht etwas höflicher übersetzen könnte mit »Ala hopp«. Für die Zugezogenen wäre das vielleicht zu übersetzen mit »Wenn Sie vielleicht mitmachen wollen?«

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist er Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

 

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