Als fluffige Küken am Rheinufer sind sie noch herzerweichend, aber große, laute und dreiste Gänse nerven. Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning über ein besch…. Problem und die mittelrheinische Universal-Lösung.

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Es ist seit einiger Zeit eine regelrechte Kunst, am Mittelrheinufer entlang zu gehen, ohne in eine der kleinen dunkelgrünen Würste zu treten, die von den immer zahlreicher werdenden Gänsen als Geschenk hinterlassen werden. Dabei sind Gänse ähnlich gute Weidetiere wie Kühe, sie halten das Gras tatsächlich schön kurz. Manche Landwirte verfluchen die einfallenden Schwärme, die aus einer guten Heuwiese in wenigen Tagen so etwas wie feinen englischen Rasen machen, allerdings nicht ganz so fein, wenn man genauer hinsieht. Gänse fressen den lieben langen Tag und können sogar beim Gehen einfach unter sich lassen. Sie müssen dafür nicht einmal anhalten oder kurz überlegen, sie werden einfach los, was weg muss. Sie sind echte Rasenmäher. Am Mittelrhein gibt es viele Wiesen, die eigentlich für Menschen gedacht waren und immer mehr zur Gänseweide geworden sind. Die Intelligenz der Gänse hilft ihnen dabei. Sie lernen schnell, dass von gewöhnlichen Fußgängern keine Gefahr ausgeht und lassen diese bis auf einen Meter an sich vorbeilaufen, ohne nervös zu werden. Bei wilden Gänsen wäre das undenkbar.

Ausgewachsene Gänse haben wenig echte Feinde außer vielleicht der freilaufenden Stoßstange oder Wilderern, die sich eine Gänsebrust holen wollen. Tiere, die den Gänsen gefährlich werden könnten sind rar. Wölfe sind selten am Rhein, Adler offenbar auch, ebenso sind Braunbären gerade Mangelware. Alle Augen schauen hoffnungsvoll auf die Füchse, dass sie sich doch bitte die Gans holen sollen, aber die Füchse gehen ungern über stark befahrene Bundesstraßen und nachts schlafen die Gänse gerne auf Inseln im Rhein oder unzugänglichen Uferstreifen. Die Füchse können da nur gucken und träumen.

Der stärkste Feind der Gans ist momentan die Gans selber. Oder vielmehr die Nilgans, die den Graugänsen zeigt, wer zuerst sein Handtuch auf dem Liegestuhl hatte. Nilgänse kommen – wenig überraschend – aus Afrika, können einen mit den roten Augen sehr böse anfunkeln und sind sehr meinungsstark. Nilgänse gehen auch früher in den Angriff über als Graugänse.

Weil es also keine natürlichen Fressfeinde gibt, können die Gänse fleißig brüten, bis im April die niedlichen graugelben Küken auf dem Rhein zu sehen sind, die piepsend ihren Eltern hinterherschwimmen. So niedlich, wie die fluffigen Küken auf dem Wasser auch sind, die Blicke der Leute werden feindseliger, wenn im Sommer die fauchenden Gänseeltern ihre Brut verteidigen und das Rheinufer für sich beanspruchen. Keine Konkurrenz, wachsende Gruppen? Das ist wie ein Frühstücksbuffet ohne Aufsicht.

Die Hoffnungen, dass sich die Gänsepopulationen irgendwie selber regeln, haben sich nicht erfüllt. Im Frühsommer hab ich ein Gänsepaar gesehen, das mit sage und schreibe zwölf Küken auf dem Rhein schwammen. Die Kücken schwammen adrett zwischen den Eltern, alle wohlgenährt, alle unfassbar flauschig und niedlich. Das einzige, was offenbar wirklich gegen eine Gänseinvasion wirkt ist offenbar nur der gezielte Abschuss. Oder wenn man es etwas weniger martialisch mag, kann man ihre Eier durch Gipseier austauschen und nimmt in Kauf, dass die Gänse irgendwann etwas desillusioniert vom Brüten ablassen und versuchen, es nicht dem Ganter anzukreiden. Das eine geht schnell, macht aber traurige Kinderaugen, das andere wirkt im Hintergrund, ist aber teurer. Gipseier haben auch den Nachteil, dass man im Frühjahr keine Gänseküken sehen kann, was für manche ja doch zum Frühling dazu gehört. Dafür könnte die Osterdekoration um eine neue Größenordnung an Eiern erweitert werden.

Als sich vor ein paar Jahrhunderten die Römer hier am Mittelrhein breit machten, hatten vermutlich die hier lebenden Kelten ähnliche Gedanken über die Römer, wie wir heute über die Gänse. Überall laufen sie rum, stehen dauernd im Weg, keiner kann sie unterscheiden und sie sind sowieso furchtbar laut und dreist. Und natürlich nehmen sie die schönsten Plätze in Beschlag. Dass die schönsten Plätze begehrt sind, ist allerdings eine Konstante am Mittelrhein.

Die enge Bebauung in den einst prachtvollen Rheinstraßen zeigt, dass die Lösung manchmal ganz einfach ist: man rückt einfach etwas zusammen und teilt sich den schönen Blick auf den Rhein. Dieses Zusammenrücken und Teilen ist so typisch für den Mittelrhein geworden, dass sich keiner vorstellen kann, wie es ohne ginge. Ein Blick in eine beliebige (Vor-Corona oder jetzt 2Gplus oder 2G Booster oder wie auch immer sichere)-Straußwirtschaft bestätigt dass. Dort können sich eine nach oben offene Anzahl von Leuten einen Tisch und zwei Bänke teilen und den guten Ort zusammen genießen. Teilen macht glücklich – den Wirt und die Gäste.

Nun dürfte es etwas schwierig werden, mit den Gänsen zum Katasteramt zu gehen, um die Eigentumsfragen um das Rheinufer endgültig zu klären. Manche Gänse leben auch nicht lange genug, um die Post von der Behörde zu erleben. Also braucht es andere Tricks. Man könnte zum Beispiel den Gänsen bisher ungenutzte Uferbereiche etwas außerhalb der Ortschaften bereit stellen. Mit Falken oder Drohnen oder Laiendarstellern in Fuchskostümen macht man dann die Rheinwiesen von der Rumhäng-Gegend zur hektischen Scheuchzone, bis es den Gänsen zu unbequem wird und sie genervt, voller schlechter Gedanken und vorformulierten schlechten Bewertungen zu den anderen Uferbereichen umziehen.

Oder man kann einfach hoffen, dass sich irgendwann die lustigen grünen Alexandersittiche ansiedeln, die jetzt schon in Köln, Düsseldorf und Mainz wild leben und die Anwohner morgens um halb fünf daran erinnern, dass anderswo gerade die Sonne aufgeht. Diese possierlichen Sittiche könnten doch das Geräusch von sich anschleichenden Füchsen nachmachen und damit die Gänse nervös halten und schließlich in die Flucht schlagen? Wer weiß schon, was helfen wird? Vielleicht sind die Gänse auch irgendwann vollkommen enttäuscht von uns und ziehen wortlos weiter?

Egal ob sie irgendwann einfach gehen oder wir die Eier durch Gipseier austauschen – die Gänse werden nicht die letzten sein, die die schönen Plätze am Mittelrhein haben wollen. Sie sind einfach die nächsten in einer langen Reihe von Genießern, die den Mittelrhein wollen. Und vermutlich wird man es am Mittelrhein lösen wie so oft: man rückt ein wenig zusammen, teilt sich die schöne Aussicht und sagt, dass die Flasche einfach auf dem Tisch stehen bleiben kann.

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen:

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

Foto des Tages

 

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