Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning lebt seit vier Jahren im Welterbetal und will nicht wieder weg. Nur an eins kann er sich nicht gewöhnen:  den Rhein als Grenze zu akzeptieren. Eine Kolumne über Brücken, Fähren und Dinge der Unmöglichkeit. 

Christian Büning ist Kommunikationsdesigner, Wahl-Mittelrheiner und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Knobelaufgaben machen Spaß, vor allem diese hier: Du hast ein Boot, eine Ziege, einen Kohl und einen Wolf. Du kannst immer nur zwei mit ins Boot über den Fluss nehmen. Wie bekommst du alles ans andere Ufer, ohne dass die Ziege den Kohl oder der Wolf die Ziege frisst? Ein Klassiker. Dieses Quiz gibt es auch in echt. Jeden Tag am Mittelrhein. Das eigentliche Problem ist bei diesem Quiz allerdings nicht die Ziege, nicht der Kohl und nicht der Wolf, auch nicht das Boot. Das Problem ist der Fluss. 

Mittelrheiner kennen es nicht anders, alles orientiert sich zum Fluss, aber der Fluss trennt auch vieles. Wer den Rhein überquert, macht es nicht beiläufig wie an der Mosel, sondern mit Vorsatz und Handgepäck. Man fährt nicht einfach so rüber, dafür ist der Aufwand zu groß. Entweder viele Kilometer Umweg bis zur nächsten Brücke oder etwas Zeit einplanen für die nächste Fähre. 

Die 150 Meter bis zum anderen Rheinufer sind geografisch sehr nah, man könnte die Distanz auch gut zu Fuß zurücklegen. Wenn das Wasser nicht wäre und die Strömung, das macht es doch ein wenig unpraktisch. Der Rhein teilt eine Gegend in zwei Teile, die eigentlich zusammen gehört. Orte, die auf der anderen Rheinseite  nur drei Kilometer vom Rhein entfernt sind, sind mir so unbekannt wie die hintersten Dörfer in Ostwestfalen. Wahrscheinlich kann man sogar in den Heiratsstatistiken nachweisen, dass nicht über den Rhein geheiratet wird. Und das mitten in Europa. 

Über 80 Kilometer gibt es keine feste Rheinquerung. Wäre der Mittelrhein als Hindernis kein Fluss sondern eine Hügelkette, die im Weg stünde, man hätte längst Tunnel auf die andere Seite gebohrt oder Straßenzüge drüber planiert. Seit über 50 Jahren träumt die Politik am Mittelrhein stattdessen von einer Mittelrheinbrücke. Dann kam der Welterbestatus, der es deutlich schwieriger macht, massive Sichtbetonteile mitten in die Perspektive zu verbauen. Und leichtfertig verspielen will diesen Status auch keiner. 

Aber die Dinge laufen wie sie laufen und mit etwas Dussel wird in 20 oder 30 Jahren irgendwo eine Brücke über dem Mittelrhein stehen. Es wird dann noch weitere 20 oder 30 Jahre dauern, bis die beiden neu verbundenen Rheinseiten etwas zusammenwachsen und bis die Schere im Kopf sich schließt. Das sind noch viele Jahre und bis es soweit ist, schaut die eine Seite rüber auf die andere, die so wenig erreichbar ist wie eine Fähre, die gerade abgelegt hat. 

Apropos Fähre: Ohne sie ginge vieles nicht am Mittelrhein. Aber auch mit ihnen geht manches leider nicht. Essen gehen auf der anderen Seite geht, allerdings muss man die letzte Fahrt um 20 Uhr erwischen. Gut für Früh-Esser, aber schlecht für die Gastro, die gerne noch einen dritten Schoppen verkauft hätte. Einen Dienstplan im Schichtbetrieb auf der anderen Rheinseite vereinbaren wo man um sechs Uhr anfangen muss – keine Chance derzeit.

Die Fähren sind wichtig und gehören zum Mittelrhein unbedingt dazu. Die Gäste sehen die Fähren als kleine Entschleunigung und genießen die Überfahrt. Wer jeden Tag rüber muss, trommelt irgendwann mit den Fingern auf dem Lenker, weil es sich langsam anfühlt. Der Bedarf an Überfahrten ist am Mittelrhein höher als das Angebot sein kann. Das Rückrat, die wichtigste Infrastruktur der Region ist in privater Hand und arbeitet zudem noch unter wirtschaftlichem Druck. Das würde bei einer Straße niemand akzeptieren – am Mittelrhein ist es seit Jahrzehnten das Maximum von dem was möglich ist. Und das mitten in Europa. 

Das Rätsel vom Anfang ist übrigens einfach zu lösen. Wir haben Mittelrheinziegen auf der einen Rheinseite, den Wolf auf der anderen und Kohl sowieso überall. Und mit Kohl als Grundnahrungsmittel meine ich natürlich Riesling. Also Riesling haben wir auch überall. Bleibt also das Boot und der Fluss und die Rheinufer und wie wir hier am Mittelrhein weiter knobeln … 

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

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