Osterspai hat ein Schloss, eine Burg, einen häufig falsch geschriebenen Ortsnamen ( „Osterspay“), weniger als 1.300 Einwohner und eine eigene digitale Plattform. „Osterspai Aktuell“ gibt es seit 10 Jahren. Die beiden Gründer Guido Kreutzberg und Sebastian Reifferscheid zeigen damit, wie man ein Ort vernetzt und Menschen zusammenbringt. 7 Fragen an die Medien- und Möglichmacher von Osterspai. 

Osterspai immer im Blick: Sebastian (l.) und Guido im Bopparder Hamm. Foto: Privat.

Osterspai immer im Blick: Sebastian (l.) und Guido im Bopparder Hamm. Foto: Privat.

Guido und Sebastian, am Anfang ein peinliches Geständnis: Ich bin noch nie in Osterspai ausgestiegen, außer am Schnellimbiss oder zum Obstkauf. Was habe ich verpasst? 

Einiges. Mit seinen schmucken Fachwerkhäusern schmiegt sich Osterspai zwischen die Wälder der westlichen Taunushöhen und die ausgedehnten Obstgärten ins Rheintal. Auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich der Hunsrück mit den Weinbergen der berühmten Lage „Bopparder Hamm“. Hoch über dem Ort liegt Schloss Liebeneck, im Ortskern prägen malerische Gassen, die barocke Kirche St. Martin und eine Wasserburg mit Kapelle aus dem 13. Jahrhundert das Bild. Die herrliche Lage an Deutschlands größter Rheinschleife ermöglicht zu jeder Jahreszeit wunderschöne Ausflüge und Wanderungen. Unser idyllischer Ort am Rheinufer bietet Entspannung pur und ist ein idealer Ausgangspunkt für interessante Ausflüge

Ihr habt mit den Didingers ein erstklassiges Weingut am Ort, aber keine Weinberge, denn die sind auf der anderen Rheinseite im Bopparder Hamm. Wie funktioniert das ohne Brücke?

Diese Frage müsste eigentlich unsere Winzerfamilie Didinger auf die wir Osterspaier besonders stolz sind, beantworten. Ob nun die unserer Meinung notwendige Brücke bei St. Goarshausen gebaut wird, dürfte in diesem speziellen Fall vom Standort her unerheblich sein. Die Osterspaier Winzer und auch unser Weingut Didinger haben schon immer den Rhein überquert. Für sie ist das quasi „Daily Business“. Entweder in Boppard über die Fähre oder in Koblenz über die Brücke. Wir als Didinger-Fans genießen es, täglich auf unsere Reben zu schauen wie diese sich vis – à – vis so entwickeln um nachher als guter Tropfen im Glas zu enden. Das ist für uns gelebte Identität zum Mittelrheintal.

Osterspai fällt nicht nur weinmäßig aus dem Rahmen. Sebastian hat das Musikfestival „Endless Summer“ hochgezogen und damit Jahr für Jahr über 1000 Menschen nach Osterspai geholt. Wie geht es damit weiter?

Sebastian: Das „Endless Summer Festival“ entstand 2009 aus der Idee, ein paar Einnahmequellen für den Sportverein zu sammeln. Mit 200 bis 300 Gästen wurde damals gerechnet.  Am Ende waren es rund 1200 Menschen aus ganz Rheinland-Pfalz, die beim ersten „Endless Summer Festival“ in Osterspai dabei waren. Die Einwohnerzahl von Osterspai verdoppelte sich quasi für einen Tag. Damit hatte niemand gerechnet. Auch nicht damit, dass das Festival im Jahr 2018 zum 10. Mal stattfinden würde. Der ehrenamtliche Aufwand war jedoch enorm, um ein solches Festival in einem kleinen Ort wie Osterspai ausrichten zu können. Rund sechs Monate Planungs- und Vorbereitungsarbeit lagen jährlich vor uns, am Wochenende selbst waren dann mehr als 80 ehrenamtliche Helfer im Einsatz, vor denen ich nur den Hut ziehen konnte. Neben dem enormen Zeitaufwand – allein 7 Tage Urlaub gingen jährlich bei mir drauf –  trugen auch die hohen Kosten, um das eigentliche Waldgelände für einen solchen Tag herzurichten und die jährlich gestiegenen Künstlerkosten dazu bei, dass wir nach dem Jubiläum 2018 einen Schlussstrich zogen. Ein Open Air ist zudem auch immer durch das Wetter ein Stück weit Risiko. Wir hatten 10 Jahre wirklich Glück und waren sehr dankbar dafür. Auch heute noch bekomme ich oft Anfragen, ob Osterspai nochmal ein solches Fest erleben wird. Das bleibt jedoch abzuwarten.

 

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Ihr habt gerade eine Aktion im Ort gestartet und sammelt alte Fotos von Osterspai. Was steckt dahinter?

Wir haben uns dieses Projekt anlässlich unseres 10 Jahre-„Osterspai Aktuell“-Jubiläums ausgedacht, um den Osterspaiern sowie Freunden und Gästen unserer kleinen Gemeinde eine Freude zu machen. Hier sind gerade die älteren Generationen angesprochen, die nicht die neuen Medien nutzen. Schon in den vergangenen Jahren haben wir über die Plattform „Osterspai Aktuell“ immer mal wieder ein Bild aus vergangenen Jahren eingestellt. Die Rückmeldungen dabei waren äußerst positiv.

Wie sehr sich ein Ortsbild verändert, merkt man häufig erst in der Rückschau. Denn Veränderungen entwickeln sich meist langsam und so hat der Betrachter Zeit, sich an sie zu gewöhnen. Umso überraschter ist man oft beim Betrachten alter Bilder. Historische Fotos sind auch von unserem Örtchen Osterspai sehr selten.

Und unser gemeinsamer Gedanke hierbei ist: Wenn wir diese Sache nicht jetzt sofort angehen, werden wir an ganz viele Bilder und Geschichten nicht mehr rankommen. Bei Hausverkäufen und Wohnungsauflösungen werden diese noch in den Schubladen und Bilderkisten vorhandenen Schmuckstücke oft vernichtet. Und Generationen, die uns jetzt noch unterstützen können, sind bald nicht mehr da.

Wir werden dann im Herbst zur ersten „Osterspai-Aktuell“-Ausstellung „Osterspai im Wandel der Zeit“ ins Rathaus einladen. Aber auch über das Medium „Osterspai Aktuell“ werden wir anschließend das Ergebnis unserer Aktion präsentieren. Hier haben dann Jung und Alt sowie Groß und Klein die Möglichkeit, Erinnerungen zu teilen.

Geschichte und gemeinsame Erinnerungen schaffen Identität und Zusammenhalt. Fehlt das am Mittelrhein manchmal?

Dass es speziell den Menschen, die im Mittelrheintal leben, manchmal an Identität fehlt und auch der Zusammenhalt etwas leidet, kann man so nicht stehen lassen. Natürlich hat sich die Gesellschaft im Gesamten verändert, was natürlich auch in unserer schönen Heimat so ist. Wir können in erster Linie nur über unseren Ort Osterspai ein Urteil abgeben. Hier gibt es gerade im vielfältigen Vereinsleben und in dem örtlichen Umfeld einen sehr guten Zusammenhalt. Unser Ort lebt vom Ehrenamt und Ehrenamt ist für uns auch ein Stück Zusammenhalt. Und dass es den Mittelrheinern im Großen und Ganzen an Identität mangelt, würden wir verneinen. Dafür kennen wir auch genügend tolle Menschen, auch über den Kirchturm hinweg geschaut. Gerade die vielen positiven Rückmeldungen auf unsere „Osterspai Aktuell“-Beiträge zeigen den Bezug der Menschen zu Ihrer Heimat.

2029 ist die Buga im Tal. Was erwartet ihr für die Region und für Osterspai?

Das entscheidende Ziel liegt unserer Meinung nach nicht auf dem Ausstellungszeitraum, sondern auf der Aufbruchsstimmung und der Nachhaltigkeit für kommende Generationen. Hier gilt es unsere Region planerisch, touristisch und infrastrukturell weiterzuentwickeln

Mit der Wanderausstellung „Bundesgartenschau 2029: Unsere Buga beginnt jetzt!“ konnten wir durch unsere Initiative auch in Osterspai im Januar 2020 viele Leute erreichen und für dieses Projekt begeistern.

Die Leute erwarten, dass wir in den kleinen Orten nicht nur bespielt werden und als Urbewohner dem Buga-Touristen freundlich zulächeln sollen, sondern mit eingebunden werden und kleine geplante Projekte auch schnell und ohne immer größer werdende Auflagen umgesetzt werden können.

Die Ausrichtung der Buga in 2029 würden wir schon als sportliches Ziel bezeichnen. Was vielleicht, oder hoffentlich, aber den Druck auf Entscheidungsträger bei geplanten Vorhaben erhöht.

Wenn jeder von euch 3 Wünsche frei hätte – was sollte schon vor der Buga erreicht werden? 

Guido:

  1. Dass wir Bürger flussübergreifend näher zusammenrücken und sich Nachbarn und nette Leute aus dem ganzen Tal besser und persönlich kennenlernen, um sich auszutauschen.  Hier versuche ich, im kleinen Rahmen Kontakte zu knüpfen und habe dabei bereits einige nette Menschen z.B. die Betreiber des Hotel Rheingraf in Kamp-Bornhofen, Diana und Uwe, die sehr engagierten Oberweseler Marcel und Christian, Gero aus Bacharach oder auch Sarah Hulten aus Leutesdorf sowie einige andere aus verschiedenen Rheinorten kennengelernt. Alles liebe Menschen aus unserer Region, die unserer Heimat lieben und voranbringen.
  2. Einfachere und schnellere Umsetzung von geplanten Wohnmobil-Stellplätzen
  3. Barrierefreie Zugänge zu Bahnhöfen und verschiedenen anderen Einrichtungen.

Sebastian:

  1. Die positive Außendarstellung des Mittelrheintals weiter voranbringen. Hier kann schon jetzt jeder einzelne Mittelrheiner durch ehrenamtlichen Einsatz in seinem Ort/Stadt zum Bild beitragen. Schließlich leben wir hier, wo andere Urlaub machen.
  2. Das Mittelrheintal für den Tourismus noch attraktiver gestalten. Für Osterspai speziell die große Chance des engen Türchens, auch Osterspaier Ritt genannt, nutzen. Wir haben hier eine traumhafte Naturbadebucht direkt vor der Haustür. Unter der Berücksichtigung des Naturschutzes könnte man neben einem Wohnmobilstellplatz z.B. SUP-Verleih, einen Yachthafen oder ähnliches anbieten.
  3. Eine modernisierte öffentliche Infrastruktur schaffen, die zum Leben und Verweilen am Rhein, auch nach der Buga, einlädt.

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