Corona bremst aus, engt ein und zwingt zum Verzicht – sogar hinter Klostermauern. Im 3 .Teil ihrer Corona-Interviews hat Gastbloggerin Marie-Luise Krompholz mit Philippa Rath von der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen gesprochen. Die katholische Ordensfrau, die als Buchautorin gerade bundesweit im Gespräch ist, sorgt sich um den Klosterbetrieb und hofft auf Lehren aus der Krise. 

Philippa Rath lebt seit 1990 im Kloster Eibingen. Foto: Abtei St. Hildegard Rüdesheim-Eibingen.

Philippa Rath lebt seit 1990 im Kloster Eibingen. Foto: Abtei St. Hildegard Rüdesheim-Eibingen.

Wie hat Corona in den letzten Monaten Ihren Alltag verändert? 

Mein persönlicher Alltag hat sich radikal verändert. Durch meine verschiedenen Aufgaben hier im Kloster als Stiftungsvorstand der Klosterstiftung Sankt Hildegard und als Geschäftsführerin unseres Freundeskreises war ich vor Corona viel unterwegs. Auch mein Engagement in dem Reformprozess der Kirche „Synodaler Weg“ war mit Reisen verbunden. Nun finden alle Begegnungen und Kontakte ausschließlich digital statt, ich verbringe viele Stunden am Tag in Zoom-Konferenzen und Telefonschaltungen. 

Auch die geistliche Begleitung von Menschen, die ansonsten zu uns kommen und ein Gespräch suchen, hat sich auf diese alternativen Kommunikationswege verlagert. Das alles ist manchmal sehr anstrengend. Ich bin aber erstaunt, wie gut es trotz allem geht. Dennoch vermisse ich natürlich – wie wahrscheinlich alle Menschen – die persönlichen Begegnungen und den direkten Austausch.

Mit Gottesdiensten, Seminaren, dem Klostercafé und dem Klosterladen zieht die Abtei St. Hildegard in normalen Zeiten sehr viele Besucher an. Wie hielten bzw. halten Sie während des Lockdowns Kontakt zu den Menschen außerhalb des Klosters? 

Das ist je nachdem sehr unterschiedlich. Unsere Kirche und unsere Gottesdienste sind ja weiterhin offen für alle, die kommen möchten. Gott sei Dank ist unsere Kirche ziemlich groß, so dass 40 Menschen problemlos auch unter strikter Einhaltung aller Corona-Abstands- und Hygieneregeln an den Gebetszeiten teilnehmen können. 

In allen anderen Bereichen ergeht es uns wie so vielen Hoteliers, Gastronomen und Geschäftsleuten überall auf der Welt, die um ihre Existenz bangen und deren Reserven von Monat zu Monat mehr dahin schmelzen. Unser Gästehaus ist seit Monaten komplett geschlossen. Das schmerzt uns besonders, denn alle Kurse, Seminare und Exerzitienangebote mussten wir ersatzlos streichen. Die Wartelisten sind nun lang, so dass nach dem – so Gott will – baldigen Ende des Lockdowns die Gäste hoffentlich wieder zu uns strömen werden. 

Die Schließung des Klosterladens und des Klostercafés hat uns ebenfalls hart getroffen, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in unserer Sorge für die Mitarbeitenden, vor allem für die Menschen mit Beeinträchtigung, die in unserem Inklusiven Klostercafé arbeiten. Sie alle sind ohne ihre Arbeit haltlos und warten sehnsüchtig darauf, wieder voll mitmachen zu dürfen. Am Wochenende gibt es aber wenigstens ein kleines „Café to go“-Angebot, das die Besucher auch gerne annehmen. Unser Klosterladen und das Klosterweingut haben sich damit geholfen, dass sie ihr Online-Angebot seit Beginn des Lockdowns massiv ausgebaut haben und nun Bestellungen per Telefon oder Mail möglich sind. Die Kunden sind dankbar dafür, aber einen normalen Einkaufsbummel und das Stöbern im Laden ersetzt das natürlich in keiner Weise.

 

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Wieviel Beistand, Trost und Begleitung können Sie trotz Social Distancing geben?

In diesem Punkt bin ich eigentlich recht zuversichtlich. Uns erreichen in diesen Wochen und Monaten sehr viele Bitten um Gebetsunterstützung in den verschiedensten Anliegen. Unser Gebet ist für die Menschen in nah und fern wichtig und, wie mir scheint, in Corona-Zeiten auch deutlich intensiver geworden. Viele Mitschwestern begleiten Menschen zudem telefonisch oder per Mail. Ich selbst telefoniere regelmäßig mit mehreren Personen, die durch Corona nahe Angehörige verloren habe und versuche, ihnen auf diese Weise Trost zu spenden und neue Lebenskraft in ihnen zu wecken. Wir hoffen einfach, dass die Menschen durch unser Gebet und unser – wenn auch reduziertes – so doch treues Dasein für sie ein wenig Hoffnung und Zuversicht schöpfen können.

Ein Kloster ist traditionell ein Ort des Innehaltens und der Besinnung. Die Corona-Pandemie hat viele Menschen in ihrem hektischen Alltag ausgebremst. Aus Ihrer Erfahrung heraus, inwiefern kann Entschleunigung auch hilfreich sein?

Ich denke, Corona hat vieles von dem in Frage gestellt, was wir bisher für unumstößlich hielten. Das Virus stellt Fragen an unseren Lebensstil, an unser Verhältnis zur Natur, an unser Zusammenleben, an mein Verhältnis zu mir selbst, zu meinen Mitmenschen und zu Gott. Eine Krise hat für mich aber nur dann Sinn, wenn wir anders aus ihr hervorgehen als wir in sie hineingegangen sind. Insofern ist die erzwungene Entschleunigung sicher für manche, leider nicht für alle, auch eine Möglichkeit zur Besinnung. 

Die vielleicht wichtigste Lektion, die uns Corona lehren kann, ist meines Erachtens, dass die Zeit des Egoismus und Individualismus vorbei ist und Miteinander und Füreinander das Gebot der Stunde sind. Eine zweite Lektion wäre für mich: Maßlosigkeit kann krankmachen und ins Chaos führen. Corona lehrt uns, dass Maßhalten, Sich-Einschränken und Verzichten bisweilen unausweichlich und auch möglich sind – nicht als Selbstzweck, sondern um eines höheren Gutes willen. Verzichten kann zu mehr innerer Freiheit und zu einem Mehr an Leben führen

 

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Ein Beitrag geteilt von Mari Ta (@pixel_madchen)

Was können, was sollten wir alle aus dieser besonderen Zeit lernen? 

Jede und jeder sollte aus meiner Sicht die eigenen Lehren aus dieser Zeit ziehen. Das können wir niemandem abnehmen und schon gar nicht für alle bestimmen. Mich persönlich haben vor allem die vielen Toten der Pandemie sehr bewegt. Sie mahnen uns, dass wir alle jeder Zeit abberufen werden können. Das braucht uns, denke ich, keine Angst zu machen, aber kann achtsamer sein lassen. So leben, dass die Begegnung mit unserem Schöpfer uns nicht „kalt erwischt“. Das wäre aus meiner Sicht ein Lebensprogramm nicht nur in Coronazeiten.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Corona-Pandemie einigermaßen im Griff ist und die Beschränkungen wieder gelockert werden?

Ich freue mich vor allem, wenn die Menschen wieder angstfrei zu uns kommen können, und wenn ich meine Familie und meine Freunde wieder ungehindert in den Arm nehmen kann. Für unsere Gemeinschaft freue ich mich vor allem darauf, dass wir unser Gotteslob wieder singen können, was jetzt in Corona-Zeiten nur sehr eingeschränkt möglich ist. Neben der Freude überwiegt aber auch die Dankbarkeit für meine Gemeinschaft. In Krisenzeiten ist das so unendlich wichtig. Wir durften das haben, was andere schmerzlich vermisst haben. Das ist wahrhaftig ein Grund zum Danken. 

Und dann ist da neben Vorfreude und Dankbarkeit noch die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass wir alle nicht nur wieder dort anfangen, wo wir vor Corona aufgehört haben, sondern die Lehren und Erkenntnisse dieser langen und schwierigen Zeit in die Zukunft retten. Dann können wir dieser Krise am Ende auch einen Sinn abringen.

Sr. Philippa Rath OSB  wurtde1990 Benediktinerin der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen. Sie studierte Theologie, Geschichte und Politikwissenschaften und hat vor ihrem Klostereintritt als Redakteurin und Lektorin gearbeitet. Im Kloster ist sie u. a. für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Leben und Werk Hildegards von Bingen und war 2011/12 am Verfahren um Hildegards Heiligsprechung und Erhebung zur Kirchenlehrerin beteiligt. Schwester Philippa engagiert sich für die Gleichstellung der Frauen in der Kirche. Gerade hat sie ihr bundesweit beachtetes Buch „Weil Gott es so will“ erschienen, ein Appell für Frauen im Priesteramt

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