Wie krank macht der Bahnlärm am Mittelrhein wirklich? Die jahrelange Dauer-Aufregung der Bürgerinitiative „Pro Rheintal“ lässt viele Mittelrheiner mittlerweile genervt abschalten – vor allem dann, wenn sie nicht direkt an den Gleisen wohnen. Aber was der Mainzer Medizinprofessor Thomas Münzel über den Lärm sagt, gibt zu denken. Ein Interview über Gesundheitsgefahren, persönlichen Ärger als Risikofaktor und notwendige Gegenmaßnahmen. 

Bllick auf Oberwesel.

Bahngleise bei Oberwesel. Foto: Romantischer Rhein / Hen4ry Tornow.

Professor Münzel, Sie unterstützen die Bürgerinitiative „Pro Rheintal“ bei Ihrer Forderung nach weniger Bahnlärm im Mittelrheintal. Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es über die Lärmbelastung? 

Die Zahlen aus Oberwesel sprechen für sich. Die Spitzenwerte und die Mittelwerte sind katastrophal hoch. Es wundert einen, dass das von der Politik zugelassen wird. Die europäische Umweltagentur EEA sagt, dass bei Werten über 55 dB(A) mit gesundheitlichen Auswirkungen zu rechnen ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt 44 dB(A) und wir haben im Mittelrheintal um die 70 d(BA). also 26 dB(A) mehr Das ist absolut inakzeptabel und zu 100 Prozent krankmachend.

Welche gesundheitlichen Gefahren sehen Sie für die Menschen im Mittelrheintal?

Neue Erkenntnisse der Lärmforschung weisen klar nach, dass insbesondere der Nachtlärm schädlich ist und mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch zerebrale Schädigungen hervorrufen kann. Eine zu kurze Nacht mit weniger als 6 Stunden Schlaf und auch häufig unterbrochener Schlaf sind per se ein wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zerebralen Erkrankungen. Der Lärm im Rheintal übersteigt das von der der WHO empfohlen Maß um das Vielfache. Das bedeutet, das die Menschen verstärkt unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, aber auch unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen. Eine Studie aus Dänemark weist außerdem auf Demenz als erhöhten Risikofaktor hin.

Welche Rolle spielt das subjektive Empfinden? Ist es aus medizinischer Sicht egal, ob ich mich über den Lärm aufrege und darunter leide oder steigt das gesundheitliche Risiko mit dem psychischen Belastung? 

Hier hat sich eine entscheidende Wende ergeben. Bis vor wenigen Jahren glaubt man noch, dass die so genannte Annoyance, also der eigene Ärger über den Lärm, keinen Einfluss auf Erkrankungen hat. Nach neuesten Befunden der Harvard-Klinik in Boston hat sich das jedoch deutlich geändert. Das Ausmaß des sich Ärgerns kann man über eine Aktivitätsmessung der Amygdala quantifizieren. Das sind Kerne im Gehirn, die für die Verarbeitung von Emotionen, Ärger und Stress zuständig sind. Man hat bei Menschen, die sich stark belästigt fühlen, eine stärkere Aktivierung der Amygdala gemessen. Das ging einher mit mehr Gefäßentzündungen und innerhalb von 5 Jahren mehr Herzinfarkten und mehr Todesfällen durch Herzerkrankungen und Schlaganfällen.

Was raten Sie Menschen, die unter Bahnlärm leiden? 

Nun, es gibt einfache Maßnahmen wie z. B. Ohrstöpsel. Das Problem beim Bahnlärm sind die Erschütterungen, die zusätzlich ins Gewicht fallen und gegen die man nicht angehen kann. Autogenes Training soll helfen, aber auch eine allgemeine Stärkung der Widerstandskräfte. Auch dazu gibt es eine aktuelle Studie aus den USA.

Was sollten Politik und Deutscher Bahn jetzt tun?

Sofort Tempo 50 einführen. Man kann nicht Tempo 30 in Innenstädten fordern und gleichzeitig akzeptieren, dass in der Nacht Güterzüge mit bis zu 100 dB(A) durch Wohnorte brettern. Die dB(A) Werte sind so hoch, dass sie meiner Meinung nach den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen. Mittlere Lärmpegel mit bis zu 75 dB(A) in der Nacht wie z. B. in Oberwesel – bei 100 Zügen – sind absolut inakzeptabel. Am Tag liegen die Mittelwerte um die 70 dB(A). Die WHO-Richtlinien gehen von maximal 44 dB(A) in der Nacht aus, also knapp 25 weniger. Es ist immer gut, wenn die Politik von Halbierung des Lärms spricht. 10 dB(A) bedeuten schon eine Halbierung der Lautheit, also dessen, das was die Menschen als laut empfinden. Die Flüsterbremsen sind nach aktuellem Stand out. Was wir brauchen, sind Scheibenbremsen. Akut hilft nur Geschwindigkeitsreduktion. So lange bis die anderen Maßnahmen effektiv greifen.

Thomas Münzel lehrt an der Universität Mainz. Foto: Peter Pulkowski / Universitätsmedizin Mainz

Thomas Münzel lehrt an der Universität Mainz. Foto: Peter Pulkowski

Zur Person: Thomas Münzel, Jahrgang 1955, ist ist Professor für Kardiologie und Gefäßerkrankungen an der Universität Mainz. Der gebürtige Baden-Badener arbeitete nach Medizinstudium und Promotion als Arzt und Oberarzt in Freiburg, Atlanta (USA) und am  Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wo er 2003 zum Professor berufen wurde. 2004 wechselte er an die Universität Mainz. Dort leitet er eine kardiologische Klinik der Universitätsmedizin. Münzel ist als Herz-und Kreislauf-Spezialist und Hochschullehrer mehrfach ausgezeichnet worden. 

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