20 Jahre Welterbetitel sind nicht denkbar ohne Nadya König-Lehrmann. Die gelernte Architektin arbeitet seit 2006 für den Zweckverband Welterbe in St. Goarshausen, die meiste Zeit als Geschäftührerin. Sie ist ist Managerin, Vordenkerin, Vermittlerin, Mittelrhein-Versteherin und wenn es sein muss, stellt sie sich bei Welterbe-Events an die Kasse und verkauft Tickets. Ein Interview über 2 Jahrzehnte Unesco-Status und die Vision für 2032. 

Nadya König-Lehrmann ist Geschäftsführerin des Zweckverbandes Welterbe. Foto: Katja Verhoeven

Nadya König-Lehrmann ist Geschäftsführerin des Zweckverbandes Welterbe Oberes Mittelrheintal. Foto: Katja Verhoeven

Nadya, an deinem ersten Arbeitstag 2006 war der Unesco-Status noch ziemlich neu. Wie war bei den Verantwortlichen im Zweckverband damals die Stimmung: Stolz auf den Titelgewinn, Respekt vor der Verantwortung oder Lust auf die Zukunft?

Die Stimmung in der Region war nach der Unesco-Anerkennung und der Gründung des Zweckverbandes eine Mischung von allem: der unglaubliche Stolz auf die Heimat, die nun zu dem ausgewählten und bedeutenden Erbe der Menschheit und damit zu den herausragenden Stätten der Welt zählt. Aber auch der Respekt und vielleicht sogar die bange Frage waren zu spüren, was nun zu tun ist, wie wir all die Aufgaben anpacken wollen und wie mit der Verantwortung, die mit dem Titel an uns verliehen wurde, umzugehen ist. Allein die Vielzahl an Kommunen, Behörden, Vereinen, Verbände und Initiativen, aber auch die Erwartungen der Mittelrheiner selbst zu bündeln, mit allen in Kontakt zu kommen und gemeinsame Arbeitsstrukturen zu entwickeln, waren die großen Aufgaben. Sie haben die ersten Jahre im Zusammenwachsen des Zweckverbandss geprägt. Es galt alle mitzunehmen, sich kennenzulernen und Vertrauen zueinander zu entwickeln, damit die gemeinsame Arbeit für unser Welterbe erfolgreich sein kann. Gerade weil das Welterbe Oberes Mittelrheintal keine gewachsene, regionale Identität hatte, haben wir mit Maßnahmen und Projekten begonnen, die zu einem Zusammengehörigkeitsgefühl führen. Dieser Prozess ist bis heute in vollem Gange und wird eine Daueraufgabe für die Welterberegion sein. Am schönsten war jedoch die Aufbruchstimmung, die in der Region zu spüren war. Viele wollten die Ärmel hochkrempeln und mitwirken, die Zukunft des Oberen Mittelrheintals aktiv zu gestalten. Dieser Effekt hat sich vielleicht nach 20 Jahren etwas abgemildert und es gibt sicher auch den ein oder anderen Welterbe-Skeptiker, dennoch haben wir mit allen, die sich in die Weiterentwicklung der Region einbringen möchten, stabile Netzwerke und Partnerschaften aufgebaut. Auch heute noch sind die Begeisterung und das Herzblut der Mittelrheiner zu spüren – nach meinem Empfinden sogar tiefer und selbstverständlicher als vor 20 Jahren – und wir versuchen diese auch weiterhin in ein produktives, vertrauensvolles und konstruktives Zusammenarbeiten zu lenken.

Was hat der Welterbetitel seit 2020 ermöglicht?

Nach meiner persönlichen Einschätzung war der Welterbetitel ein wirklicher Segen und eine echte Chance für das Obere Mittelrheintal. Durch die Auszeichnung ist eine neue und noch größere Aufmerksamkeit auf die Region gelenkt worden. Das Interesse ist deutlich gestiegen, sei es bei kulturinteressierten Besuchern,  bei internationalen Welterbe-Fachleuten oder auch bei Fördergeldgebern. Es gibt einfach viel mehr Möglichkeiten, Fördergelder zu bekommen, auf Landes- oder Bundesebene bis hin zu EU-Programmen. 2009 und 2010 gab es sogar zwei eigene Bundeskonjunkturprogramme für nationale Welterbestätten mit einem Volumen von insgesamt 170 Millionen Euro. Davon konnten mehr als 21 Millionen ins Mittelrheintal geholt werden. Obwohl seitdem keine reinen Welterbe-Förderprogramme mehr aufgelegt wurden, wirkt der Welterbetitel weiter. Die Chance auf Fördermaßnahmen ist nach wie vor hoch, wenn das Projekt mit dem Unesco-Welterbestatus in Verbindung steht. Das zeigt sich auch in den vielen Maßnahmen, die mit erheblicher Unterstützung der Länder Rheinland-Pfalz und Hessen ermöglicht wurden. Da ist im Laufe der letzten 20 Jahre eine Menge zusammengekommen. Einen Überblick zu den Meilensteinen stellen wir aktuell in Form einer Broschüre zusammen, die zum Festakt am 27. Juni vorliegen wird.

Der für mich wichtigste Effekt des Titels ist aber, dass die Region spürbar zusammengewachsen ist und man sich auf gemeinsame Projekte und Ziele verständigen kann. Das zeigt sich besonders in der engen Zusammenarbeit mit den Kommunen und den beiden Ländern Rheinland-Pfalz und Hessen innerhalb des Zweckverbandes, aber auch bei all den vielen Initiativen, die sich in den letzten 20 Jahren gebildet haben, die unsere Arbeit unterstützen und vor allen Dingen bereichern. Die Netzwerke reichen hier von Tourismus, Baukultur, Kultur, Kunst, Umweltschutz, Denkmalpflege, Weinbau, Obstbau, Gastronomie, Hotellerie, Klimaschutz, Hochschulen bis hin zu Schulen und Jugendlichen. Und bei der ganzen Nennung habe ich mit Sicherheit noch eine ganze Menge vergessen, die ebenso wichtig ist.

Wie gut die Region durch das Welterbe und den Zweckverband zusammengefunden haben, hat man bei den Beschlussfassungen zur Buga 2029 gemerkt. Sie wurden mit überzeugender Mehrheit und teilweise auch einstimmig getroffen.

Was hat der Welterbetitel verhindert?

In den vergangenen 20 Jahren gab es ausgenommen vom Bau von Windkraftanlagen kein Projekt, das aufgrund des Welterbestatus verhindert wurde. Sicher, es wurden und werden einige Projekte intensiv begleitet und diskutiert, aber wurden bisher immer Lösungswege im Dialog gefunden. Mir ist besonders wichtig, dass nicht das Gefühl entsteht, es würde von oben herab entschieden. Wir wollen an einem Tisch und auf Augenhöhe an gemeinsamen Ergebnissen arbeiten. Natürlich kommt es vor, dass Projekte aus anderen Gründen nicht genehmigt werden. Neben dem Welterbe gibt es ja noch andere Belange, die zu berücksichtigen sind. Zum Beispiel der Denkmalschutz, der Naturschutz und der Hochwasserschutz. In der öffentlichen Wahrnehmung wird manchmal zu Unrecht alles am Welterbestatus festgemacht. Das gilt auch für die Mittelrheinbrücke. Ich höre hin und wieder, dass der Unesco-Status den Bau verhindert hätte. Das stimmt aber so nicht. Das Unesco-Komitee hat in seiner Sitzung 2009 der Fortführung der Planungen zugestimmt und um eine enge Abstimmung gebeten.

Was man nicht vergessen darf: Die Unesco hat das Obere Mittelrheintal nicht als Käseglocke, sondern als sich fortentwickelnde Kulturlandschaft anerkannt. Das bedeutet also schon per Definition ständige Veränderung. Das Welterbegebiet muss eine lebendige, lebenswerte und liebenswerte Region bleiben und darf auch von Zukunftsthemen und Entwicklungen nicht abgeschnitten werden. Natürlich kommt es darauf an, die Merkmale, die unser Mittelrheintal zum Unesco-Welterbe machen, zu erhalten und zu schützen. Da müssen wir gemeinsam mit allen Entscheidern ein Auge draufhaben.

Was bedeutet die Bundesgartenschau 2029 für dich und deine Arbeit?

In erster Linie ist die Buga 2029 ein starkes Instrument, um das Obere Mittelrheintal innerhalb weniger Jahre gezielt und mit ordentlichem Schwung nach vorne zu bringen. Hier geht es ja nicht nur um die reine Veranstaltung im Jahr 2029, sondern vielmehr um den Weg dahin und wie wir ihn sinnvoll und gewinnbringend für die Region gestalten.

Die Buga 2011 in Koblenz und die Landesgartenschau 2008 in Bingen haben gezeigt, wie nachhaltig der Effekt der Gartenschauen für die Städte und deren Umfeld waren und welchen Schub sie ausgelöst haben, der auch Jahre später noch spürbar nachwirkt. Für mich ist nach der Unesco-Anerkennung zum Welterbe die Buga 2029 das nächste große Etappenziel im Welterbe. Der Zweckverband ist als Hauptgesellschafter der Buga 2029 gGmbH in die wesentlichen Prozesse und Entscheidungen eingebunden, das war uns wichtig, um auch die Interessen der gesamten Region vertreten und berücksichtigen zu können. Für mich und mein Team stellt die Buga natürlich eine neue herausfordernde Aufgabe dar, denn die Gartenschau soll ja einen positiven Effekt auf alle Welterbe-Gemeinden auslösen. Darum ist es wichtig, mit Begleitprojekten die Buga-Maßnahmen zu unterstützen, was Aufgabe des Zweckverbandes ist. Jeder der sich an der Buga beteiligen möchte, in welcher Form auch immer, muss die Möglichkeit dazu erhalten. Uns als Zweckverband kommt zusätzlich die Aufgabe zu, die Finanzierung der Buga sicherzustellen und die Fördermittel der Landesmittel abzuwickeln, was durch die Beteiligung zweier Bundesländer und unterschiedlicher Förderverfahren nicht ganz trivial ist. Für uns als kleines Team in der Geschäftsstelle des Zweckverbands sind das zusätzliche und neue Tätigkeiten. Hier müssen in absehbarer Zeit Lösungen gefunden werden, damit wir die Aufgaben zuverlässig stemmen können.

Aber ganz besonders freue ich mich auf die enge Zusammenarbeit mit dem Team der Buga 2029 gGmbH, um gemeinsam mit kreativen Kolleginnen und Kollegen tolle Ideen für unser Welterbe zu entwickeln und die nächsten Schritte zu gehen.

Die Buga ist irgendwann vorbei, aber der Welterbe-Status bleibt. Was sollte das Tal bis zum nächsten runden Jubiläum 2032 unbedingt erreichen?

Dass das Mittelrheintal eine faszinierende Region bleibt, die regelrecht aufgeblüht ist. Was durch die Buga angeschoben wurde, muss auch in den Folgejahren erfolgreich fortgeführt werden. Da sieht sich auch der Zweckverband in der Verantwortung. Das Mittelrheintal soll die gute Gegend sein, an der man gerne lebt und arbeitet. Und eine Region, die man gerne immer wieder besucht. Durch eine schnelle flächendeckende Internetverbindung werden viele Menschen von zu Hause aus oder in neuen kooperativen Strukturen wie Coworking-Spaces im Tal arbeiten können, vielleicht in nachhaltig sanierten denkmalgeschützten Gebäuden. Verlässliche und klimafreundliche Mobilitätsangebote lassen das Tal weiter zusammenwachsen, wir reagieren mit einem regional umgesetzten Konzept auf den Klimawandel, erhalten die Landschaft und haben die Region gut aufgestellt. 2032 sind wir Mittelrheiner noch enger zusammengerückt und einfach stolz auf unsere Welterbeheimat. Und wir reden gerne darüber, wie toll es hier ist.

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