Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

„Ich habe mein Bingerbrück immer als einen Ort der Gemeinschaft erlebt“

Carl Woog ist in allen Bingerbrücker Zeitzonen zu Hause. In Bingen-„Kaltnaggisch“ erforscht er als Chef des Heimatvereins die Vergangenheit, gestaltet als Macher und Netzwerker die Gegenwart mit und engagiert sich für die Zukunft seines Stadtteils. Wie wirkt sich Corona auf sein Engagement aus? Teil 1 der Interview-Reihe von Marie-Luise Krompholz auf Mittelrheingold.

Carl Woog forscht seit Jahrzehnten über Bingerbrück. Foto: Privat.

Carl Woog forscht seit Jahrzehnten über Bingerbrück. Foto: Privat.

Wie hat Corona in den letzten Monaten dein Leben verändert?

Als Erstes hat sich mein Outlook-Kalender total geändert. Wo ich sonst ein volles Tableau mit Terminen aller Art hatte, war von einem auf den anderen Tag ein leerer Kalender. Und damit hat sich auch mein Tagesablauf radikal verändert und von persönlichen Gesprächen und Treffen in eine digitale Welt verlagert. Hier konnte ich relativ schnell umschalten, weil ich bereits in meiner früheren beruflichen Tätigkeit oft digital unterwegs war. 

Da ich gerne und viel schreibe und unsere „Bingerbrücker und Rupertsberger Geschichte(n)“ herausgebe, habe ich in den letzten Monaten viel in der Lokalgeschichte recherchiert. Ein Thema, das mich bis vor kurzem beschäftigt hat, waren die „Werwölfe“ im Binger Wald, verblendete meist junge Nazi-Partisanenkämpfer zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Positiv hat mich in den letzten Monaten berührt, dass ich mir vorkam wie auf einer Zeitreise, jedenfalls am Anfang. Die Hektik, die unser Leben in den letzten Jahrzehnten bestimmt hat, ist weniger geworden. Weniger Autos, viele Fahrradfahrer, der Binger Wald voll mit jungen Familien – wie früher. 

Ein Wermutstropfen ist das Fehlen von Begegnungen. So konnten wir unseren Sohn in Spanien im letzten Jahr nicht besuchen und auch für dieses Jahr sieht es nicht rosig aus. Wanderungen finden nur in trauter Zweisamkeit statt, unsere Wandergruppe kommt seitdem nicht mehr zusammen.  

In Bingerbrück habt ihr es trotz Corona geschafft, in der katholischen Kirche ein neues Hildegardzentrum einzurichten. Was erwartet die Besucher dort?

Im Hildegardzentrum auf dem Rupertsberg, in unserer alten Kirche St. Hildegard und St. Rupertus, ist mitten in der Corona-Zeit ein Ort der Ruhe und Besinnung entstanden. Die Besucher können in der neoromanischen Basilika stille Einkehr halten oder Andachten, Meditationen und Lieder aus Taizé per Touchscreen auswählen und anhören. Für Kinder sind mehrere Kinderlieder verfügbar. Ein Schwerpunkt sind natürlich Hildegardtexte und es gibt auch eine Kirchenführung. Das alles ist unterlegt mit einem ausgeklügeltem farbigen Lichterspiel u.a. auch im Chorbereich, also dort wo sich im Mittelalter der Friedhof des Hildegardklosters befunden haben soll. 

Entscheidend ist aber, dass die Kirche jetzt wieder jeden Tag von 10 bis 16 Uhr geöffnet ist – denn eine verschlossene Kirche geht an ihrem eigentlichen Auftrag vorbei! Die neu gestaltete Kirche ist zudem eine Pilgerkirche, eine lange Tischreihe mit Stühlen lädt Pilger auf ihrem Hildegard-, Ausonius- oder Jakobsweg zum Verweilen ein. Wenn es wieder möglich ist, soll die Kirche mit ihrer ausgezeichneten Akustik auch wieder Austragungsort von Konzerten und Veranstaltungen sein. Selbstverständlich ist die Kirche noch ein geweihter Ort, so dass auch Gottesdienste hier stattfinden.

Farbe für die Hildegard-Kirche: Die Multimedia-Installation ist täglich zu sehen. Foto: Privat

Wie kommt das Angebot an?

Jetzt könnte man banal Zahlen sprechen lassen, aber viel wichtiger ist, was uns die Besucher selbst sagen oder was sie ins Gästebuch schreiben. Wir erfahren von ihnen viel Zustimmung, Erstaunen ob der Möglichkeiten und Dank in vielfacher Form. Das macht uns schon etwas stolz.

Wir gehen davon aus, dass dieses Angebot einen offenen Nerv getroffen hat. Eine Zahl möchte ich dann doch nennen: Im Januar hatten wir über 700 Gäste – ohne unsere Gottesdienstbesucher. Aber wie gesagt, Zahlen sind nur bedingt aussagefähig. Sie sagen nichts aus über die Trauer, die Sorgen, die Freude der Menschen, die diesen Ort betreten. Für uns ist am wichtigsten, dass die Besucher sich wohl fühlen, Impulse aufnehmen, Kraft schöpfen und den einen oder anderen Gedanken mit nach Hause nehmen können.

Hildegard und Bingen, das ist mitunter eine schwierige Beziehung. Spätestens wenn es ums Geld geht, ist es mit der Zuneigung zur berühmtesten Persönlichkeit der Stadt schnell vorbei. Hat die Heilige deiner Meinung nach genügend Strahlkraft, um mehr Touristen nach Bingen zu locken?

Nach meiner Erfahrung zieht Hildegard vor allem bildungs- und kulturinteressierte Individualreisende sowie Pilgergruppen nach Bingen. Für das neue Hildegardzentrum auf dem Rupertsberg sehen wir aus den Einträgen im Gästebuch, dass die Besucher sich hier gut aufgehoben fühlen. Viele werden durch den schlichten sakralen Bau an die mittelalterliche Klosterkirche Hildegards erinnert. Insofern: Zumindest im spirituellen Bereich hat der Rupertsberg ausreichend Strahlkraft. 

Mit der Neugestaltung und Öffnung der Kirche haben wir einen ersten Meilenstein erreicht und es gibt weitere Vorschläge, um den Rupertsberg aufzuwerten. Wichtig ist, dass alle Player an einem Strang ziehen: die Stadt Bingen, die Rupertsberger Hildegardgesellschaft, der Eigentümer des Geländes und wir. Dann kann der Rupertsberg zu einem zentralen Anziehungspunkt am Rhein-Nahe-Eck werden.  

Du engagierst dich nicht nur für die Kirchengemeinschaft und Hildegard, du dokumentierst auch die lokale Geschichte und bist im Projekt „Soziale Stadt“ sehr aktiv. Was motiviert dich?

Ich habe mein Bingerbrück immer als einen Ort der Gemeinschaft erlebt und daraus viel Kraft geschöpft. Deshalb möchte ich dazu beitragen, dass auch unsere Kinder und Enkel diese Erfahrung machen können. 

Gott sei Dank gibt es immer wieder Mitstreiter und Mitstreiterinnen, die gemeinsam an solchen Zielen arbeiten möchten. Beim Hildegardzentrum sind wir eine Gruppe von sieben, acht Aktiven, die die Neugestaltung der Kirche geplant und umgesetzt haben. Zwei junge Pfadfinder sind auch dabei, sie können das Lichtsystem programmieren und spielen neue Texte ein. Über das Interesse und Engagement der jungen Generation freue ich mich ganz besonders. 

An welchen neuen Projekten arbeitest du?

Die Corona-Zeit möchte ich weiterhin zum Schreiben nutzen. Nach dem Abschluss der Geschichte über die Werwölfe steht ein Werk über den Geheimen Kommerzienrat Julius Woog ganz oben auf meiner Agenda. Julius Woog war ein jüdischer Kaufmann aus Bingen, der die Binger Stadthalle Anfang des 20. Jahrhunderts bauen ließ. Daneben arbeite ich an dem zweiten Band der „Bingerbrücker Lebenslinien“, mit spannenden Biographien Bingerbrücker Menschen, herausgegeben vom Bingerbrücker Heimatverein, finanziell unterstützt von der Sozialen Stadt Bingerbrück. 

Für das Hildegardzentrum werden wir einen Förderverein gründen, auch damit wir über Spenden zur Weiterentwicklung beitragen können. 

Im September soll das neue Stadtteilzentrum „Zwozwo“ eröffnet werden und unser Heimatverein wird dort einen Archiv- und Büroraum beziehen. Besucher können sich dann hier vor Ort über die Bingerbrücker Geschichte informieren, und ich kann mir auch Fotoabende gut vorstellen. Unser wöchentlicher Begegnungstreff der lokalen Kirchenentwicklung soll im „Zwozwo“ wieder starten. Zur Einweihung wird vom Heimatverein eine Publikation über das Stadtteilzentrum im historischen Kontext erscheinen.

Worauf freust du dich am meisten, wenn die Corona-Pandemie einigermaßen im Griff ist und die Beschränkungen wieder gelockert werden können?

Die größte Freude wird natürlich das Wiedersehen mit unserem Sohn in Spanien sein, aber das wird wohl noch einige Zeit dauern. 

Meine Frau und ich vermissen die regionalen Radtouren und Wanderungen mit unseren Freunden und wir freuen uns schon sehr darauf, wieder gemeinsam mit unserer Wandergruppe unterwegs zu sein. 

Das Hildegard-Zentrum auf dem Rupertsberg in der katholischen Kirche, Gutenbergstraße 2, Bingen-Bingerbrück, ist täglich von 10 – 16 Uhr geöffnet. Für den Besuch gelten die aktuellen Corona-Bestimmungen. www.rupertsberg.com 

(Hochwasser-)Foto des Tages

 

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Ein Gasthof gibt auf

  1. Annette Renner

    Sehr schöner Beitrag.
    Gruß aus Bingen – Mitte
    Annette Renner

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