Wenn sich Markenzeichen verändern geht das nie ohne Diskussion ab, schon gar nicht in Facebook-Deutschland. Nur wenige machen sich wie Mittelrheingold-Kolumnist und Kommunikationsdesigner Christian Büning die Mühe einer fachlicher Kritik. Einfacher ist es, Logos für unwichtig und Agenturen für überbezahlt zu halten – gerne mit dem Hinweis auf neunjährigen Nichten oder Computerkurs-Senioren aus der Nachbarschaft, „die das genauso gut könnten.“ Natürlich war es beim neuen Mittelrhein-Logo der Touristikorganisation Romantischer Rhein nicht anders. Höchste Zeit, die Frau zu fragen, die den neuen Markenauftritt in Auftrag gegeben hat. Kristina Neitzert ist im Welterbetal und weit darüber hinaus die Touristikerin Nr. 1. Die Geschäftsführerin des Romantischer Rhein mit Sitz in Lahnstein vermarktet das komplette Mittelrheintal bis zur nordrhein-westfälischen Landesgrenze und setzt dabei verstärkt auf Outdoor- und Genuss-Tourismus. Im Interview mir Mittelrheingold erklärt sie, warum das Logo wichtig ist, was die nächsten Schritte sind, wieso sie auf das umstrittene Datenbanksystem Deskline setzt und welche Rolle Künstliche Intelligenz dabei spielt.
Kristina, wie würdest du einem ausländischen Touristen oder einem ins Mittelrheintal neu Zugezogenen den Unterschied zwischen “Romantischer Rhein” und “Mittelrhein” erklären?
Ganz einfach: “Mittelrhein” ist der Absender, unter dem wir die touristische Region künftig nach außen vermarkten. Der Begriff bezeichnet geografisch den Rheinabschnitt zwischen Bingen und Bonn und ist deutlich klarer, eingängiger und bekannter als unser bisheriger Destinationsname „Romantischer Rhein“. Die Rheinromantik bleibt dabei weiterhin ein wichtiger und identitätsstiftender Bestandteil der Region. Sie wird auch künftig eine große Rolle spielen – etwa im Storytelling, in der touristischen Produktentwicklung und in der Vermarktung insgesamt. Gleichzeitig steht der Mittelrhein aber auch für viele weitere Themen wie Wein und Kulinarik, Wandern und Radfahren und Kultur. Der Name „Mittelrhein“ bietet uns daher mehr Anschlussfähigkeit und Entwicklungsmöglichkeiten. Als Unternehmen sind wir für die regionalen Aufgaben im Tourismus für das Gebiet zwischen Bingen/ Rüdesheim und Remagen/ Unkel zuständig. Dabei pflegen wir weitere produktbezogene Kooperationen in Richtung Bonn und Siebengebirge, zum Beispiel beim Rheinsteig oder bei “Rhein in Flammen”. Unser Unternehmensname bleibt übrigens weiterhin Romantischer Rhein Tourismus GmbH. Touristischer Markenauftritt und Unternehmensstruktur sind dabei getrennt zu betrachten.
Das Logo polarisiert – so wie fast immer, wenn ein neues Markenzeichen auftaucht. In der Debatte argumentiert ihr vor allem mit dem Strategie-Prozess dahinter, aber weniger mit der Botschaft, die ihr mit dem Logo senden wollt. Was ist die Botschaft und an wen richtet sie sich?
Uns war bewusst, dass ein neuer und deutlich veränderter Markenauftritt unterschiedliche Reaktionen hervorrufen wird. Gestaltung wird immer subjektiv wahrgenommen – das ist völlig normal und legitim. Schlimm wäre, wenn das neue Logo niemanden interessieren würde. In der Tat ist der nun veröffentlichte Markenauftritt Teil laufender und weiterer strategischer Prozesse zur wettbewerbsfähigen Fortentwicklung der touristischen Region und das Logo Teil des Markenauftritts, der weitere gestalterische Aspekte enthält. Das Logo ist inspiriert von den Felsformationen und Burgen der Region, bewusst skulptural – nicht wörtlich sondern im übertragenen Sinne – , kantig und reduziert gehalten, die Buchstaben sind nicht linear gesetzt, sondern gestapelt, eng verzahnt- wie gestapeltes Gestein. Es interpretiert den Mittelrhein als kraftvollen, geerdeten Raum und ist eine grafische Interpretation dessen, was wir zuvor bereits in unserer Markenstrategie festgehalten haben. Selbstverständlich muss man aber diese Assoziationen nicht zwingend genauso aus dem Logo herauslesen, da dieses auch nicht kontextlos eingesetzt wird, sondern im Rahmen unterschiedlichster Einsatzmöglichkeiten seine Wirkung entfaltet. Ziel ist es, eine eigenständige und unverwechselbare Gestaltung zu schaffen, die Aufmerksamkeit erzeugt und den Mittelrhein als touristische Region langfristig wiedererkennbar repräsentiert. Auch durch das Zusammenrücken mit der Gebietsweinwerbung Mittelrhein-Wein e.V. im Außenauftritt können Sichtbarkeit und Wiedererkennungseffekte gesteigert werden. Der Markenauftritt richtet sich zunächst an potenzielle Gäste, die den Mittelrhein als Reiseziel wahrnehmen sollen. Gleichzeitig soll er aber auch nach Innen Identifikation schaffen und Partnern einen gemeinsamen Rahmen für die Vermarktung der Region bieten.
Wie realistisch ist eine übergreifende Mittelrhein-Identität eigentlich? Schon bei der Weinvermarktung wird es schwierig – Lorch und Rüdesheim zählen zum Rheingau, Bingen zu Rheinhessen und zur Nahe. Werden die dortigen Winzer mit dem Mittelrhein-Logo arbeiten?
Der Mittelrhein ist eine komplexe Region mit unterschiedlichen, historischen, kulturellen und administrativen Einflüssen. Hieran wollen wir auch mit unserer touristischen Arbeit nicht rütteln, denn dies macht ja auch die Vielfalt unserer Region aus. Auch kann und soll eine Identität nicht mit einer touristischen Marke einfach „übergestülpt“ werden. Aber wir möchten mit unserer Arbeit zur regionalen Verbundenheit beitragen, Kooperationen initiieren und stärken und uns immer bewusst machen, wofür wir gemeinsam stehen. Ein gutes Beispiel ist unser Projekt “Mittelrheinbotschafter- #deinRheinMoment”. Hier stellen wir touristisch engagierte Menschen aus der Region mit ihrer persönlichen Geschichte und ihrem persönlichen „Rheinmoment“ vor und geben dem Mittelrhein als Reisegebiet und lebenswerte Region ein persönliches Gesicht. Allen Mittelrheinbotschaftern gemeinsam ist die Liebe zum Mittelrhein und zu dem, was sie dort tun. Diese Geschichten sind längst nicht auserzählt und werden auch in den kommenden Jahren weiter fortgeführt. Im Weinrecht gibt es natürlich Grenzen, die zu respektieren sind. Daran wird auch unsere Marke nichts ändern. In jedem Fall gilt aber die Einladung, den neuen Markenauftritt dort einzusetzen, wo es inhaltlich passt.
Lass uns nochmal zu dem ausländischen Touristen und zum neu Zugezogenen zurückkommen, denen du gerade den Unterschied zwischen Mittelrhein und Romantischen Rhein erklärt hast. Wie würdest du ihnen die Plattform Deskline erklären?
Gar nicht – oder maximal mit dem Hinweis, dass es sich hierbei um ein Werkzeug für die touristische Arbeit handelt. Es sei denn, es handelt sich um einen Touristiker, touristischen Leistungsträger oder anderweitig mit der touristischen Arbeit verbundenen Personen. Deskline ist kein Portal, das beim Endkunden unter diesem Namen ankommt. Es ist ein fachspezifisches System für die Tourismus-Branche.
Deskline gilt als schwierig zu bedienen. Laut eurem Geschäftsbericht wurden 2025 weniger als 1.600 Buchungen darüber abgewickelt. Warum haltet ihr an der Plattform fest?
Weil Deskline weit mehr ist als eine Buchungsplattform. Es ist ein Destinationsmanagement-System und bildet gemeinsam mit der Datenbank Outdooractive den sogenannten digitalen Wissensschatz für den Tourismus in ganz Rheinland-Pfalz. In Deskline werden digitale Daten zu z.B. Sehenswürdigkeiten, Veranstaltungen, Pauschalen, Erlebnissen, Gästeführungen, Unterkünften und Gastronomie erfasst, im DataHub-Rheinland-Pfalz mit anderen relevanten Informationen verknüpft und so über zahlreiche Kanäle im In- und Ausland mit gleichem Inhalt und Qualität ausgespielt. Wir haben damit in der strukturellen Art der Zusammenarbeit im Tourismus in Rheinland-Pfalz recht ähnliche Lösungen für das digitale Datenmanagement wie die anderen Bundesländer- wenngleich es Unterschiede in den dahinterliegenden Systemen geben mag. Ich weiß, dass die Pflege eines professionellen Datenmanagements einiges abverlangen kann, aber wir tragen so dazu bei, eine hohe Datenqualität und gemeinsame Standards sicherzustellen. Das beginnt schon bei vermeintlichen Kleinigkeiten wie Fotos, die in passender Qualität und Format hochgeladen und urheberrechtlich einwandfrei benannt werden müssen. Auch das Thema Künstliche Intelligenz spielt eine zunehmend große Rolle.
Inwiefern?
Unsere Daten liefern das Futter für die KI, für Suchanfragen, Sprachassistenten und so weiter. Wenn wir sichtbar bleiben wollen, müssen unsere Daten sehr gut gepflegt sein. Das steigert die Chance, dass die KI eine Antwort auf Basis unserer Informationen findet. Wir erhöhen so die Wahrscheinlichkeit, dass Informationen über unsere Region aus vertrauenswürdigen Quellen stammen. Wenn wir hier nicht in die Pflege strukturierter Daten investieren, geben wir ein Stück weit aus der Hand, aus welcher Quelle Informationen über unsere Region gezogen und verbreitet werden. Natürlich ist uns eine adäquate Wissensvermittlung sowohl zu den Hintergründen und Zusammenhängen des Datenmanagements als auch zur Anwendung des Systems sehr wichtig, darum läuft gerade unser Projekt „Smartes Rheintal 2029- Fokus Dateninfrastruktur und Coaching“. Hier bieten wir unseren lokalen Partnern- den lokalen Tourist-Informationen sowie über diese den Betriebe, bedarfsorientierte Unterstützung rund um die Optimierung der digitalen Datenqualität und beim Thema Online-Buchbarkeit. Wer Interesse hat sich die hier dargestellten Zusammenhänge nochmal detailliert anzusehen, dem empfehle ich die Inhalte zum Thema Digitalisierung aus dem Tourismusnetzwerk Rheinland-Pfalz. Auch auf der E.-Learning-Plattform TN Wissen gibt es kompakte und nutzerfreundliche Informationen.
Apropos Internet-Plattform. Die Website des Romantischer Rhein könnte nach meinem Eindruck eine Modernisierung vertragen. Ich weiß, dass ihr einiges plant. Wann wird es zu sehen sein?
In der Tat ist unser Webauftritt nun mal wieder ein paar Jahre alt und wir befassen uns mit dem Thema eines neuen Webauftritts. Die Entwicklung, auch im Kontext mit KI, ist rasant. Wichtig ist zunächst, dass wir uns selbst strategisch und konzeptionell klar fokussieren: Was benötigt ein neuer, zeitgemäßer Webauftritt, wie setzen wir die damit verbundenen Ziele bestmöglich um? Diese Fragen klären wir gerade. Momentan kann ich noch keinen exakten Zeitplan benennen. Unser Ziel ist, die Neugestaltung im kommenden Jahr anzugehen. Im Herbst kann ich dir dazu hoffentlich mehr sagen.
Außer einer neuen Website: Was wünschst du dir bis in den kommenden 3 Jahren bis zur Buga noch?
Ich wünsche mir, dass der Mittelrhein zur Buga als noch stärker vernetzte, sichtbare und selbstbewusste Tourismusregion wahrgenommen wird und wir gemeinsam mit allen Akteuren die touristische Weiterentwicklung in zentralen Themen wie Wandern, Radfahren, Wein & Kulinarik, Digitalisierung und Kooperationen weiter voranbringen. Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Region und trägt zugleich in vielerlei Hinsicht zur Lebensqualität vor Ort bei. Viele der dafür notwendigen Aufgaben sind für die Kommunen jedoch freiwillige Leistungen. Um die touristische Entwicklung langfristig zu sichern und auszubauen, wird es deshalb wichtig sein, gemeinsam tragfähige und zukunftsorientierte Finanzierungs- und Kooperationsmodelle zu entwickeln.
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