Christian Büning

Was braucht das Mittelrheintal?

Christian Büning. Foto: Privat

Zu wenig Identifikation mit dem Tal, keine funktionierende digitale touristische Plattform und ein Logo ohne Sichtbarkeit: So kommt das Mittelrheintal nur schwer auf die Beine, findet Kommunikationsdesigner und Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning. Ein Plädoyer für mehr Konsequenz und weniger „Weiter so“ – vor allem aber für die Zukunft des Mittelrheintals.

Bei der Buga geht es nicht um Tulpen, sondern um Infrastruktur. Das hat mittlerweile jeder verstanden. Die Tulpen sind nur der sichtbare Teil von etwas wichtigerem: Anstöße und Einmalvorhaben, um eine Region infrastrukturell aufholen zu lassen. Infrastruktur ist ein sperriges Wort, an dem aber letztendlich alles abhängt. Bahnanbindung, Lebensmittelversorgung, Ärzteschaft und Kindergärten – alles Infrastruktur, alles entscheidend für eine Region und ihr Fortkommen. Weniger greifbar, aber mindestens ebenso wichtig ist die nicht materielle Infrastruktur. Dazu zähle ich die Identifikation der Leute mit ihrer Region und auch die digitale Infrastruktur. Sehen sich die Leute als Mittelrheiner oder als Bopparder? Können die Leute hier ihre Behördengänge online erledigen oder müssen sie für eine Gewerbeanmeldung irgendwo hin fahren und warten?

In einer touristischen Region ist noch eine weitere digitale Infrastruktur entscheidend: Gibt es eine Plattform, auf der alle touristischen Belange geregelt werden, die darüber hinaus noch aktuell und leicht zu bedienen ist? Wo finde ich alle Events in meiner Nähe und kann mich auf die Öffnungszeiten verlassen, die im Netz angegeben sind?

Das Mittelrheintal hat weder eine starke Identifikation der Leute mit ihrem Tal noch eine funktionierende digitale touristische Plattform. Wer einmal versucht hat, über die Website des Romantischen Rheins eine Unterkunft zu buchen, ist nervlich für alles weitere im Leben bestens gerüstet. Die zu Grunde liegende Datenplattform Deskline ist eine Vorgabe vom Land. In manchen Regionen in Deutschland wird Deskline offenbar gewinnbringend eingesetzt, aber am Mittelrhein ist es anders. Irgendwie will es nicht gelingen, eine Dateninfrastruktur aufzubauen, die so einfach zu bedienen ist, dass alle sie pflegen können und es dann auch gerne tun. Das Gegenteil ist der Fall.

Deskline ist sperrig und nicht selbsterklärend. Wer wenig an Computer arbeitet, wird hier schnell die Segel streichen. Das Ergebnis sind veraltete Daten, viele Events werden gar nicht erst eingetragen, was am Ende die Plattform wertlos macht. Die Tourist-Informationen kämpfen dagegen an und tragen händisch ein, was die Plattform an Bedienbarkeit vermissen lässt. Das hilft kurzfristig, löst aber langfristig kein Problem. Hier braucht es einen mutigen Schritt und einen Wechsel auf eine nutzerfreundliche und verstehbare Lösung, die zudem offener ist für Anbindungen an andere Datensysteme. Da ist Deskline eher ein Fort Knox.

Dazu kommt die fehlende Identifikation mit dem Tal. Es gibt Regionen, die würden sich die Finger lecken nach dem, was wir hier zu erzählen und zu zeigen haben. Regionen wie die Pfalz oder die Mosel machen vor, wie man zugängliche und international verständliche Angebote für Identifikation macht. Wenn alle Orte in der Region sich der Region zugehörig fühlen, ist das eine gute mentale Infrastruktur. Der Romantische Rhein hat richtig erkannt, dass Romantik etwas aus der Zeit gefallen ist und neue Zielgruppen angesprochen werden müssen. Es geht mehr um Aktivitäten als um weinseliges Seufzen, mehr Radeln als Radler.

Dazu kommt, dass die jüngeren Leute meist schon einiges gesehen haben von der Welt und dementsprechend etwas erfahrener im Umgang mit blumigen Marketingversprechen sind. Ehrlichkeit ist daher gefragt, aber viel wichtiger ist Wiedererkennbarkeit und Eindeutigkeit. Der Relaunch von „Romantischen Rhein“ zu „Mittelrhein“ ist ein Schritt in die richtige Richtung, allerdings nur ein halber. Als Designer sehe ich die handwerklichen Grenzen des neuen Schriftzugs Mittelrhein, der schon bei mittelgroßen Wiedergaben nicht mehr lesbar ist. Dazu kommt ein modisch interessanter, aber sinnentstellender Umbruch, der das Wort Mittelrhein für internationale Gäste unlesbar macht. Eine Marke, die nicht lesbar ist, ist unsichtbar. Eine vertane Chance, wie es hier in Kommentaren heißt.

Was braucht das Mittelrheintal? Eine funktionierende digitale Infrastruktur. Eine Plattform, die jeder einfach und nebenbei am Telefon bedienen kann. Dann macht es Spaß, Daten zu pflegen und aktuell zu halten. Es muss einfach und international bedienbar sein, ein Zimmer zu buchen und zu bezahlen. Dann bleibt Geld in der Region für die Region. Beides ist nicht der Fall. Deskline ist hier der Hemmschuh, der eine gute Plattform verhindert.

Dazu braucht der Mittelrhein eine intelligente, sympathische Kennung nach außen, mit der sich die Leute im Tal und die Gäste gerne identifizieren. Erfolgreiche touristische Regionen haben eine solche Marke, die sich die Gäste als Souvenir mit nach Hause nehmen wollen, wie etwa Tirol.

Das Mittelrheintal hat keine Industrie, sondern viel Handwerk und viel Tourismus. Dass wir weder eine brauchbare digitale Plattform noch eine sympathische Darstellung nach außen haben, ist schädlich für den Tourismus und verhindert viele Übernachtungen und damit Umsatz und Steuereinnahmen. Ich weiß, dass ich mit diesen Aussagen dem persönlichen Engagement einzelner auf die Füße trete. Das ist nicht mein Ziel. Aber um ein Problem zu lösen muss man es zunächst beschreiben. Ich hoffe, dass der Mittelrhein irgendwann auf die Beine kommt und sich so zeigen kann wie er ist: etwas wild, mit viel Geschichte und unglaublich schön!

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designstudio „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist er Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

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