Boppards Langzeit-Bürgermeister Walter Bersch stand am Sonntag auf keinem Stimmzettel, aber abgestraft wurde er trotzdem. In der Stichwahl um seine Nachfolge setzte sich CDU-Mann Jörg Haseneier überraschend klar durch. Er holte 53,5 Prozent der Stimmen. Sein SPD-Konkurrent Niko Neuser kam auf 46,5 Prozent. Das Ergebnis hätte noch vor wenigen Wochen kaum jemand für möglich gehalten. Neuser galt als so etwas wie der Traum-Schwiegersohn der Bopparder Kommunalpolitik: Jung und trotzdem erfahren, hoch engagiert, in der ganzen Stadt vernetzt und seit 2019 als Ortsvorsteher der Innenstadt quasi Boppards inoffizielle Vizepräsident. Neusers Problem war, dass er für Kontinuität stand, oder wie die CDU-Opposition es nannte: „Das System Bersch“. Als Kronprinz des SPD-Bürgermeisters wurde Neuser u. a. für Berschs konfrontativen Politikstil in Haftung genommen, zuletzt für den Umgang mit dem beliebten CDU-Stadtrat Wolfang Spitz, der wegen chaotischer Kassenführung als Ortsvorsteher von Bad Salzig Ärger mit der Justiz hat. Bersch gab den Fall korrekt an die zuständige Behörde weiter, vermittelte dabei aber das Bild eines gnadenlosen Prinzipienreiters.

Foto: Romantischer Rhein Tourismus / Friedrich Gier.

Boppard am Rhein. Foto: Romantischer Rhein Tourismus / Friedrich Gier.

Die CDU profitierte von einer allgemeinen Wechselstimmung am Mittelrhein. 2019 und zuletzt bei den hessischen Kommunalwahlen im März 2021 hatte die Lust aufs Neue CDU-Bürgermeister und Stadträte zu Fall gebracht, aber diesmal traf es die SPD. Mit dem Nicht-Bopparder Jörg Haseneier schickte die CDU den passenden Kandidaten ins Rennen. Haseneier erschien als unbelasteter Experte von außen, trat dabei aber brav statt besserwisserisch auf. Dieselbe Bürgerlichkeit, die Neuser als Anpassung an das „System Bersch“ ausgelegt wurde, wirkte bei Haseneier gemütlich und jovial. Am Ende stand Haseneier für Neustart ohne Risiko. Der Rechtsanwalt aus der Verbandsgemeinde Montabaur übernimmt den Bürgermeisterposten im kommenden Herbst, dann tritt Bersch nach 24 Jahren in den Ruhestand. Haseneier ist für 8 Jahre gewählt, wird also noch während der Buga 2029 im Amt sein. Die Bopparder Kommunalpolitik ist übrigens weit besser als ihr Ruf: Bersch und Neuser gratulierten dem Wahlsieger unmittelbar nach Bekanntgabe des Ergebnisses und boten ihre Zusammenarbeit an. Die demokratische Geste ist am Mittelrhein nicht selbstverständlich; in Lorch und Rüdesheim verlief der Machtwechsel 2019 deutlich unfreundlicher. Rhein-Zeitung, Jörg Haseneier (Wahlkampf-Website)

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Ein Beitrag geteilt von Claudia Döhring · Rheingucken® (@rheingucken)

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