Was wir alles „Zeitwende“ und „historisch“ nennen, würde einen Mittelrheiner des Jahrgangs 1788 müde lächeln lassen. Zum Beispiel den gebürtigen Oberweseler Franz Damian Görtz, der in vier unterschiedlichen Systemen und am selben Ort nacheinander in drei Ländern lebte. Mittelrhein-Historiker Walter Karbach über ein Leben am Spielfeldrand der großen Politik und einen königlich preußischen Beamten mit Kontakt zu Karl Marx.
Von Franz Damian Görtz, geboren am 2. Februar 1788 in Oberwesel, ist nicht viel geblieben: Eine alte Fotografie seines in Öl gemalten Porträts und seine Grabstätte auf dem Trierer Hauptfriedhof. Dabei war er ein bemerkenswerter Mann. Als preußischer Landrat amtierte er von 1829 bis 1840 in Merzig und von 1841 bis 1848 in Trier, wo er zugleich Oberbürgermeister war.
Franz Damian Görtz war der zweite Sohn des Trierer Ratsherrn Theodor Aloys Görtz und dessen Ehefrau Ludovika. Die Mutter stammte aus einer angesehenen Oberweseler Familie, ihr Vater Tillmann Artz war dort viermal Bürgermeister. Damians Vater, von Hause aus Jurist, gehörte zur bürgerlichen Oberschicht in Trier. Heute sind die beiden Städte nur noch kirchlich miteinander verbunden und haben einen gemeinsamen katholischen Bischof. Damals gab es auch enge politische Verknüpfungen – Oberwesel war Teil des Kurfürstentums Trier, das vom neu gebauten Koblenzer Schloss aus regiert wurde. Der kleine Damian bekam einen prominenten Taufpaten aus dem benachbarten Kurfürstentum Mainz: Franz Damian Freiherr von Linden (1745–1817), einen Geheimrat und bedeutenden Beamten des Landesherren. Linden sollte noch eine wichtige Rolle in der Regierung des Fürstprimas Karl Theodor von Dalberg spielen, eines engen Verbündeten Napoleons.
Die Verbindungen der Familie Görtz reichten auch in die nahegelegene Kurpfalz hinein. Damians älterer Bruder Johannes Philipp Görtz heiratete Anna Maria von Albertino, die Tochter des letzten kurpfälzischen Oberamtmanns von Bacharach und Zollschreibers von Kaub. Johannes Philipp wurde 1810 “Maire” des damals französischen Oberwesel und amtierte in der preußischen Zeit 1824 bis 1832 als Bürgermeister.
Damian wuchs in bewegten Zeiten auf. In seiner frühen Kindheit tobte die Französische Revolution. Kurz vor seinem sechsten Geburtstag rückten die Truppen der französischen Republik in Richtung Oberwesel vor und die Bürgerschaft machte sich bereit zur Verteidigung. Zum Glück fiel die Stadt ohne Kampf. Bluten mussten die Oberweseler trotzdem, denn die Franzosen forderten große Mengen Verpflegung ein, u. a. 60 Zentner Brot und 3.400 Pfund Fleisch. Im Dezember 1794 mussten alle guten Pferde abgegeben werden. Alles Silberzeug wurde eingesammelt und ein Zwangsgeld von über 11.000 Talern erhoben. Auch 1795 gingen die Zwangsmaßnahmen weiter, dabei wurde vor allem Wein beschlagnahmt und Männer mussten Frondienste leisten. Oberwesel wurde schließlich wie das gesamte linke Rheinufer an Frankreich angeschlossen, als Teil des neuen Departments “Rhin-et-Moselle” mit Sitz in Koblenz. Die Zeit der Erzbischöfe und Kurfürsten ging zu Ende.
In Oberwesel wurde der kleine Damian wurde zunächst von einem Hauslehrer unterrichtet, später kam er auf eine Art Internat, die Lateinschule des Kollegiatstiftes in Münstermaifeld, und dann auf das Gymnasium in Aschaffenburg, wohl nicht ohne das Zutun wo eines Taufpaten Franz Damian von Linden. In Aschaffenburg residierte damals Lindens Dienstherr, der letzte Mainzer Erzbischof und Kurfürst Karl Theodor von Dalberg. Von Aschaffenburg aus wechselte der junge Oberweseler an die bayerische Universität Würzburg. Görtz studierte Jura und machte in Heidelberg seinen Abschluss. 1810, mit 22 Jahren, kehrte er in die Heimat zurück – ins französische Rheinland. Einige Jahre lang arbeitete er bei den Notaren Jacques Joseph Thüring in Simmern und Denis Peter Diel in Oberwesel. Dann erlebte er die nächste Zeitenwende: Napoleons Imperium brach zusammen, bei Kaub führte der preußische Feldmarschall Blücher seine Armee über den Rhein und die Franzosen räumten nach 20 Jahren das linke Rheinufer. Damian Görtz stellte sich in die Dienste der Sieger. 1815 wurde er in die preußische Verwaltung übernommen. Seine erste Stelle trat er in Trier an, der Heimatstadt seines Vaters. Preußen hatte auf dem Wiener Kongress das Rheinland zugesprochen bekommen und bildete dort fünf Regierungsbezirke, von denen die beiden nördlichen im heutigen Bundesland Nordrhein-Westfalen noch heute bestehen: Düsseldorf, Köln, Aachen, Koblenz und Trier. Im preußischen Regierungsbezirk Trier machte Damian Görtz Karriere. Er wurde Sekretär beim Regierungspräsidenten und kommissarischer Landrat des Kreises Saarburg. 1824 heiratete er Maria Antoniette Cardon, die Tochter des Juristen Cosmas Damian Cardon. Auch der Schwiegervater hatte mehreren Herren gedient – er war nacheinander kurfürstlicher Hofrat, französischer Richter und preußischer Geheimer Regierungsrat. Der Bräutigam war 35, seine Braut 18. Als Trauzeuge erschien Damians Bruder Johann Philipp, der Bürgermeister von Oberwesel. Die Familie der Braut war wohlhabend.
Schwiegervater Cardon besaß Grundstücke in Koblenz und wertvolle Weinberge in Ayl bei Saarburg, die er in der Franzosenzeit aus dem säkularisierten Besitz des Trierer Domkapitels ersteigert hatte. 1829 wurde Damian Görtz Landrat des Kreises Merzig, aber dann folgte für die Familie ein Schreckensjahr. Kurz hintereinander starben 1830 der zweijährige Sohn Franz und der 4 Tage alte Säugling Susanna. Görtz stützte sich in Arbeit. 1835 kümmerte er sich zusätzlich zu seinem Amt als Landrat um die Einverleibung des benachbarten Fürstentums Lichtenberg in den preußischen Staatsverband. Dessen Landesherr, der Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha (und spätere Schwiegervater von Queen Victoria), hatte es dem König von Preußen verkauft. 1840 belohnt man Görtz’ Einsatz mit einem der besten Posten im Regierungsbezirk, er wurde Landrat von Trier und kommissarischer Oberbürgermeister.
Hier hatte er 1845 mit dem berühmtesten Sohn der Stadt zu tun, der damals allerdings als schwarzes Schaf galt: Karl Marx. Der Philosoph und Vordenker des Kommunismus, der im Exil in Brüssel lebte, wollte damals in die USA auswandern und dafür auf seinen preußischen Pass verzichten. Brieflich bat Marx um seine Entlassung „aus dem Königl. Preuß. Untertanenverband“. Die Trierer Behörde stimmt dem zu – mit der Folge, dass Marx bis an sein Lebensende staatenlos blieb. Am 17. Oktober 1845 schrieb Karl Marx direkt an Görtz:
„Ew. Hochwohlgeboren ersuche ich ergebenst, von der kgl. hochlöblichen Regierung zu Trier mir einen Auswanderungsschein nach den Vereinigten Nordamerikanischen Staaten auswirken zu wollen. Mein Entlassungszeugnis aus dem kgl. preußischen Militärdienst muss sich auf der Oberbürgermeisterei zu Trier oder der kgl. Regierung daselbst vorfinden. Ew. Hochwohlgeboren ergebenster Dr. Karl Marx.“
Einige Wochen später kam ein weiterer Brief aus Brüssel an „Sr. Hochwohlgeboren, dem Königl. Preußischen Landrat und Oberbürgermeister, Herrn Görtz:
„Ew. Hochwohlgeboren erwidere ich auf Ihr hochgeehrtes Schreiben vom 8ten dieses Monats, dass mein Gesuch vom 13ten vorigen Monats um Entlassung aus dem Königl. Preuß. Untertanenverband behufs der Auswanderung nach den Vereinigten Nordamerikanischen Staaten sich nur auf meine Person bezog, daß ich jedoch, falls dieses zur Erteilung des Konsenses nötig ist, die Entlassung auch auf meine Familie zu erstrecken bitte.“
Bekanntlich ist aus dem Auswanderungsplan nichts geworden. Marx wurde kein Amerikaner, sondern Emigrant in London.
Zweieinhalb Jahre nach dem Schriftwechsel mit Karl Marx kam auf den Landrat aus Oberwesel die härteste Prüfung seiner Karriere zu, die Revolution von 1848. Görtz war damals schon ein gesetzter Herr von 60 Jahren. Am 28. Februar 1848 wurde die Nachricht von der Abdankung des französischen Königs Louis-Philippe in Trier bekannt. Im März erreichte die Welle der revolutionären Bewegung, auch die preußische Rheinprovinz. Volksversammlungen fanden statt, liberale Politiker stellten Forderungen auf: Volksbewaffnung, Schwurgerichte, Pressefreiheit, Schaffung eines Nationalparlaments und eines deutschen Nationalstaats sowie Menschen- und Bürgerrechte. Petitionen wurden in Köln, Düsseldorf, Aachen, Koblenz und in anderen rheinischen Städten verfasst.
Am 8. März 1848 verabschiedete auch der Trierer Stadtrat eine Petition mit den Märzforderungen an den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. Am 12. März fand eine Volksversammlung in Barbeln statt, wie das Fischer- und Schifferdorf St. Barbara südlich der Stadt genannt wurde. Über 500 Bürger beschlossen eine Petition an den König; tags darauf kam es bei einer Versammlung im Bierhaus Götschel zu Protestbekundungen und Verbrüderungsszenen. Hunderte zogen anschließend durch die Straßen der Stadt und forderten freiheitliche Rechte und politische Veränderungen. Sie trugen schwarz-rot-goldene Kokarden und sangen die Marseillaise.
Der Zulauf zu den Versammlungen war so groß, dass sie am 25. März in das alte römische Amphitheater verlegt wurden. Am Abend kam es zu Protesten am Wohnsitz des neuen Kommandeurs des 30. Infanterie-Regiments, Oberstleutnant Woldemar von Trotha, um die Rücknahme einer Arreststrafe zu erzwingen. Am 7. April wurde das Haus des reichen Trierer Kaufmanns Philipp Blattau gestürmt. Dieser hatte durch Spekulationsaufkäufe von Butter und Eiern hohe Preissteigerungen in der Region ausgelöst. Auf den Straßen fanden Protestversammlungen und Barrikadenkämpfe statt. Jetzt traf es auch Görtz persönlich: In der Nacht wurden die Fensterscheiben an seinem Wohnhaus eingeworfen. Görtz floh mit seiner Frau Maria und sieben Kindern durch den Garten. Es war genug. Der Landrat und Oberbürgermeister bat um seine Beurlaubung, aus der er nicht mehr zurückkehrte. Er galt den Trierern nur noch als unbeliebter Repräsentant der preußischen Obrigkeit. Die Regierung fügte sich dem Volkszorn. Am 1. Oktober 1848 versetzte sie ihn nach fast zehn Jahren Amtszeit in Trier und 33 Jahren Verwaltung in den Ruhestand . In der Begründung heißt es, dass „infolge der hier stattgefundenen Volksbewegung“ die „einstweilige Entbindung von seinen Amtsfunktionen notwendig geworden“ sei, „die Wiederübertragung der Geschäfte an ihn aber auch schon aus dem bereits vorgerückten Alter unzulässig“ sei.
Görtz fiel weich, der Grundbesitz seiner Frau machte ihn unabhängig. Im September 1854 wurde er als “Landrat a. D. und Gutsbesitzer” für den Wahlkreis Trier zum stellvertretenden Abgeordneten des 11. Rheinischen Provinziallandtags gewählt. Seine Weinberge verschafften ihm Respekt. Das Handbuch für Reisende durch das Moselland lobt 1861 namentlich die Görtz’schen Rebpflanzungen in Ayl an der unteren Saar. 1862 reiste Görtz nach London, um die Weltausstellung zu besuchen. Dort präsentiert er unter dem Dach des Königreichs Preußen seine Weine: den 1857er und den 1858er Ayler Herrenberg. Die Weine aus dieser Lage auf dem Bergrücken der Ayler Kupp gehören bis heute zu den besten. Ob Karl Marx ebenfalls die Weltausstellung besuchte, weiß man nicht. Er lebte damals eine gute Stunde zu Fuß oder per Pferdeomnibus entfernt.
Franz Damian Görtz starb am 2. Februar 1865 nach einem Schlaganfall. Er wurde auf den Tag genau 78 Jahre alt. Die Stadt Trier stiftete ihm ein Ehrengrab aus schwarzem Marmor.
Der Autor

Walter Karbach, geboren 1950, ist in Oberwesel aufgewachsen. Seine Vorfahren lebten dort als Winzer und Küfer, Drucker und Schiffer. Der promovierte Germanist erforscht nach Jahren als Schulleiter im In- und Ausland die Geschichte seiner mittelrheinischen Heimat. Mehrere Aufsätze und Bücher sind entstanden, zu dem Maler Carl Haag, zum antijüdischen Wernerkult, zur Geschichte der Juden. Seinen kleinen Verlag hat der Großvater Jupp gegründet. In seiner Rubrik präsentiert er historische Fundstücke.
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