Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Bürgermeister Weiland und der Bahnsinn: „Die Strecke ist dafür nicht ausgelegt“

Wer sich fragt, warum die SPD in Rheinland-Pfalz besser als anderswo funktioniert, sollte Mike Weiland kennenlernen. Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Loreley ist der Prototyp des sozialdemokratischen Kommunalpolitikers im System Malu Dreyer / Roger Lewentz. Er ist kein Volkstribun, aber jederzeit ansprechbar. Er hat keine internationale Elite-Universität besucht, ist aber als diplomierter Verwaltungsprofi gut ausgebildet. Er versteht die Macht-Mechanismen in Mainz und weiß sie zu nutzen, bleibt aber geerdet in Kamp-Bornhofen. In Weilands Welt geht es nicht um „Netz-Diskurse“ und Transgender-Toiletten, sondern um Glasfaserkabel und Grundschulen. Seit dem Erdrutsch in seiner Verbandsgemeinde steht er überregional im Rampenlicht. „Bürgermeister geht auf Deutsche Bahn los“, schrieb die „Bild“-Zeitung. Weiland erlebt die Erschütterungen durch den Güterverkehr am eigenen Leib, er wohnt selbst nah an den Gleisen. Ein Interview über den Erdrutsch und den Bahnsinn.

Felsrutsch und Bahnbeben vor der Haustür: Mike Weiland ist seit 2020 Bürgermeister der VG Loreley. Foto: Thomas Frey

Felsrutsch und Bahnbeben vor der Haustür: Mike Weiland ist seit 2020 Bürgermeister der VG Loreley. Foto: Thomas Frey

Auf manche Beobachter wirkt der Felsrutsch bei Kestert wie ein seltenes Naturschauspiel, nicht wie eine Beinahe-Katastrophe. Was wäre passiert, wenn in der entscheidenden Minute ein Zug die Stelle passiert hätte?

Dann hätte es im Falle eines Personenzuges Personenschäden, wenn nicht sogar Tote gegeben. Im Falle eines Gefahrgutgüterzuges hätte es möglicherweise zu einer Umweltkatastrophe kommen können, von der gegebenenfalls sogar der Rhein als europäische Wasserstraße sowie Lebensraum für Tier- und Pflanzenwelt betroffen gewesen wäre.

Wie viele Züge fahren pro Tag auf der Strecke?

Die rechtsrheinische Bahnstrecke ist die europäische Hauptschlagader des Güterverkehrs. Es fahren viel zu viele Güterzüge durch das Tal. Die Strecke ist dafür nicht ausgelegt und kann auch die künftig anfallenden Kapazitäten gar nicht auffangen. Daher gehören Güterzüge schon lange auf eine Alternativtrasse, die vom aktuellen, aber auch den zurückliegenden Bundesverkehrsministern, die allesamt aus Bayern kamen, wo immer wieder viele Bahnprojekte umgesetzt werden, nicht mit ausreichender Priorität und Sorge angegangen wird.

Willi Pusch von der Bürgerinitiative gegen Bahnlärm glaubt, dass die immer größeren Achslasten zu Erschütterungen führen und die Statik des Tals gefährdet. Wie sehen Sie das?

Das stimmt. Das sehe ich jeden Tag zu Hause beim Aufstehen, wenn ich dann abends zu Hause bin und über Nacht, denn ich wohne selbst nur gute 4 Meter vom Bahngleis entfernt. Was die Statik des Tals angeht, habe ich bereits am Dienstag einen eindeutigen Brief an Bundesverkehrsminister Scheuer gesandt und ihn aufgefordert, das komplette Rheintal rechts und links geologisch untersuchen zu lassen.

Auch im Idealfall wird das Tal noch Jahrzehnte mit dem Bahnverkehr auskommen müssen, weil die große Trasse durch Taunus und Westerwald noch nicht einmal geplant ist. Was kann man bis dahin konkret tun?

In meinem Schreiben an den Bundesverkehrsminister habe ich gefordert, zumindest Gefahrgutgüterzüge bis zum Vorliegen der Untersuchungen und deren Auswertung zur Geologie im Mittelrheintal nicht mehr über die Bahnstrecken rechts und links des Rheins fahren zu lassen.

Was hat Sie nach dem Felsrutsch am Montag besonders beeindruckt?

Neben den großen Gesteinsmassen hat mich beeindruckt, dass sich die Bahn trotz ihrer Erfahrungen in Sachen Kommunikation nach dem Bahnunglück in Niederlahnstein im letzten Sommer erneut sehr lange Zeit gelassen hat, zu sagen, was Sache ist. Ich stehe jedoch seit Dienstagnachmittag mit dem Bevollmächtigten der Bahn für Rheinland-Pfalz, Saarland und Hessen in Kontakt, der mir nun eine enge Abstimmung zugesichert hat. Das ist der richtige Weg. Auch die Organisation der Schüler- und Kita-Busse sowie des Schienenersatzverkehrs seitens des Landkreises und des Zweckverbandes Schienenpersonennahverkehr lief gut – auch in der Kommunikation untereinander.

Hinweis der Redaktion: Auf YouTube sind Live-Aufnahmen von der Absturzstelle zu sehen. Am Samstag (20. März) soll dort lockeres Gestein abgesprengt werden. 

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  1. Simon Kissel

    Zunächst: Ich bin auch dafür, dass eine neue Güterzugstrecke gebaut wird. Wenn wir es mit der Bekämpfung des Klimawandels und der Umweltzerstörung ernst meinen, müssen mehr Güter auf die Schiene.

    Ansonsten muss ich Herrn Weiland aber in sämtlichen Punkten widersprechen. Seine Aussagen sind voll von billigem Populismus, und frei von Fakten oder Lösungsvorschlägen. Herr Weiland kann ja nicht mal die Frage „Wie viele Züge fahren pro Tag auf der Strecke?“ beantworten (es sind ca. 250).

    Gehen wir das doch mal durch:

    Die Bahnstrecken im Mittelrheintal existieren länger als Herr Weiland und wir alle hier. Es gilt seit 160 Jahren: Wenn man es leise haben will, zieht man nicht ins Mittelrheintal. Als Herr Weiland 4 Meter neben die Gleise gezogen ist, wird ihm das sicherlich nicht entgangen sein.

    „Die Strecke ist dafür nicht ausgelegt“ – Quatsch. Die Achslast der Dampflokomotive 01 war 20 Tonnen, und mehr Achslast hat auch ein Güterwagen heute nicht.

    Und nein, wir haben nicht mehr Güterverkehr als „früher“. Die beiden Rheinstrecken waren mal die meistbefahrenen Strecken Deutschlands, mit Zügen alle 2-3 Minuten. Ja, nach dem Neubau der Schnellfahrstrecke Köln-Frankfurt ist es ein paar Jahre erst mal deutlich weniger geworden, aber wir sind bei weitem nicht auf dem Niveau der 60er Jahre. Sowohl auf der linken als auch der rechte Rheinstrecke kommt heute ungefähr alle 6 Minuten ein Zug.

    Wir hier drüben in Bingen hatten da übrigens mal ein riesigen Güterbahnhof mitten im Ort. Da ist heute ein Park.

    „…zu Erschütterungen führen und die Statik des Tals gefährdet“ – das kann man eigentlich nicht mehr wirklich kommentieren. Soviel sei gesagt: Die „Statik des Tals“ haben bisher weder Bombenhagel noch Erdbeben gefährdet. Ich denke, wir bekommen auf das Mittelrheintal sicher nochmals 400 Millionen Jahre TÜV.

    Damit brauchen wir dann auch nicht mehr verlangen, dass bis zum Vorliegen dieses „Statik-Gutachtens“ keine Gefahrgutgüterzüge mehr durch das Mittelrheintal fahren sollen.

    Denn dann käme die Frage auf, wie das Gefahrgut, was dafür sorgt dass Herr Weiland sein Auto tanken kann, seine Wäsche waschen oder seine Tabletten nehmen denn sonst transportiert werden soll.

    Vielleicht ein paar tausend zusätzliche Gefahrgut-LKW täglich auf der A61? Wann hatten wir noch gleich den letzten LKW-Gefahrgutunfall dort…?

    Vielleicht per Schiff? Wie war das noch mit den auf 28km mit Diesel verseuchten Rhein vor zwei Jahren? Oder dem Säuretanker „Waldhof“ 2011?

    Es sei klargestellt: Die Bahn ist das umweltfreundlichste und sicherste Transportmittel für Güter.

    Und ja, der Hangschutz könnte besser sein, aber Hangrutsche auf die Bahngleise (und Strassen) haben wir ebenfalls seit 160 Jahren alle paar Jahre mal. Davon geht die Welt nicht unter. Ein Zug würde entgleisen, aber bei
    den Streckengeschwindigkeiten an den entsprechenden Stellen käme da auch eher keine Katastrophe bei raus.

    Um auf die jährliche Zahl der PKW-Verkehrstoten im Mittelrheintal zu kommen, bräuchten wir echt eine Menge Hangrutsch-auf-Züge-Zufälle.

    In Summe: Niemand mag Lärm, aber diese unehrliche „Nicht vor meiner Haustüre“-Mentalität nervt. Wir wollen die Energiewende, aber bitte keine Windkrafträder in unserer Nähe (und die, die lieber Atomkraft wollen, möchten keine Atommüll-Endlager). Eine Rheinbrücke hätten wir gerne, aber nicht den Autoverkehr dazu. Wir hätten gerne vernünftige Handynetze, aber auf keinen Fall Mobilfunkmasten. So zieht sich das durch alle Themen.

    Und selbst wenn man mit Egoismus sagt „mir doch egal, Hauptsache woanders“ – tja, wo auch immer die neue Güterstrecke entstehen soll, werden dort mit Sicherheit Menschen wie Herr Weiland leben, die alles daran setzen werden, diese Verbesserung zu verhindern.

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