Zu den Traditionen, Sagen und Überlieferungen am Mittelrhein gehören auch einige hässliche. Zum Beispiel die rassistische Ritualmord-Legende um Werner, einen Jungen aus Oberwesel, der im 13. Jahrhundert unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Sein Tod wurde wie üblich den Juden in die Schuhe geschoben und löste eine Welle antisemitischer Gewalt aus. Der damalige deutsche König Rudolf von Habsburg musste einschreiten, um den massenhaften Mord und Totschlag an Juden im ganzen Rheinland zu beenden. Oberwesel und Bacharach haben von den finsteren Fake News des Mittelalters lange profitiert. In beiden Orten entstanden „Wernerkapellen“ mit Wallfahrts-Charakter. In Bacharach endete der Werner-Kult mit der Einführung der Reformation und dem Verfall der Kapelle. In Oberwesel blühte er weiter. Im 18. Jahrhundert ließ man dort sogar ein Steinrelief anfertigen, das die angebliche Ermordung Werners durch 2 Juden darstellen soll. Es wurde in der dortigen Wernerkapelle an der Stadtmauer angebracht. Ein gerade erschienener wissenschaftlicher Artikel von Oberwesel-Historiker Walter Karbach zeigt, wie ungern sich die Stadt selbst nach dem Holocaust von ihrem Rassismus-Relief getrennt hat. Das Bistum Trier musste Druck auf die unwillige Kirchengemeinde ausüben und mit dem Entzug von Fördermitteln drohen, bis der blutrünstige Stein 1970 endlich aus der Kapelle entfernt wurde. Die „Rhein-Zeitung“ machte damals Stimmung gegen den „Bildersturz“ und verbreiterte die falsche Darstellung, das „Frankfurter Rabbinat“ habe dafür gesorgt, dass den Oberweselern ihr Kunstwerk genommen werde. Das umstrittene Relief lagert heute in einer früheren Friedhofskapelle. Die Wernerkapelle ist mittlerweile der selig gesprochenen Franziskaner-Nonne Rosa Flesch geweiht. Schon vorher war „St. Werner“ aus dem Heiligenkalender gestrichen worden. In den 90er Jahren verschwand auch der Name „St. Werner Krankenhaus“ für die angrenzende Klinik. Karbachs Artikel ist in „Aschkenas“ erschienen, einer Fachzeitschrift für Geschichte und Kultur des Judentums in West- und Mitteleuropa. degruyter.de (Website von „Aschkenas“ mit Hinweisen auf die aktuelle Ausgabe), Wikipedia (über Werner von Oberwesel)

Oberwesel aus Sicht von Henry Tornow. (Romantischer Rhein Tourismus)

Oberwesel aus Sicht von Henry Tornow (Romantischer Rhein Tourismus). Der kleine spitze Turm der Wernerkapelle ist neben dem Krankenhauskomplex zu erkennen.

Die Rückkehr des Reichenstein-Barons

Eine weit bessere Mittelrhein-Geschichte ist die der Reichenstein-Rettung. Der Dortmunder Verleger Lambert Lensing-Wolff, ein Nachfahre der früheren Eigentümer-Familie Puricelli, übernahm die Burg vor einigen Jahren und verwandelte die heruntergekommene Gastronomie in einen Musterbetrieb unter Leitung von Till und Katrin Gerwinat. Für das Anwesen inklusive Hotel und Museum gibt es mittlerweile einen Audio-Guide. Professionelle Sprecher erzählen dort die Geschichte der Burg aus der Sicht ihrer früheren Bewohner, u.a. des Barons Nikolaus Kirsch-Puricelli. „AZ“-Redakteurin Christine Tscherner hat sich darüber mit Christina Schirra unterhalten, der Marketingleiterin von Reichenstein. Der Betrieb ist nach dem Lockdown wieder geöffnet und soll trotz Corona-Krise weiter wachsen. Außerhalb der Burgmauern entstehen gerade in einem leer stehenden Hotel in Trechtingshausen zusätzliche Übernachtungskapazitäten für Reichenstein-Fans. Allgemeine Zeitung, burg-reichenstein.com (Website der Burg)

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Feierabend für Feierabendwinzer #rheingau #steillage #wennrausdannrhein

Ein Beitrag geteilt von Simone Kühn (@weinpause) am

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