Walter Karbach

Von Dörscheid nach Danzig: Die SS-Karriere des Wilhelm Huth

Es klingt fast märchenhaft: Ein Bauernsohn aus Dörscheid, der jeden Morgen zu Fuß nach Kaub zur Schule laufen muss, es auf eine Universität schafft, Senator einer alten Hansestadt am Meer wird und zum Regierungspräsidenten und General aufsteigt. Wilhelm Huth, so könnte man meinen, hatte viel Glück im Leben. Sein größtes Glück war, dass er nicht als Kriegsverbrecher im Gefängnis oder am Galgen endete. Mittelrhein-Historiker Walter Karbach über Aufstieg, Fall und Entnazifierung eines Helfershelfers.

Was für eine Karriere in Hitlers Leib- und Prügelgarde: 1932 Mitglied der SS (Nr. 56 275), 1933 SS-Untersturmführer, 1935 SS-Standartenführer, 1938 SS-Oberführer und 1940 SS-Brigadeführer, also Generalsrang. Ein offizielles Foto von 1936 zeigt Dipl.-Ing. Wilhelm Huth als stellvertretenden Präsidenten des Senats der Freien Stadt Danzig in der Uniform des SS-Standartenführers, das Totenkopfabzeichen an der Schirmmütze. Ein steiler Aufstieg für einen Dorfjungen von der rechten Rheinseite. 

Der Danziger Top-Nazi stammt aus Dörscheid. Hier kommt er kurz vor Weihnachten 1896 am 21. Dezember als Sohn eines Bauern und Winzers zur Welt. Wilhelm Huth ist der jüngste in einer großen Kinderschar. Mit 6 Jahren muss er an jedem Werktag zur Schule hinunter nach Kaub, das Schulhaus dient gleichzeitig als Rathaus. So etwas wie Bafög gibt es nicht, an Gymnasium und Studium ist für den Jungen aus dem Höhenort nicht zu denken. Acht Jahre Volksschule müssen reichen, dann lernt Wilhelm in Düsseldorf Maschinenbauer, geht auf die Walz, montiert in Frankfurt und Berlin landwirtschaftliche Maschinen. Mit 19 Jahren wird er im März 1916 zur kaiserlichen Armee eingezogen, bis Oktober 1918 kämpft er an der Front. Nach der Demobilisierung zieht es ihn 1919 wieder nach Berlin. Dort schafft er es, die Reifeprüfung nachzuholen.

Ab 1920 studiert Huth in Berlin zunächst Naturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften, wechselt dann an die Technische Hochschule. Bald beschließt er, sein Studium an der Technischen Hochschule Danzig fortzusetzen. Hier bekommen reichsdeutsche Studenten finanzielle Unterstützung. Er wird Mitglied der pflichtschlagenden und farbentragenden Landsmannschaft Guilelmia Berlin.

Huth studiert Maschinenbau an der Fakultät für Schiffbau. Im Jahr 1926 erwirbt er sein Ingenieurdiplom. In den Jahren 1927 bis 1932 ist Huth in den Hafenwerkstätten von Krakau im Osten der Stadt als Konstrukteur und Inspektor tätig, ab 1930 im Maschinenbauamt Danzig-Krakau.

Danzig ist damals nicht Teil des Deutschen Reiches. Der Versailler Vertrag hat die Stadt zu einer teilsouveränen Republik unter Aufsicht des Völkerbundes gemacht, regiert von einem Senat mit einem Präsidenten an der Spitze. Der Senat wird vom Danziger Parlament gewählt, dem Volkstag. Wie im Reich gibt es auch hier Nationalsozialisten. Bis 1929 treten sie in Danzig wenig in Erscheinung, ihre Partei hat 1927 nur einen einzigen Sitz im Volkstag errungen. Huth gefallen sie trotzdem. Und er glaubt an ihr neues Führungspersonal. Bald wird er selbst dazugehören.

Am 1. November 1930 tritt der damals 33-jährige Dörscheider in die NSDAP ein (Nr. 370225). In Danzig ist Wahlkampfzeit und in der Danziger NSDAP tut sich einiges. Hitler hat den gebürtigen Bayern Albert Forster zum Gauleiter bestimmt, einen Nazi, der noch keine 30 ist, aber schon seit 7 Jahren zur Partei gehört. Forster soll die NSDAP in Danzig an die Macht bringen. Als Organisator, Redner und Agitator übernimmt er die Regie im Wahlkampf. Er inszeniert Großveranstaltungen und holt NS-Prominenz aus Berlin in die Stadt. Am Voraband des Wahltages spricht Josef Goebbels, der Propagandachef der NSDAP. Die Marketingkampagne wirkt. Am 16. November wird die NSDAP mit 12 von 72 Sitzen im Volkstag hinter der SPD zweitstärkste Fraktion.

Und Forster lässt nicht locker: Von Oktober 1930 bis Oktober 1931 organisiert er in Danzig 44 Massenveranstaltungen. Die Zahl der NSDAP-Mitglieder im Gau steigt von 800 im Juni 1930 auf 9519 im Dezember 1932. Im gleichen Zeitraum erstarkt die SA von 150 auf 1500 Mann und die SS von 20 auf 200. Immer mit dabei: Wilhelm Huth. 

Im Juni 1933, im Deutschen Reich ist Hitler seit Januar am Ruder, übernimmt nach der Volkstagswahl am 21. Mai die NSDAP, unterstützt von katholischen Zentrum, die Macht in Danzig. Für den Mann aus Dörscheid geht es jetzt schnell bergauf: Wilhelm Huth zieht als Abgeordneter in den Volkstag ein und wird am 20. Juni 1934 zum hauptamtlichen Senator für das Bauwesen berufen, zuständig für die Infrastruktur und städtebauliche Vorhaben. Im Jahr darauf rückt er zum Stellvertreter des NS-Senatspräsidenten und späteren Kriegsverbrechers Arthur Greiser auf, damit ist er die Nr. 2 im Danziger Senat.

Der Kriegsbeginn 1939 sorgt für den nächsten Karrieresprung. Danzig wird nach dem deutschen Überfall auf Polen „heim ins Reich“ geholt und einer neu gegründeten Provinz zugeschlagen, dem „Reichsgau Danzig-Westpreußen“. Die Leitung übernimmt Albert Forster – mit Huth als Vize. 

Huth vertritt den Gauleiter häufig bei Kundgebungen und Propagandaveranstaltungen, aber auch
bei militärischen Stabsbesprechungen. Mitte September 1939 ist er bei zwei geheimen Konferenzen dabei, in denen die Ermordung von Polen, Juden und Geistlichen angeordnet wird. Sein Chef Forster hat seinen Standpunkt klar gemacht:

„Unsere Verpflichtung ist, dass wir das Land hier rücksichtslos von allem Gesindel, Räuberbanden, Pollaken und Juden säubern. […] Der Deutsche hat Anspruch darauf, nachdem er zwanzig Jahre geknechtet wurde, jetzt als Herr dieses Landes aufzutreten. Wir können gar nicht hart genug sein. In wenigen Jahren wird das Land ein anderes Gesicht haben. Unser Ziel ist, dass dieses Land in kurzer Zeit wieder hundertprozentig deutsch werde. Polen, die bei uns nichts zu suchen haben, müssen unbedingt entfernt werden.“

Wilhelm Huth nimmt an den wichtigsten Beratungen der Polizeibehörden und der Gestapo teil, die sich mit der Vernichtung der polnischen und jüdischen Bevölkerung, mit der Deportation polnischer Familien in das Generalgouvernement oder in Arbeitslager, mit der Ansiedlung von Deutschen aus dem Osten und dem Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in der Kriegsproduktion befassen. Bei einer Besprechung am 15. November 1939 werden die Modalitäten geregelt, wie bis Ende Februar 1940 rund eine Million Juden und Polen aus den besetzten Ostgebieten zu „evakuieren“ sind. 

Fast 30 Jahre später, am 21. März 1967, wird Huth als Zeuge dazu vernommen. Er schiebt die Verantwortung auf SS-Chef Heinrich Himmler, den von Himmler beauftragten SS- Obergruppenführer Richard Hildebrandt und die Gestapo. Forster sei nicht einverstanden gewesen, erklärt er. Huths Mittäterschaft bei der Organisation der Deportationen wird juristisch nicht bewertet. 

1939 zeichnet Huth etliche Maßnahmen zur ‚“Entjudung der Danziger Wirtschaft“ ab, die im Staatsanzeiger veröffentlicht werden. Ihm selbst geht es in Danzig gut. Von 1940 sitzt er, teilweise als Vorsitzender, im Aufsichtsrat mehrerer Danziger Aktiengesellschaften: der Sparkasse der Stadt, der Deutschen Revisions- und Treuhand-AG, der Weichsel Dampfschiffahrt- und Seebad-AG, der Allgemeinen Lagereibetrieb-AG (Alldag), der Waggonfabrik-AG und der Danziger Elektrische Straßenbahn AG. Mit seiner deutlich jüngeren Frau Luise, geb. Tornier, der Tochter eines Zahlmeisters, wohnt er in einer Dienstvilla in der Hindenburgallee. 1940 verleiht ihm Hitler den Titel eines Regierungspräsidenten. Huth leitet praktisch die gesamte Verwaltung des Gaus. Auf Fotos der NS-Presse, z. B. im Danziger Vorposten, ist er oft an der Seite von Albert Forster oder Arthur Greiser zu sehen.

Im März 1945 wird ihnen der Boden in Danzig zu heiß. Die Rote Armee rückt an, und Forster und Huth lassen ihre Möbel in einen Sonderzug laden. Zusammen mit den Resten ihres Stabs verlassen sie mit Kraftfahrzeugen die Stadt. Sie fliehen über Świbno auf die Halbinsel Hela, wo der Dampfer Zoppot bereitliegt. Forster will, dass die Möbel vom Zug auf das Schiff geschafft werden, trotz andrängender Flüchtlinge. Der Befehlshaber, General Karl Wilhelm Specht, weigert sich. Im April gestattet er Forster die Abreise. Die Zoppot setzt sie am 4. Mai in Grömitz an der Lübecker Bucht ab. Forster und Huth schlagen sich durch bis Hamburg. Dort wird Forster Ende Mai von den Briten verhaftet und im August 1946 nach Polen ausgeliefert, wo ihm in Warschau 1948 der Prozess gemacht wird. Auch Huth wird als Zeuge geladen, er ist aber nicht zu ermitteln. 

Forster wird 1948 als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und 1952 hingerichtet. Nicht anders erging es bereits 1946 dem Kriegsverbrecher Arthur Greiser. Wilhelm Huth hingegen, Gauleiter Forsters rechte Hand, durchläuft in Hamburg, das zur britischen Zone gehört, den halbherzig betriebenen Entnazifizierungsprozess mit Erfolg. Er wird als Zeuge in Ermittlungen gegen andere Personen aus Danzig befragt, die der Beteiligung an Kriegsverbrechen verdächtigt werden. Er selbst wird nie zur Verantwortung gezogen. Stattdessen kehrt er als Ingenieur ins bürgerliche Leben zurück – er wechselt in die Versicherungsbranche. Das Amtliche Telefonbuch für 1956 verzeichnet ihn als „Dipl.-Ing., Sachbearbeiter Betriebliche Versorgung, Assekuranz-Kontor Hamburg 1, Burchardstraße 8“, eine prominente Adresse im Sprinkenhof, einem Kontorhaus, entworfen 1927 von den jüdischen Architekten Hans und Oskar Gerson. Privat ist er schon 1953 in Fuhlsbüttel gemeldet, an der Kleinen Stübeheide 34, schön gelegen nahe der Alster.

1960 klagt Huth vor dem Verwaltungsgericht Hamburg auf Anerkennung von Pensionsansprüchen als früherer Regierungspräsident. Im Prozess geht es um die Frage, welche Rolle Huths Parteimitgliedschaft bei seiner Ernennung gespielt hat. Das Gericht hört über ein Dutzend Zeugen aus Huths Danziger Zeit, darunter mehrere einschlägig bekannte Nationalsozialisten wie den frühen Gerichtspräsidenten Walter Wohler, Ex-Regierungspräsident und SS-Führer Fritz Hermann, den letzten Danziger Oberbürgermeister Georg Lippke und den früheren Abteilungsleiter für Arbeitsbeschaffung Walter Hildebrandt, jetzt Funktionär des Bundes der Heimatvertriebenen. Das Verfahren endet 1964 mit einem Vergleich. Die umfangreiche Akte war bis Ende 2024 gesperrt. Huth sichert sich außerdem beim Amt Hamburg- Fuhlsbüttel eine Entschädigung für verloren gegangenen Besitz in Danzig. 

Wilhelm Huth stirbt am 15. April 1982 in Hamburg, er wird auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf im Grab der Familie Tornier, der Familie seiner Frau, bestattet. Den Grabstein ziert das Wappen der Stadt Danzig.

Das Foto zeigt SS-Führer Wilhelm Huth 1939 hinter Gauleiter Albert Forster. Quelle:  Institut für Nationales Gedenken, Sign. IPNGd-13-1-1-34, Instytut Pamięci Narodowej, Komisja Ścigania Zbrodni przeciwko Narodowi Polskiemu, ul. Janusza Kurtyki 1, 02-676 Warszawa, ipn.gov.pl 

Der Autor

Walter Karbach, geboren 1950, ist in Oberwesel aufgewachsen. Seine Vorfahren lebten dort als Winzer und Küfer, Drucker und Schiffer. Der promovierte Germanist erforscht nach Jahren als Schulleiter im In- und Ausland die Geschichte seiner mittelrheinischen Heimat. Mehrere Aufsätze und Bücher sind entstanden, zu dem Maler Carl Haag, zum antijüdischen Wernerkult, zur Geschichte der Juden. Seinen kleinen Verlag hat der Großvater Jupp gegründet. In seiner Rubrik präsentiert er historische Fundstücke.

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