Vom „Lauersch Karl“ aus Oberwesel zum international geschätzten Theologen und Denker: Auf den ersten Blick wirkt die Biografie des Benediktinerpaters Caesarius Lauer (1915-1984) wie eine akademische Aufstiegsgeschichte. Tatsächlich war es ein Leben voller Widersprüche und Kämpfe. Lauer erlebte die Nazi-Zeit am Mittelrhein, wurde als junger Mönch zur Wehrmacht eingezogen und im Krieg verwundet. Seine Priesterweihe in den Nachkriegsjahren schien eine ruhige und respektable Laufbahn in der jungen Bundesrepublik Konrad Adenauers vorzuzeichnen. Aber Pater Caesarius taugte nicht zur Stütze des Establishments. Er haderte mit Wiederaufrüstung und Schlussstrich-Mentalität, korrespondierte mit dem jüdischen Philosophen Martin Buber, experimentierte mit der Idee einer urchristlichen Kommune und erregte das Misstrauen der Amtskirche. Seine Suche nach Erkenntnis führte ihn bis in die Wüste Sahara – und zum Glück auch wieder zurück. Mittelrheingold-Autor Walter Karbach über ein außergewöhnliches Leben.
Foto: Hermann Karbach
Im Herbst 1954 bekam der große jüdische Religionsphilosoph Martin Buber Post aus Oberwesel. „Ich gehe Anfang November in die Wüste Sahara“, schrieb ihm Benediktinerpater Caesarius Lauer aus der kleinen Stadt am Mittelrhein. Buber, damals 76, las den Brief aufmerksam. Religion, Alter und Tausende von Kilometer trennten ihn von dem Ordensmann aus der jungen Bundesrepublik, aber man kannte und schätzte einander.
Seit Anfang 1949 gingen Briefe hin und her. Martin Buber lehrte seit seiner Vertreibung aus Deutschland im Jahre 1938 an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er wurde für den Friedensnobelpreis gehandelt und 1953 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, zwei Jahre nach Albert Schweitzer. Mit dem Pater aus Oberwesel traf er sich dreimal zu einem persönlichen Gedankenaustausch.
Wer war Caesarius Lauer? Und was zog ihn in die afrikanische Wüste? In seiner Heimatstadt kannte man ihn als „Lauersch Karl“. Er war der Sohn des früheren Oberweseler Stadt- und Amtsinspektors Eberhard Lauer und seiner Frau Louise geborene Castor. Geboren wurde er am 14. September 1915. Die Familie wohnte in einem mehrstöckigen, aus Backsteinen erbauten Reihenhaus in der Simmerner Straße 22 (heute Chablis-Straße). Karl hatte vier Geschwister: Katharina Lauer (1914–1997) war bis 1978 Volksschullehrerin in Oberwesel und blieb zeitlebens ledig. Maria Lauer (1920–2001) heiratete Hermann Schaaf aus Bacharach und lebte in Konz bei Trier. Wilhelm Lauer (1923–2007) lehrte als Professor für Geografie an der Universität Bonn. Hans-Joseph Lauer (1926–1987) leitete eine Sparkasse am Niederrhein, dessen Sohn ist der Hamburger Kirchenmusiker Professor Eberhard Lauer.
„Lauersch Karl“ war 18, als Hitler 1933 an die Macht kam. Er ging damals auf das Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium in Koblenz, das heutige Eichendorff-Gymnasium – ein langer Schulweg mit dem Bummelzug von Oberwesel. Noch im selben Jahr wurden im Unterricht der „deutsche Gruß“ eingeführt und die ersten strammen Ausmärsche organisiert. Karl machte mit. Als Unterprimaner trug er im September 1933 im Braunhemd und mit Hakenkreuzbinde bei einer großen Kundgebung der NSDAP-Ortsgruppe auf dem Oberweseler Schaarplatz Gedichte vor. Im Frühjahr 1934 machte er sein Abitur und begann ein Studium an der Universität Bonn: Deutsche Literatur, Philosophie und Theologie. Aber den jungen Mann aus Oberwesel drängte es zu etwas anderem: Schon im ersten Semester nahm er Kontakt zum Benediktinerkloster Maria Laach auf, und 1935 trat er dort als Novize ein.
Braunhemd und Ordensgewand passten damals überraschend gut zusammen. Abt Ildefons Herwegen (1874–1946) galt als Hitler-Sympathisant. Im Mai 1933 hielt er im Großen Saal des Kölner Gürzenich vor SA- und SS-Formationen unter Fahnen und Standarten die Gedenkrede für den Nazi-Märtyrer Albert Leo Schlageter (1894–1923). In einer Predigt sagte er: „Auf den Glauben des Führers an das Volk antwortet die Gefolgschaft des Volkes.“ Später beschrieb Heinrich Böll in seinem Roman Billard um halb zehn (1958) die braunen Verhältnisse in Maria Laach.
Als der junge Lauer ins Kloster kam, hatte die Begeisterung für die NS-Bewegung schon deutlich nachgelassen. Der von den Nazis entmachtete Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, ein Schulfreund des Abtes, war vorübergehend in Maria Laach aufgenommen worden, zum Missfallen des Regimes. Abt Ildefons selbst war ins Visier der Gestapo geraten. Er hatte öffentlich von „einem heftigen Ansturm wider unsere heilige katholische Kirche“ gesprochen. Da er mit seiner Verhaftung rechnete, war er im Januar 1935 vorübergehend in die Schweiz gereist.
Karl Lauers Noviziat begann am 15. September 1935 mit der Feier der Einkleidung. Tags zuvor hatte Hitler beim Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg vor 50.000 begeisterten Hitlerjungen das neue Ideal der Jugend beschworen, „flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“. Am folgenden Tag wurde das rassistische „Reichsbürgergesetz“ beschlossen und das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Die braune Presse jubelte auf allen Titelseiten.
In Maria Laach trug der Novize aus Oberwesel fortan das Ordensgewand der Benediktiner und den Ordensnamen Caesarius. Der Novizenmeister machte ihn mit der klösterlichen Lebensweise vertraut, leitete ihn zum persönlichen Gebet an und unterrichtete ihn in Glaubensfragen. Hinzu kamen gesangliche und handwerkliche Unterweisungen. Am 21. September 1936 legte Caesarius seine zeitlichen Gelübde ab. Im Alltag trug er eine Tunika (Untergewand), darüber das bodenlange Skapulier (einen Überwurf mit Kapuze) und einen Gürtel, das Zingulum.
Im November 1937 wurde Caesarius, wie in Maria Laach üblich, zum Studium nach Rom gesandt. Zwei Jahre lang studierte er Philosophie und Theologie am Päpstlichen Athenaeum Sant’ Anselmo, der internationalen Hochschule der Benediktiner. In Italien regierte damals der faschistische „Duce“ Benito Mussolini, in Rom waren Aufmärsche an der Tagesordnung. Im Juli 1939 kehrte Caesarius ins Kloster zurück. Nur wenige Wochen später begann der Zweite Weltkrieg.
Am 12. November 1939, keine drei Monate nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, legte Caesarius seine Gelübde ab. In der ewigen Profess gelobte er Oboedientia (Gehorsam), Stabilitas (lebenslange Bindung an das Kloster) und die Conversio morum (klösterlicher Lebenswandel), was persönliche Besitzlosigkeit und Ehelosigkeit mit einschloss. Doch vor dem Klosterleben kam der Krieg.
Der junge Mönch wurde noch 1939 zur Wehrmacht eingezogen und einer Sanitätseinheit im besetzten Lodz (Łódź) zugeteilt. Von hier aus schrieb er Feldpostkarten an seine früheren Oberweseler Schulkameraden. Was er von den Zuständen im Ghetto mitbekommen hat, das im Frühjahr 1940 abgesperrt wurde, wissen wir nicht. Später war Lauer in Frankreich und in der Sowjetunion eingesetzt. 1942 wurde er durch ein Schrapnell schwer verwundet, erlitt einen Bauchschuss und lag lange im Lazarett. Seine Kriegserlebnisse hat er nie ganz bewältigen können.
Bei Kriegsende im Mai 1945 geriet Lauer in Berlin in sowjetische Gefangenschaft. Er hatte Glück, denn die Sowjets übergaben ihn der britischen Besatzungsbehörde, und nach sechs Monaten in einem Lager bei Hamburg war er frei. Sein Kloster schickte ihn in die Erzabtei Beuron an der Oberen Donau; dort konnte er seine Studien abschließen. Am 18. Oktober 1946 weihte ihn der Trierer Weihbischof Heinrich Metzroth – ein gebürtiger Bingerbrücker – zum Diakon. Im Sommer 1947 später folgte die Priesterweihe in Maria Laach. Zahlreiche Oberweseler ließen es sich trotz der Sommerhitze nicht nehmen, dabei zu sein. Das Thermometer stieg auf ungewöhnliche 37,5 Grad. Am folgenden Sonntag feierte der Neupriester nach einer Prozession durch die fahnengeschmückten Straßen von Oberwesel in der überfüllten Liebfrauenkirche seine Primiz. Seine Eltern erlebten es nicht mehr. Der Vater, geboren 1877 in Oberwesel, war drei Monate nach Kriegsende gestorben, die Mutter schon 1940.
Im Kloster Beuron hatte Caesarius begonnen, die Schriften des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878–1965) zu lesen, beginnend mit einem Buch über Entfremdung und Verdinglichung. Die Begegnung mit dem Gelehrten aus Jerusalem wurde für Caesarius Lauer schicksalhaft. Am 24. Februar 1949 schrieb er ihm: „Verehrter Herr Professor, seit langer Zeit warte ich auf eine Gelegenheit mit Ihnen in Verbindung zu kommen. Heute ist mir diese Gelegenheit plötzlich geschenkt. Freilich wage ich den Schritt zu Ihnen nur zögernd. Bin ich Ihnen doch vollkommen fremd. Aber Sie sind es mir eigentlich nicht: durch Ihre Schriften.“
1951 besuchte Buber während einer Europareise die Abtei Maria Laach. Caesarius zeigte sich damals deprimiert. Die politische Situation in Bonn und „alles, was hier geschieht, mit dieser Gewissengeschichte, mit der Wiederaufrüstung, dieser nazistischen, der Neo-Nazismus, der schon wieder im Gange ist“, habe ihn pessimistisch gemacht, „ich kannte die Leute, die in Bonn schon wieder angefangen haben“, berichtete er später.
Von Ende August 1951 bis Mai 1952 hielt sich der junge amerikanische Methodist Harold Stahmer zu Studienzwecken in Maria Laach auf. Caesarius machte ihn mit den Schriften Bubers bekannt, beide Theologen verstanden sich gut. Allmählich entfernte sich der Pater nicht nur räumlich vom Kloster.
Am 16. Januar 1953 bat Caesarius Martin Buber darum, ab sofort die Post nur noch an die Adresse seiner Schwester Katharina in Oberwesel zu senden. Hier, in seinem Elternhaus, hatte er unterm Dach eine kleine Stube. Er schrieb nach Jerusalem: „Ich habe die letzten irdischen Sicherungen aufgegeben, damit ich – gesichert an Gott allein – unverzüglich das Dialogische Leben zu leben beginnen kann.“ Sein Plan, nach Indien zu gehen, um „mit wenigen Menschen in einer kleinen Gemeinschaft ein dialogisches Leben“ aufzubauen, scheiterte am Einspruch seines Abtes.
Damals beschäftigte Caesarius sich mit den Schriften des Mathematikprofessors Marcel Légauts (1900–1990). Dieser hatte 1943 die Universität verlassen, um als Hirte in den Voralpen (Haut-Diois) zu leben. 1952 hatte er dort eine ehemalige Abtei erworben. Caesarius erhielt nach einem „für beide Seiten unerquicklichen Gespräch“ und einer „besonders leidvollen Auseinandersetzung“ von seinem Abt die Erlaubnis, nach Frankreich zu fahren. Im Februar 1953 brach er auf. In der berühmten Benediktinerabtei Saint-Pierre in Solesmes an der Sarthe traf er Pater Vernay Encalat, der mit neuen Formen spiritueller Gemeinschaften experimentierte, in denen Mönche gemeinsam mit Bauernfamilien lebten. Das faszinierte Caesarius.
Aus Frankreich zurück traf Lauer im Juni 1953 und gemeinsam mit dem Amerikaner Stahmer erneut mit Martin Buber zusammen, den die Universität Bonn zu einer Gastvorlesung eingeladen hatte. Unter den Zuhörern in der Aula war auch BundespräsidentTheodor Heuss. Nach dem anschließenden Empfang diskutierte Buber noch lange mit Caesarius und Stahmer in seinem Hotel über neue Formen religiöser Gemeinschaften in Frankreich. Erst nach Mitternacht ging es mit Stahmers kleinem Vorkriegs-DKW zurück nach Oberwesel.
Am nächsten Tag brachen der Oberweseler Pater und sein amerikanischer Freund Stahmer nach Frankreich auf. Die Reise war alles andere als komfortabel, man schlief im Auto neben der Straße, und als der klapprige Kleinwagen streikte, ging es per Zug und Bus weiter in die französischen Alpen. Das Ziel war der Bauernhof La Fare der Familie Bauchau in den Hautes Alpes, Wohnsitz des Arbeiterpriesters Vernay Enculat. Hier entstand eine Art christliche Kommune: Caeasius und Pater Vernay richteten sich in dem früheren Hühnerstall eine Klause ein. Sie fasteten, hielten das Stundengebet und feierten die Heilige Messe. Sie packten auf dem Hof mit an, arbeiteten auf dem Feld und beteten zusammen mit der Familie. Auch Harald Stahmer machte mit.
Das spirituelle Experiment in den Berg-Idylle erregte schnell den Argwohn des Establishments. Eines Tages fuhr eine schwarze Citroen-Limousine mit zwei Abgesandten des Bischofs von Gap auf dem Hof vor. Den fassungslosen Patres wurde eröffnet, dass sie die Diözese binnen 48 Stunden zu verlassen hätten.
Caesarius und Vernay entschieden sich, in Richtung Afrika zu ziehen. Ihr Ziel war das kleine Kloster Saint Benoît im algerischen Tlemcen, gegründet vom deutschen Benediktinerpater und früheren Erzabt von Beuron Raphael Walzer. Die Nazis hatten ihn 1937 ins Exil nach Frankreich gezwungen. Caesarius und Vernay wanderten über 1.600 Kilometer quer durch Spanien bis Gibraltar, setzten nach Tanger über und erreichten nach weiteren Mühen das Kloster. Hier, am Rande der Sahara, fühlte sich Caesarius richtig. Doch er kehrte noch einmal für kurze Zeit an den Mittelrhein zurück.
Im Oktober 1954 schrieb er in Oberwesel an Martin Buber: „Ich gehe Anfang November in die Wüste Sahara. In dem, was augenblicklich in unseren Räumen vorbereitet und zu einer neuen Schuld angehäuft wird, bleibt mir nur dieses: diese Menschenwüste durch das Opfer eines wirklichen Exodus in die geographische Wüste überwinden und verwandeln helfen. Der Exodus ist – im Unterschied zur Emigration – religiöse, verwandelnde Wirklichkeit und Kraft.“ Der Bezug zum biblischen Auszug aus Ägypten war gewollt.
Zurück im algerischen Tlemcen machte sich Caesarius Ende 1954 auf den weiten Weg durch die Sahara nach Tamanrasset. Diese große Oase liegt 2.000 Kilometer südlich von Tlemcen. Caesarius wusste, dass in der Nähe der Trappistenmönch Charles de Faucauld gelebt hatte. Dessen Vorstellung von einem Mönchsorden inmitten der Lebenswirklichkeit wurde damals von der Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu in der Sahara verwirklicht. Das Konzept begeisterte Caesarius. Er wollte Faucaulds Arbeit fortführen.
Es war eine abenteuerliche Reise, die etliche Tage dauerte. Immerhin gab es eine von den französischen Kolonialherren erbaute Bahnlinie bis In Salah, der letzten Bahnstation vor der Sahara. Für die letzten 700 Kilometer bis Tamanrasset im Hoggar-Gebirge blieb nur eine endlose staubige Piste mit überfüllten Bussen, hochbeladenen Lastwagen und Kamelkarawanen.
Buber hatte Caesaruius gebeten, ihm „das Drum und Dran“ seines Entschlusses zu „erzählen“. Der Pater versuchte es. Am 13. Mai 1955 schrieb er Buber aus Tamanrasset: „Ich verstehe gut, dass Sie konkreteren erzählenden Bericht wünschen. Auch ich selber bin durchaus kein Freund von Berichten, die zu allgemein gehalten sind. Andererseits aber bin ich noch viel weniger geneigt zu erzählen, was noch in den Anfängen der Verwirklichung steckt. Die heilsame – heute wohl seltene – Ehrfurcht vor dem wirklich gelebten Leben, die Abneigung vor dessen vorzeitiger Vergegenständlichung und also Zerstörung und – was dasselbe ist – die unablässige Sorge um Entgegenständlichung des Lebens, damit der Vollzug wirklich Vollzug bleibe, hindern mich, ‚darüber‘ zu ‚erzählen‘. Das ist ein kategorischer Imperativ in meinem Leben. Ich bin offenbar nicht dazu berufen, dialogisches Leben durch das Wort zu künden, sondern eben ‚nur‘ durch dieses gelebte Leben selber. Hier, in der Wüste, ist mir diese mich seit meiner frühesten Jugend begleitende Ahnung zur Gewissheit geworden. Soweit ich bis jetzt sehe, werde ich das dialogische Leben nie als Dialogik sagen oder schreiben können.“
Zu dieser Zeit gab es kein Kloster in Tamanrasset, das mit Charles de Foucauld verbunden war, allenfalls ein paar Eremiten. Caesarius besuchte die Ruhestätte Foucaulds in der Kapelle der Petits sœurs des Jésus in Tamanrasset. Dann machte er sich zu Fuß auf den Weg zu Faucaulds früheren steinernen Klause auf dem 80 Kilometer von Tamanrasset entfernten Assekrem-Plateau in fast 3.000 Metern Höhe. Der Blick über die endlose Wüste aus Felsen und Sand und die absolute Stille beeindruckten ihn tief. Seine afrikanische Reise führte ihn bis in den Niger, wo er die Petits sœurs des Jésus, die Kleinen Schwestern Jesu, in der Wüstenstadt Agadez unterstützte.

Faucaulds Klause in der Sahara. Foto: Patrick Gruban
Im Januar 1956 kehrte Caesarius zurück nach Deutschland. An Buber schrieb er: „Was mir seit langem die Sorge ist, wurde mir in der jüngst vergangenen Zeit nach meiner Rückkehr aus der Wüste zur leidvollen Erfahrung und Gewissheit: viele, zu viele reden über das Mysterium des dialogischen Lebens wie über ein Problem und daher leben es wenig, zu wenige. Es ist klar, wo mein Platz ist: überall da, wo ich dialogisch leben kann. Er kann nicht dort sein, wo ich das nicht kann. Darin muss ich unerbittlich sein und bleiben.“
Buber antwortet umgehend: „Sie sagen, Ihr Platz sei überall, wo Sie dialogisch leben können. Einfach so, ‚dialogisch leben‘, das können Sie nirgends, dazu werden Sie die Menschen nie bekommen. Der Mensch ist ja zwar ein dazu befähigtes, aber nur sehr bedingt und eingeschränkt ein dazu bereites Geschöpf. Aber Sie können, mir scheint: überall, das dialogische Leben wecken, es mehren, die Bereitschaft erhöhen.“
Caesarius tat sich schwer mit diesem Brief. Er antwortete erst ein halbes Jahr später, am 26. Juni 1956: Den Gedanken, das dialogische Leben könne an jedem Ort gedeihen, weist er zurück: Oft wirke der genius loci zerstörerisch, indem Traditionen, Institutionen und Organisationen das Dialogische erstickten und Wahrheit von gelebter Wirklichkeit trennten. Aus langjähriger Erfahrung, besonders in Maria Laach, wisse er, wie häufig zwar „Wahrheit zugestanden“, aber „Wirklichkeit verweigert“ werde. Sein Weggang sei daher eine existenzielle Notwendigkeit, kein spontaner Entschluss gewesen. „Ich bin nicht so infantil, mich auf die Suche nach perfekten Menschen und perfekten Orten zu begeben. Das gibt es nicht, das weiß ich auch. Aber wir haben alle die Pflicht, echte Wege zu suchen und zu gehen, auf denen gelebt und gekämpft werden kann, und alle Pseudowege rücksichtslos hinter uns zu lassen, wenn wir einmal erkannt haben, dass sie eben falsch sind oder keine Wege mehr sind.“
In dieser Zeit begann Caesarius einen Briefwechsel mit Karl Rauch, den deutschen Verleger von Antoine de Saint-Exupéry („Der kleine Prinz“, „Wind, Sand und Sterne“). Dessen kleiner Verlag war nach dem Krieg vorübergehend in Bad Salzig angesiedelt. Caesarius beeindruckten Saint-Exupérys Beschreibungen seiner Flüge über die Wüste.
1958 schrieb Caesarius an Buber, er sei nun „wieder am ‚angewiesenen Platz‘ in Maria Laach, es werde sich zeigen, „ob es wirklich noch ein angewiesener oder ein wieder angewiesener ist.“ Im Juni trafen sie sich noch einmal in Paris, wo sie sich schon vor zwei Jahren getroffen hatten.
In Maria Laach hielt es Pater Caesarius nie lange. Weitere Stationen der nächsten Jahre waren das Rüdesheimer Frauenkloster St. Hildegard, die Abtei Unserer Lieben Frau im österreichischen Seckau und das Kloster Notre-Dame-du-Calvaire in Orléans. 1963/64 unterstützte er in der Nähe von Bremen Lehrlinge aus schwierigen sozialen Verhältnissen in der Berufsschule.
Im Februar 1964 schrieb Caesarius einen weiteren Brief an Buber, es war sein letzter. „Es ist mir ganz klar, dass Sie durch Ihr eigenes Dasein seit langem meine Begegnungen irgendwie mitbewirken. Aber in der letzten Zeit besonders ist mir geschenkt worden, in einer Weise DU sagen zu dürfen, wie ich das vorher nie gekannt habe; ich werde der Verantwortung inne, die damit verbunden ist.“
Martin Buber starb 1965 im Alter von 87 Jahren. Die Nachricht erreichte Caesarius im Altenpflegeheim St. Josef in Dattenfeld an der Sieg, wo er als Seelsorger arbeitete. Dort blieb er fünf Jahre lang. Pater Caesarius war zur Ruhe gekommen. In den 70er Jahren wirkte er noch als Seelsorger in Altenheimen in Saarbrücken und Obermendig. Danach kehrte er endgültig in sein Kloster zurück, wo er sich gelegentlich als sprachkundiger Kloster- und Kirchenführer für ausländische Gäste betätigte. Sein alter Freund HaroldStahmer, inzwischen Theologieprofessor, besuchte ihn noch einmal und nahm die stundenlangen Gespräche auf Band auf.
Am 27. Januar 1984 wurde Pater Caesarius tot in seiner Zelle aufgefunden und am 31. Januar in Maria Laach beerdigt. An Stahmer schrieb seine Schwester Katharina Lauer am 3. August 1984 aus Oberwesel: „Über mehr als dreißig Jahre kennt Ihr euch nun schon und habt Eure Gedanken einander mitgeteilt. Karls ganzes Denken war immer ganz entscheiden auf Christus, auf die Menschheit und ihre Erlösung ausgerichtet. Nach all den bitteren Erfahrungen, die ihn in jenen Kriegsjahren niederdrückten, wollte er seinen Beitrag dazu leisten, dass mehr Gerechtigkeit und Liebe dem Zusammenleben mehr Dauer und Würde verliehen. Dies hatte er Gott geschworen und dies blieb zeit seines Lebens sein Antrieb.“
Der Nekrolog, den die Abtei Maria Laach nach seinem Tod an die befreundeten Klöster schickte, nannte den im Alter von 69 Jahren Verstorbenen „einen radikalen Gottsucher“, einen „unermüdlich um neue Formen des monastischen Lebens ringenden Menschen.“ Das Psalmwort Solitudo coeli ianua (Einsamkeit ist die Tür zum Himmel) stehe „wohl auch über dem Leben unseres heimgegangenen Mitbruders.“
Der Autor

Walter Karbach, geboren 1950, ist in Oberwesel aufgewachsen. Seine Vorfahren lebten dort als Winzer und Küfer, Drucker und Schiffer. Der promovierte Germanist erforscht nach Jahren als Schulleiter im In- und Ausland die Geschichte seiner mittelrheinischen Heimat. Mehrere Aufsätze und Bücher sind entstanden, zu dem Maler Carl Haag, zum antijüdischen Wernerkult, zur Geschichte der Juden. Seinen kleinen Verlag hat der Großvater Jupp gegründet. In seiner Rubrik präsentiert er historische Fundstücke.
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