Andere Leute legen nach der Pensionierung die Füße hoch, Uwe Gramsch macht einen Laden auf. Der frühere Verwaltungsjurist betreibt in der Bopparder Oberstraße eine Mischung aus Atelier, Ausstellung und Verkaufsraum. Gramsch hat nie eine Kunsthochschule von innen gesehen, aber  ist der wahrscheinlich freieste Künstler weit und breit. Der Umsatz interessiert ihn nicht, Geld braucht er nicht und originell ist er selbst, darum muss es seine Kunst nicht unbedingt sein. Er malt einfach nur, was ihm gefällt. Mareike Knevels hat ihn für Mittelrheingold besucht. 

Es riecht nach Ölfarbe, auf der Palette türmen sich Zentimeter hoch die Farbschichten und an den vier Wände des Raums hängt mal ein August Macke, mal ein Pierre-Auguste Renoir oder ein Franz Marc.

Flaniert man durch Boppards Fußgängerzone in der Oberstraße, entsteht schnell der Eindruck, auf ganz engem Raum zwischen Drogeriemarkt, Apotheke und Bäckerei passiert etwas ganz Besonderes: großformatige Malereien der Galerie Lúcia Hinz neben detaillierten Ölgemälden des Ateliers Uwe Gramsch.

200 handgemalte Kunstwerke

Nicht nur die Formate von Hinz und Gramsch unterscheiden sich, sondern vor allem das eigene Werk, der Bezug zu dem, was Kunst und Malerei sind. Während Lúcia Hinz ihre eigene künstlerische Sprache entwickelt hat und mit dieser national und international ausstellt, geht man bei Uwe Gramsch durch die Sprachen und Stilrichtungen vieler, bekannter Künstler.

Es ist ein Spaziergang durch die europäische Kunstgeschichte, der mit „Here you find over 200 hand painted works of art“ angekündigt wird.

Die Füchse von Franz Marc

„Seit 50 Jahren mache ich das nun schon“, lächelt Uwe Gramsch mit dem Pinsel in der Hand, „Malen Sie auch? Die Malerei ist ein schöner Zeitvertreib, aber leben kann man davon nicht.“ Den Norddeutschen-Sprech hört man immer noch heraus. Gramsch kommt ursprünglich aus Kiel und lebte lange Zeit in München. Nun malt er in Boppards Oberstraße.

Unter seinen Werken kleben weiße Schilder „140 Euro mit Rahmen, ohne 90 Euro“ oder „150 Euro mit Rahmen, ohne 100 Euro“. Ein günstiger Fund, wenn man bedenkt, dass das Ölgemälde „Die Füchse“ von Franz Marc Anfang des Jahres in einer Abendauktion des Londoner Auktionshauses Christie’s für rund 51,12 Millionen Euro unter den Hammer kam.

Das findet auch Gramsch und lacht. Für „Die Füchse“ habe er kurz darauf einen Auftrag bekommen. „Das Bild habe ich in ein paar Nachmittagen nach gemalt und die Leute haben sich gefreut.“ In seinem Smartphone wischt er durch einige Aufnahmen, die dem Original zum Verwechseln ähnlich sehen.

Ein Bopparder Beltracchi ist der Maler jedoch nicht und so signiert er all seine Werke mit „Gramsch.“ Als studierter Jurist kennt er sich zudem gut mit Gesetzen aus und weiß um Kunstfälschung und Urheberrecht bestens Bescheid. Auf wenigen Quadratmetern vereinen sich so Atelier, Ausstellungsraum und Verkaufsfläche.

OP-Handschuhe und Schiefertafeln

Zur Malerei kam er, um in seinem Jura Studium abzuschalten. Damals schaute er sich die Werke verschiedener Künstler an und begann, sie nachzumalen. „Angefangen habe ich mit den Klassikern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, dann habe ich mich zum Impressionismus gewagt: Renoir, Monet, Manet aber auch Van Gogh.“

Nach und nach hat sich Gramsch durch verschiedene Stile gearbeitet, sie bis ins Detail beobachtet und einstudiert. Er malt immer in Öl. Das sei zwar ein wenig teurer, aber durch den langen Trocknungsprozess der Farbe kann er über eine längere Zeit am Bild arbeiten.

Gramsch malt nicht nur Werke nach, sondern er arbeitet auch nach seinem eigenen Gusto: So hängt eine Adaption von Edward Munchs „Der Schrei“ in seinem Flur. Über dem Mund der Figur leuchtet eine blau-grüne OP-Maske und die Hände stecken in OP-Handschuhen. „Eine Corona-Adaption“, lacht er.

Andere seiner eigenen Werke haben einen illustrativen und floralen Stil und unterscheiden sich sehr von Nachahmungen bekannter Künstler. „Manchmal habe ich eine Idee, das kann beispielsweise die Abstraktion von Augen und Mund sein, und aus dieser Idee entwickele ich dann mehrere Bilder. Meist male ich an allen gleichzeitig.“ Meist weiß er schon, während er an einem Bild arbeitet, was danach kommen wird – die Angst vor der leeren Leinwand kennt Uwe Gramsch nicht.

An den Gemälden verschiedener Epochen und Künstler fasziniert Gramsch nicht nur die Technik, sondern auch das Dargestellte. Durch das genaue Beobachten offenbart sich viel: Das Interieur der Wohnhäuser, Moden, Kleidung oder Schönheitsideale.

„Der Junge dort hält eine Schiefertafel in der Hand. Damit ist er Schule zur gegangen, das war sein Schreibwerkzeug“, zeigt Gramsch auf ein Bild, dessen Original im 19. Jahrhundert entstanden sein könnte. „Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, mit der Schiefertafeln zur Schule gehen. Bald werden die Kinder nur noch ein Tablet oder ein Smartphone haben, Bücher und Hefte werden überflüssig sein.“

Und die Preise?

Vor Kurzem ist ein Künstler in seinem Atelier vorbeigekommen und wunderte sich über die Preise. Die sind zugegeben relativ günstig. Aber das stört Gramsch nicht, er möchte für jedermann malen und so kommen die Danksagungen in seinem Gästebuch aus der ganzen Welt. Seit 2011 führt er das rote Buch, in das Menschen aus Neuseeland, Japan, Chile, Spanien oder Kanada Grüße reinschreiben.

Durch die Pandemie habe sich das Reiseverhalten der Menschen zwar geändert, aber das hält Gramsch nicht von seinem Schaffen ab. Denn die Ideen zu neuen Bilder scheinen endlos zu sein und an den alten Werken könne man ja auch immer noch etwas optimieren.

Und das tut er dann auch gleich. Bei „Der Traum des Mannes“, ein kompletter Gramsch, findet er eine Stelle, die wohl noch weiter ausgearbeitet werden kann..

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