Geboren 1933 in Oberwesel, deportiert aus dem Rheinland, verschleppt ins Konzentrationslager, gerettet von britischen Soldaten: Mittelrhein-Historiker Walter Karbach hat die Lebensreise der Amalie „Wesela“ Winterstein rekonstruiert.
Der Januar begann mild, noch gab es keinen Frost. Der Himmel über Oberwesel war bedeckt, und es fiel leichter Regen. Von einem der Wohnwagen, die südlich der Stadt auf einer Wiese halt gemacht hatten, dem „Zigeunerlager“, wie die Weseler sagten, hatten der Musiker Karl Winterstein seine hochschwangere Lebensgefährtin Maria Winter, begleitet von ihrer Mutter Katharina, ins städtische Hospital bei der Wernerkapelle gebracht, das von Franziskanerinnen geführt wurde. Es war Samstagabend, und die Wehen hatten eingesetzt. Man rief nach der Hebamme, und die Witwe Anna Busch kam, so schnell sie konnte. Die Nachtschwester war etwas verstimmt, als sie die Personalien aufnahm, denn die Schwangere war nicht verheiratet. Es dauerte noch bis zum Sonntagmorgen, 8 Uhr schlug die Glocke, bis ein gesundes Mädchen das Licht der Welt erblickte. Auch die Mutter war wohlauf, und der Vater konnte seine Tochter in die Arme nehmen. Es war der 8. Januar 1933. Die Eltern gaben dem Kind den Namen Amalie und nannten sie, der Sinti-Tradition folgend, nach ihrem Geburtsort „Wesela“.
Drei Tage später wurde die Witwe Busch auf dem Standesamt im Rathaus vorstellig. Der Standesbeamte Wilhelm Lauer erfragte, was er für das Ausfüllen der Geburtsurkunde brauchte, der er die Nummer 1 gab. Er trug ein, die Hebamme Anna Busch, der Persönlichkeit nach bekannt, habe angezeigt, »daß von der unverehelichten Schaustellerin Maria Winder, wohnhaft zuletzt in Düsseldorf, zur Zeit ohne festen Wohnort«, ein Mädchen geboren worden sei, und daß das Kind die Vornamen Maria Amalie erhalten habe, und beide unterschreiben die Urkunde. Die Weseler Witwe Busch hatte den Namen Winter so gesprochen, dass der Standesbeamte den „Winder“ eingetragen hatte.
Die Familie zog im Frühjahr nach Düsseldorf, es war doch noch ein sehr kalter Winter geworden, und Eisschollen trieben auf dem Rhein. In Düsseldorf heiratete der Musiker Karl Winterstein, geboren 1912 in Malborn auf dem Hunsrück, anderthalb Jahre später, am 20. September 1934, seine Lebensgefährtin Maria Winter, und zugleich erkannte er amtlich die Vaterschaft an, womit Amalie ehelich wurde. Von nun an führte das Mädchen den Namen Winterstein.
Wie die Juden, so wurden auch die »Zigeuner« genannten Sintizze und Romnja von den Nazis verfolgt. Im Juli 1937 wurde die fünfjährige Amalie Winterstein mit ihren Eltern und Geschwistern und etwa 200 anderen Düsseldorfer Sintizze und Romnja von Einheiten der Polizei in das gerade fertiggestellte »Zigeunerlager« am Höherweg in Lierenfeld gebracht. Sie wurde in einer ca. 20 qm großen Baracke mit Eisentüren und vergitterten Fenstern eingesperrt und von einem Aufseher schikaniert. Die Erwachsenen, die zuvor als selbständige Handwerker, Händler oder Musiker gelebt hatten, wurden zur Zwangsarbeit herangezogen.
Mit dem Erlass über die »Regelung der Zigeunerfrage« von 1938 wurden alle Sintizze und Romnja über 6 Jahren nach „rassenbiologischen Gesichtspunkten“ klassifiziert. Die Rassenhygienische Forschungsstelle arbeitete eng mit der Polizei zusammen. Alle „Zigeuner“ wurden erfasst. Um ihre angebliche Minderwertigkeit wissenschaftlich nachzuweisen, wurden Köpfe vermessen, Fotos aufgenommen, Stammbäume erstellt und ein „Zigeunersippenarchiv“ angelegt.
Am 16. Mai 1940 fuhren um 6 Uhr morgens Polizeifahrzeuge auf das Gelände am Höherweg. Anhand einer Liste wurden 130 Personen, darunter die Familie Winterstein, in Mannschaftswagen verladen und in die Kölner Messehallen nach Deutz gebracht. Man sagte ihnen, sie würden wegen der Bomben evakuiert. Sie durften nur 50 Kilo Handgepäck mitnehmen, dazu Wasser und Brot. Ihr Geld, ihre Wertsachen und ihre Ausweise nahm man ihnen ab. Ein paar Tage später, am 21. Mai, wurden sie durch ein Polizeispalier von den Messehallen zum Deportationsgleis des Bahnhofs Köln-Tief getrieben und dort in Viehwaggons verfrachtet, die mit Stroh ausgelegt waren. Es waren 2.500 Männer, Frauen und Kinder, fast so viele, wie Oberwesel heute Einwohner hat.
Nach drei Tagen kamen sie im Distrikt Warschau an, im »Generalgouvernement«, dem besetzten Polen. Hier waren sie vogelfrei. Zuerst arbeiteten sie bei Bauern. Dann wurden sie über eine Zwischenstation nach Starachowice verschleppt, wo sie in einer Munitionsfabrik der Hermann-Göring-Werke Granaten herzustellen hatten. Wer bei der Arbeit fehlte, wurde ins KZ gebracht. Von Starachowice gelangten sie zu Verwandten nach Litzmannstadt (heute Łódź), wo sie in einer Baracke lebten. Bald brachte die Polizei sie in das Frauen-KZ Ravensbrück. Dort mussten sie in der Kiesgrube Steine zerschlagen und mit Schubkarren abtransportieren, Am Grubenrand standen Wachleute mit Hunden, um jeden zu erschießen, der nicht seine Arbeit machte. Nach vier Tagen war die Schubkarre für Amalies ältere Schwester Helene, genannt „Bandela“, viel zu schwer, sie droht umzukippen, die polnische Vorarbeiterin veranlasste die Steinhauer, weniger Steine in die Schubkarre zu legen, und fand für die Mädchen schließlich eine andere Arbeit.
In Ravensbrück waren die Schwestern Helene und Amalie nicht im „Zigeunerblock“ interniert. Dort wurden die Frauen und Mädchen zwischen 15 und 45 Jahren zwangssterilisiert, auch Amalies Mutter Maria Winterstein. Wer im anderen Block war, musste im Steinbruch arbeiten. 1941 wurde ein Männerlager angegliedert, dort war Amelies Vater Karl Winterstein eingesperrt. Die Mädchen sahen ihn eines Tages, als er in einer Häftlingskolonne am Steinbruch vorbeikam. Er warf ein Stück Brot in ihre Transportkiste, was ein SS-Mann sah. Helene wurde gezwungen, das Brot hervorzuholen. Der Vater sagte, das bisschen Brot sei für Amalie. Der SS-Mann schrieb sich die Namen auf. Eine Aufseherin kam hinzu und sagte, er solle sie nicht melden für so ein bisschen Brot, doch er ließ sich nicht erbarmen. Da nahm die Aufseherin den Zettel, zerriss ihn und sagte, jetzt müsse er sie auch melden..
Die Verwandten der Wintersteins, Erwachsene und Kinder, starben in Auschwitz. Dort richtete die SS im Februar 1943 ein Lager für die deportierten Sintizze und Romnja ein, „Familienlager“ genannt. In den Hauptbüchern sind knapp 23.000 Frauen, Männer und Kinder eingetragen. Das „Zigeunerlager“ wurde in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 liquidiert, die knapp 3.000 noch lebenden Sintizze und Romnja in den Gaskammern ermordet.
Im Konzentrationslager Bergen-Belsen sah Helene Winterstein kurz vor der Befreiung 1945 den Auschwitzer Lagerarzt Dr. Josef Mengele, als er Kinder suchte, um mit ihnen medizinische Experimente zu machen. Zum Glück im Unglück war keine Zeit mehr für dieses Verbrechen. Hin und wieder zogen die beiden Schwestern von Block zu Block, Helene sang und Amalie tanzte, sie bettelten um Brot, doch wurden sie verraten. Eine Aufseherin nahm sie mit in den „Judenblock“, der schon ganz leer war, nur noch die Blockälteste war da. Helene musste singen und Amalie musste tanzen, bis sie nicht mehr auf den Beinen stehen konnte. Die Aufseherin nahm die Blockälteste, um mit ihr zu tanzen, und ließ Helene weiter singen. Als sie herausgerufen wurde, gab die Blockälteste den Mädchen ein Glas Marmelade. Damit liefen sie von Block zu Block, um sie gegen Brot einzutauschen. Noch einmal rief die Aufseherin die Mädchen hinaus und ließ sie singen und tanzen, diesmal bekamen sie von der Blockältesten etwas Quark, den sie gegen Essbares eintauschten. Amelie und Helene sehen morgens, wie am Elektrozaun die schwarzverbrannten Leichen derjenigen liegen, die sich das Leben genommen haben.
Eine Aufseherin mit einer Reitpeitsche ließ die Frauen mit Vorliebe strammstehen. Gerne nahm sie einen Stuhl und suchte sich eine kräftigere Frau zum Verprügeln heraus. Das Opfer musste sich über den Stuhl legen und die Schläge laut mitzählen. Einmal wurde eine Frau, die angeblich ein Stück Brot gestohlen hatte, vor allen anderen Häftlingen totgeschlagen. Helene sah diese Aufseherin später im Gefängnis wieder, als die Engländer sie festgenommen hatten.
In Bergen-Belsen erlebte Amalie Winterstein am 15. April 1945 die Ankunft der britische Truppen. Sie war 12 Jahre und wurde zusammen mit ihrer 17-jährigen Schwester Helene, ihrer Mutter, einer Tante und ihrer Oma befreit. Sie sahen die Fallschirmjäger und die Panzer kommen und beobachteten, wie die Briten das SS-Wachpersonal zwangen, die Toten zu bergen. Es herrschte Typhus. Viele Kinder waren abgemagert bis auf die Knochen abgemagert, viele starben. Amalies Oma Katharina überlebte nur wenige Tage. Auch Helene und ihre Mutter hatten Typhus, sie waren so schwach, dass sie nicht laufen konnten. Sie blieben noch eine Woche im Lager, bis Helene sich erholt hatte.
Von den Briten gab es eine Bescheinigung, dass sie im Lager gewesen waren, dann konnten sie Bergen-Belsen verlassen. Zu Fuß und mit der Bahn, auch mit angehaltenen Autos, kamen sie bis nach Düsseldorf, wo sie wieder in dem Barackenlager am Höherweg untergebracht wurden. Die Mutter Maria Winterstein starb dort drei Monate später.
Maria Amalie Winterstein heiratete 1957 in Düsseldorf Helmut Leidag (+ 1989), den Vater ihrer dort geborenen vier Kinder Josef (*1952), Renate (*1953), Helmut (*1955) und Edith (*1956), die Familie lebte in Düsseldorf-Gerresheim. Amalie, geb. Winterstein, genannt »Wesela«, starb dort am 13. Februar 2019 im Alter von 85 Jahren und wurde an der seiner Seite ihres Mannes auf dem Waldfriedhof Gerresheim begraben. In ihrem Geburtsort Oberwesel erinnert nichts an sie.
Das Foto zeigt Familie Winterstein: Karl und Maria, geb. Winter, mit ihren Töchtern Helene (Bandela) und davor
Amalie (Wesela) in den 1930er Jahren. Quelle: Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, GED-32-001-
200.131.
Der Autor

Walter Karbach, geboren 1950, ist in Oberwesel aufgewachsen. Seine Vorfahren
lebten dort als Winzer und Küfer, Drucker und Schiffer. Der promovierte Germanist
erforscht nach Jahren als Schulleiter im In- und Ausland die Geschichte seiner
mittelrheinischen Heimat. Mehrere Aufsätze und Bücher sind entstanden, zu dem
Maler Carl Haag, zum antijüdischen Wernerkult, zur Geschichte der Juden. Seinen
kleinen Verlag hat der Großvater Jupp gegründet. In seiner Rubrik präsentiert er
interessante historische Fundsachen.
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