Walter Karbach

Eine Kindheit in Oberwesel

Oberwesel um 1840 von William Tombleson / Public Domain

„Biedermeier“ nennt man die Epoche, in die der Oberwesler Bäckersohn Johann Kirchgaesser 1821 hineingeboren wurde. Das klingt nach Sonntagnachmittag und gepflegter Langweile, aber für den Jungen aus der Pliersgasse – “Bäcker-Kirchgaessersch-Johann” im Weseler Platt – steckte der Alltag voller Abenteuer. Mehrmals brennt es in der Stadt, es gibt geheime Gänge und gruselige Gebeine unter einer Kapelle, ein Nachen wird heimlich ausgeliehen und entdeckt, das erste Dampfschiff kommt und einmal besucht der Kronprinz von Preußen die Stadt. Mittelrhein-Historiker Walter Karbach hat die einzigartigen Überlieferung aus dem 19. Jahrhundert ausgewertet, eingeordnet und zusammengefasst. Spoiler: Natürlich kommt auch der Ur-Oberweseler Name D’Avis vor.

Johann Kirchgasser. Foto: (Schützen-)Bruderschaft St. Sebastiani Ratingen
Johann Kirchgaesser. Foto: (Schützen-)Bruderschaft St. Sebastiani Ratingen

Am 10. März 1906 machte sich der gebürtige Oberweseler Johann Kirchgaesser daran, für seine Tochter Gertrud, genannt Trautchen, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Der damals 85-Jährige hatte viel gesehen und viel zu erzählen. Er schilderte seine Erlebnisse an der Seite der rheinischen Revolutionäre von 1848, sein Berufsleben als Schlossermeister in Ratingen bei Düsseldorf und die Schicksale seiner weit verzweigten Familie. Zunächst aber erzählte er von seiner Kindheit und Jugend in Oberwesel, wo er am 24. August 1821 geboren wurde. 

Johann Kirchgaesser war der dritte Sohn des 1784 geborenen Bäckermeisters und Winzers Jacob Kirchgaesser und seiner gleichaltrigen Ehefrau Margaretha aus Kamp, der Tochter des Küfermeisters Conrad Bischoff, seines Zeichens Kellermeister im Kloster Maria Laach. Margarethas Mutter wiederum, eine geborene Metz, stammt aus Oberwesel. Die Familie wohnte  in der Pliersgasse über ihrer Backstube. Oberwesel gehörte nach dem Abzug der Franzosen seit 1815 zum Königreich Preußen, während Kamp an das  Herzogtum Nassau gefallen war. 

Mit gut 3 Jahren wurde der kleine Johann  – “Bäcker-Kirchgaessersch-Johann”, wie man in Oberwesel sagte – am 3. November 1824 auf die Ringmauer getragen, wo die ganze Stadt einem  bemerkenswerten Schauspiel zusah. Erstmals fuhr ein Schiff, ganz ohne Treidelpferde, gegen die Strömung ankämpfend, an der Stadt vorbei, dichter Qualm kam aus dem Schornstein. “De Deiwel zieht die Boot!” ,hieß es.

Der aus Holz erbaute Schaufelraddampfer “De Zeeuw” hatte eine Woche zuvor  Rotterdam verlassen. Technischer Leiter war der Maschinenbauingenieur Gerhard Moritz Röntgen (1795–1852), ein früherer niederländischer Marineoffizier, geboren in Neuwied. Man wollte erkunden, ob eine regelmäßige Schiffsverbindung bis Mainz möglich sei. Der Dampfer erreichte Köln am 29. Oktober, als starkes Hochwasser einsetzte. Bei Andernach war die  Strömung so heftig, dass das Schiff kaum von der Stelle kam. Erst nach 5  Stunden war Koblenz erreicht. Dort wurde zur Verbesserung der Feuerung Buchenholz eingekauft, und mühsam kam man bis St. Goar. Nachdem man die Planken an den Schaufelrädern umgebaut hatte, wurde am 3. November der Versuch gewagt, weiter stromauf zu fahren. Beim Wilden Gefähr unterhalb von Bacharach musste das Schiff schließlich gewendet werden und erreichte nach nur 2 Stunden Koblenz.

Johann Kirchgaesser wurde auch Zeuge des Brandes, der das 1802 von den Franzosen aufgelöste Oberweseler Allerheiligenklosters anno 1825 vernichtete. “Nachts 1 Uhr brannte das an der Niederbach schön gelegene Nonnenkloster bis auf die Umfassungsmauern ab. Man glaubte, dasselbe sei angesteckt worden, indem es an den 4 Ecken zugleich anfing zu brennen.”

Am 24. August 1827 gab es ein schweres Gewitter, bei dem der Blitz in den Kuhhirtenturm einschlug, so dass die Uhr stehen blieb: “Der Turm diente in der Zeit dem Nachtwächter und Kuhhirt zur Wohnung, welche zum Teil durch einen Vorsprung wie ein Vogelkorb aussah. Der Wächter konnte die ganze Stadt und den Rhein übersehen und musste durch das Fenster von 11 Uhr abends bis 5 Uhr morgens die Stunden blasen. Und wenn der Rhein vom Eise zu war und dasselbe sich bei eingetretenem Tauwetter des Nachts in Bewegung setzte oder Brand entstand, mußte er die dort befindliche Glocke läuten, welche einen so schauerlichen Klang hatte, daß nur starke Nerven denselben ertragen konnte. Tagsüber musste er durch Blasen die in der Stadt befindlichen Kühe sammeln und mit dem im Erdgeschoß des Turmes eingestellten städtischen Bullen nach der am oberen Ende der Stadt am Rhein befindlichen Wiese bringen und Nachmittags wieder zurückbegleiten, wo dieselben von selbst ihre Stallungen wiederfanden”

1829 erlebte der achtjährige Johann, wie die am linken Rheinufer entlang führende Straße mitten durch die Stadt verlegt wurde. Manches Haus und zwei Tortürme seien abgebrochen worden. “Die Häuser und Grundstücke wurden gut bezahlt, ebenso auch die Arbeiter, worunter auch viele Italiener waren.”

Im Winter 1829/30 erfroren die Weinstöcke, weshalb es so wenig Wein gegeben habe, “wie sich die ältesten Leute nicht zu erinnern wussten“. Wir Kinder gingen mit einem kleinen Henkelkorb durch unsere Weinberge, wo wir durchschnittlich 1–1½ Fuder Wein á 6 Ohm [960 Liter] ernten konnten, brachten aber keinen Korb voll mit. Natürlich hatten wir auch öfter probiert”. 

Lebhaft erinnert sich Johann Kirchgaesser an die 500-Jahr-Feier der Weihe der Liebfrauenkirche im August 1831. “Am ersten Tage wurden die 8 ältesten Männer der Stadt auf dem Markt vorgeführt, […]. Unser Pfarrer Heidinger ehrte in einer schönen Ansprache das Alter und ermahnte die Jugend. Nachdem zog die Prozession mit den 8 Alten, begleitet vom Stadtrat und vielen fremden Geistlichen, in die Kirche, wo ein feierliches Hochamt nebst schönem Vortrag über die Errichtung und den Stifter des herrlichen Tempels gehalten [wurde]. Jeden Tag wurde ein feierliches Hochamt und abends um 6 Uhr eine Andacht mit Predigt gehalten, woran sich auch viele Geistliche und Laien von Nah und Fern beteiligten.”  

Zu dieser Zeit übte das Gewölbe unter der Michaelskapelle hinter der Liebfrauenkirche für Johann eine besondere Faszination aus. Hier sah er “eine Unmasse von menschlichen Gebeinen, teils schichtweise mit Knochen von Armen und Beinen, dann Schädel von verschiedenen Größen aufgebaut”, die teils verstreut umherlagen. “Geht man nun darüber hinweg, so gelangt man an der hintern Wand an eine Türöffnung, wodurch man in den unterirdischen Gang [kommt], welcher nach der Burg führt. Als Junge gingen wir als eine Strecke hinein, konnten aber wegen der Dunkelheit nicht weit kommen.”

Im Sommer 1831 traf im Rheinland die Nachricht ein, dass die Cholera die preußische Ostgrenze überschritten hatte. Ende März brach die Epidemie in Paris aus und erreichte bald Aachen und Köln. Wacholderbeeren und Kräuter sollten helfen, so hieß es. Die älteren Schulkinder wurden losgeschickt, oberhalb der Weinberge Kräuter zu sammeln. “Zu Hause mussten wir jeden Morgen nüchtern eine gewisse Zahl Wacholderbeeren nehmen, was wir mit Widerwillen taten.”

Am 20. November 1833 besuchte der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm Oberwesel. In der “Kölnischen Zeitung” war zu lesen: “Seine königliche Hoheit geruhten, den kredenzten Ehrenwein und dargebotene Weintrauben aufs wohlgefälligste anzunehmen, unsere Kirche zu Unserer Lieben Frau, die darin enthaltenen Denkmäler, so wie das seit einigen Wochen auf dem Kirchhofe daselbst neu errichtete Monument, zum Andenken der oberhalb unserer Stadt verunglückten Baronesse Lubieniecky – über deren Unglück Se. königl. Hoh. sich in den rührendsten Ausdrücken äußerten, zu besichtigen. Nach einem Verweilen von 5 / 4 St. bestiegen Höchstdieselben, nach allen Seiten die freundlichsten Grüße spendend, wieder Ihren Wagen, um die Reise weiter nach dem Schlosse Rheinstein fortzusetzen.”

An diesem Tage hatte der 12-jährige Johann beim Empfang des hohen Herrn einen ganz besonderen Auftritt. “An dem eisernen Tor, wodurch man über den Kirchhof zur Liebfrauenkirche gelangt, hatte sich die Geistlichkeit [mit Pastor Peter Heidinger], die städtische Behörde [angeführt von Bürgermeister Johann Hörter], Lehrer mit den Schülern und Mädchen aufgestellt, um ihn in die Kirche zu begleiten. An dem Tor war ich mit einem gleichalterlichen [sic] Mädchen, Louise D’Avis (Tochter des Gastwirts Zum goldenen Pfropfenzieher und wie auch mein Vater Stadtverordneter) aufgestellt, [wir] hielten den Kronprinzen durch eine schwarz-weiße Schleife im Weitergehen auf und trugen abwechselnd folgenden Spruch vor.

Ich begann: Heil Preußen dir, dir ward ein schönes Los beschieden, Dein Schicksal lenkt ein treues Vaterherz, Auf deinen Fluren thront der goldne Frieden, Und Kunst und Wissen streben himmelwärts. Louise: Dein schönes Reich, es ist ein Reich der Freuden, Dein Vaterherz teilt ärmerer Brüder Leiden. Wenn andre Länder sich durch Krieg verheeren, siehst deinen Wohlstand du sich täglich mehren. Du weißt, das Glück ruht im Nichtentzwein. Ich: Doch wollen Frevler frech sich an dich wagen. So weißt auch du zu kämpfen und zu schlagen.”

Wie alle Kinder, so musste auch Johann bei den täglichen Arbeiten helfen, die jüngeren vor allem der Mutter im Haushalt. Johann musste “das von ihr gesponnene Leinentuch außer der Schulzeit auf der am Rhein befindlichen Bleiche beaufsichtigen und [mit Wasser] begießen.” Im Herbst, wenn der neue Wein im Keller war und die Weinberge namentlich auf der anderen Rheinseite gedüngt wurden, galt es mit anzupacken. Die Mistträger trafen sich um drei Uhr morgens am Rheinufer, wo jeder ein Glas Branntwein bekam, bevor sie den Mist mit ihren Kiepen in einen großen Nachen brachten. “Um 5 Uhr wurde ich geweckt, mußte mit über den Rhein fahren, wo der Dünger mit den Kiepen den steilen, mit vielen Treppchen in den Mauern versehenen [Wingert] hinaufgetragen wurde, und ich mußte ihnen mit einer Laterne den Weg zeigen. Das war eine sehr sauere Arbeit. Der gewöhnliche Taglohn betrug zu dieser Zeit 8 Silbergroschen. Misttragen und Traubentragen wurde besser bezahlt.” 

“Am meisten hielten wir uns am Rhein auf. […] Einmal nahm ich mit einem Kameraden einen von den am Ufer liegenden Nachen nach der andern Rheinseite, wo ich auf dem sehr hohen Berge [Roßstein], über der Grenze der Weinberge, sehr schöne Weichselkirschen wußte, woran wir uns tüchtig labten und [dann] nach unserem Nachen liefen. Als wir uns mitten auf dem Strom befanden, kam ein Dampfschiff um die Ecke, und wir waren in Gefahr, überfahren zu werden. Der Kapitän hatte uns bemerkt und schimpfte wie ein Türke, musste aber stoppen komandiren [sic]. Kamen aber, mit Flüchen begrüßt, glücklich davor weg. Am Ufer stand aber schon der Eigentümer des Nachens und zeigte uns die Faust. Wir getrauten uns aber nicht, an der Stelle zu landen, und ließen uns stromabwärts treiben. Mit Fluchen und Schimpfen folgte er uns aber. Als wir nun an eine Stelle kamen, wo das Ufer sich weiter in dem Fluss befand, fuhren wir rasch an Land, zogen den Nachen etwas auf den seichten Boden und liefen, so rasch wir konnten, dem nächsten Tore [der Stadtmauer] zu. Der Schiffer konnte uns nicht nachlaufen, indem er fürchten mußte, sein Nachen könnte ihm wegtreiben. Zu Hause hatte man es aber schon erfahren, wo ich dann die verdiente Strafe erhielt.”

Als Johann 13 Jahre alt war, bekam er Unterricht im Französischen. Schon morgens um 6 Uhr früh kam dazu ein Lehrer eigens aus St. Goar. “Es war im Winter [1834], und [der Lehrer] kam zuerst bei uns an. Wenn ich die Treppe herunterkam, stand er vor dem im Heizen begriffenen Backofen und wärmte sich. Den Unterricht erteilte er in der Nachbarschaft bei dem Wirte Simon, welcher auch einen Sohn dabei hatte nebst noch einigen Jungen und Mädchen. In der Zeit war man noch viel dem Weltbeherrscher resp. Eroberer Napoleon zugetan. Der Lehrer hieß Scharf, war ein armer Professor. Er mußte einmal in St. Goar Morgens [um] 5 Uhr durch das Hochwasser waten und kam mit nassen Füßen nach Oberwesel.”

“Wir mussten jeden Morgen vor der Schule in die heilige Messe gehen, Sommer und Winter. Auch musste ich manchmal im Herbst, wenn das Obst begann zu reifen und Windsturm war, nach unsern oft ½ Stunde weit liegenden Grundstücken gehen und das Obst auflesen oder im Frühjahr 1 Stunde weit gehen und in den Wiesen die Flötzgräben öffnen. Meine 2 älteren Brüder [Jacob und Wilhelm] mussten nachts 2 Uhr in die Backstube gehen, wo Vater und Mutter häufig auch mitarbeiteten, wenn sich die Arbeit im Feld und Weinberg drängte. Die Magd musste für Futter für die Kuh, Ziege und Schweine sorgen, das Melken besorgte die Mutter meist allein, ging auch meist mit uns Feld und [in die] Weinberge. Des Abends, wenn gegessen und die Kinder und alles versorgt war, wurde es ihr zu lange, bis sie mit der Magd an das Spinnrad kam. Hunderte von Ellen Leinen sind ihr durch die Finger gegangen. So musste in der Zeit fleißig, manchmal hart gearbeitet [werden] bei der damaligen einfachen Kost.”

Den jungen Johann Kirchgaesser haben Naturereignisse sehr beeindruckt. Unter schweren Gewittern hatten die Leute immer wieder zu leiden. “Einmal waren meine 2 älteren Brüder  mit der Magd nach der anderen Rheinseite gefahren. Es war im August 1835, wo die Weinstöcke entspitzt und von nutzlosen Auswüchsen befreit wurden. Und [als sie] frisch am Arbeiten waren, bemerkte Bruder Jacob, daß durch das gegenüberliegende Tal eines Mühlenbaches ein Gewitter im Anzuge sei, und rief, rasch alles zusammenzupacken und nach dem Nachen zu eilen, was er auch den andern neben uns arbeitenden zurief. Man beeilte sich nun, an den Nachen

zu kommen, welcher nun mit Futterzeug und den Leuten beladen von den Insassen so rasch wie möglich nach dem anderen Ufer zutrieb. Aber als sie mitten auf dem Strom waren, brach das Gewitter mit heftigem Sturm, Regen und Hagel los, und die Wellen drohte den Kahn umzuwerfen, was durch große Anstrengung, besonders meines ältesten Bruders [Jacob] verhindert wurde. Der Hagel war aber fürchterlich, es fielen Schlossen [Hagelkörner] wie Hühnereier. Den Männern wurden die Kappenschirme, den Frauen die

Strohhüte durchgeschlagen. Mehrere bluteten an Händen und Armen. Trotz aller Mühe konnten sie aber den Nachen wegen der Brandung der Wellen nicht an das Ufer bringen. Da sprang mein Bruder [Jacob] in den Rhein und zog den Nachen an Land. Das alles hatte ich mit meinem Vater auf dem obersten Speicher mit Angst und Schrecken beobachtet. Es folgte Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag, der Regen floss in Strömen nieder, der Hagel prasselte wie Raketen auf das Dach. Die Mutter mit den Kindern verging fast in der Angst und dem Gebet, bis die Angehörigen endlich zerschlagen und zerfetzt blutend ankamen, durchnässt bis auf die Haut.”

Zum Backen brauchte der Bäcker Bierhefe, die man im Sommer bei dem Oberweseler Brauer holte. Da dieser aber im Winter kein Bier braute, wurde Johann öfter mit einem Steintopf nach Bacharach geschickt, “um die Hefe zum Backen zu holen, und die Maaß mit einem Taler [zu] bezahlen. Einmal hatte ich, bald halbwegs nach Hause, das Unglück, den an einer Kordel hängenden Steintopf gegen einen Stein des am Rhein vorbeiführenden schweren Holzgeländers zu schleudern, wo er zerbrach, und der teure Inhalt verloren ging. Mit Reue und Angst musste ich nun wieder zurück und in Bacharach zu einem Verwandten namens Rapard, einem Franzosen, gehen, mit welcher Familie wir im freundschaftlichen Verkehr standen und [die ich] schon öfter besucht hatte. Dieselben hatten Mitleid mit mir und gaben mir einen neuen Topf und auch Geld für die Hefe. Mit Angst trat ich nun den Rückweg an. Es fing schon an zu dunkeln, und meine Eltern lebten dem längeren Ausbleiben zufolge in großer Besorgnis.. Bei meiner Ankunft musste ich bekennen, indem man bemerkte, dass es ein anderer Topf war. Die verdiente Strafe fiel aber diesmal gelinde aus.”

Bis zum Bezug der neuen Knabenschule an der Hauptstraße anno 1840 befand sich das Schulhaus auf dem Martinsberg. In einer Schulklasse saßen 40 Kinder unterschiedlicher Altersgruppen. “Mein Lehrer namens Herdinger war tüchtig in seinem Fach, aber leider dem Trunke ergeben, kam manchmal schon Morgens um 7 Uhr die viele Etagen habende Steintreppe hoch den Kirchweg zu der Martinskirche für die Bewohner der Niederbach, wo sich auch Schule und Pfarrhaus befand, herauf, vom Schnaps betrunken, so daß er die Orgel nicht spielen und singen konnte. […]. Im Rechnen an der Tafel habe ich mich einige Male, wenn er trunken war, mit ihm gestritten. Öfters fiel er in der Trunkenheit über mich oder ließ eine Prise Tabak auf mich fallen. Manchen tollen Streich haben wir an ihm ausgeübt, so daß er mich einige male eine Klasse heruntersetzte. Nach einigen Tagen setzte er mich wieder obenan.”

Johanns Eltern hatten zunächst die Absicht, ihn zum Lehrer ausbilden zu lassen, doch “da unserer Kinder aber zu viel waren und alle [jüngeren Geschwister] noch erzogen werden mussten, so gingen sie wieder davon ab.” Johanns Onkel Peter Kreutz war Schlossermeister. In seiner Werkstatt stellte er allerlei Geräte aus Abfallblechen her oder aus Blei. Hier fühlte sich Johann wohl. Ende Oktober 1836 kam er bei seinem Onkel für 3 Jahre in die Lehre. Die Eltern hatten 50 Taler Lehrgeld zu zahlen. In der Werkstatt wurden sämtliche Eisenteile für Möbel und Bauten, Tür- und Fensterbeschläge und Schlösser hergestellt, zudem Eisengerät für den Wein- und Feldbau, für Nachen und für leichtes Fuhrwerk. “Die Sargbeschläge, besonders die feinen, wurden beim Todesfall bestellt. Da wurde Tag und Nacht gearbeitet an den Sarggriffen, Schildern und Kränzen von Blech. Meistens machten wir es in Gemeinschaft mit dem Bruder des Meisters [Kreutz], was man auch vorrätig machen konnte.”

Am 12. Juli 1836 wurde Johann Kirchgaesser Zeuge eines großen Brandes in der Pliersgasse. “Nachts 2 Uhr, als meine Brüder schon in der Backstube waren, bemerkten sie, dass es bei dem Schiffer Andreas Weisbarth [im Nachbarhaus] brannte. Mit dem Schreckensruf kam Bruder Jacob nach oben, Eltern und Kinder sprangen aus den Betten notdürftig in die Kleider. Ich lief rasch zum Kleiderschrank, riss so viel ich fassen konnte, an mich und lief damit zu Onkel Kreutz. Vater, Mutter und die beiden Brüder mit hinzugekommenen Nachbarn retteten, was zu retten war. Mit der Kuh hatten sie große Not, als dieselbe die Flammen sah, und man musste ihr einen Sack über die Augen ziehen. Die Schweine liefen über die Straße, die Backgerätschaften mit dem Teig wurden zu einem Bäcker in der nahegelegenen Straße [auf den Heumarkt] gebracht. Derselbe hatte das Backen schon länger eingestellt und bei uns öfter schon zur Aushilfe gearbeitet. 

Mein Bruder Jacob war noch im ersten Stock mit Ausräumen beschäftigt und durch ein Fenster nach dem nebenan höher liegenden Garten langte und warf er die Sachen heraus. Und nach wiederholtem Zurufen sprang er auch durch dasselbe, indem die Treppe schon brannte. Da es nun Sommer war und wir meistens barfuß liefen, so hatten wir sechs Jüngeren keine Schuhe. Unser Haus mit Stallung und Kelterhaus nebst noch andern 8 Häusern und Nebengebäuden brannte bis auf den Grund nieder, da war auch kein Löschen möglich. Das Wasser musste aus dem 150 Schritte entfernten Rhein genommen werden, und es waren alle Holzbauten. Die Zwischenräume auf den Speichern waren derart, dass man bequem aus einem Speicher in den andern, wo wir mit Nachbarskindern spielten, gelangen konnten, wo überall Holz, Stroh, Heu und dergl. aufbewahrt wurde. Ein Glück war es, dass der Vater das vorhergehende Jahr das Mobiliar und alles versichert hatte, wozu er noch von unserm nächsten Nachbar gedrängt wurde. Derselbe hatte sich auch versichert. Er war Hutmacher und lebte in schlechten Verhältnissen. Man munkelte allerhand über ihn, und als er seine [Versicherungs-] Police hatte, sagte er: „So, wenn es jetzt beim Weisbarth brennt, dann schließe ich meine Tür ab und lasse brennen, was brennt.“

“Von dem Schiffer [Weisbarth] sprach man auch nicht gut. Er hatte ein schönes Schiff, war aber durch die Verschwendungssucht seiner hochmütigen Frau sehr in Schulden geraten und kam auch nach dem Brand in Untersuchung, es war alles hoch versichert. Als der Brand entstand, fand man die Wäsche und andre feine Sachen schön in Waschkörbe verpackt und fein verschnürt. […] Zum Glück für uns stand in der Nachbarschaft gegenüber dem Hause von Onkel Kreutz, [dem Mann] der Schwester meines Vaters, in einem neugebauten [Haus an der Hauptstraße], unten [war] das Kelterhaus und [die] I. Etage mit geräumiger Wohnung [war] leer, wo wir uns mit dem geretteten Mobiliar einrichteten. Die Kuh und Schweine wurden bei dem Onkel untergebracht, und so blieb das Geschäft im Gange.”

Der Vater Jacob Kirchgaesser und seine Söhne ließen umgehend ein neues Haus bauen, nicht mehr aus Holz, sondern die Vorderfront und die Seitenwände aus Bruchschiefer, ebenso die untere Front. Die Fensteröffnungen wurden mit grauem Sandstein versehen. “Während dieser Zeit hat unser Onkel [Jacob] Grandjean, dessen Frau eine Schwester meiner Mutter [eine geborene Bischoff] war, und als Flötzenhändler in Bornhofen im Kloster wohnte, uns die nötigen Bäume, Bretter und Latten bei der Durchfahrt abgestoßen und am Rheine gelagert, wo es auch verzimmert wurde, und ich fast täglich darauf achtete, daß die Zimmerleute die Abfälle nicht alle mitnahmen. Mein Vater hatte das Jahr vorher einen alten und mächtigen Nußbaum fällen lassen. Der 1 ½ Fuß dicke, schon viereckig behauene Stamm sollte für den gebrochenen Kelterbaum dienen, wurde aber nun zu Mobiliar und der Haustür verwandt. Schade um das schöne Holz. Die dicken Äste wurden für die Treppe verwandt. Das alles machte der neben uns an der Hauptstraße wohnende Schreiner namens Jacob Kirchgaesser, ein Verwandter von uns, und so wurde an dem Neubau mit allem Eifer gearbeitet. Die Schlosserarbeiten half ich auch fertigzumachen, und am 12. November wurde im neuen Hause schon zum ersten Male gebacken, und am 20. Mai 1837 sind wir in dasselbe eingezogen.”

Ende Oktober 1838 ging Johanns Lehrzeit beim Schlossermeister Kreutz zu Ende. Da er gerne anschließend wie üblich als Junggeselle auf die Walz gehen wollte, es aber auf den Winter zuging, schenkte ihm der Onkel das letzte Vierteljahr, so dass er im August 1839 aufbrechen konnte. “An dem bestimmten Tage ging ich nun des Morgens in die Kirche und bat den lieben Gott inbrünstig, daß er mich vor allen Gefahren des Leibes und der Seele bewahren möge, besonders vor bösen Gesellschaften und [dem] Umgang mit schlechten Menschen behüten wolle, wo die Herzensreinheit in Gefahr und der Leib schaden leiden könnte. Meine besorgten Eltern gaben mir nun auch die besten Lehren und Ermahnungen. Mein Vater überreichte mir eine Brieftasche, worin er das nachstehende eingeschrieben hatte: 

‘Fürchte Gott, liebe deine Eltern und folge ihren Ermahnungen, so wird es dir wohlergehen. Dein Vater Jac. Kirchgaesser, Oberwesel, den 2. August 1839.’

Und so nahm ich rührenden Abschied von meinen lieben Eltern und Geschwistern. Besonders hart war es für meine Mutter, deren Liebling ich war, und in Begleitung meiner erwachsenen Brüder [Jakob und Wilhelm] und Freunde [zu denen Franz Hoffmann zählte] trat ich die Wanderschaft an. Bei dem Abschiedslied an der Entchenbach [südlich der Stadt] sang ich noch tapfer mit, dann noch den üblichen Händedruck, und wir trennten uns. Sobald aber, als ich meiner Begleitung aus dem Gesicht entrückt war, überfiel mich eine große Wehmut. Ich setzte mich auf einen Steinhaufen und weinte mich aus, raffte mich dann wieder auf.”

Das Bild des Engländers William Tombleson zeigt Oberwesel um 1840

Der Autor

Walter Karbach, geboren 1950, ist in Oberwesel aufgewachsen. Seine Vorfahren lebten dort als Winzer und Küfer, Drucker und Schiffer. Der promovierte Germanist erforscht nach Jahren als Schulleiter im In- und Ausland die Geschichte seiner mittelrheinischen Heimat. Mehrere Aufsätze und Bücher sind entstanden, zu dem Maler Carl Haag, zum antijüdischen Wernerkult, zur Geschichte der Juden. Seinen kleinen Verlag hat der Großvater Jupp gegründet. In seiner Rubrik präsentiert er historische Fundstücke.

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