Im Vergleich zu den sieben- und achtstelligen Summen, die fast schon routinemäßig ins Welterbetal fließen, sind 158.000 Euro Kleingeld. Das gilt auch für Bacharach, wo der rheinland-pfälzische Innenminister Michael Ebling gerade rund 1,7 Millionen Euro vorbeigebracht hat. 158.000 Euro davon verdienen besonderes Interesse. Anderes als sonst üblich wird mit diesem Geld nicht saniert, neu gestaltet oder gebaggert, sondern Ansiedlungspolitik für die Altstadt betrieben. Das Ziel ist, Bürger und Gewerbetreibende in den historischen Stadtkern zu gewinnen. Wie das funktionieren soll, erklärt Stadtbürgermeister Dieter Kemmer im Gespräch mit Mittelrheingold.
Dieter, vor knapp einem Jahr hat die Uni Koblenz eine Studie über das Mittelrheintal vorgelegt. Demnach steht jedes zehnte Haus in Bacharach, Oberwesel, St. Goar und St. Goarshausen ganz oder teilweise leer. Wie ernst ist die Lage?
Die Lage ist schon lange ernst, nicht nur aber insbesondere am Mittelrhein. Kleinere Orte mit kleineren Läden und Gewerbebetrieben sind seit den 70er Jahren unter Druck, damals noch ganz ohne Zutun von Amazon oder Geiz-ist-geil-Werbung. Und mit jedem Geschäft fällt ein Grund weg, über diesem Geschäft oder in der Nachbarschaft zu wohnen. Die früheren Inhaber tun es vielleicht noch, ihre Kinder nicht mehr. Häuser werden nicht mehr renoviert, das historische Zentrum verliert an Attraktivität, die Einwohnerzahl sinkt, der Tourismus geht zurück, die ganze Stadt gerät in eine Abwärtsspirale, auch finanziell. Dagegen wollen wir angehen.
Mittlerweile kämpfen auch Großstädte wie Mainz gegen die Verödung ihrer Zentren. Was kann das kleine Bacharach gegen einen so starken Trend ausrichten?
Zunächst ist es wichtig, das eigene Potenzial realistisch einzuschätzen. Die Zeit, in denen es hier 4 Modegeschäfte, 3 Lebensmittelhändler, 2 Bäcker und 4 Metzger gab , kommt höchstwahrscheinlich nicht wieder, leider. Die Verklärung der Vergangenheit bringt uns genau so wenig wenig weiter wie die Angst vor der Zukunft. Bacharach hat eine Menge zu bieten. Noch mehr als man auf den ersten Blick sieht.
Warum sollte man nach Bacharach ziehen?
Neben der großartigen Landschaft, den Sehenswürdigkeiten, der Geschichte, dem Wein und der Natur haben wir eine Verkehrsanbindung, von denen viele andere ländliche Orte nur träumen können. Das Rhein-Main-Gebiet ist nahe und der Frankfurter Flughafen in einer Stunde zu erreichen – wenn die Bahn pünktlich fährt, sogar noch schneller. Mieten und Immobilienpreise sind bezahlbar und in welchem anderen Ort dieser Größe findest du so viele gastronomische Angebote plus Läden, Arzt, Apotheke und Kita? Darauf können wir aufbauen. Und last but not least gibt es viele Bacharacher, die anpacken und ihre Stadt weiterentwickeln wollen. So ist das Projekt „Aktives Leerstandsmanagement Altstadt“ entstanden, kurz „ALMA“. Wir wollen das historische Zentrum neu beleben und Menschen dafür begeistern, im Herzen zu wohnen und zu arbeiten. Fast ein Dutzend Ehrenamtlicher arbeiten bei ALMA mit.
Welche Neubürger habt ihr im Blick?
Wie überall im Mittelrheintal wären junge Familien willkommen, aber auch hier sollten wir realistisch sein. Junge Familien suchen oft Häuser mit Garten und Garage. Das bekommen sie eher in unseren Höhenorten Henschhausen, Medenscheid oder Neurath. Die Bacharacher Altstadt ist z. B. perfekt für Paare, die ins Rhein-Main-Gebiet, nach Mainz, Ingelheim oder Koblenz pendeln, vielleicht auch im Homeoffice arbeiten und lieber in einem sanierten Altbau mit Charme und kurzen Wegen zum Rhein, zu Geschäften und Lokalen wohnen als in einem sehr teuren Reihenmittelhaus in irgendeiner Schlafstadt.
Dann wäre Bacharach irgendwann auch eine Schlafstadt, nur mit Fachwerk.
Genau das wollen wir nicht. Die Attraktivität der Stadt steht und fällt mit Läden und Lokalen im Zentrum. Das erwarten Einwohner ebenso wie Touristen, und zwar ganzjährig. Darum ist die Leerstandsbespielung in der Altstadt eines der Kernziele von ALMA. Wir wollen es Existenzgründern und Neubürgern mit einer Anschubhilfe so leicht machen wie möglich.
Was könnt ihr anbieten?
Ein Netzwerk mit offenen Menschen und guten Kontakten. Wir wollen bei der Suche nach geeigneten Immobilien unterstützen und motivieren. Wir sorgen für lösungsorientierte Beratung bei der Sanierung. Und wir können in der ersten Zeit die Ladenmiete übernehmen, weil es Fördermittel gibt. Das Innenministerium hat für unser ALMA-Projekt 158.000 Euro bewilligt, das eröffnet uns neue Möglichkeiten.

Das klingt gut, aber wie wollt ihr euer Angebot bekannt machen und für Bacharach werben? Die Website der Stadt z. B. ist ja selber ein Sanierungsfall.
Das stimmt, aber es liegt nicht an fehlendem Willen in der Verwaltung, sondern an unzureichenden Ressourcen. Wir brauchen mehr Sichtbarkeit, vor allem in Richtung Rhein-Main-Gebiet, und einen zeitgemäßen und konsistenten Markenauftritt. Mit den erwähnten Fördermitteln können wir in professionelles Marketing investieren. Dabei geht es nicht nur um die Website. Wir wollen ein neues Bild von Bacharach vermitteln – modern, stimulierend und weltoffen. Ich möchte, dass wir die Herausforderungen mit Selbstbewusstsein, aber auch mit Realismus angehen. Wir sehen selbst oft nicht, wie außerordentlich hoch das Potenzial von Bacharach ist – gewerblich, touristisch und privat. Wir müssen uns nicht vor anderen Orten, etwa in Rheinhessen oder im Rheingau, verstecken. Unsere Initiative ALMA soll den Anstoß geben, dieses Potenzial zu heben. Wir als Stadt können aber nicht selbst Gewerbe eröffnen oder private Wohnungen sanieren, dafür brauchen wir Interessenten. Manches von dem, was wir vorhaben, wird nicht funktionieren , daraus werden wir lernen. Eines steht jedenfalls schon heute fest: Wenn wir nichts tun, wird sich auch nichts verbessern können.
Foto: Andreas Pacek, fototour-deutschland.de/Romantischer Rhein Tourismus GmbH / CC BY 4.0
Foto des Tages
Jetzt den Mittelrheingold-Newsletter abonnieren
Mittelrheingold Auslese: Jeden Freitag die wichtigsten Mittelrhein-Themen auf einen Blick. Hier geht’s zum kostenlosen Abo.
