Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Monat: September 2021 Seite 1 von 7

Mittelrhein statt nur dabei: Was ist schon Zeit

Es gibt sicher gute Gründe für die schnurgerade ICE-Strecke von Köln nach Frankfurt, aber Christian Büning fallen sie gerade nicht ein. Warum der kurvige Weg durch das Mittelrheintal einfach schöner ist. Eine Liebeserklärung.

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Eine Stunde ist nicht viel Zeit. Es sei denn, man bucht ein Zugticket und will von Köln nach Frankfurt. Es gibt zwei mögliche Verbindungen. Eine schnelle und eine langsame. Die schnellere der beiden Verbindungen hält maximal an zwei Orten und ist in einer guten Stunde am Ziel.

Die langsame Verbindung braucht mehr als doppelt so lang und führt durchs Mittelrheintal. Während der ICE auf der Schnellstrecke gerade wie ein Laserstrahl durch die Landschaft zischt, ist der Zug durchs Mittelrheintal unterwegs so wie kleine Kinder Rad fahren: hin und her, hält manchmal überraschend an und hat keine große Eile. Würde der Zug bei der kurvenreichen Strecke Vollgas zu geben, müssten manche Fahrgäste ohnehin hektisch ihren umkippenden Kaffeebecher retten. Also fährt die Bahn gemütlich durchs Mittelrheintal. Das braucht länger, aber es hat seinen Reiz.

Der Effekt ist immer der gleiche. Ab Koblenz hören die Leute auf zu reden, legen die Tablets, Telefone und – ja – Zeitungen weg und gucken. Sie gucken. Aus dem Fenster auf den Rhein. Auf Burgen, die auf Felsen thronen wie die Kirsche auf dem Sahnetupfer, sie gucken auf Häuschen, die sich ganz direkt bis an die Gleise wagen, auf Lastkähne, mit Schotter beladen, die tapfer gegen die Strömung tuckern.

Sie gucken und machen Fotos. Fotos, weil man die Landschaft nicht glauben kann. Die Hänge werden langsam höher und schroffer, der Kontrast zwischen den kleinen Orten unten am Rhein und den hohen Hangkanten nimmt mit jeder Kurve zu. Der Höhepunkt ist die Loreley, die fast senkrecht im Rhein steht wie in massiver, gigantischer Schiffsrumpf, der nach Westen fährt. Oben ist sogar ein Geländer. Danach wird die Landschaft langsam wieder milder mit ihren Hängen, das Tal öffnet sich wieder zu lieblicheren Weinbergen und Wäldern. Hinter Bingen blinzeln alle in die weite Gegend und fragen sich, was sie da gerade eigentlich gesehen haben.

Die Mittelrheinstrecke ist kurvig, nahezu bummelig und eine hervorragende Verschwendung von Zeit. Die ICE-Schnellstrecke hingegen ist schnurgerade, effizient und zeitsparend als würde endlich die Zukunft anfangen. Dafür verpasst man einiges in der Gegenwart. Wenn man durchs Mittelrheintal fährt, kann man in den engen Kurven manchmal das Ende des Zugs sehen – oder den Anfang. Je nachdem wo man sitzt. Was für ein Spaß, man kann sich selbst beim Fahren von außen beobachten!

Die Tunneleingänge sind nicht einfach ein gegossenes Betonrohr, in dem der ICE verschwindet wie eine Flaschenpost, sondern sie haben prunkvoll gemauerte Eingänge mit Kapitellen, Schutzfiguren und geklinkerten Umrahmungen, die den Handwerkermeister erkennen lassen. Da fährt man nicht einfach so rein, da verneigt man sich kurz und widmet sich dann voll und ganz dem Tunnel. So fühlt sich also eine Modelleisenbahn in echt an. Im Tunnel ist natürlich kein Netz – wir sind in Deutschland – sondern nur Rumpeln, Rauschen und der Versuch, beim Starren in die spiegelnden Scheiben nicht aus Versehen andere Leute anzugaffen.

Der Zug fährt so nah an Häusern vorbei, dass man Sorge hat, die Fensterläden würden abgefahren. Stattdessen wedeln die Geranien nur ein bisschen mit. Man kann direkt aus dem Fenster den Leuten dabei zusehen, wie sie gerade eine Gabel Paella essen oder man fährt fast direkt durch einen Friedhof durch. Die einzelnen Bilder tauchen zusammenhanglos im Zugfenster auf als hätte jemand einen Trailer über das Mittelrheintal zusammen geschnitten. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie viel Arbeit es gewesen sein muss, die Bahndämme aufzuschichten und die Tunnel in den Fels zu treiben. Wenn Kultur mit Pflege übersetzt wird, dann ist diese Strecke eindeutig die kultiviertere von den beiden, denn es braucht mehr Pflege, um so eine Zugfahrt überhaupt möglich zu machen.

Die Stunde, die ich bei der Mittelrheinroute länger brauche, ist gut investiert. Während ich im Kölner Becken bei den Obst- und Gemüsefeldern an Wirtschaft, Arbeit und Bruttosozialprodukt denke, ist die Strecke am Mittelrhein immer der Anfang, um runter zu kommen, zu gucken und die Gedanken treiben zu lassen. Die alten Steine lösen Gedanken aus, wie man wohl früher mit dem Neuen umgegangen ist am Rhein. Wie wurden die Dampfmaschinen gefeiert, als die ersten dieser fauchenden Ungetüme aus England hier ankamen? Wie wurden die reichen Söhne britischer Adeliger beäugt, die mit ihrem Kammerdiener an den Gasthöfen anklopften und in perfektem Deutsch mit leicht britischem Akzent um Unterkunft baten, please? Mit welchen Augen muss Napoleon den Rhein gesehen haben, also jetzt nicht von der Körpergröße her, sondern strategisch? Von der Körpergröße hat er vielleicht erstmal das Gestrüpp am Ufer entfernen lasse, um überhaupt was zu sehen. Und hat dann überlegt, wie er rüber kommt. Welche Lieder haben die Holzfäller aus dem Schwarzwald gesungen, die auf ihren riesigen Baumstammflößen beim Feuer saßen und Bohnen kochten? Wie ist es, als Kind unbekümmert am Rhein zu spielen, wenn die Eltern wissen, wie viele Menschen der Rhein schon mitgenommen hat? Welche Dramen hat der Rhein schon verschluckt und nicht wieder hergegeben?

Die Effizienz der Schnellstrecke bringt mir eine Stunde Vorsprung. Das ist gut, aber halt auch nur eine Stunde. Wie schnell ist diese Stunde wieder vertrödelt mit Belanglosigkeiten wie etwa dem Lesen dieser Kolumne? Die langsame Fahrt durchs Mittelrheintal hingegen bringt mir viele Jahrhunderte auf einmal nahe. Rheinland, Preußen, Bayern, Deutschland, Europa, alles hier, alles schon hier gewesen. Liebe, Leidenschaft und Hochwasser, alles drin. Archaeopteryx, Urpferde und Römerhelme? Hat der Schiefer alles parat. Das prallvolle Programm liegt direkt vor dem Zugfenster und es kostet mich nur eine Stunde Zeit. Was für eine Zeit.

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Die dunkle Jahreszeit kommt noch früh genug: Seit Mittwoch leuchtet an 5 Abenden hintereinander das Rheintal. Neben dem künstlerischen Epizentrum von „Rheinleuchten“ in der Löhnberger Mühle in Lahnstein (Tickets hier) gibt es am Samstag und Sonntag diese Illuminationen und Events rund um das Lichterfestival:

  • Bacharach Beleuchtung St. Nikolaus und Postenturm
  • Bingen Beleuchtung Burg Klopp und und Live-Musikdem Bürger-Meister-Neff-Platz (Samstag)
  • Boppard Beleuchtung historischer Highlights inkl. Salzig und Hirzenach, Weinsommer in den Rheinanlagen, Museum am Samstag bis 22 Uhr geöffnet, Stelzentheater & Street Walk Act, abendliche Stadtführung (Samstag)
  • Braubach Beleuchtung Obertor und Kriegerdenkmal
  • Filsen Beleuchtung St. Margaretha
  • Koblenz „Festungsleuchten“ auf Ehrenbreitstein
  • Lahnstein Beleuchtung Kurpark mit Fackelwanderung und Candle-Light-Dinner (Samstag), Nachtwächterführung (Samstag)
  • Lorch Beleuchtung St. Martin
  • Loreley Feuershow mit Jomamakü (Samstag)
  • Niederburg Beleuchtung Kirche und Denkmal
  • Oberwesel Beleuchtung St. Martin und Minoritenkloster, Chorkonzert mit Lukas Stollhoff (Samstag)
  • Osterspai Beleuchtung Schloss Liebeneck
  • Rheindiebach Fackelwanderung (Samstag)
  • Rhens Beleuchtung Königstuhl, Scharfer Turm
  • Rüdesheim Beleuchtung Brömserburg, Reste der Hindenburgbrücke, Seilbahn
  • Spay Beleuchtung Schottel-Werft, Peterskapelle, Weingüter Müller und Weingart (Samstag)
  • Trechtingshausen Beleuchtung Burg Reichenstein

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Ein Fall für den Staatsanwalt

Warum zahlt eine Kommune 155.000 Euro für ein wertloses Grundstück? Dieser Frage geht die Koblenzer Staatsanwaltschaft in der Verbandsgemeinde Loreley nach. Unter dem Aktenzeichen 2050 Js 16332/20 ermittelt sie wegen des Verdachts der Untreue gegen einen – O-Ton – „früheren Verantwortlichen der Verbandsgemeinde“, also nicht gegen den amtierenden Bürgermeister Mike Weiland. Der Fall, um den es geht, spielte sich in der Amtszeit des 2020 abgewählten VG-Chefs Werner Groß ab und ist durch den Landesrechnungshof Rheinland-Pfalz öffentlich dokumentiert. Demnach drang die Verbandsgemeindeverwaltung 2016 gegen den Rat von Experten auf den Kauf einer leerstehenden Gewerbeimmobilie in St. Goarshausen, Forstbachstraße 14. Dort sollte die örtliche Feuerwehr einziehen. Die frühere Fabrik war zuletzt vom Busunternehmen Heise genutzt worden („Reise mit Heise“). Die Feuerwehr selbst hielt das Gelände im engen Seitental unterhalb der Burg Katz für ungeeignet, ein Ingenieurbüro warnte vor hohen Kosten für die Hangsicherung, Gutachter bezeichneten es als „wertlos“ und taxierten es mit einem (!) Euro. Trotzdem brachte die Verbandsgemeinde die Stadt St. Goarshausen dazu, das Gelände für 155.000 Euro zu kaufen und versprach, alles Finanzielle zu regeln. Insidern zufolge soll auf dem Grundstück eine Hypothek gelastet haben, die ungefähr dem Kaufpreis entsprach. Die geplanten Neubaukosten wurden zuletzt auf über 2 Millionen Euro geschätzt. Nach einem Veto des Landesrechnungshofs platzte das merkwürdige Projekt. Das Feuerwehrhaus entsteht anderswo in der Stadt und die teure 1-Euro-Immobilie konnte wieder losgeschlagen werden. Jetzt prüft die Justiz, wie der damalige Deal zustande kam. Am Mittwoch ließ sie Räume der Verbandsgemeinde und der Stadtverwaltung durchsuchen. Gegen wen konkret ermittelt wird, sagt die Staatsanwaltschaft nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung. Staatsanwaltschaft Koblenz, Landesrechnungshof Rheinland-Pfalz

Blick auf St. Goarshausen. Foto: Dominik Ketz

Blick auf St. Goarshausen. Foto: Dominik Ketz

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Die dunkle Jahreszeit kommt noch früh genug: Seit Mittwoch leuchtet an 5 Abenden hintereinander das Rheintal. Neben dem künstlerischen Epizentrum von „Rheinleuchten“ in der Löhnberger Mühle in Lahnstein (Tickets hier) gibt es am Samstag und Sonntag diese Illuminationen und Events rund um das Lichterfestival:

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Tiefenentspannt in Boppard und Neustart in Weisel

Als Vertriebsprofi lief der Bopparder Dieter Monsieur 30 Jahre lang auf Hochtouren. Dann lernte er, runterzukommen. Monsieur hängte seinen Job an den Nagel und wurde Entspannungstrainer. Seit 2018  bietet er außerdem „Waldbaden“ an, meditative Wanderungen durch die Natur. Der SWR hat Monsieur in seinen „Klanggarten“ in Boppard-Buchenau besucht. Bester Satz im Video: „Manche belächeln das, dann lächle ich einfach zurück.“ Der mehrfach zertifizierte Klangschalen-Coach wird von der Schulmedizin durchaus ernst genommen: In der Mittelrheinklinik in Bad Salzig hilft er bei der Behandlung von Burn-out- und Tinnitus-Patienten.  SWR (Video), Klang und Natur (Website von Dieter Monsieur)

Boppard-Foto von Henry Tornow. / Romantischer Rhein

Boppard-Foto von Henry Tornow. / Romantischer Rhein

Wahl ohne Qual

Gestern war hier von der Neuwahl in Osterspai die Rede und von der Abstimmung über den neuen Oberbürgermeister von Lahnstein sowieso. Aber es gibt noch eine weitere Mittelrhein-Kommune, die einen neuen Bürgermeister bekommt: In Weisel oberhalb von Kaub hat sich Ortschef Peter Schmelzeisen aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen. Am 26. September tritt Hubert Erdkamp. 52, als einziger Kandidat zur Urwahl an. Freizeit-Bürgermeister wie Erdkamp sind selten geworden: Der gelernte Fräser verdient sein Geld als mittelständischer Unternehmer. Er betreibt in Weisel einen Baggerbetrieb und einen kleine Firma für Metallbearbeitung. Auch in Niederheimbach traut sich jemand aus der freien Wirtschaft: Hier tritt der Techniker Richard Paul Mézes an. Häufig werden ehrenamtliche Bürgermeisterposten von Beamten mit temporärer Freistellung oder Rentnern mit viel Zeit übernommen. Manchmal aber auch gar nicht – Bacharach ist bereits im dritten Jahr bürgermeisterlos. Rhein-Zeitung

Werbung: Die Rheinleuchten-Termine am Freitag

Die dunkle Jahreszeit kommt noch früh genug: Seit Mittwoch leuchtet an 5 Abenden hintereinander das Rheintal. Neben dem künstlerischen Epizentrum von „Rheinleuchten“ in der Löhnberger Mühle in Lahnstein (Tickets hier) gibt es am Freitag (24.9.) diese Illuminationen und Events rund um das Lichterfestival:

  • Bacharach Beleuchtung St. Nikolaus und Postenturm, Funzelwanderung
  • Boppard Beleuchtung historischer Highlights inkl. Salzig und Hirzenach, Weinsommer in den Rheinanlagen, Museum bis 22 Uhr geöffnet, Stelzentheater & Street Walk Act, abendliche Stadtführung
  • Braubach Beleuchtung Obertor und Kriegerdenkmal
  • Filsen Beleuchtung St. Margaretha
  • Koblenz „Festungsleuchten“ auf Ehrenbreitstein
  • Lahnstein Beleuchtung Kurpark mit Fackelwanderung und Candle-Light-Dinner, „Funzelabend“ im Kloster Allerheiligenberg
  • Lorch Beleuchtung St. Martin
  • Niederburg Beleuchtung Kirche und Denkmal
  • Oberwesel Beleuchtung St. Martin und Minoritenkloster
  • Osterspai Beleuchtung Schloss Liebeneck
  • Rhens Beleuchtung Königstuhl, Scharfer Turm
  • Rüdesheim Beleuchtung Brömserburg, Reste der Hindenburgbrücke, Seilbahn
  • Spay Lange Nacht des Rieslings
  • Trechtingshausen Beleuchtung Burg Reichenstein

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