Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Autor: Christian Büning Seite 1 von 5

Der Mittelrhein im Nebel

Es gibt Leute, die ihren Bürgermeister auf den Mond schießen könnten. Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning sind solche Gedanken ganz sicher fremd, aber dem einen oder anderen Mittelrhein-Politiker würde er einen Aufenthalt auf der Raumstation ISS empfehlen. Denn wer von dort auf die Erde blickt, sieht das Welterbetal so, wie es wirklich ist: als Einheit und als gemeinsamen Lebensraum, nicht als Nebeneinander von Verwaltungsorganisationen. Eine Kolumne über Kirchturm-Denker und das, was sie von Astronauten lernen könnten. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Werkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Die Raumstation ISS fliegt in ungefähr 360 km Höhe, also dreimal so hoch wie der Mittelrhein lang ist. Dort ist es zwar etwas frischer in den Außentemperaturen, aber es ist eine gute Entfernung, um sich einen Überblick zu verschaffen. Im April konnte die Besatzung der ISS ein Foto zur Erde schicken, das den Mittelrhein zeigt. Oder vielmehr eine große sehr grüne Region, in deren Mitte ein kleines weißes Gespinst steckte. Die große grüne Region ist ein Teil von Rheinland-Pfalz und Hessen. Anders als bei Online-Karten sieht man vom Weltall keine Beschriftungen oder Straßen, auch keine Pins mit Bewertungen. Es ist einfach nur eine große Fläche mit vielen Grüntönen.

Obwohl man weniger sehen kann, sieht man mehr

Die Aufnahme ist vom frühen Morgen des 27. April 2022. Es ist ein nebliger Morgen, beim Aufstehen sah man die Hand vor Augen nicht. Wer im Mittelrheintal mit so einem Nebel aufsteht, ist für eine Weile nicht mehr in einem Tal, weil die Hangkanten von gegenüber verschwunden sind.  Für einen kurzen Moment gibt es nur dich und den Rhein. Die Enge des Mittelrheintals verschwindet für einen gedämpften Moment. Obwohl man weniger sehen kann, sieht man mehr. 

Foto: DLR

Ich mache mir beim Aufstehen an dem Tag keine Gedanken darüber, ob es gerade überall in Rheinland-Pfalz so neblig ist wie direkt vor mir, als ich aus dem Fenster sehe. Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keine Gedanken zu der Uhrzeit, sondern eher die Vorstufen von Gedanken, die sich überwiegend um Kaffee drehen und gleichmäßiges Atmen. Mir reicht in dem Moment die Info dass es neblig draußen ist und vermutlich keine Vögel herumfliegen. Der Nebel ist in meinem Kopf und auch draußen und ich hoffe fromm, dass er schon irgendwann aufhören und der Tag anfangen wird. 

Hätte ich in dem Moment die Perspektive von der ISS aus gehabt, dann hätte ich gesehen, dass der Nebel sehr bald aufhörte, dass es genau genommen nirgendwo neblig war, außer im Mittelrheintal und einem kleinen Flecken an der Mosel. Die Zutaten für Nebel gabs nur in Flusstälern. Aus dem Nebel ragten vielleicht nur die Kirchtürme hinaus, überall sonst im Land imponierte der April mit einem schönen, klaren Frühlingsmorgen. Die Leute standen lächelnd mit der Morgensonne auf, reckten und dehnten sich, frühstückten frische Früchte, herzten die Kinder, machten einen lustigen Spruch und begannen diesen neuen Tag beschwingt mit etwas Sport. Nur im Mittelrheintal zog man die Läden hoch und sah – nichts. 

Ein schönes Bild. Überall tolles Wetter, nur am Mittelrhein reicht die Sicht nicht mal bis zum Kirchturm, alles andere verschwindet im dunstigen Desinteresse. Dabei wollen doch am Mittelrhein alle das Kirchturmdenken überwinden. So oft hab ich das schon gelesen und gehört, dass es mich wundert, dass überhaupt noch Kirchtürme da sind. Ist dieser Nebel ein Sinnbild für den Mittelrhein? Ein Sinnbild, das mich vor dem ersten Kaffee auf melancholische Gedanken bringt? Eine schwebende Feuchtigkeit, die meinen Optimismus niederschlägt? Ist Nebel eigentlich Niederschlag oder nicht?

Ein Tal, eine Buga, eine Idee

Als die Buga vor ein paar Jahren auf einem Rheinschiff vorgestellt wurde, saß ich im Publikum. Die Buga war damals nur eine Idee, auf die man sich als Region bewerben konnte. Wenn man sich einig war, ja wenn das Kirchturmdenken überwunden werden könnte. Damals war klare Sicht, die Sonne schien von backbord rein und erwärmte die Tischdecken. Um die Stapel von Wassergläsern tanzten kleine Flusen im Licht. Die Buga war damals nur eine Reihe von Powerpointfolien an der Wand und die Hoffnung, dass in den Köpfen und Herzen ein Funke zündet, der mehr daraus macht als nur etwas Licht auf der Wand. Die Hoffnung war groß. Ein Tal, eine Buga, eine Saison, eine Idee, eine Begeisterung, eine Vision sollte es werden. Die letzte Folie wurde gespielt, erwartungsvolle Gesichter ins Publikum, atmen wie nach einer Akrobatiknummer, warten bis die Präsentationsträgheit verfliegt und alle ihre Sprache wieder gefunden haben. 

Der Kontrast könnte nicht größer sein zwischen der freudigen Erwartung auf der Bühne und der ersten Rückmeldung eines Bürgermeisters. Er fegte die Arbeit von Monaten missgelaunt vom Tisch und drohte damit, nicht mitzumachen. Kein Wort des Dankes, keine Wertschätzung, kein Respekt. Die Stimmung fror ein, die Sonne drehte sich aus den Fenstern und erwärmte jetzt die Rückseite vom Schiff.  Jemand hustete, ein Glas fiel um. Klar, diese Drohgebärde  war nur ein Manöver, um mehr Geld vom Kuchen zu bekommen. Aber sie zeigte auch sehr deutlich, dass die Kirchtürme noch da sind, um die hier gedacht wurde. Hier wollte einer, dass der Nebel in Stücke geschnitten wird. Und das größte sollte bei ihm landen.

Es ist eine Einheit, egal was die Behörden dazu sagen

 Vielleicht haben auch schon damals Augen von der ISS auf dem Mittelrheintal geruht. Sie haben dieses Verteilungsgerangel nicht gesehen, sondern nur einen einzigen Fluss. So wie sie jetzt einen Fluss im Nebel gesehen und fotografiert haben. Der Nebel erinnert sehr deutlich daran, wie der Mittelrhein von außen gesehen wird. Es ist ein Mittelrhein. Dem Nebel ist es egal, wo er rumnebelt, dass er da über Landesgrenzen, Kreisgrenzen, Verkehrsverbundgrenzen und Tarifzonen hinweg einfach nur eine bodennahe Wolke ist. 

Die Buga-Gäste werden den Mittelrhein einnehmen wie dieser Nebel. Sie werden nachher sagen, dass sie am Mittelrhein waren. Es ist eine Region. Es ist eine Einheit, egal was die Behörden dazu sagen. Und tatsächlich bricht der Nebel langsam auf und der schroffe Hang von gegenüber erscheint wieder. Die andere Seite ist wieder da, ich bin wieder im Tal. Der Rhein dampft noch etwas wie ein Sportler am Morgen. Und durch die Lücke im Nebel kann ich oben einen kleinen weißen Punkt im Himmel erkennen. Entweder ist das ein verdammt heller Stern oder ich hab gerade dem Fotografen auf der ISS direkt in die Linse geschaut. 

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist er Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen: 

Was zur Hölle ist eigentlich Schiefer? (über das Mittelrheinischste aller Materialien)

Bis dahin fließt noch viel Wasser denn Rhein runter (über Hungersteine und Niedrigwasser)

Was macht die Welt mit der Loreley? (über das Image der bekanntesten aller Mittelrheinerinnen)

Was die Abladeoptimierung Mittelrhein mit einem wackligen Tisch zu hat (über die Vertiefung der Mittelrhein-Fahrrinne)

Blühende Schleifenlandschaften – die heimliche Blume von Boppard (über Iberis linifolia subsp. boppardensis und was man damit anstellen könnte

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

Foto des Tages

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Peter Ginzel (@bopparder)

Jetzt den Mittelrheingold-Newsletter abonnieren

Mittelrheingold Auslese: Jeden Freitag die wichtigsten Mittelrhein-Themen auf einen Blick. Hier geht’s zum kostenlosen Abo

Was zur Hölle ist eigentlich Schiefer?

Schiefer ist im Rheintal so allgegenwärtig, dass man ihn kaum noch bemerkt. Außer, man heißt Christian Büning, hat einen Blick für das Besondere und ist der beste Mittelrhein-Erklärer weit und breit. Hier schreibt er, warum Schiefer und Welterbetal das perfekte Paar sind. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Werkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Am Mittelrhein ist alles etwas schiefer. Nicht nur die Dacheindeckungen und die Mauern, sondern auch der Humor, manche Charaktere und bei manchen Flötenkonzerten ist es auch manchmal etwas schiefer und das ist auch gut so. Aber was ist Schiefer eigentlich? Ein Stein? gepresster Sand? Die fossilen Reste von Walfett? Woraus ist Schiefer gemacht, was zeichnet ihn aus und woraus ist demzufolge der Mittelrhein gemacht? Keine einfache Frage, aber wir sind ja hier, um sowas herauszufinden. 

Geologisch gesehen ist Schiefer nicht Sand, nicht Lehm und nicht Stein, sondern der Begriff für eine Sedimentschicht, die unter sehr hohem Druck auf dem Weg vom Lehm zum Stein ist, also irgendwas dazwischen. Würde Schiefer noch gemütlich ein paar Millionen Jahre unter Druck und hohen Temperaturen so vor sich hin liegen, würde daraus irgendwann ein Stein werden, vermutlich sogar ein schöner. Wahrscheinlich passiert genau das gerade auch irgendwo, ohne dass es jemand mitbekommt, tief unter der Erde.

Aber am Mittelrhein haben die Menschen das spitz gekriegt mit dem Schiefer und ihn einfach aus dem Berg geholt. Damit wurden fabelhafte Dächer, Gauben und Mauern und natürlich unzählige Servierplatten für Käseigel gebaut. Schiefer ist also geologisch ein »Dazwischen«, das zum richtigen Zeitpunkt ans Licht kam und gerne rumliegt.

Schiefer kann mehr oder: Fifty Shades of Grey

Farblich ist Schiefer ebenfalls nicht eindeutig zu bestimmen. Natürlich ist der übliche Schiefer dunkelgrau bis anthrazit, auch wenn man immer erst überlegen muss, wie man anthrazit schreibt. Ich merke mir das immer mit Anthrax, aber zum Glück ist der Schiefer nicht so giftig. Es gibt übrigens auch weißen, roten, grünen oder gelben Schiefer. Man könnte damit bunte Dächer decken und schöne Muster oder QR-Codes in Kirchendächer reinlegen, an denen Historikerinnen und Historiker in naher Zukunft verzweifeln werden. Auch innerhalb der Grautöne gibt es viele Varianten und Nuancen. Die Vielfalt an Grau ist groß, da sind fünfzig Schattierungen noch gar nichts. Die meisten werden bei Schiefer jedoch an ein warmes Dunkelgrau denken. Eine Farbe, in der gerade alles produziert wird – vom Fensterrahmen bis zur Serviette. Alles in warmem Dunkelgrau, alles in Schiefer. Alles in schick. Schiefer ist also eigentlich Grau, kann aber heimlich mehr. 

Ebenfalls schwer greifbar ist die Festigkeit von Schiefer, anders als die von Granit oder Basalt. Granit ist hart wie – nun ja Granit. Basalt ist auch hart, aber unter bestimmten Umständen doch bröselig. Schiefer ist irgendwo zwischen sehr stabil und sehr spröde, je nachdem, von welcher Seite man auf den Schiefer klopft. Beim Spalten eines Schieferbrockens kann man das gut sehen. Die einzelnen Lagen gehen so leicht auseinander wie Blätterschokolade. Man kann kaum glauben, dass es ein Stein ist, der da gespalten wird. Man muss aber schnell sein mit dem Spalten. Wenn der Schiefer trocknet, bricht er nicht mehr so gut. Die einzelne Schieferplatte hingegen ist nach dem Trocknen erstaunlich stabil und hält einiges aus. Zumindest meistens.

Warum muss ich jetzt an Wein denken?

Das Dach gegenüber von meinem Schreibtisch ist mit Schiefer eingedeckt. Im Sommer, Regen war gemeldet, beobachtete ich, dass von dem Dach eine Schieferschindel zur Hälfte in der Regenrinne lag und das Dach nun ein strategisch und zeitlich ungünstiges Loch hatte. Die Holzplanke darunter war sichtbar und jeder, der schonmal in einem Haus war, weiß dass es bei einem Dach nichts Gutes ist, wenn es reinregnen kann. Mit der Ley wars vorbei, aber das Loch konnte noch rechtzeitig geflickt werden bevor der Regen kam. Damals, kurz vor dem Regen, wusste ich nicht, dass dieser Niederschlag für Teile in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen eine schreckliche Flutkatastrophe werden sollte, nach der ein kleines Loch im Dach als Schaden sehr harmlos klingt.

Warum die Ley genau zu dem Zeitpunkt gebrochen ist, kann keiner sagen. Alle anderen Schindeln liegen stabil und stramm wie ein Gefieder, aber diese eine brach. Vermutlich hat sich vor ein paar Millionen Jahren, als sich der Lehm verdichtete, ein winziger Spannungsriss erhalten, der jetzt, genau an einem Dienstag, kommentarlos die Schindel in zwei Teile brechen ließ. Die Festigkeit von Schiefer ist also nicht ganz eindeutig zu greifen. Fest? Hart? Spröde? Irgendwas dazwischen. 

Der Schiefer ist also schwer zu greifen und sehr vielseitig. Das Material ist irgendwas zwischen Lehm und Stein. Die Farbe ein warmes Grau, aber auch nicht nur grau, sondern irgendwas dazwischen. Die Festigkeit ist sowohl spröde als auch stabil, also irgendwas dazwischen. Der Schiefer ist irgendwas dazwischen, ein Hybrid sozusagen, einer, den man nicht so ganz einfach zuordnen kann. Komplex, mineralisch, warm, vielschichtig. Warum muss ich jetzt an Wein denken? 

Das passt zusammen

Ich finde, der Schiefer hätte sich keine bessere Region als den Mittelrhein aussuchen können. Der Mittelrhein ist auch irgendwo zwischen Hunsrück und Taunus, zwischen Ober- und Niederrhein und bei weitem nicht so einfach abgrenzbar wie Schleswig-Holstein oder das Emsland. Auf der Deutschlandkarte könnten viele vermutlich nur ungefähr, verlegen lächelnd zeigen, wo der Mittelrhein genau ist. Dazu kommt die Topographie. Nicht Berg, nicht flach, nicht eng, nicht weit, sondern irgendwas von allem, irgendwas dazwischen.

Dann die Farben der Häuser. Die Schieferdächer dominieren die Region und doch wirken die Orte nicht eintönig und grau, sondern schimmern in vielen Facetten des Schiefers und bunten Putzen (Yes, looking at you, Niederheimbach). Schließlich noch die Gemütslage hier, die ebenfalls wie der Schiefer irgendwo zwischen sehr fest, in manchen Fällen auch stur – und sehr anpassungsfähig ist, je nachdem, wer da klopft und von welcher Seite. Das Dazwischen, das Mehrdeutige, das Hybride, das macht den Schiefer aus. Und das macht auch den Mittelrhein aus. 

Der Schiefer ist aus feinem Lehm entstanden, der sich zufällig irgendwo niedergelassen hat, wo die Strömung ihn hintrieb. Er wurde feste gedrückt und ist heute ein stabiler und begehrter Grundstoff. Von seiner Farbe darf man sich nicht täuschen lassen, da ist vieles möglich und was auf den ersten Blick vielleicht spröde wirkt, kann bei der Arbeit sehr geschmeidig sein. Das gleiche könnte man über die Leute hier sagen. Der Mittelrhein und Schiefer passen also offenbar ganz gut zusammen, dann lassen wir das für heute auch so. Am Mittelrhein ist alles etwas schiefer. Punkt.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Mittelrheingold (@mittelrheingold)

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist er Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen: 

Bis dahin fließt noch viel Wasser denn Rhein runter (über Hungersteine und Niedrigwasser)

Was macht die Welt mit der Loreley? (über das Image der bekanntesten aller Mittelrheinerinnen)

Was die Abladeoptimierung Mittelrhein mit einem wackligen Tisch zu hat (über die Vertiefung der Mittelrhein-Fahrrinne)

Blühende Schleifenlandschaften – die heimliche Blume von Boppard (über Iberis linifolia subsp. boppardensis und was man damit anstellen könnte

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)


Foto des Tages

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Rheingauprinzessin (@rheingauprinzessin)

Jetzt den Mittelrheingold-Newsletter abonnieren

Mittelrheingold Auslese: Jeden Freitag die wichtigsten Mittelrhein-Themen auf einen Blick. Hier geht’s zum kostenlosen Abo

Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein runter

Hungersteine heißen die Felsbrocken, die der Rhein nur bei großer Trockenheit und extremem Niedrigwasser freigibt. Den Namen gibt es seit vielen Jahrhunderten, aber noch nie waren die Hungersteine  so oft zu sehen wie in unserer Zeit. Wird der Rhein jetzt zum Rinnsal? Nein, glaubt Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning. Es muss aber einiges anders werden, damit der Rhein bleibt. Noch haben wir es in der Hand. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Werkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Warm wie ein Kinderplanschbecken ist der Rhein an seinen Ufern in diesem Sommer. Die Ufer sind sich deutlich näher gekommen als sonst, der mächtige Vater Rhein ist gerade eher ein schmächtiges Väterchen. Sonst bekam der Rhein im Frühjahr eine Welle Schmelzwasser und im Sommer einen kräftigen Schluck Gletscherwasser, damit er imposant fließen kann und den ganzen Leuten an seinem Ufer ein schönes Gefühl von der Weite der Welt gibt. Die Schneeschmelze war in diesem Jahr nix, weil es kaum Schnee zum Schmelzen gab. Das Gletscherwasser geht zur Neige, weil die Gletscher zur Neige gehen. Also bekommt der Rhein zweimal weniger und zeigt uns einen Pegel nahe bei den Außentemperaturen. Alles, was erst in ein paar Jahren passieren sollte mit diesem Klimawandel, passiert bereits jetzt – der Rhein wird zukünftig im Sommer nicht mehr durchgehend schiffbar sein.

Nun steh ich am Ufer dieses Rheins, schaue auf seine Kieselränder, die sonst unter Wasser sind und jetzt in der Sonne braten. Der Schlamm ist trocken gebacken wie Teigreste im Ofen. Eine Mischung aus Besorgnis und Empörung befällt mich. Die Besorgnis, das macht der Verstand. Jeder, der auch nur gelegentlich Nachrichten schaut, weiß, was gerade passiert und wer der Verursacher ist. Die Empörung kommt dagegen tief aus dem Bauch. Empörung darüber, dass der Rhein einfach zerrinnt, weniger wird und vielleicht irgendwann einfach Pause macht. Dass der Rhein als Mythos aufhört und ich akzeptieren muss, dass es am Ende einfach Wasser war, das von einem höheren Punkt zu einem niedrigeren Punkt fließt. Als ob ich einen Anspruch darauf hätte, dass der Rhein da ist, nur weil es ein paar hübsche Redensarten drumherum gehäkelt gibt.

Den Rhein befahren zu können, war ein Privileg

Alles, was den Mittelrhein ausmacht, ist der Rhein. Der hat sich hier in Jahrzehntausenden durch den Fels gelutscht und quasi aus Versehen diese großartige Landschaft liegen gelassen. Er hat Kies, Sand und gemischte Gerüche hier abgeladen und Abwasser, Schlamm, ein wenig Spucke und hin und wieder eine Flaschenpost mit heißer Liebe mitgenommen. Er hält den Frost in Schach, er macht die Hitze erträglicher. Der Rhein hat Leute gebracht und geholt, Waren geliefert, Autorreifen entsorgt und manchen heimlichen Kuss am Ufer gesehen. Den Rhein befahren zu können, war ein Privileg. Die Schiffslotsen waren lässige Helden, die den Kahn einhändig durch diese Waschmaschine kutschierten und dabei den Zigarettenrauch mit einem Auge wegblinzelten. Die Kapitäne wurden nicht von ihrer Uniform getragen, die Kapitäne haben die Uniform getragen. Der Rhein hat sie stolz gemacht. Und jetzt ist der stolze Rhein ein schwacher Patient mit Aderlass.

Was bleibt vom Mittelrhein, wenn man den Rhein wegnimmt? Mittel. Mittel ist halt so mittel. Mittelmäßig, mittelgut, mittelschlecht. Alles nicht so berauschend. Wer den Mittelrhein kennt, weiß, dass er nicht mittel ist. Sondern krass. Aber ohne Rhein ist das schwer zu vermitteln. Wir brauchen den Rhein, damit wir Mittelrhein sein können. Sonst hätten wir ja auch direkt an die Mosel gehen können.

Der Rhein hat uns viele Jahrhunderte versorgt. Manchmal zu viel, manchmal zu wenig, meistens ganz gut. Die Träumer hat er mitgenommen in seinen Gedanken ans Meer. Die Pragmatiker hat er huckepack genommen mit ihrem Holz, ihren Booten und neuerdings ihren Jetski. Jetzt müssen wir den Rhein versorgen, mit weniger von uns und unserem Bedarf. Weniger Erderwärmung, weniger Gletscherschmelze, weniger Flächenversiegelung. Weniger wollen, weil wir mehr wollen.

Der Rhein ist nicht alleine mit seinem Wassermangel. Die wunderschöne Loire in Frankreich ist gerade einfach nicht da. Sie ist nur ein trockenes Flußbett. Rascheln statt Rauschen. Die Fische sind irgendwohin, der Boden trocken, die Kaninchen können endlich entfernte Verwandte besuchen. Das Wasser der Loire, wegen dessen Glitzern vor den Schlössern die Touristen sonst kommen, macht Pause. Vielleicht bis zum Oktober, wenn es wieder etwas regnet. In Italien beim Po das gleiche.

Die neuen Hungersteine

Überall fallen Flüsse trocken, die Leute stehen schweigend am Ufer und versuchen sich, einen Reim darauf zu machen. Flüsse verschwinden vielleicht in der Serengeti oder im Okawango-Delta. Dann heißen sie Wadi und kommen am Ende der Fernsehdoku schön wieder zurück, alles ist wieder grün, die Tiere fressen sich satt und danach die Nachrichten. Vom sicheren Sofa aus sind Wadis interessant. Vor dem Fenster ist so ein Wadi eher bedrohlich.

Bedrohlich ist auch die Warnung, nicht auf den jetzt freiligenden Uferstreifen herum zu laufen, weil da möglicherweise noch Blindgänger liegen auf die man treten könnte. Überall werden auch gruselige Hungersteine sichtbar. Die liegen sonst unter Wasser und tauchen nur bei extremem Niedrigwasser auf. Die Inschriften sind dramatisch: »Wenn du mich siehst, dann weine!«, weil klar war, dass Niedrigwasser schlechte Ernten bedeuteten.

Wir könnten heute neue Hungersteine dazulegen, die eher Klimasteine heißen müssten. Die Inschrift könnte lauten: »Wenn du mich siehst, spar mehr CO2!« oder »Wenn du mich siehst, dann ist wahrscheinlich das Pariser Klimaabkommen nicht ganz erreicht worden und vielleicht sollte da etwas nachgebessert werden, wenn es keine Umstände macht!« aber das passt dann vermutlich wieder nicht auf den Stein.

Man kann noch etwas tun

Dabei ist es ja nicht so, dass es weniger regnet – der Regen ist nur ungleichmäßiger verteilt über das Jahr. Mehr Regen im Winterhalbjahr, dafür trockene Sommer. Gegenden, die viel Übung mit heißen Sommern und feuchten Wintern haben, sind jetzt im Vorteil. Iran, Afghanistan und die Südstaaten der USA zum Beispiel. Sie haben Techniken entwickelt, die Niederschläge nicht direkt abfließen zu lassen, sondern zu halten und verzögert zu dosieren. Das dämmt die trockene Zeit ein und versorgt die Pflanzen mit Wasser. Hierzulande könnten Wälder das Wasser gut halten und langsam weiter dosieren. Also richtige Wälder und keine Fichtenplantagen mit Drainagegräben. Der Humus hält das Wasser, die Bäume geben Schatten und halten den Wind weg, so in etwa. Die Wälder werden tatsächlich schon umgebaut, aber ein Wald ist kein D-Zug, sowas dauert halt.

Bis dahin könnte man sich ja Flächen anschauen, die bisher Regenwasser nicht dosieren, sondern einfach ableiten. Dächer, betonierte Hinterhöfe, Stellplätze für Autos, da kommt schon was zusammen. Jede Fläche, die jetzt entsiegelt wird und das Wasser in die Erde lässt, ist ein kleiner High-Five für das Grundwasser. Jeder Schluck im Grundwasser macht aus 4 trockenen und heißen Monaten ein kleines Stück nicht ganz so schlimme trockene und heiße Monate. Der Boden ist ein guter Wasserspeicher, dafür muss er halt auch Wasser bekommen. Wir können es ihm geben.

Der Rhein hat die Menschen immer berührt und ihnen auch meistens Zuversicht gegeben. Es kann passieren, was will: Der Rhein fließt einfach weiter. Du warst ein paar Jahre weg? Kein Thema, der Rhein hat schön weiter sein Flussding gemacht und auf dich gewartet. Du warst noch nie in Deutschland und siehst zum ersten Mal den Rhein? Bitte sehr, da ist er und fließt schon eine Weile gemütlich vor sich hin. Genau dieses Konstante hält mich gerade stimmungsmäßig über Wasser: er fließt noch, der Rhein, und man kann noch etwas tun dass er im Sommer nicht ganz verschwindet. Weniger sinnlos konsumieren, die Erderwärmung eindämmen und Flächen entsiegeln zum Beispiel. In Köln am Rhein sagt man »Arsch hu, Zäng usseinander«, was man hier vielleicht etwas höflicher übersetzen könnte mit »Ala hopp«. Für die Zugezogenen wäre das vielleicht zu übersetzen mit »Wenn Sie vielleicht mitmachen wollen?«

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist er Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Franziskus Weinert (@mittelrheintal)

Bisher erschienen: 

Was macht die Welt mit der Loreley? (über das Image der bekanntesten aller Mittelrheinerinnen)

Was die Abladeoptimierung Mittelrhein mit einem wackligen Tisch zu hat (über die Vertiefung der Mittelrhein-Fahrrinne)

Blühende Schleifenlandschaften – die heimliche Blume von Boppard (über Iberis linifolia subsp. boppardensis und was man damit anstellen könnte

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

Seite 1 von 5

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

%d Bloggern gefällt das: