Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Autor: Christian Büning Seite 1 von 3

Was die „Abladeoptimierung Mittelrhein“ mit einem wackligen Tisch zu tun hat

Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning fragt sich, wie viel „Optimierung“ der Fluss noch verträgt und was es am Ende wirklich bringt. Eine Alternative zum klassischen Ausbaggern, Absprengen und Wegmeißeln könnte der Rheinschifffahrt viel mehr helfen. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Am Mittelrhein laufen immer wieder Schiffe auf Grund, eigentlich in schöner Regelmäßigkeit oder besser in schrecklicher Regelmäßigkeit. Ein Tanker lag mal seitlich auf dem Jungferngrund mit ein paar Hektolitern Säure intus. Die Fische hatten keine Ahnung, in welcher Gefahr sie waren. Ein anderer stellte sich quer ins Wasser und drohte, von der Strömung umgedreht zu werden. Immer wieder gibt es Kapitäne, die die Handbreit Wasser unterm Kiel etwas zu groß einschätzen und das verzweifelte Knirschen von Stein auf Metall durch das ganze Schiff hören so wie man einen Bohrer beim Zahnarzt im ganzen Schädel hört. Zum Auflaufen kommt dann zu allem Übel noch der Auflauf der Schaulustigen an den Ufern, die Fotos und die Häme. Bisher ist es jedoch meistens nochmal gut gegangen mit dem Havarieren. Wasserpolizei, Feuerwehr, Hoffen und Ziehen, Durchschnaufen, Fluchen und alles fließt wieder.

Im Hitzesommer 2018 stand der Pegel im Rhein bei nur noch 28 cm. Das ist weniger als ein Blatt Papier hoch ist. Dazu kommt zwar noch der rechnerische Zuschlagswert von einem guten Meter Wasser, aber der ist nicht nutzbar für Schiffe. Der Pegel im Rhein wird in den nächsten Jahren stärker schwanken. Die Schiffe sollen hingegen immer mehr Fracht transportieren und größer und schwerer werden. Mehr Tiefgang und schwankende Pegel, das heißt Stress für die Kapitäne und Hektik für die Logistik. 28 Zentimeter war der niedrigste Pegel und ungefähr 28 Zentimeter sollen an einigen Felsen unter Wasser weggesprengt werden, damit das Rheinbett die Schiffe in Ruhe lässt.

Der Mittelrhein ist nicht irgendein kleines Flüsschen. Wer einmal gesehen hat, wie hart sich ein Doppelschubverbund in eine 90-Grad-Kurve wirft und dabei genau in der Fahrrinne bleibt, der weiß, welche Nervenstärke ein Kapitän am Mittelrhein braucht. Aber bei 28 cm Pegel hat der beste Kapitän keine Chance, Nerven aus Stahl oder nicht.

Der Mittelrhein ist die Mutter aller Modelleisenbahnlandschaften, jetzt gibt es ein Modell vom Mittelrhein selber. Die Bundesanstalt für Wasserbau hat ein Modell vom Mittelrhein gebaut – im Maßstab 1:60 wurde die Rheinkurve von Kaub bis zur Loreley nachgebildet. Es geht nicht um Freizeitspaß im Miniwonderland, sondern um Strömungsforschung, um Fließschatten und Fahrrinnen. Das Modell zeigt sehr detailgenau alle Felsen unter Wasser. Kleine rote Kügelchen treiben in der Strömung. Sie zeigen, wie sich das Wasser verhält und wo es ungünstige Strömungsschatten und Verwirbelungen gibt.

Den ganzen Tag den vielen roten Kügelchen zuzusehen, begleitet vom leichten Plätschern des Wassers – ich würde vermutlich weniger forschen sondern direkt einschlafen. Das Modell soll aber nicht einschläfern, sondern vorhersagen, welche Felsnasen weg müssen und welche bleiben können. Und wo im Fluss Querbauten nötig sind, um Wasser in die Fahrrinne zu drücken. Das Ziel ist klar: Es soll mehr Wasser in die Mitte, damit mehr Ladung auf die Schiffe kann, damit weniger Ladung auf die Straße kommt. Das Fahren soll so optimiert werden und vor allem das Abladen. Daher hat die ganze Maßnahme den besänftigenden Titel Ablade-Optimierung bekommen.

In Bacharach wurden die ersten Ergebnisse dieser Ablade-Optimierung präsentiert. Ein langer, sogenannter Längsbau soll das Wasser in die Fahrrinne drücken. Für die Schiffe ist das toll, für die Bacharacher nicht. Denn man kann den Rhein dann hinter dem Längsbau nicht mehr sehen und zwischen Längsbau und Rheinufer fließt das Wasser weniger. Bei niedrigem Pegel bleibt dann nur Matsch und Mücken und die Ruderer rudern auf dem Trockenen. Was ist wertvoller – Mehr Fracht oder mehr Lebensqualität? Diese Entscheidung steht noch aus. In Oberwesel werden die nächsten Baupläne für die nächsten Abschnitte bald präsentiert.

 

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Ein Gedankenspiel: Nehmen wir an, alle Maßnahmen der Abladeoptimierung werden umgesetzt. Ist der Rhein dann überall tief genug? Die Dokumentation der Bundesanstalt verneint das. Wenn im mittleren Mittelrhein alles paletti ist, wartet direkt die nächste Engstelle weiter flußabwärts. Ist diese behoben, wartet die nächste schon. Es hört also nicht so schnell auf mit den Modellen, den roten Kügelchen, dem Einschlafen und dem Dynamit. Es ist ein bisschen so als ob ich an einem wackeligen Tisch ein Bein kürzer säge und der Tisch immer noch wackelt. Ich säge also an einem anderen Bein ein Stückchen ab, damit er nicht mehr wackelt und so weiter. Am Ende hat der Tisch keine Beine mehr.

Wer wird das Rennen bei diesem Wettbauen gewinnen? Gewinnt das Dynamit? Wenn die Felsnasen wie geplant alle weggesprengt sind, ist es noch lange nicht gut. Der Klimawandel könnte die Rechnung dennoch zunichte machen mit schwindenden Gletschern und chronischem Wassermangel im Sommer. Wenn der nächste extreme Hitzesommer kommt, ist der Rhein vielleicht wieder für Wochen nicht schiffbar. Und der nächste Hitzesommer kommt bestimmt.

Natürlich wurde am Rhein schon viel gesprengt – mit großem Nutzen. Mehr Ladung auf die Schiffe zu bringen ist auch ein heldenhaftes Ziel, weil auf dem Wasser pro Tonne Fracht weniger CO2 rausgehauen wird und CO2 ist ja als Molekül ein bisschen aus der Mode geraten. Am Binger Loch, an der Loreley, überall wurde in der Vergangenheit schon Fels weggeschlagen, damit die Schiffe nicht auf Grund laufen. Davon profitiert die Schifffahrt bis heute.

Wie also weiter machen? Immer weiter auf dicke Schiffe optimieren und den Mittelrhein anpassen? Oder lieber den Rhein so lassen und einfach die Schiffe optimieren? Das kostet auch Geld. Die Reedereien werden erwartungsgemäß um Hilfe bitten bei der teuren Umstellung ihrer Flotten. So wie die Bahn nach und nach die lauten Waggons aufs Abstellgleis schiebt, könnte man doch auch bei der Schifffahrt nach und nach auf breitere Schiffe mit weniger Tiefgang umstellen. In Summe wäre das sicher günstiger als die permanente Optimierung eines ganzen Flussbettes. Das Unesco Welterbe Oberes Mittelrheintal würde nicht durch hohe Längsbauten entstellt, sondern als stimmiges Bild erhalten bleiben. Die Ruderer in Bacharach würden ihre Paddel nicht in den Schlamm sondern in frisches, klares Rheinwasser schlagen. Natürlich würden auch weiterhin Schiffe auf Grund laufen – die Leute am Steuer sind ja noch die gleichen.

Allerdings liegen die neuen Schiffe nicht so tief im Wasser und haben eine breitere Rumpffläche. Dadurch kann man sie leichter ins tiefere Wasser schleppen und die schaulustigen Menschenmengen lösen sich schneller wieder auf. Also Optimieren sehr gerne, auch gerne fürs Abladen. Nur halt nicht den Rhein optimieren, sondern die Schiffe. Das wollte ich hier in dieser Textspalte kurz abladen.

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Blühende Schleifenlandschaften – die heimliche Blume von Boppard (über Iberis linifolia subsp. boppardensis und was man damit anstellen könnte

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

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Blühende Schleifenlandschaften oder: Die Blume von Boppard

Schleifen? Kennen wir. Zum Welterbegebiet gehören die Rheinschleifen im Tal und  die Traumschleifen eine (Wander-)Etage höher. Es gibt aber auch – Achtung, kein Aprilscherz – die passende Blume dazu, die im Bopparder Hamm sogar eine eigene Unterart ausgebildet hat: Die Bopparder Schleifenblume. Mittelrheingold-Kolumnist und Freizeitgärtner Christian Büning erklärt, was es damit auf sich hat und was man aus „Iberis linifolia subsp. boppardensis“ machen könnte.

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Ich gebe es zu, ich habe eine ausgeprägte Schwäche für absurde Superlative. Gerade im Regionalmarketing tauchen sie gehäuft auf, zum Beispiel in Perlen wie dieser: „Eine der höchsten bewaldeten Erhebungen im mittleren Vorderhunsrück!“ oder „Besuchen Sie die größte Kalksandsteinhöhle mit Quarzeinschluss nördlich des Ruhrgebiets!“ Wenn du keinen Spitzenplatz hast, dann bist du einfach auf der falschen Liste, so einfach geht das. Du machst einfach eine neue Liste auf und da bist du dann ganz oben. Ich war bei den Bundesjugendspielen nicht der letzte beim 400-Meter-Lauf, nein ich war sehr weit oben platziert bei den Läufern über 190 cm mit neongelben Schuhbändern!

Neben diesen Scheinsuperlativen fallen echte Superlative durch Schlichtheit auf, denn sie benötigen viel weniger Worte. „Der schrägste Weinberg“, „Der längste Fluss“ oder „Das einzige Vorkommen“ – das sind Superlative, die keine Einschränkungen brauchen, die sind nicht nur lativ, die sind superlativ! Was so ein echter Superlativ ist, der braucht keine Orden und Dekorationen. Vielleicht nur eine Schleife.

Die gewöhnliche Schleifenblume wächst überall, wo es trocken und mager ist. Sie ist mit unserem Kohl verwandt und macht hübsche weiße Blüten, zart rosa überhaucht. Die vier Blütenblätter sind nicht gleich groß, sondern in zwei große und zwei kleine aufgeteilt. Dadurch entsteht eine sehr dekorative Einzelblüte, die allerdings selten einzeln wahrgenommen wird. Wenn die Schleifenblume blüht, dann in dicken Trauben, als ob sie irgendwem was beweisen will. Auch sehr kurzsichtige Hummeln finden dann die weiße Nektarbar. Die gartenfanatischen Briten nennen sie liebevoll candytuft, frei übersetzt mit Bonbonbüschel.

Menschen hingegen nehmen Schleifenblumen in der Regel nicht als spektakulär wahr, egal ob mit oder ohne Brille. Die Blüten sind zwar strahlend hell, eigentlich sogar heller als weiß, denn sie haben einen UV-Reflektor, mit denen sie alles Sonnenlicht zurückwerfen können. Allerdings wachsen sie insgesamt so niedrig, dass man sie beim Wandern nur beiläufig als Kraut wahrnimmt. Die kleinen frisch grünen Kissen, etwa knöchelhoch, drängen sich nicht so auf. Disteln haben das zum Beispiel besser gelöst- Sie wachsen bis auf Brusthöhe und zeigen dann ihre absurd schönen Blüten in allen möglichen Pinktönen. Wer guckt da noch nach unten?

 

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Manchmal lohnt es sich aber, genau hinzusehen. Die Rheinschleife beim Bopparder Hamm beherbergt eine ganz eigene Schleifenblume, die auf den schönen Namen Iberis linifolia subsp. boppardensis hört. Diese Unterart kommt nur hier im Bopparder Hamm vor und sonst nirgends im Universum. Man hat überall nachgeschaut, aber wirklich nur in Boppard welche gefunden. Eine Rheinschleifenschleifenblume also.

Diese Unterart mag es trocken und warm, ist alles andere als weit verbreitet und sehr selten. Sie ist auf der Roten Liste der sehr seltenen Arten gelistet, da wo auch das Mittelrhein-Wassertaxi steht oder der Lärmschutz der Bahn. Botaniker:innen flippen aus, weil die Bopparder Schleifenblume nicht ganz glatte Blattränder hat, sondern zwei kleine Zähnchen auf den Blättern. Eins links, eins rechts. Wenn es dumm läuft, beißt die Bopparder Schleifenblume mit diesen Zähnchen bald ins Gras und verdient sich einen eigenen Superlativ, nämlich dass sie die seltenste ist – ganz ohne Einschränkungen. Und kurz danach kommt dann der Superlativ „ausgestorbenste“ dazu, was ja genau genommen nicht so super ist. 

Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung wurden noch 1200 Exemplare am Hamm gezählt. Bei der letzten Zählung im Jahr 2019 waren es nur noch 27 der kleinen Racker. Jedes Jahr sind also ungefähr 40 Schleifenblumen verschwunden. Wenn das in den letzten Jahren so weiter ging, dürfte für diese botanische Praline in Boppard das Licht schon ausgegangen sein. Intensive Nutzung der Weinberge, Spritzmittel, Verbiss durch die immer noch viel zu hohen Wildbestände und vielleicht einfach nur Pech setzen ihr zu. Schachmatt. In ein paar botanischen Gärten gibt es noch Sicherungs-Exemplare für alle Fälle, aber am Naturstandort ist die Bopparder Schleifenblume dann nur noch eine kleine Blume in der Erinnerung.

Ich tu mich immer etwas schwer, den Nutzen eines Lebewesens hervorzuheben, um Gründe zu haben, es vor dem Aussterben zu retten. Als würde man den Opa nur noch am Leben lassen, weil er einem die Pakete annimmt, wenn man nicht zu Hause ist. Das ist etwas kühl und am Ende doch wenig herzlich. Was machen dann die Arten, von denen wir direkt keinen Nutzen haben wie etwa Hornmilben oder Nacktmulle? Können die weg, weil sie nicht essbar sind? Zum Glück hat die Schleifenblume was auf dem Kasten, um diese ungute Diskussion zu umschiffen.

In der Winzerküche geht es gerne deftig zu, um nach harter Arbeit im steilen Weinberg wieder zu Kräften zu kommen. Sich nach der Lese im Steilhang den Bauch mit Essen voll schlagen zu wollen und anschließend wohlig erschöpft ein Glas Wein zu genießen ist ein sehr nachvollziehbarer und regelmäßig erprobter Vorgang. Ein Vorgang, der gerne in einem gewissen Völlegefühl endet. Passenderweise wächst das Kraut gegen Völlegefühl gleich mit auf dem Weinberg. Schleifenblumen schmecken sehr bitter und aktivieren damit die Verdauungssäfte an so wie ein hochgehaltenes Brötchen Möwen aktiviert. Die Bitterstoffe helfen bei trägem Darm, unzumutbaren Blähungen und nach der Völlerei, sie schleifen das Essen durch die Eingeweide, wenn man so will. Die Schleifenblume ist also nicht nur hübsch mit ihren fast weißen Blüten, sondern weiß auch, sich nützlich zu machen.

Warum nicht den Anbau wagen und einen wirklich regionalen Magenbitter davon anbieten? Bei Knoten im Magen hilft die original Bopparder Magenschleife! Ein Grund mehr, sie nicht vollends auszurotten. Damit der Bopparder Hamm noch lange mit seinen ganz eigenen Schleifenblumen auf die Rheinschleife schauen kann.

 

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Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen:

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

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Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

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Mittelrhein statt nur dabei: Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein

Alles schon mal gesehen? Das Mittelrheintal gehört zu den meistfotografierten Reisezielen Europas. Trotzdem gibt es fast hinter jeder Kurve ein ruhiges Plätzchen und Ort, die selbst Einheimische noch noch nicht kennen. Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning verrät einen davon. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

„Lonely planet“ heißt ein beliebter Reiseführer, der seine Leserinnen und Leser zu bisher unentdeckten Orten schickt, damit sie dort das kurze Zeitfenster genießen, bevor der Ort von Touristen überrannt und totografiert ist. Totografiert ist kein Tippfehler sondern meint totfotografiert, aber in der Buchstabensparversion für Kolumnisten, die nach Zeile bezahlt werden und mit allen Kräften versuchen, noch eine mehr rauszuschinden – zur Not mit Gedankenstrichen.

In der Rue Cremieux in Paris kennt man totografiert sehr gut. Die Anwohner wehren sich mittlerweile gegen die Ströme von Instagrammern, weil sie nicht mehr aus dem Haus kommen vor lauter Leuten, die auf dem Boden liegen und ihre Freundin fotografieren. Die Fotografierte geht sich gerade gedankenverloren durchs Haar und reproduziert leise lächelnd den Zauber von Paris genau wie alle hier Fotografierten vor und hinter ihr. Man könnte viel besser einfach die leere Straße fotografieren und das dann als Hintergrundbild für Photoshop zur Verfügung stellen. Dann kann sich jeder mit seiner gedankenverlorenen Pose reinmontieren. Die Leute in Paris haben ihre Ruh und die Poser haben ihr Foto. 

Selber schuld, sie könnten ja auch einfach die Straße weniger schön machen. Das Kopfsteinpflaster rausreißen und durch abgerockten Asphalt ersetzen, der in mehreren Schichten geflickt und immer wieder zu Schanden gefahren wurde. Sie könnten die schön bepflanzten Kübel durch schreiend bunte Mülltonnen ersetzen und die idyllisch bunten Häuschen einfach nicht mehr anstreichen sondern lässig verwittern lassen zum shaby-glam. Manche Orte wenden diesen Trick bereits sehr erfolgreich an, auch schon seit deutlich vor Instagram. Nicht mal das hält einige vom Fotografieren ab, aber dann mit deutlich morbideren Absichten oder als Kulisse für Musikvideos mit gesellschaftskritischen Hauptaussagen. 

Die Dosis bestimmt hier also eindeutig das Gift. Zu wenige Touristen lohnen sich nicht, aber zu viele will auch keiner haben. Es ist wie bei einer Party. Alleine im Gartenhäuschen sein will man nicht, das ist deprimierend. Aber im Pulk vor dem Buffet ist es auch unbequem, weil man dauernd einen Teller in den Rücken gedrückt bekommt. Wo ist der lonely planet also ein lovely planet? Wo ist der einsame Ort kein verlassener Ort sondern einsame Klasse? Es soll Wirtschaften geben, die ihren Beitrag dazu leisten, die Touristenströme überschaubar zu halten, indem sie ihren Gästen einfach ab 10 Uhr abends keine Getränke mehr bringen oder kommentarlos das Licht hinter der Theke löschen, das Handtuch in die Ecke werfen und heim fahren. Das wirkt sehr gut, die Leute kommen tatsächlich nicht so oft wieder. 

Insgesamt gesehen ist diese Technik aber weder charmant schrullig noch ein guter Anfang für Mundpropaganda, geschweige denn eine liebenswerte regionale Eigenart wie sie die Berliner Taxifahrer pflegen. Wer dort zuvorkommend behandelt wird, fühlt sich ja direkt ausgegrenzt. Nein, diese Art von negativer Freundlichkeit ist als Markenzeichen schon besetzt. Am Mittelrhein können wir auf andere Pfunde setzen. Der Mittelrhein hat jede Menge lonely places zu bieten, die tatsächlich lonely sind.

Einmal um die Kurve gegangen, zack ist man alleine

Verlässt man die Ortschaften, ist man schnell im Weinberg oder im Wald und genau so schnell ist man tatsächlich alleine und kann endlich hemmungslos Boney M singen. Das ist ein riesiger Vorteil im Vergleich zu Ballungsregionen, wo man sehr lange hinaus fahren muss, um den Luxus zu genießen, den „River of Babylon“ alleine vor sich hin singen zu können. Das Gute ist, dass man sich am Mittelrhein zwar alleine fühlt und auch niemanden sieht, aber oft nicht wirklich alleine ist.

Man kann davon ausgehen, dass irgendwo in der Nähe jemand gerade Nüsse sucht, Reben schneidet oder zufällig mit dem Hund geht und dich finden wird, wenn der Blinddarm durchbricht. Eigentlich die perfekte Kombination. Einsamkeit mit Sicherungsleuten im Hintergrund, falls was passiert. Also Boney M vielleicht erstmal nur einstimmig singen. 

Am Mittelrhein springen einen die lonely places geradezu an. Einmal um die Kurve gegangen, zack ist man alleine. Überall gibt es nicht nur gut ausgebaute Wanderwege, sondern dazu noch einige alte Wege, die früher mal genutzt wurden und sich heute etwas verstecken. Hier und da sieht man den Eingang zu alten Schieferminen oder Abkürzungen vom Rhein zu den Hangkanten, die sich in den Haselsträuchern verlieren.

Es gab Zeiten, da wurden die Besorgungen und die Gerüchte zu Fuß hier hoch getragen, bis endlich jemand so freundlich war, den Kofferraum zu erfinden. Die alten Wege sind aber trotz Kofferraum noch da und sie erzählen ihre eigenen Geschichten. Von der Verbindung zwischen zwei Orten. Oder auch von der fehlenden Verbindung zwischen zwei Orten. Oder von dem kleinen Umweg hinter eine Baumgruppe, wo man sich prima zwischen zwei Orten verabreden konnte bevor man zuhause die Knutschflecken mit einem Schal verstecken musste. Es sind lonely places, aber einsam waren da nicht alle, eher lovely.

Last Exit Urbar

Manche der alten Wege sind auch die neuen Wege. Diese Wege sind die heimlichen Stars am Mittelrhein. Wenn ich heute eine Traumschleife wandere, stelle ich mir vor, dass genau hier schon lustlose Römer entlang schlurften, die weniger Lust auf Imperium als auf Cervisia hatten und sicher an alles andere als an Traumschleifen dachten. Lonely places mit dem Kitzel der Geschichte. 

Gegenüber der Loreley gibt es so einen kleinen verschlungenen Weg durch den Wald, der eine prima Abkürzung nach Urbar ist – wenn man nicht gerade mit dem Kinderwagen unterwegs ist. Wer hier hoch kommt ohne zu schnaufen, der ist wahrlich fit. Die Urbarer sind clever, sie haben sich die Gemarkung gesichert, also läuft man vom Rheinufer bis nach oben über Urbarer Grund. Urbar ist daher einer der wenigen Höhenorte mit Rheinanschluss. Dieser Weg ist ein echter lonely place.

Der Anstieg hält viele davon ab, ihn zu gehen, also ist man schnell für sich. Bald ist man über den Häusern und über den Gleisen. Der Wald schließt sich locker, lässt aber gucken. Auf diesem Weg bist du nur wenig mehr als 150 Meter vor der Loreley und ganz alleine für dich und hast einen exklusiven Panoramablick auf Deutschlands berühmtesten Felsen. Oben, auf der Loreley, siehst du, wie sich Leute am Geländer tummeln. Sie warten höflich, bis sie an der Reihe sind für ihren kurzen lonely-place-moment am Gitter. Sie treten ans Gitter, schauen runter, schauen links und rechts, zeigen auf ein Schiff und machen dann Platz für die nächsten. Dann machen sie sich wieder auf die Suche nach dem nächsten lonely place. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. 

 

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Ein Beitrag geteilt von Volker Ulrich (@volker_ulrich)

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen:

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

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Ein Beitrag geteilt von Andreas Hillesheim (@meineheimatistschoen)

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