Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Kategorie: Kolumne Seite 1 von 4

Was zur Hölle ist eigentlich Schiefer?

Schiefer ist im Rheintal so allgegenwärtig, dass man ihn kaum noch bemerkt. Außer, man heißt Christian Büning, hat einen Blick für das Besondere und ist der beste Mittelrhein-Erklärer weit und breit. Hier schreibt er, warum Schiefer und Welterbetal das perfekte Paar sind. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Werkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Am Mittelrhein ist alles etwas schiefer. Nicht nur die Dacheindeckungen und die Mauern, sondern auch der Humor, manche Charaktere und bei manchen Flötenkonzerten ist es auch manchmal etwas schiefer und das ist auch gut so. Aber was ist Schiefer eigentlich? Ein Stein? gepresster Sand? Die fossilen Reste von Walfett? Woraus ist Schiefer gemacht, was zeichnet ihn aus und woraus ist demzufolge der Mittelrhein gemacht? Keine einfache Frage, aber wir sind ja hier, um sowas herauszufinden. 

Geologisch gesehen ist Schiefer nicht Sand, nicht Lehm und nicht Stein, sondern der Begriff für eine Sedimentschicht, die unter sehr hohem Druck auf dem Weg vom Lehm zum Stein ist, also irgendwas dazwischen. Würde Schiefer noch gemütlich ein paar Millionen Jahre unter Druck und hohen Temperaturen so vor sich hin liegen, würde daraus irgendwann ein Stein werden, vermutlich sogar ein schöner. Wahrscheinlich passiert genau das gerade auch irgendwo, ohne dass es jemand mitbekommt, tief unter der Erde.

Aber am Mittelrhein haben die Menschen das spitz gekriegt mit dem Schiefer und ihn einfach aus dem Berg geholt. Damit wurden fabelhafte Dächer, Gauben und Mauern und natürlich unzählige Servierplatten für Käseigel gebaut. Schiefer ist also geologisch ein »Dazwischen«, das zum richtigen Zeitpunkt ans Licht kam und gerne rumliegt.

Schiefer kann mehr oder: Fifty Shades of Grey

Farblich ist Schiefer ebenfalls nicht eindeutig zu bestimmen. Natürlich ist der übliche Schiefer dunkelgrau bis anthrazit, auch wenn man immer erst überlegen muss, wie man anthrazit schreibt. Ich merke mir das immer mit Anthrax, aber zum Glück ist der Schiefer nicht so giftig. Es gibt übrigens auch weißen, roten, grünen oder gelben Schiefer. Man könnte damit bunte Dächer decken und schöne Muster oder QR-Codes in Kirchendächer reinlegen, an denen Historikerinnen und Historiker in naher Zukunft verzweifeln werden. Auch innerhalb der Grautöne gibt es viele Varianten und Nuancen. Die Vielfalt an Grau ist groß, da sind fünfzig Schattierungen noch gar nichts. Die meisten werden bei Schiefer jedoch an ein warmes Dunkelgrau denken. Eine Farbe, in der gerade alles produziert wird – vom Fensterrahmen bis zur Serviette. Alles in warmem Dunkelgrau, alles in Schiefer. Alles in schick. Schiefer ist also eigentlich Grau, kann aber heimlich mehr. 

Ebenfalls schwer greifbar ist die Festigkeit von Schiefer, anders als die von Granit oder Basalt. Granit ist hart wie – nun ja Granit. Basalt ist auch hart, aber unter bestimmten Umständen doch bröselig. Schiefer ist irgendwo zwischen sehr stabil und sehr spröde, je nachdem, von welcher Seite man auf den Schiefer klopft. Beim Spalten eines Schieferbrockens kann man das gut sehen. Die einzelnen Lagen gehen so leicht auseinander wie Blätterschokolade. Man kann kaum glauben, dass es ein Stein ist, der da gespalten wird. Man muss aber schnell sein mit dem Spalten. Wenn der Schiefer trocknet, bricht er nicht mehr so gut. Die einzelne Schieferplatte hingegen ist nach dem Trocknen erstaunlich stabil und hält einiges aus. Zumindest meistens.

Warum muss ich jetzt an Wein denken?

Das Dach gegenüber von meinem Schreibtisch ist mit Schiefer eingedeckt. Im Sommer, Regen war gemeldet, beobachtete ich, dass von dem Dach eine Schieferschindel zur Hälfte in der Regenrinne lag und das Dach nun ein strategisch und zeitlich ungünstiges Loch hatte. Die Holzplanke darunter war sichtbar und jeder, der schonmal in einem Haus war, weiß dass es bei einem Dach nichts Gutes ist, wenn es reinregnen kann. Mit der Ley wars vorbei, aber das Loch konnte noch rechtzeitig geflickt werden bevor der Regen kam. Damals, kurz vor dem Regen, wusste ich nicht, dass dieser Niederschlag für Teile in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen eine schreckliche Flutkatastrophe werden sollte, nach der ein kleines Loch im Dach als Schaden sehr harmlos klingt.

Warum die Ley genau zu dem Zeitpunkt gebrochen ist, kann keiner sagen. Alle anderen Schindeln liegen stabil und stramm wie ein Gefieder, aber diese eine brach. Vermutlich hat sich vor ein paar Millionen Jahren, als sich der Lehm verdichtete, ein winziger Spannungsriss erhalten, der jetzt, genau an einem Dienstag, kommentarlos die Schindel in zwei Teile brechen ließ. Die Festigkeit von Schiefer ist also nicht ganz eindeutig zu greifen. Fest? Hart? Spröde? Irgendwas dazwischen. 

Der Schiefer ist also schwer zu greifen und sehr vielseitig. Das Material ist irgendwas zwischen Lehm und Stein. Die Farbe ein warmes Grau, aber auch nicht nur grau, sondern irgendwas dazwischen. Die Festigkeit ist sowohl spröde als auch stabil, also irgendwas dazwischen. Der Schiefer ist irgendwas dazwischen, ein Hybrid sozusagen, einer, den man nicht so ganz einfach zuordnen kann. Komplex, mineralisch, warm, vielschichtig. Warum muss ich jetzt an Wein denken? 

Das passt zusammen

Ich finde, der Schiefer hätte sich keine bessere Region als den Mittelrhein aussuchen können. Der Mittelrhein ist auch irgendwo zwischen Hunsrück und Taunus, zwischen Ober- und Niederrhein und bei weitem nicht so einfach abgrenzbar wie Schleswig-Holstein oder das Emsland. Auf der Deutschlandkarte könnten viele vermutlich nur ungefähr, verlegen lächelnd zeigen, wo der Mittelrhein genau ist. Dazu kommt die Topographie. Nicht Berg, nicht flach, nicht eng, nicht weit, sondern irgendwas von allem, irgendwas dazwischen.

Dann die Farben der Häuser. Die Schieferdächer dominieren die Region und doch wirken die Orte nicht eintönig und grau, sondern schimmern in vielen Facetten des Schiefers und bunten Putzen (Yes, looking at you, Niederheimbach). Schließlich noch die Gemütslage hier, die ebenfalls wie der Schiefer irgendwo zwischen sehr fest, in manchen Fällen auch stur – und sehr anpassungsfähig ist, je nachdem, wer da klopft und von welcher Seite. Das Dazwischen, das Mehrdeutige, das Hybride, das macht den Schiefer aus. Und das macht auch den Mittelrhein aus. 

Der Schiefer ist aus feinem Lehm entstanden, der sich zufällig irgendwo niedergelassen hat, wo die Strömung ihn hintrieb. Er wurde feste gedrückt und ist heute ein stabiler und begehrter Grundstoff. Von seiner Farbe darf man sich nicht täuschen lassen, da ist vieles möglich und was auf den ersten Blick vielleicht spröde wirkt, kann bei der Arbeit sehr geschmeidig sein. Das gleiche könnte man über die Leute hier sagen. Der Mittelrhein und Schiefer passen also offenbar ganz gut zusammen, dann lassen wir das für heute auch so. Am Mittelrhein ist alles etwas schiefer. Punkt.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Mittelrheingold (@mittelrheingold)

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist er Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen: 

Bis dahin fließt noch viel Wasser denn Rhein runter (über Hungersteine und Niedrigwasser)

Was macht die Welt mit der Loreley? (über das Image der bekanntesten aller Mittelrheinerinnen)

Was die Abladeoptimierung Mittelrhein mit einem wackligen Tisch zu hat (über die Vertiefung der Mittelrhein-Fahrrinne)

Blühende Schleifenlandschaften – die heimliche Blume von Boppard (über Iberis linifolia subsp. boppardensis und was man damit anstellen könnte

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)


Foto des Tages

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Rheingauprinzessin (@rheingauprinzessin)

Jetzt den Mittelrheingold-Newsletter abonnieren

Mittelrheingold Auslese: Jeden Freitag die wichtigsten Mittelrhein-Themen auf einen Blick. Hier geht’s zum kostenlosen Abo

Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein runter

Hungersteine heißen die Felsbrocken, die der Rhein nur bei großer Trockenheit und extremem Niedrigwasser freigibt. Den Namen gibt es seit vielen Jahrhunderten, aber noch nie waren die Hungersteine  so oft zu sehen wie in unserer Zeit. Wird der Rhein jetzt zum Rinnsal? Nein, glaubt Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning. Es muss aber einiges anders werden, damit der Rhein bleibt. Noch haben wir es in der Hand. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Werkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Warm wie ein Kinderplanschbecken ist der Rhein an seinen Ufern in diesem Sommer. Die Ufer sind sich deutlich näher gekommen als sonst, der mächtige Vater Rhein ist gerade eher ein schmächtiges Väterchen. Sonst bekam der Rhein im Frühjahr eine Welle Schmelzwasser und im Sommer einen kräftigen Schluck Gletscherwasser, damit er imposant fließen kann und den ganzen Leuten an seinem Ufer ein schönes Gefühl von der Weite der Welt gibt. Die Schneeschmelze war in diesem Jahr nix, weil es kaum Schnee zum Schmelzen gab. Das Gletscherwasser geht zur Neige, weil die Gletscher zur Neige gehen. Also bekommt der Rhein zweimal weniger und zeigt uns einen Pegel nahe bei den Außentemperaturen. Alles, was erst in ein paar Jahren passieren sollte mit diesem Klimawandel, passiert bereits jetzt – der Rhein wird zukünftig im Sommer nicht mehr durchgehend schiffbar sein.

Nun steh ich am Ufer dieses Rheins, schaue auf seine Kieselränder, die sonst unter Wasser sind und jetzt in der Sonne braten. Der Schlamm ist trocken gebacken wie Teigreste im Ofen. Eine Mischung aus Besorgnis und Empörung befällt mich. Die Besorgnis, das macht der Verstand. Jeder, der auch nur gelegentlich Nachrichten schaut, weiß, was gerade passiert und wer der Verursacher ist. Die Empörung kommt dagegen tief aus dem Bauch. Empörung darüber, dass der Rhein einfach zerrinnt, weniger wird und vielleicht irgendwann einfach Pause macht. Dass der Rhein als Mythos aufhört und ich akzeptieren muss, dass es am Ende einfach Wasser war, das von einem höheren Punkt zu einem niedrigeren Punkt fließt. Als ob ich einen Anspruch darauf hätte, dass der Rhein da ist, nur weil es ein paar hübsche Redensarten drumherum gehäkelt gibt.

Den Rhein befahren zu können, war ein Privileg

Alles, was den Mittelrhein ausmacht, ist der Rhein. Der hat sich hier in Jahrzehntausenden durch den Fels gelutscht und quasi aus Versehen diese großartige Landschaft liegen gelassen. Er hat Kies, Sand und gemischte Gerüche hier abgeladen und Abwasser, Schlamm, ein wenig Spucke und hin und wieder eine Flaschenpost mit heißer Liebe mitgenommen. Er hält den Frost in Schach, er macht die Hitze erträglicher. Der Rhein hat Leute gebracht und geholt, Waren geliefert, Autorreifen entsorgt und manchen heimlichen Kuss am Ufer gesehen. Den Rhein befahren zu können, war ein Privileg. Die Schiffslotsen waren lässige Helden, die den Kahn einhändig durch diese Waschmaschine kutschierten und dabei den Zigarettenrauch mit einem Auge wegblinzelten. Die Kapitäne wurden nicht von ihrer Uniform getragen, die Kapitäne haben die Uniform getragen. Der Rhein hat sie stolz gemacht. Und jetzt ist der stolze Rhein ein schwacher Patient mit Aderlass.

Was bleibt vom Mittelrhein, wenn man den Rhein wegnimmt? Mittel. Mittel ist halt so mittel. Mittelmäßig, mittelgut, mittelschlecht. Alles nicht so berauschend. Wer den Mittelrhein kennt, weiß, dass er nicht mittel ist. Sondern krass. Aber ohne Rhein ist das schwer zu vermitteln. Wir brauchen den Rhein, damit wir Mittelrhein sein können. Sonst hätten wir ja auch direkt an die Mosel gehen können.

Der Rhein hat uns viele Jahrhunderte versorgt. Manchmal zu viel, manchmal zu wenig, meistens ganz gut. Die Träumer hat er mitgenommen in seinen Gedanken ans Meer. Die Pragmatiker hat er huckepack genommen mit ihrem Holz, ihren Booten und neuerdings ihren Jetski. Jetzt müssen wir den Rhein versorgen, mit weniger von uns und unserem Bedarf. Weniger Erderwärmung, weniger Gletscherschmelze, weniger Flächenversiegelung. Weniger wollen, weil wir mehr wollen.

Der Rhein ist nicht alleine mit seinem Wassermangel. Die wunderschöne Loire in Frankreich ist gerade einfach nicht da. Sie ist nur ein trockenes Flußbett. Rascheln statt Rauschen. Die Fische sind irgendwohin, der Boden trocken, die Kaninchen können endlich entfernte Verwandte besuchen. Das Wasser der Loire, wegen dessen Glitzern vor den Schlössern die Touristen sonst kommen, macht Pause. Vielleicht bis zum Oktober, wenn es wieder etwas regnet. In Italien beim Po das gleiche.

Die neuen Hungersteine

Überall fallen Flüsse trocken, die Leute stehen schweigend am Ufer und versuchen sich, einen Reim darauf zu machen. Flüsse verschwinden vielleicht in der Serengeti oder im Okawango-Delta. Dann heißen sie Wadi und kommen am Ende der Fernsehdoku schön wieder zurück, alles ist wieder grün, die Tiere fressen sich satt und danach die Nachrichten. Vom sicheren Sofa aus sind Wadis interessant. Vor dem Fenster ist so ein Wadi eher bedrohlich.

Bedrohlich ist auch die Warnung, nicht auf den jetzt freiligenden Uferstreifen herum zu laufen, weil da möglicherweise noch Blindgänger liegen auf die man treten könnte. Überall werden auch gruselige Hungersteine sichtbar. Die liegen sonst unter Wasser und tauchen nur bei extremem Niedrigwasser auf. Die Inschriften sind dramatisch: »Wenn du mich siehst, dann weine!«, weil klar war, dass Niedrigwasser schlechte Ernten bedeuteten.

Wir könnten heute neue Hungersteine dazulegen, die eher Klimasteine heißen müssten. Die Inschrift könnte lauten: »Wenn du mich siehst, spar mehr CO2!« oder »Wenn du mich siehst, dann ist wahrscheinlich das Pariser Klimaabkommen nicht ganz erreicht worden und vielleicht sollte da etwas nachgebessert werden, wenn es keine Umstände macht!« aber das passt dann vermutlich wieder nicht auf den Stein.

Man kann noch etwas tun

Dabei ist es ja nicht so, dass es weniger regnet – der Regen ist nur ungleichmäßiger verteilt über das Jahr. Mehr Regen im Winterhalbjahr, dafür trockene Sommer. Gegenden, die viel Übung mit heißen Sommern und feuchten Wintern haben, sind jetzt im Vorteil. Iran, Afghanistan und die Südstaaten der USA zum Beispiel. Sie haben Techniken entwickelt, die Niederschläge nicht direkt abfließen zu lassen, sondern zu halten und verzögert zu dosieren. Das dämmt die trockene Zeit ein und versorgt die Pflanzen mit Wasser. Hierzulande könnten Wälder das Wasser gut halten und langsam weiter dosieren. Also richtige Wälder und keine Fichtenplantagen mit Drainagegräben. Der Humus hält das Wasser, die Bäume geben Schatten und halten den Wind weg, so in etwa. Die Wälder werden tatsächlich schon umgebaut, aber ein Wald ist kein D-Zug, sowas dauert halt.

Bis dahin könnte man sich ja Flächen anschauen, die bisher Regenwasser nicht dosieren, sondern einfach ableiten. Dächer, betonierte Hinterhöfe, Stellplätze für Autos, da kommt schon was zusammen. Jede Fläche, die jetzt entsiegelt wird und das Wasser in die Erde lässt, ist ein kleiner High-Five für das Grundwasser. Jeder Schluck im Grundwasser macht aus 4 trockenen und heißen Monaten ein kleines Stück nicht ganz so schlimme trockene und heiße Monate. Der Boden ist ein guter Wasserspeicher, dafür muss er halt auch Wasser bekommen. Wir können es ihm geben.

Der Rhein hat die Menschen immer berührt und ihnen auch meistens Zuversicht gegeben. Es kann passieren, was will: Der Rhein fließt einfach weiter. Du warst ein paar Jahre weg? Kein Thema, der Rhein hat schön weiter sein Flussding gemacht und auf dich gewartet. Du warst noch nie in Deutschland und siehst zum ersten Mal den Rhein? Bitte sehr, da ist er und fließt schon eine Weile gemütlich vor sich hin. Genau dieses Konstante hält mich gerade stimmungsmäßig über Wasser: er fließt noch, der Rhein, und man kann noch etwas tun dass er im Sommer nicht ganz verschwindet. Weniger sinnlos konsumieren, die Erderwärmung eindämmen und Flächen entsiegeln zum Beispiel. In Köln am Rhein sagt man »Arsch hu, Zäng usseinander«, was man hier vielleicht etwas höflicher übersetzen könnte mit »Ala hopp«. Für die Zugezogenen wäre das vielleicht zu übersetzen mit »Wenn Sie vielleicht mitmachen wollen?«

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist er Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Franziskus Weinert (@mittelrheintal)

Bisher erschienen: 

Was macht die Welt mit der Loreley? (über das Image der bekanntesten aller Mittelrheinerinnen)

Was die Abladeoptimierung Mittelrhein mit einem wackligen Tisch zu hat (über die Vertiefung der Mittelrhein-Fahrrinne)

Blühende Schleifenlandschaften – die heimliche Blume von Boppard (über Iberis linifolia subsp. boppardensis und was man damit anstellen könnte

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

Was macht die Welt mit der Loreley?

Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning liebt die Loreley, aber als Kommunikationsdesigner wundert er sich: Hat der bekannteste Felsen Deutschlands wirklich ein Image wie Toast Hawaii verdient? Ein Denkanstoß.

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Werkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Man kann nie wissen, ob ein Kompliment ehrlich gemeint ist oder nur höflich. Vor dem Problem stehe ich bei jedem Hosenkauf, bei dem mir die Verkäufer wortreich versichern, dass es überhaupt nicht spannt im Bund. Wahre Zuneigung zeigt sich anders, zum Beispiel durch den Namen, den man Dingen gibt. In Namibia ist ein Berg mitten in einer der trockensten Gegenden der Welt und heißt Mount Lorelei. Der Oranje-River, der vor dem Berg herfließt und tatsächlich auch einen scharfen Knick macht wie der Rhein, führt nicht immer Wasser. Vielleicht ist das ja ein gruseliger Vorgeschmack auf das Schicksal des Rheins, wer weiß. Der Berg hat den Namen nach einem Felsen am Mittelrhein erhalten, der berühmt ist wie kaum ein zweiter in Deutschland oder sogar in der Welt. 

 Auch in der Botanik ist die Liebe für die Loreley sehr stark. Eine Pfingstrose »Lorelei« betört mit einer nicht beschreibbaren Farbe zwischen Dunkelpink und Purpur, eine Bartiris »Loreley« gefällt mit einem zartgelben Dom und einer violett geäderten Lippe mit vornehm weißem Rand. Loreley ist als Sortenname für eine Anemone, eine Dahlie, eine Funkie und sogar eine Weißtanne geschützt. Und natürlich nicht zu vergessen die Welterberose »Zauber der Loreley«, die tatsächlich zauberhaft ist. Ein Essener Schriftentwerfer hat eine sehr hübsche Schreibschrift herausgebracht unter dem Namen Lorelei. Jeder, der eine Nesthäkchen-Kassette zuhause hat, kennt diese Schrift. Am Jägersteig in der Nähe des Kaiserstuhls gibt es den Bildstein, der als die Loreley in Süddeutschland beworben wird. Die Loreley ist ein fester Begriff. Immer, wenn es um Anmut, Schönheit und Liebreiz geht, ist Loreley der richtige Name. Naming-Agenturen hätten ihn nicht besser schmieden können. Loreley ist international gut auszusprechen, braucht keine Sonderzeichen und klingt gut. 

Die Loreley braucht ein dezentes Update

Und was haben alle diese Dinge gemeinsam, die den zauberhaften Namen Loreley tragen? Richtig: Sie sind nicht von hier. Der namibische Berg ist – wenig überraschend – in Namibia, die eingetragenen Pflanzensorten sind wahlweise in den USA oder in Tschechien als Sorte gezüchtet worden, die Schriftart Loreley kommt aus Essen. Was ich damit sagen will? Die Loreley zieht. Oder besser: Sie zog. Denn fast alle Eintragungen, die ich hier genannt habe, sind mindestens 30 Jahre alt, die meisten aus den 60er Jahren. Nur die Welterberose ist erst 13 Jahre jung. 

Für eine Marke ist Alter nichts schlimmes. Nike ist 60 Jahre alt, sogar Fritz Cola als Marke ist schon 20 Jahre auf dem Markt und wirkt noch frisch wie ein Start-up. Marken leben von Assoziationen und Gefühlen, die man mit ihnen verbindet. Marlboro ist schon120 Jahre alt und war viele Jahre eine lange, dünne Zigarette mit pinkem Filter. Auf einem pinken Filter sieht man den Lippenstift nicht so. Aus dem Nischenprodukt wurde erst die Weltmarke, als man die Erzählung von »elegante Lady« auf »derber Cowboy« änderte. Offenbar wollten sehr viel mehr Leute auf der Welt ein derber Cowboy sein als eine elegante Lady. Ich wüsste, wie ich mich entschieden hätte. Die Zigarette bekam keinen anderen Tabak, sondern nur eine andere Filterfarbe und einen anderen Durchmesser. Das und eine riesige Kampagne lösten komplett andere Gefühle aus. Der Umsatz hat sich vermillionenfacht, alle haben sich in die Prärie geraucht und die Ladies mussten ihren Lippenstift woanders drauf drücken. 

Ähnlich ist es mit der Loreley. Die ganze Liebe, die die Loreley weltweit erfährt, assoziiert mit der Loreley etwas Altes, eine uralte Sage aus der Vorzeit, etwas wagnerianisch Antikes oder bestenfalls etwas aus der Ära des Toast Hawaii, als es noch Fräuleins gab. Natürlich hat auch das seinen Charme, aber für meinen Begriff ist da eine kleine zeitliche Lücke von mittlerweile 70 Jahren, die nach einem dezenten Update verlangt. 

Dürfte eine moderne Loreley eine Hose tragen?

Der Mittelrhein ist als Region ziemlich schwer zu greifen. Darum schreibe ich mir ja hier auch die Finger rund. Aber wenn es eine Figur gibt, die den Mittelrhein präsentiert und weltweit bekannt ist, dann ist es die Loreley. Und wenn diese Figur in den Köpfen der Leute das auslöst, was ein ehrwürdiges, aber altes und staubiges Buch auslöst, das man im Keller findet, dann färbt das unweigerlich auch auf die ganze Region ab. Natürlich würde am Mittelrhein niemand Bücher im Keller lagern, weil es hier keine Keller gibt, die trocken genug dafür wären. Aber das weiß man in Namibia ja vielleicht nicht oder in den USA. Ist ein Toast Hawaii das richtige Bild für die Region Mittelrhein? Ich bin mir nicht sicher, auch wenn eine Kirsche dabei ist. 

Vielleicht wäre es ja Zeit, dass die Loreley nicht nur ihre Haare kämmt, sondern auch ihr Image. In den alten Sagen ist die Loreley einfach nur die Schöne, die mit gebrochenem Herzen singend auf dem Felsen sitzt und hauptberuflich als Ausrede für Kapitäne arbeitet, die ihren Kahn mal wieder auf Grund gesetzt haben. Die Frau wars, ich schwör! 

Es ist natürlich immer wunderbar und erfüllend, die Schönheit der Frauen zu preisen, aber mittlerweile hat sich ja rumgesprochen, dass Frauen mehr können als Schönsein und nach Pfirsich duften. Wie sähe denn eine Loreley aus die das alte Sagenbild der Frau auf dem Felsen weiter entwickelt und sich von ihrem unpraktisch großen Kamm emanzipiert? Dürfte eine moderne Loreley eine Hose tragen? Oder kurze Haare haben? oder schwarze Haare? Oder Aishe heißen? Hat sie eine Kämm-App? Hat sie eine Stimme? Wie sähe die Sage der Loreley aus, wenn sie heute noch einmal neu entstehen würde? Wäre die Loreley eine verzweifelte Influencerin, die aus Instagram rausgeworfen wurde und jetzt aus Rache die alten Kapitäne auf Facebook mit irreführenden Hashtags ablenkt, die dann mit dem Handy in der Hand ihre Schiffe auf Grund setzen? Die Frau wars, ich schwör! 

Eine Marke kann man weiter entwickeln, siehe Marlboro. Aber kann man eine Sagengestalt relaunchen? Ist das glaubwürdig? Wie wäre eine junge Frau heute drauf, die mit betrogenem Herzen den Kapitänen hinterher schaut? Sie würde sich die Haare kämmen. Und sich dabei filmen und einen Insta-Channel aufmachen, wo sie über Untreue, Männer und untreue Männer spricht und dass man sich nicht abhängig machen sollte und dass eine Mütze noch keinen Kapitän macht. Sie würde ihren Channel »Scheitelpunkt« nennen. Danach würde sie sich die Haare abschneiden, einen Fels über ihr Herz tätowieren lassen und Rafting-Touren auf dem Rhein anbieten oder sowas in der Art. Sie wäre eher ein derber Cowboy als eine elegante Dame. Die Loreley wäre nicht traurig, sondern wütend. Und stark. Und schön. Und ungekämmt. Und sie wüsste vielleicht, was es zu bedeuten hätte.

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Juliane (@julchen_unterwegs)

Bisher erschienen: 

Was die Abladeoptimierung Mittelrhein mit einem wackligen Tisch zu hat (über die Vertiefung der Mittelrhein-Fahrrinne)

Blühende Schleifenlandschaften – die heimliche Blume von Boppard (über Iberis linifolia subsp. boppardensis und was man damit anstellen könnte

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

Foto des Tages

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von May Almonte (@maycuriositats)

Jetzt den Mittelrhein-Newsletter abonnieren

Mittelrheingold Auslese: Jeden Freitag die wichtigsten Mittelrhein-Themen auf einen Blick. Hier geht’s zum kostenlosen Abo

 

Seite 1 von 4

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

%d Bloggern gefällt das: