Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Kategorie: Kolumne Seite 2 von 5

Was macht die Welt mit der Loreley?

Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning liebt die Loreley, aber als Kommunikationsdesigner wundert er sich: Hat der bekannteste Felsen Deutschlands wirklich ein Image wie Toast Hawaii verdient? Ein Denkanstoß.

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Werkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Man kann nie wissen, ob ein Kompliment ehrlich gemeint ist oder nur höflich. Vor dem Problem stehe ich bei jedem Hosenkauf, bei dem mir die Verkäufer wortreich versichern, dass es überhaupt nicht spannt im Bund. Wahre Zuneigung zeigt sich anders, zum Beispiel durch den Namen, den man Dingen gibt. In Namibia ist ein Berg mitten in einer der trockensten Gegenden der Welt und heißt Mount Lorelei. Der Oranje-River, der vor dem Berg herfließt und tatsächlich auch einen scharfen Knick macht wie der Rhein, führt nicht immer Wasser. Vielleicht ist das ja ein gruseliger Vorgeschmack auf das Schicksal des Rheins, wer weiß. Der Berg hat den Namen nach einem Felsen am Mittelrhein erhalten, der berühmt ist wie kaum ein zweiter in Deutschland oder sogar in der Welt. 

 Auch in der Botanik ist die Liebe für die Loreley sehr stark. Eine Pfingstrose »Lorelei« betört mit einer nicht beschreibbaren Farbe zwischen Dunkelpink und Purpur, eine Bartiris »Loreley« gefällt mit einem zartgelben Dom und einer violett geäderten Lippe mit vornehm weißem Rand. Loreley ist als Sortenname für eine Anemone, eine Dahlie, eine Funkie und sogar eine Weißtanne geschützt. Und natürlich nicht zu vergessen die Welterberose »Zauber der Loreley«, die tatsächlich zauberhaft ist. Ein Essener Schriftentwerfer hat eine sehr hübsche Schreibschrift herausgebracht unter dem Namen Lorelei. Jeder, der eine Nesthäkchen-Kassette zuhause hat, kennt diese Schrift. Am Jägersteig in der Nähe des Kaiserstuhls gibt es den Bildstein, der als die Loreley in Süddeutschland beworben wird. Die Loreley ist ein fester Begriff. Immer, wenn es um Anmut, Schönheit und Liebreiz geht, ist Loreley der richtige Name. Naming-Agenturen hätten ihn nicht besser schmieden können. Loreley ist international gut auszusprechen, braucht keine Sonderzeichen und klingt gut. 

Die Loreley braucht ein dezentes Update

Und was haben alle diese Dinge gemeinsam, die den zauberhaften Namen Loreley tragen? Richtig: Sie sind nicht von hier. Der namibische Berg ist – wenig überraschend – in Namibia, die eingetragenen Pflanzensorten sind wahlweise in den USA oder in Tschechien als Sorte gezüchtet worden, die Schriftart Loreley kommt aus Essen. Was ich damit sagen will? Die Loreley zieht. Oder besser: Sie zog. Denn fast alle Eintragungen, die ich hier genannt habe, sind mindestens 30 Jahre alt, die meisten aus den 60er Jahren. Nur die Welterberose ist erst 13 Jahre jung. 

Für eine Marke ist Alter nichts schlimmes. Nike ist 60 Jahre alt, sogar Fritz Cola als Marke ist schon 20 Jahre auf dem Markt und wirkt noch frisch wie ein Start-up. Marken leben von Assoziationen und Gefühlen, die man mit ihnen verbindet. Marlboro ist schon120 Jahre alt und war viele Jahre eine lange, dünne Zigarette mit pinkem Filter. Auf einem pinken Filter sieht man den Lippenstift nicht so. Aus dem Nischenprodukt wurde erst die Weltmarke, als man die Erzählung von »elegante Lady« auf »derber Cowboy« änderte. Offenbar wollten sehr viel mehr Leute auf der Welt ein derber Cowboy sein als eine elegante Lady. Ich wüsste, wie ich mich entschieden hätte. Die Zigarette bekam keinen anderen Tabak, sondern nur eine andere Filterfarbe und einen anderen Durchmesser. Das und eine riesige Kampagne lösten komplett andere Gefühle aus. Der Umsatz hat sich vermillionenfacht, alle haben sich in die Prärie geraucht und die Ladies mussten ihren Lippenstift woanders drauf drücken. 

Ähnlich ist es mit der Loreley. Die ganze Liebe, die die Loreley weltweit erfährt, assoziiert mit der Loreley etwas Altes, eine uralte Sage aus der Vorzeit, etwas wagnerianisch Antikes oder bestenfalls etwas aus der Ära des Toast Hawaii, als es noch Fräuleins gab. Natürlich hat auch das seinen Charme, aber für meinen Begriff ist da eine kleine zeitliche Lücke von mittlerweile 70 Jahren, die nach einem dezenten Update verlangt. 

Dürfte eine moderne Loreley eine Hose tragen?

Der Mittelrhein ist als Region ziemlich schwer zu greifen. Darum schreibe ich mir ja hier auch die Finger rund. Aber wenn es eine Figur gibt, die den Mittelrhein präsentiert und weltweit bekannt ist, dann ist es die Loreley. Und wenn diese Figur in den Köpfen der Leute das auslöst, was ein ehrwürdiges, aber altes und staubiges Buch auslöst, das man im Keller findet, dann färbt das unweigerlich auch auf die ganze Region ab. Natürlich würde am Mittelrhein niemand Bücher im Keller lagern, weil es hier keine Keller gibt, die trocken genug dafür wären. Aber das weiß man in Namibia ja vielleicht nicht oder in den USA. Ist ein Toast Hawaii das richtige Bild für die Region Mittelrhein? Ich bin mir nicht sicher, auch wenn eine Kirsche dabei ist. 

Vielleicht wäre es ja Zeit, dass die Loreley nicht nur ihre Haare kämmt, sondern auch ihr Image. In den alten Sagen ist die Loreley einfach nur die Schöne, die mit gebrochenem Herzen singend auf dem Felsen sitzt und hauptberuflich als Ausrede für Kapitäne arbeitet, die ihren Kahn mal wieder auf Grund gesetzt haben. Die Frau wars, ich schwör! 

Es ist natürlich immer wunderbar und erfüllend, die Schönheit der Frauen zu preisen, aber mittlerweile hat sich ja rumgesprochen, dass Frauen mehr können als Schönsein und nach Pfirsich duften. Wie sähe denn eine Loreley aus die das alte Sagenbild der Frau auf dem Felsen weiter entwickelt und sich von ihrem unpraktisch großen Kamm emanzipiert? Dürfte eine moderne Loreley eine Hose tragen? Oder kurze Haare haben? oder schwarze Haare? Oder Aishe heißen? Hat sie eine Kämm-App? Hat sie eine Stimme? Wie sähe die Sage der Loreley aus, wenn sie heute noch einmal neu entstehen würde? Wäre die Loreley eine verzweifelte Influencerin, die aus Instagram rausgeworfen wurde und jetzt aus Rache die alten Kapitäne auf Facebook mit irreführenden Hashtags ablenkt, die dann mit dem Handy in der Hand ihre Schiffe auf Grund setzen? Die Frau wars, ich schwör! 

Eine Marke kann man weiter entwickeln, siehe Marlboro. Aber kann man eine Sagengestalt relaunchen? Ist das glaubwürdig? Wie wäre eine junge Frau heute drauf, die mit betrogenem Herzen den Kapitänen hinterher schaut? Sie würde sich die Haare kämmen. Und sich dabei filmen und einen Insta-Channel aufmachen, wo sie über Untreue, Männer und untreue Männer spricht und dass man sich nicht abhängig machen sollte und dass eine Mütze noch keinen Kapitän macht. Sie würde ihren Channel »Scheitelpunkt« nennen. Danach würde sie sich die Haare abschneiden, einen Fels über ihr Herz tätowieren lassen und Rafting-Touren auf dem Rhein anbieten oder sowas in der Art. Sie wäre eher ein derber Cowboy als eine elegante Dame. Die Loreley wäre nicht traurig, sondern wütend. Und stark. Und schön. Und ungekämmt. Und sie wüsste vielleicht, was es zu bedeuten hätte.

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

 

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Bisher erschienen: 

Was die Abladeoptimierung Mittelrhein mit einem wackligen Tisch zu hat (über die Vertiefung der Mittelrhein-Fahrrinne)

Blühende Schleifenlandschaften – die heimliche Blume von Boppard (über Iberis linifolia subsp. boppardensis und was man damit anstellen könnte

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

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Was die „Abladeoptimierung Mittelrhein“ mit einem wackligen Tisch zu tun hat

Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning fragt sich, wie viel „Optimierung“ der Fluss noch verträgt und was es am Ende wirklich bringt. Eine Alternative zum klassischen Ausbaggern, Absprengen und Wegmeißeln könnte der Rheinschifffahrt viel mehr helfen. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Werkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Am Mittelrhein laufen immer wieder Schiffe auf Grund, eigentlich in schöner Regelmäßigkeit oder besser in schrecklicher Regelmäßigkeit. Ein Tanker lag mal seitlich auf dem Jungferngrund mit ein paar Hektolitern Säure intus. Die Fische hatten keine Ahnung, in welcher Gefahr sie waren. Ein anderer stellte sich quer ins Wasser und drohte, von der Strömung umgedreht zu werden. Immer wieder gibt es Kapitäne, die die Handbreit Wasser unterm Kiel etwas zu groß einschätzen und das verzweifelte Knirschen von Stein auf Metall durch das ganze Schiff hören so wie man einen Bohrer beim Zahnarzt im ganzen Schädel hört. Zum Auflaufen kommt dann zu allem Übel noch der Auflauf der Schaulustigen an den Ufern, die Fotos und die Häme. Bisher ist es jedoch meistens nochmal gut gegangen mit dem Havarieren. Wasserpolizei, Feuerwehr, Hoffen und Ziehen, Durchschnaufen, Fluchen und alles fließt wieder.

Im Hitzesommer 2018 stand der Pegel im Rhein bei nur noch 28 cm. Das ist weniger als ein Blatt Papier hoch ist. Dazu kommt zwar noch der rechnerische Zuschlagswert von einem guten Meter Wasser, aber der ist nicht nutzbar für Schiffe. Der Pegel im Rhein wird in den nächsten Jahren stärker schwanken. Die Schiffe sollen hingegen immer mehr Fracht transportieren und größer und schwerer werden. Mehr Tiefgang und schwankende Pegel, das heißt Stress für die Kapitäne und Hektik für die Logistik. 28 Zentimeter war der niedrigste Pegel und ungefähr 28 Zentimeter sollen an einigen Felsen unter Wasser weggesprengt werden, damit das Rheinbett die Schiffe in Ruhe lässt.

Der Mittelrhein ist nicht irgendein kleines Flüsschen. Wer einmal gesehen hat, wie hart sich ein Doppelschubverbund in eine 90-Grad-Kurve wirft und dabei genau in der Fahrrinne bleibt, der weiß, welche Nervenstärke ein Kapitän am Mittelrhein braucht. Aber bei 28 cm Pegel hat der beste Kapitän keine Chance, Nerven aus Stahl oder nicht.

Der Mittelrhein ist die Mutter aller Modelleisenbahnlandschaften, jetzt gibt es ein Modell vom Mittelrhein selber. Die Bundesanstalt für Wasserbau hat ein Modell vom Mittelrhein gebaut – im Maßstab 1:60 wurde die Rheinkurve von Kaub bis zur Loreley nachgebildet. Es geht nicht um Freizeitspaß im Miniwonderland, sondern um Strömungsforschung, um Fließschatten und Fahrrinnen. Das Modell zeigt sehr detailgenau alle Felsen unter Wasser. Kleine rote Kügelchen treiben in der Strömung. Sie zeigen, wie sich das Wasser verhält und wo es ungünstige Strömungsschatten und Verwirbelungen gibt.

Den ganzen Tag den vielen roten Kügelchen zuzusehen, begleitet vom leichten Plätschern des Wassers – ich würde vermutlich weniger forschen sondern direkt einschlafen. Das Modell soll aber nicht einschläfern, sondern vorhersagen, welche Felsnasen weg müssen und welche bleiben können. Und wo im Fluss Querbauten nötig sind, um Wasser in die Fahrrinne zu drücken. Das Ziel ist klar: Es soll mehr Wasser in die Mitte, damit mehr Ladung auf die Schiffe kann, damit weniger Ladung auf die Straße kommt. Das Fahren soll so optimiert werden und vor allem das Abladen. Daher hat die ganze Maßnahme den besänftigenden Titel Ablade-Optimierung bekommen.

In Bacharach wurden die ersten Ergebnisse dieser Ablade-Optimierung präsentiert. Ein langer, sogenannter Längsbau soll das Wasser in die Fahrrinne drücken. Für die Schiffe ist das toll, für die Bacharacher nicht. Denn man kann den Rhein dann hinter dem Längsbau nicht mehr sehen und zwischen Längsbau und Rheinufer fließt das Wasser weniger. Bei niedrigem Pegel bleibt dann nur Matsch und Mücken und die Ruderer rudern auf dem Trockenen. Was ist wertvoller – Mehr Fracht oder mehr Lebensqualität? Diese Entscheidung steht noch aus. In Oberwesel werden die nächsten Baupläne für die nächsten Abschnitte bald präsentiert.

 

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Ein Gedankenspiel: Nehmen wir an, alle Maßnahmen der Abladeoptimierung werden umgesetzt. Ist der Rhein dann überall tief genug? Die Dokumentation der Bundesanstalt verneint das. Wenn im mittleren Mittelrhein alles paletti ist, wartet direkt die nächste Engstelle weiter flußabwärts. Ist diese behoben, wartet die nächste schon. Es hört also nicht so schnell auf mit den Modellen, den roten Kügelchen, dem Einschlafen und dem Dynamit. Es ist ein bisschen so als ob ich an einem wackeligen Tisch ein Bein kürzer säge und der Tisch immer noch wackelt. Ich säge also an einem anderen Bein ein Stückchen ab, damit er nicht mehr wackelt und so weiter. Am Ende hat der Tisch keine Beine mehr.

Wer wird das Rennen bei diesem Wettbauen gewinnen? Gewinnt das Dynamit? Wenn die Felsnasen wie geplant alle weggesprengt sind, ist es noch lange nicht gut. Der Klimawandel könnte die Rechnung dennoch zunichte machen mit schwindenden Gletschern und chronischem Wassermangel im Sommer. Wenn der nächste extreme Hitzesommer kommt, ist der Rhein vielleicht wieder für Wochen nicht schiffbar. Und der nächste Hitzesommer kommt bestimmt.

Natürlich wurde am Rhein schon viel gesprengt – mit großem Nutzen. Mehr Ladung auf die Schiffe zu bringen ist auch ein heldenhaftes Ziel, weil auf dem Wasser pro Tonne Fracht weniger CO2 rausgehauen wird und CO2 ist ja als Molekül ein bisschen aus der Mode geraten. Am Binger Loch, an der Loreley, überall wurde in der Vergangenheit schon Fels weggeschlagen, damit die Schiffe nicht auf Grund laufen. Davon profitiert die Schifffahrt bis heute.

Wie also weiter machen? Immer weiter auf dicke Schiffe optimieren und den Mittelrhein anpassen? Oder lieber den Rhein so lassen und einfach die Schiffe optimieren? Das kostet auch Geld. Die Reedereien werden erwartungsgemäß um Hilfe bitten bei der teuren Umstellung ihrer Flotten. So wie die Bahn nach und nach die lauten Waggons aufs Abstellgleis schiebt, könnte man doch auch bei der Schifffahrt nach und nach auf breitere Schiffe mit weniger Tiefgang umstellen. In Summe wäre das sicher günstiger als die permanente Optimierung eines ganzen Flussbettes. Das Unesco Welterbe Oberes Mittelrheintal würde nicht durch hohe Längsbauten entstellt, sondern als stimmiges Bild erhalten bleiben. Die Ruderer in Bacharach würden ihre Paddel nicht in den Schlamm sondern in frisches, klares Rheinwasser schlagen. Natürlich würden auch weiterhin Schiffe auf Grund laufen – die Leute am Steuer sind ja noch die gleichen.

Allerdings liegen die neuen Schiffe nicht so tief im Wasser und haben eine breitere Rumpffläche. Dadurch kann man sie leichter ins tiefere Wasser schleppen und die schaulustigen Menschenmengen lösen sich schneller wieder auf. Also Optimieren sehr gerne, auch gerne fürs Abladen. Nur halt nicht den Rhein optimieren, sondern die Schiffe. Das wollte ich hier in dieser Textspalte kurz abladen.

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Blühende Schleifenlandschaften – die heimliche Blume von Boppard (über Iberis linifolia subsp. boppardensis und was man damit anstellen könnte

Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

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Blühende Schleifenlandschaften oder: Die Blume von Boppard

Schleifen? Kennen wir. Zum Welterbegebiet gehören die Rheinschleifen im Tal und  die Traumschleifen eine (Wander-)Etage höher. Es gibt aber auch – Achtung, kein Aprilscherz – die passende Blume dazu, die im Bopparder Hamm sogar eine eigene Unterart ausgebildet hat: Die Bopparder Schleifenblume. Mittelrheingold-Kolumnist und Freizeitgärtner Christian Büning erklärt, was es damit auf sich hat und was man aus „Iberis linifolia subsp. boppardensis“ machen könnte.

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Ich gebe es zu, ich habe eine ausgeprägte Schwäche für absurde Superlative. Gerade im Regionalmarketing tauchen sie gehäuft auf, zum Beispiel in Perlen wie dieser: „Eine der höchsten bewaldeten Erhebungen im mittleren Vorderhunsrück!“ oder „Besuchen Sie die größte Kalksandsteinhöhle mit Quarzeinschluss nördlich des Ruhrgebiets!“ Wenn du keinen Spitzenplatz hast, dann bist du einfach auf der falschen Liste, so einfach geht das. Du machst einfach eine neue Liste auf und da bist du dann ganz oben. Ich war bei den Bundesjugendspielen nicht der letzte beim 400-Meter-Lauf, nein ich war sehr weit oben platziert bei den Läufern über 190 cm mit neongelben Schuhbändern!

Neben diesen Scheinsuperlativen fallen echte Superlative durch Schlichtheit auf, denn sie benötigen viel weniger Worte. „Der schrägste Weinberg“, „Der längste Fluss“ oder „Das einzige Vorkommen“ – das sind Superlative, die keine Einschränkungen brauchen, die sind nicht nur lativ, die sind superlativ! Was so ein echter Superlativ ist, der braucht keine Orden und Dekorationen. Vielleicht nur eine Schleife.

Die gewöhnliche Schleifenblume wächst überall, wo es trocken und mager ist. Sie ist mit unserem Kohl verwandt und macht hübsche weiße Blüten, zart rosa überhaucht. Die vier Blütenblätter sind nicht gleich groß, sondern in zwei große und zwei kleine aufgeteilt. Dadurch entsteht eine sehr dekorative Einzelblüte, die allerdings selten einzeln wahrgenommen wird. Wenn die Schleifenblume blüht, dann in dicken Trauben, als ob sie irgendwem was beweisen will. Auch sehr kurzsichtige Hummeln finden dann die weiße Nektarbar. Die gartenfanatischen Briten nennen sie liebevoll candytuft, frei übersetzt mit Bonbonbüschel.

Menschen hingegen nehmen Schleifenblumen in der Regel nicht als spektakulär wahr, egal ob mit oder ohne Brille. Die Blüten sind zwar strahlend hell, eigentlich sogar heller als weiß, denn sie haben einen UV-Reflektor, mit denen sie alles Sonnenlicht zurückwerfen können. Allerdings wachsen sie insgesamt so niedrig, dass man sie beim Wandern nur beiläufig als Kraut wahrnimmt. Die kleinen frisch grünen Kissen, etwa knöchelhoch, drängen sich nicht so auf. Disteln haben das zum Beispiel besser gelöst- Sie wachsen bis auf Brusthöhe und zeigen dann ihre absurd schönen Blüten in allen möglichen Pinktönen. Wer guckt da noch nach unten?

 

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Manchmal lohnt es sich aber, genau hinzusehen. Die Rheinschleife beim Bopparder Hamm beherbergt eine ganz eigene Schleifenblume, die auf den schönen Namen Iberis linifolia subsp. boppardensis hört. Diese Unterart kommt nur hier im Bopparder Hamm vor und sonst nirgends im Universum. Man hat überall nachgeschaut, aber wirklich nur in Boppard welche gefunden. Eine Rheinschleifenschleifenblume also.

Diese Unterart mag es trocken und warm, ist alles andere als weit verbreitet und sehr selten. Sie ist auf der Roten Liste der sehr seltenen Arten gelistet, da wo auch das Mittelrhein-Wassertaxi steht oder der Lärmschutz der Bahn. Botaniker:innen flippen aus, weil die Bopparder Schleifenblume nicht ganz glatte Blattränder hat, sondern zwei kleine Zähnchen auf den Blättern. Eins links, eins rechts. Wenn es dumm läuft, beißt die Bopparder Schleifenblume mit diesen Zähnchen bald ins Gras und verdient sich einen eigenen Superlativ, nämlich dass sie die seltenste ist – ganz ohne Einschränkungen. Und kurz danach kommt dann der Superlativ „ausgestorbenste“ dazu, was ja genau genommen nicht so super ist. 

Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung wurden noch 1200 Exemplare am Hamm gezählt. Bei der letzten Zählung im Jahr 2019 waren es nur noch 27 der kleinen Racker. Jedes Jahr sind also ungefähr 40 Schleifenblumen verschwunden. Wenn das in den letzten Jahren so weiter ging, dürfte für diese botanische Praline in Boppard das Licht schon ausgegangen sein. Intensive Nutzung der Weinberge, Spritzmittel, Verbiss durch die immer noch viel zu hohen Wildbestände und vielleicht einfach nur Pech setzen ihr zu. Schachmatt. In ein paar botanischen Gärten gibt es noch Sicherungs-Exemplare für alle Fälle, aber am Naturstandort ist die Bopparder Schleifenblume dann nur noch eine kleine Blume in der Erinnerung.

Ich tu mich immer etwas schwer, den Nutzen eines Lebewesens hervorzuheben, um Gründe zu haben, es vor dem Aussterben zu retten. Als würde man den Opa nur noch am Leben lassen, weil er einem die Pakete annimmt, wenn man nicht zu Hause ist. Das ist etwas kühl und am Ende doch wenig herzlich. Was machen dann die Arten, von denen wir direkt keinen Nutzen haben wie etwa Hornmilben oder Nacktmulle? Können die weg, weil sie nicht essbar sind? Zum Glück hat die Schleifenblume was auf dem Kasten, um diese ungute Diskussion zu umschiffen.

In der Winzerküche geht es gerne deftig zu, um nach harter Arbeit im steilen Weinberg wieder zu Kräften zu kommen. Sich nach der Lese im Steilhang den Bauch mit Essen voll schlagen zu wollen und anschließend wohlig erschöpft ein Glas Wein zu genießen ist ein sehr nachvollziehbarer und regelmäßig erprobter Vorgang. Ein Vorgang, der gerne in einem gewissen Völlegefühl endet. Passenderweise wächst das Kraut gegen Völlegefühl gleich mit auf dem Weinberg. Schleifenblumen schmecken sehr bitter und aktivieren damit die Verdauungssäfte an so wie ein hochgehaltenes Brötchen Möwen aktiviert. Die Bitterstoffe helfen bei trägem Darm, unzumutbaren Blähungen und nach der Völlerei, sie schleifen das Essen durch die Eingeweide, wenn man so will. Die Schleifenblume ist also nicht nur hübsch mit ihren fast weißen Blüten, sondern weiß auch, sich nützlich zu machen.

Warum nicht den Anbau wagen und einen wirklich regionalen Magenbitter davon anbieten? Bei Knoten im Magen hilft die original Bopparder Magenschleife! Ein Grund mehr, sie nicht vollends auszurotten. Damit der Bopparder Hamm noch lange mit seinen ganz eigenen Schleifenblumen auf die Rheinschleife schauen kann.

 

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Ein Beitrag geteilt von Klostergut Jakobsberg (@jakobsberghotel)

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

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Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein (über Orte, die selbst Einheimische nicht kennen)

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

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Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

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Ein Beitrag geteilt von Reinhardt A. Hardtke (@reinhardt.hardtke)

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