Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Kategorie: Kolumne Seite 2 von 4

Mittelrhein statt nur dabei: Lonely Places oder die heimlichen Stars am Mittelrhein

Alles schon mal gesehen? Das Mittelrheintal gehört zu den meistfotografierten Reisezielen Europas. Trotzdem gibt es fast hinter jeder Kurve ein ruhiges Plätzchen und Ort, die selbst Einheimische noch noch nicht kennen. Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning verrät einen davon. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

„Lonely planet“ heißt ein beliebter Reiseführer, der seine Leserinnen und Leser zu bisher unentdeckten Orten schickt, damit sie dort das kurze Zeitfenster genießen, bevor der Ort von Touristen überrannt und totografiert ist. Totografiert ist kein Tippfehler sondern meint totfotografiert, aber in der Buchstabensparversion für Kolumnisten, die nach Zeile bezahlt werden und mit allen Kräften versuchen, noch eine mehr rauszuschinden – zur Not mit Gedankenstrichen.

In der Rue Cremieux in Paris kennt man totografiert sehr gut. Die Anwohner wehren sich mittlerweile gegen die Ströme von Instagrammern, weil sie nicht mehr aus dem Haus kommen vor lauter Leuten, die auf dem Boden liegen und ihre Freundin fotografieren. Die Fotografierte geht sich gerade gedankenverloren durchs Haar und reproduziert leise lächelnd den Zauber von Paris genau wie alle hier Fotografierten vor und hinter ihr. Man könnte viel besser einfach die leere Straße fotografieren und das dann als Hintergrundbild für Photoshop zur Verfügung stellen. Dann kann sich jeder mit seiner gedankenverlorenen Pose reinmontieren. Die Leute in Paris haben ihre Ruh und die Poser haben ihr Foto. 

Selber schuld, sie könnten ja auch einfach die Straße weniger schön machen. Das Kopfsteinpflaster rausreißen und durch abgerockten Asphalt ersetzen, der in mehreren Schichten geflickt und immer wieder zu Schanden gefahren wurde. Sie könnten die schön bepflanzten Kübel durch schreiend bunte Mülltonnen ersetzen und die idyllisch bunten Häuschen einfach nicht mehr anstreichen sondern lässig verwittern lassen zum shaby-glam. Manche Orte wenden diesen Trick bereits sehr erfolgreich an, auch schon seit deutlich vor Instagram. Nicht mal das hält einige vom Fotografieren ab, aber dann mit deutlich morbideren Absichten oder als Kulisse für Musikvideos mit gesellschaftskritischen Hauptaussagen. 

Die Dosis bestimmt hier also eindeutig das Gift. Zu wenige Touristen lohnen sich nicht, aber zu viele will auch keiner haben. Es ist wie bei einer Party. Alleine im Gartenhäuschen sein will man nicht, das ist deprimierend. Aber im Pulk vor dem Buffet ist es auch unbequem, weil man dauernd einen Teller in den Rücken gedrückt bekommt. Wo ist der lonely planet also ein lovely planet? Wo ist der einsame Ort kein verlassener Ort sondern einsame Klasse? Es soll Wirtschaften geben, die ihren Beitrag dazu leisten, die Touristenströme überschaubar zu halten, indem sie ihren Gästen einfach ab 10 Uhr abends keine Getränke mehr bringen oder kommentarlos das Licht hinter der Theke löschen, das Handtuch in die Ecke werfen und heim fahren. Das wirkt sehr gut, die Leute kommen tatsächlich nicht so oft wieder. 

Insgesamt gesehen ist diese Technik aber weder charmant schrullig noch ein guter Anfang für Mundpropaganda, geschweige denn eine liebenswerte regionale Eigenart wie sie die Berliner Taxifahrer pflegen. Wer dort zuvorkommend behandelt wird, fühlt sich ja direkt ausgegrenzt. Nein, diese Art von negativer Freundlichkeit ist als Markenzeichen schon besetzt. Am Mittelrhein können wir auf andere Pfunde setzen. Der Mittelrhein hat jede Menge lonely places zu bieten, die tatsächlich lonely sind.

Einmal um die Kurve gegangen, zack ist man alleine

Verlässt man die Ortschaften, ist man schnell im Weinberg oder im Wald und genau so schnell ist man tatsächlich alleine und kann endlich hemmungslos Boney M singen. Das ist ein riesiger Vorteil im Vergleich zu Ballungsregionen, wo man sehr lange hinaus fahren muss, um den Luxus zu genießen, den „River of Babylon“ alleine vor sich hin singen zu können. Das Gute ist, dass man sich am Mittelrhein zwar alleine fühlt und auch niemanden sieht, aber oft nicht wirklich alleine ist.

Man kann davon ausgehen, dass irgendwo in der Nähe jemand gerade Nüsse sucht, Reben schneidet oder zufällig mit dem Hund geht und dich finden wird, wenn der Blinddarm durchbricht. Eigentlich die perfekte Kombination. Einsamkeit mit Sicherungsleuten im Hintergrund, falls was passiert. Also Boney M vielleicht erstmal nur einstimmig singen. 

Am Mittelrhein springen einen die lonely places geradezu an. Einmal um die Kurve gegangen, zack ist man alleine. Überall gibt es nicht nur gut ausgebaute Wanderwege, sondern dazu noch einige alte Wege, die früher mal genutzt wurden und sich heute etwas verstecken. Hier und da sieht man den Eingang zu alten Schieferminen oder Abkürzungen vom Rhein zu den Hangkanten, die sich in den Haselsträuchern verlieren.

Es gab Zeiten, da wurden die Besorgungen und die Gerüchte zu Fuß hier hoch getragen, bis endlich jemand so freundlich war, den Kofferraum zu erfinden. Die alten Wege sind aber trotz Kofferraum noch da und sie erzählen ihre eigenen Geschichten. Von der Verbindung zwischen zwei Orten. Oder auch von der fehlenden Verbindung zwischen zwei Orten. Oder von dem kleinen Umweg hinter eine Baumgruppe, wo man sich prima zwischen zwei Orten verabreden konnte bevor man zuhause die Knutschflecken mit einem Schal verstecken musste. Es sind lonely places, aber einsam waren da nicht alle, eher lovely.

Last Exit Urbar

Manche der alten Wege sind auch die neuen Wege. Diese Wege sind die heimlichen Stars am Mittelrhein. Wenn ich heute eine Traumschleife wandere, stelle ich mir vor, dass genau hier schon lustlose Römer entlang schlurften, die weniger Lust auf Imperium als auf Cervisia hatten und sicher an alles andere als an Traumschleifen dachten. Lonely places mit dem Kitzel der Geschichte. 

Gegenüber der Loreley gibt es so einen kleinen verschlungenen Weg durch den Wald, der eine prima Abkürzung nach Urbar ist – wenn man nicht gerade mit dem Kinderwagen unterwegs ist. Wer hier hoch kommt ohne zu schnaufen, der ist wahrlich fit. Die Urbarer sind clever, sie haben sich die Gemarkung gesichert, also läuft man vom Rheinufer bis nach oben über Urbarer Grund. Urbar ist daher einer der wenigen Höhenorte mit Rheinanschluss. Dieser Weg ist ein echter lonely place.

Der Anstieg hält viele davon ab, ihn zu gehen, also ist man schnell für sich. Bald ist man über den Häusern und über den Gleisen. Der Wald schließt sich locker, lässt aber gucken. Auf diesem Weg bist du nur wenig mehr als 150 Meter vor der Loreley und ganz alleine für dich und hast einen exklusiven Panoramablick auf Deutschlands berühmtesten Felsen. Oben, auf der Loreley, siehst du, wie sich Leute am Geländer tummeln. Sie warten höflich, bis sie an der Reihe sind für ihren kurzen lonely-place-moment am Gitter. Sie treten ans Gitter, schauen runter, schauen links und rechts, zeigen auf ein Schiff und machen dann Platz für die nächsten. Dann machen sie sich wieder auf die Suche nach dem nächsten lonely place. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. 

 

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Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen:

Gänse im Anmarsch (über die nervigsten aller Mittelrhein-Touristen)

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

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Mittelrhein statt nur dabei: Gänse im Anmarsch

Als fluffige Küken am Rheinufer sind sie noch herzerweichend, aber große, laute und dreiste Gänse nerven. Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning über ein besch…. Problem und die mittelrheinische Universal-Lösung.

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Es ist seit einiger Zeit eine regelrechte Kunst, am Mittelrheinufer entlang zu gehen, ohne in eine der kleinen dunkelgrünen Würste zu treten, die von den immer zahlreicher werdenden Gänsen als Geschenk hinterlassen werden. Dabei sind Gänse ähnlich gute Weidetiere wie Kühe, sie halten das Gras tatsächlich schön kurz. Manche Landwirte verfluchen die einfallenden Schwärme, die aus einer guten Heuwiese in wenigen Tagen so etwas wie feinen englischen Rasen machen, allerdings nicht ganz so fein, wenn man genauer hinsieht. Gänse fressen den lieben langen Tag und können sogar beim Gehen einfach unter sich lassen. Sie müssen dafür nicht einmal anhalten oder kurz überlegen, sie werden einfach los, was weg muss. Sie sind echte Rasenmäher. Am Mittelrhein gibt es viele Wiesen, die eigentlich für Menschen gedacht waren und immer mehr zur Gänseweide geworden sind. Die Intelligenz der Gänse hilft ihnen dabei. Sie lernen schnell, dass von gewöhnlichen Fußgängern keine Gefahr ausgeht und lassen diese bis auf einen Meter an sich vorbeilaufen, ohne nervös zu werden. Bei wilden Gänsen wäre das undenkbar.

Ausgewachsene Gänse haben wenig echte Feinde außer vielleicht der freilaufenden Stoßstange oder Wilderern, die sich eine Gänsebrust holen wollen. Tiere, die den Gänsen gefährlich werden könnten sind rar. Wölfe sind selten am Rhein, Adler offenbar auch, ebenso sind Braunbären gerade Mangelware. Alle Augen schauen hoffnungsvoll auf die Füchse, dass sie sich doch bitte die Gans holen sollen, aber die Füchse gehen ungern über stark befahrene Bundesstraßen und nachts schlafen die Gänse gerne auf Inseln im Rhein oder unzugänglichen Uferstreifen. Die Füchse können da nur gucken und träumen.

Der stärkste Feind der Gans ist momentan die Gans selber. Oder vielmehr die Nilgans, die den Graugänsen zeigt, wer zuerst sein Handtuch auf dem Liegestuhl hatte. Nilgänse kommen – wenig überraschend – aus Afrika, können einen mit den roten Augen sehr böse anfunkeln und sind sehr meinungsstark. Nilgänse gehen auch früher in den Angriff über als Graugänse.

Weil es also keine natürlichen Fressfeinde gibt, können die Gänse fleißig brüten, bis im April die niedlichen graugelben Küken auf dem Rhein zu sehen sind, die piepsend ihren Eltern hinterherschwimmen. So niedlich, wie die fluffigen Küken auf dem Wasser auch sind, die Blicke der Leute werden feindseliger, wenn im Sommer die fauchenden Gänseeltern ihre Brut verteidigen und das Rheinufer für sich beanspruchen. Keine Konkurrenz, wachsende Gruppen? Das ist wie ein Frühstücksbuffet ohne Aufsicht.

Die Hoffnungen, dass sich die Gänsepopulationen irgendwie selber regeln, haben sich nicht erfüllt. Im Frühsommer hab ich ein Gänsepaar gesehen, das mit sage und schreibe zwölf Küken auf dem Rhein schwammen. Die Kücken schwammen adrett zwischen den Eltern, alle wohlgenährt, alle unfassbar flauschig und niedlich. Das einzige, was offenbar wirklich gegen eine Gänseinvasion wirkt ist offenbar nur der gezielte Abschuss. Oder wenn man es etwas weniger martialisch mag, kann man ihre Eier durch Gipseier austauschen und nimmt in Kauf, dass die Gänse irgendwann etwas desillusioniert vom Brüten ablassen und versuchen, es nicht dem Ganter anzukreiden. Das eine geht schnell, macht aber traurige Kinderaugen, das andere wirkt im Hintergrund, ist aber teurer. Gipseier haben auch den Nachteil, dass man im Frühjahr keine Gänseküken sehen kann, was für manche ja doch zum Frühling dazu gehört. Dafür könnte die Osterdekoration um eine neue Größenordnung an Eiern erweitert werden.

Als sich vor ein paar Jahrhunderten die Römer hier am Mittelrhein breit machten, hatten vermutlich die hier lebenden Kelten ähnliche Gedanken über die Römer, wie wir heute über die Gänse. Überall laufen sie rum, stehen dauernd im Weg, keiner kann sie unterscheiden und sie sind sowieso furchtbar laut und dreist. Und natürlich nehmen sie die schönsten Plätze in Beschlag. Dass die schönsten Plätze begehrt sind, ist allerdings eine Konstante am Mittelrhein.

Die enge Bebauung in den einst prachtvollen Rheinstraßen zeigt, dass die Lösung manchmal ganz einfach ist: man rückt einfach etwas zusammen und teilt sich den schönen Blick auf den Rhein. Dieses Zusammenrücken und Teilen ist so typisch für den Mittelrhein geworden, dass sich keiner vorstellen kann, wie es ohne ginge. Ein Blick in eine beliebige (Vor-Corona oder jetzt 2Gplus oder 2G Booster oder wie auch immer sichere)-Straußwirtschaft bestätigt dass. Dort können sich eine nach oben offene Anzahl von Leuten einen Tisch und zwei Bänke teilen und den guten Ort zusammen genießen. Teilen macht glücklich – den Wirt und die Gäste.

Nun dürfte es etwas schwierig werden, mit den Gänsen zum Katasteramt zu gehen, um die Eigentumsfragen um das Rheinufer endgültig zu klären. Manche Gänse leben auch nicht lange genug, um die Post von der Behörde zu erleben. Also braucht es andere Tricks. Man könnte zum Beispiel den Gänsen bisher ungenutzte Uferbereiche etwas außerhalb der Ortschaften bereit stellen. Mit Falken oder Drohnen oder Laiendarstellern in Fuchskostümen macht man dann die Rheinwiesen von der Rumhäng-Gegend zur hektischen Scheuchzone, bis es den Gänsen zu unbequem wird und sie genervt, voller schlechter Gedanken und vorformulierten schlechten Bewertungen zu den anderen Uferbereichen umziehen.

Oder man kann einfach hoffen, dass sich irgendwann die lustigen grünen Alexandersittiche ansiedeln, die jetzt schon in Köln, Düsseldorf und Mainz wild leben und die Anwohner morgens um halb fünf daran erinnern, dass anderswo gerade die Sonne aufgeht. Diese possierlichen Sittiche könnten doch das Geräusch von sich anschleichenden Füchsen nachmachen und damit die Gänse nervös halten und schließlich in die Flucht schlagen? Wer weiß schon, was helfen wird? Vielleicht sind die Gänse auch irgendwann vollkommen enttäuscht von uns und ziehen wortlos weiter?

Egal ob sie irgendwann einfach gehen oder wir die Eier durch Gipseier austauschen – die Gänse werden nicht die letzten sein, die die schönen Plätze am Mittelrhein haben wollen. Sie sind einfach die nächsten in einer langen Reihe von Genießern, die den Mittelrhein wollen. Und vermutlich wird man es am Mittelrhein lösen wie so oft: man rückt ein wenig zusammen, teilt sich die schöne Aussicht und sagt, dass die Flasche einfach auf dem Tisch stehen bleiben kann.

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen:

Grenzenlos gut (über eine Mittelrhein-Grenze, die jederzeit ignoriert werden muss)

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

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Mittelrhein statt nur dabei: Grenzenlos gut

Mittelrheiner schimpfen gern (und mit Recht) über zu viele Grenzen im Tal. Aber eigentlich nehmen sie sie gar nicht ernst. Dafür ist in den vergangenen Jahrhunderten zu viel geändert und gebietsreformiert worden. Eigentlich gibt es nur 2 ewige Grenzlinien im Tal. Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning erklärt, warum eine davon trotzdem ignoriert werden muss. Grundsätzlich und ohne Ausnahme. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Alles, was lebt, grenzt sich ab. Ein winziges, gut gelauntes Bakterium grenzt sich mit einer Zellwand von seiner schlecht gelaunten Umgebung ab. Bäume machen das schon etwas exklusiver und grenzen sich mit einer dicken Rinde ab. Katzen schließlich grenzen sich ab, in dem sie sich mit jeder anderen Katze prügeln, die es wagt, in ihr Revier zu kommen. Oder sie paaren sich und prügeln sich dann. Das ist bei Katzen ja nicht so genau auseinander zu halten. Vögel grenzen sich mit wunderschönem Gesang ab, das hört sich meistens besser an als kämpfende Katzen.

Grenzen sind also natürlich, aber wie alles Natürliche nichts für die Ewigkeit. Ich habe eine Karte von Europa gesehen, bei der alle jemals existierenden menschengemachten Grenzen der letzten 2000 Jahre übereinander gelegt sind. Jede Grenze ist eine graue, zackelige Linie. Diese grauen Linien sind sehr ungleichmäßig verteilt.

Es gibt Landstriche in Schottland oder Schweden, wo noch nie eine Grenze war, keine Linie nirgends, alles weiß. Um das Land hat offenbar noch nie ein Kampf stattgefunden, was man als Landstrich ja auch erstmal verkraften muss. Vielleicht ist die Betrachtungsweise tröstender, dass der Landstrich einfach den Schotten gehört und das schon so lange Zeit, dass man »schon immer« sagen kann. Das fühlt sich dann an nicht wie übrig geblieben, sondern eher wie Treue.

Und dann gibt es auf dieser Karte mit den ganzen Grenzen Gegenden wie den Mittelrhein. Die Zugehörigkeiten haben sich hier so oft geändert, dass vor lauter Linien gar nicht mehr erkennbar ist, wo der Mittelrhein eigentlich verläuft. Ein wildes Gemenge. Immer wieder wurde die Region neu aufgeteilt, zerteilt, neu besetzt und neu erobert. Einmal blieb sogar bei diesen Aufteilungen ein Stück Land über, ein Flaschenhals. Ein Zirkel kann halt nun mal keine Ecken. Dieses Kuriosum wird bis heute frenetisch gefeiert, ein Grenzfall der Humorgeschichte. Landstriche, die so oft neue Grenzen bekommen haben, sind offensichtlich anders gefragt als Gegenden, in denen noch nie über Grenzen verhandelt werden musste. Es wird schwer, das als Treue zu verkaufen, aber es ist auf jeden Fall alles andere als übrig gebliebenes Land.

Was macht es mit den Leuten am Mittelrhein, wenn die Grenzen so oft wechseln? Es haben ja nicht nur Flaggen und Herren gewechselt. Das wäre einfach. Neuen Namen merken, alte Flagge reinholen, Löwen runterkratzen, Hahn aufnähen, huldigen und fertig. Es änderten sich ja auch Kruzifixe – mal mit, mal ohne Heiland. Wer selber noch zur ersten Kommunion ging, schickte seine Kinder zur Konfirmation. Die Bräuche und Geschichten wurden bei der Gelegenheit gleich mit getauscht, manchmal nur teilweise, manchmal auch gar nicht. Auch eine Chance, um Geschichten etwas auszuschmücken und fantastischer zu machen.

Landstriche wie der in Schottland, die nur einmal eine Grenze bekommen haben und danach nie wieder, teilen sich in eine Zeit vor der Grenze und eine Zeit danach. Dazu ist der Zeitpunkt der Grenzziehung schon lange her, man hat sich längst an die Gegebenheiten gewöhnt und kann sich nicht mehr vorstellen, wie es jemals anders war. Wenn jedoch am Mittelrhein die Grenzen so oft wechseln wie Helene Fischer ihre Kostüme bei Wetten dass, kann sich das ja keiner mehr merken.

Alle paar Jahre wechselten die Zuständigkeiten, weil ein Bischof was verkauft hat oder ein Balduin etwas geschenkt bekommen hat. Heute Preußen, morgen Bayern, übermorgen Pfalz? Wie grüße ich denn heute korrekt? Und wer kann so viele verschiedene Flaggen hinter der Bettwäsche lagern? Wenn eine Grenze so oft wechselt wie am Mittelrhein, dann ist das etwas unübersichtlich, also lässt man die Grenze einfach irgendwann einfach eine Grenze sein und macht sein eigenes Ding.

Den neuen Grenzen bringt man dann natürlich gerade so viel Respekt entgegen, dass es nicht unhöflich ist. Grenzen kommen und gehen, Obrigkeiten ebenso. Neuen Obrigkeiten begegnet man am Mittelrhein deswegen gerne mit heimlicher oder auch weniger heimlicher Belustigung. Erst wird salutiert, dann parodiert und gerne über die da oben gelacht. Ein guter Reflex. Vermutlich ist das neben der ausgeprägten Feierlust eine Wurzel des vollkommen grenzenlosen Fastnachtstreibens hier. Unbeeindruckt wie ein Almbauer, der tropfend nass auf der Alm ein Herbstgewitter ignoriert, sitzt man hier die vielen Grenzziehungen einfach aus, schenkt nochmal nach und wirft die Prinzengarde in die Luft.

Also kann man festhalten, dass man Grenzen hier genau so wichtig nimmt wie Geschwindigkeitsbegrenzungen. Es ist maximal ein Angebot. Erst Bayern, dann Rheinland, dann Rheinland-Pfalz? Na gut. Erst Kreisstadt, dann nur noch Stadt, dann Verbandsgemeinde? Warum nicht? Erst Kelten, dann Römer, dann Hohenzollern? Ja, und? Nichts ist von Dauer, keine Grenze hält für immer. Dann kommen einfach neue graue Linien oben drauf. That’s life. Aber halt: keine Grenze hält für immer?

Es gibt zwei Grenzlinien, die den Mittelrhein über all die Zeit hinweg definieren und ehrfürchtig von niemandem in Frage gestellt werden. Die eine ist natürlich der Rhein, der treu wie Gold (oder besser Mittelrheingold) in seinem Bett vor sich hin fließt und auch nur sehr, sehr selten die Fließrichtung ändert. Die andere wichtige Grenze am Mittelrhein ist der Eichstrich am Weinglas, der mehr Vertrauen genießt als Polizei, Ärzteschaft und Feuerwehr zusammen.

Beim Rhein akzeptiert man, dass er gelegentlich über die Linie geht, beim Eichstrich wird es regelrecht erwartet. Wenn der Rhein bei seiner Linie bleibt, ist alles in Ordnung. Wenn der Wein bei der Linie bleibt, ist die Stimmung im Eimer. Diese beiden Linien halten den Mittelrhein zusammen, komme was da wolle. Diese Linien geben in dem ganzen Wirrwarr der alten und neuen Grenzen auf der Europakarte Orientierung und Halt, egal wie viele neue Linien sich auch noch darüber legen werden.

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen:

Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum (über das Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben)

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

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