Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Monat: Oktober 2021 Seite 1 von 7

Mittelrhein statt nur dabei: Ein Dach ohne Gaube ist ein Irrtum

Die meisten Dächer wirken so glatt und zweckmäßig wie die Deckel von Tupperwarendosen. Außer im Mittelrheintal, dem Paradies der Ecken, Winkel und Dachgauben. Mittelrheingold-Kolumnist Christian Büning erklärt, warum Dächer ohne Gauben möglich aber sinnlos sind. 

Christian Büning ist Designer (Büro Büning, Wirkstoff Verlag), Mittelrheiner mit westfälischem Migrationshintergrund und Kolumnist bei Mittelrheingold. Foto. Privat

Mit einem Dach fing die Zivilisation des Menschen an. Was in Höhlen begann, wurde schnell etwas zu eng und es war auch schlecht gedämmt. Bald wurden Dächer gebaut und wie es so ist, wenn Menschen was machen: sie fangen an zu dekorieren. Lange Zeit war ein Dach auch ein Statement. Menschen haben sich alle möglichen Dächer ausgedacht – Satteldächer, Walmdächer, Pultdächer, Flachdächer bis zum Schleppdach. Die wahre Heimat der Dachformen ist aber der Mittelrhein.

Als Münsterländer kenne ich Dächer von Bauernhäusern, so groß wie ein Marktplatz. Die gesamte Dachfläche eine große, durchgehende rote Fläche von Dachpfannen. Im Inneren des großen Hauses ist es eher dunkel, es gibt keine Durchbrüche, durch die Licht kommen könnte. Dachflächenfenster gibt es ja noch nicht so lange. Das hatte alles sicher praktische Vorteile. Diese Dächer haben keine komplizierten Ecken, die undicht werden, die Photovoltaik-Anlage passt genau drauf und bei Satellitenaufnahmen hat man ein schönes rotes Rechteck. Aber insgesamt sind solche Dächer halt auch etwas monoton. 

Die Dächer am Mittelrhein sind anders. Ein Dach ohne Gaube ist hier einfach so unvorstellbar wie ein Glas Wein, das genau bis zum Eichstrich eingeschenkt wird. Sprichwörtlich jedes Dach am Mittelrhein hat mindestens eine Gaube oder zumindest einen kleinen Giebelvorsprung, der als Gaube durchgehen könnte. Ein einfaches Satteldach ohne alles wäre am Mittelrhein eine offene Kriegserklärung an den guten Geschmack mit nicht absehbaren Folgen. 

Das hat sicher auch mit dem Material zu tun, mit dem die Dächer gedeckt sind. 

Der Schiefer ist eine sehr flexible Dacheindeckung und macht jede noch so kleine Gaubenform locker mit so wie der Schuppenpanzer einer Eidechse. Daher gibt es überall Gauben, die so verspielt und putzig klein sind, dass sie von weitem aussehen, als hätte jemand seinen Ritterhelm auf dem Dach vergessen. Das Material macht es möglich. 

Mitten im Rhein steht die Burg Pfalzgrafenstein, die im Laufe der Jahrhunderte dieses Möglichmachen mitmachen durfte. Die ursprünglich einfachen Dachformen wurden nach und nach mit Spitztürmchen, Gauben, Nebengauben, Vorgauben und sogar einer kleinen Klogaube versehen. Das Dach ist heute kein profaner Regenschutz für die Zöllner, sondern eine prunkvolle Demonstration, dass man mit Zolleinnahmen auf dem Rhein eine Weile sehr gut verdient hat und eine Schwäche für verspielte Dachformen hat. Ein deutliches Gaubensbekenntnis. 

Gauben sind nicht nur von außen hübsch anzusehen, sondern machen auch von innen eine ganz eigene Atmosphäre. Ein Raum mit einer Gaube hat sofort einen gemütlichen Punkt, einen Ort mit großer Anziehungskraft. Dort will ich meinen Lesesessel aufstellen und mit einem Roman in der Hand versuchen, nicht einzuschlafen. Wenig wertet einen Raum dermaßen auf wie eine Gaube, außer vielleicht zwei Gauben oder besser noch drei. Dann könnte man auch zwei oder drei Sessel stellen. Warum werden diese kleinen Gauben eigentlich nicht mehr gebaut? Der Grund, warum jedes Jahr über 5 Millionen Gäste an den Mittelrhein kommen, sind vermutlich nicht die zweckmäßigen, tupperwarelangweiligen Gauben von heute, sondern die herzergreifend unpraktischen Gauben der Jahrhunderte davor. Die Lust am Rausgucken, die Lust am Ornament und die Lust an urgemütlichen Räumen hinter den Fensterchen, das können nur Gauben. 

Gauben gehören zu den Häusern hier, aber auch in die Sprache. In vielen Gauben ist oben ein kleines Loch. Das dient zur Belüftung, aber auch für Käuze als Einstieg, um auf dem Dachboden die Mäuse in Schach zu halten. Ein Loch in der Gaube, ein Gaubloch. Oder Goubloch eher. Ich übe seit Jahren, das hiesige Wort Gaubloch korrekt auszusprechen. Das »au« wird eher wie »ou« ausgeprochen, das trifft es aber nicht ganz. Irgendwo zwischen »ou« von Soul und dem »O« von Onkel, gemischt mit einem leicht jazzigen »u«. Das Wort Gaubloch ist der ultimative Einbürgerungstest. Ich spreche es aus – und werde prompt korrigiert. Wer das Wort Gaubloch richtig schwätze kann, ist hier angekommen. Ich übe und übe in meinem Zimmer mit Gaube, in meinem Lesesessel und versuche, dabei nicht gemütlich einzuschlafen..

Christian Büning ist Mittelrheiner mit innerdeutschem Migrationshintergrund: Der Kreative aus Münster lebt und arbeitet seit 2017 in Oberwesel. Dort führt er sein Designbüro „Büro Büning“, engagiert sich im Stadtrat und hilft bei vielen Initiativen im Welterbetal. Nebenbei saniert er alte Häuser und vermietet gemeinsam mit seinem (Ur-)Oberweseler Lebenspartner Marcel D’Avis gut eingerichtete Ferienwohnungen. Schreiben kann er auch noch. Seit 2021 ist regelmäßiger Kolumnist bei Mittelrheingold. Danke, Christian!

Bisher erschienen:

Was ist schon Zeit? (über Zugfahren am Mittelrhein)

Eine Ziege, ein Kohl und ein Wolf (über Brücken und Fähren)

Gude, Moin und Guten Tag (über die Kunst des richtigen Grüßens)

Foto des Tages

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Jeerlimd (@je.er_li)

Mittelrheingold Auslese: Hier gibt’s den Newsletter

Jeden Freitag die wichtigsten Mittelrhein-Themen auf einen Blick. Hier geht’s zum kostenlosen Abo

Buga 2029: Lahnstein holt den Jackpot und Oberwesel wird Hauptstadt

Die Buga kommt um zu bleiben. Fast die Hälfte des 108-Mio-Budgets fließt in Attraktionen, die über das Jahr 2029 hinausreichen und das Tal dauerhaft prägen sollen. Am Donnerstag hat Buga-Geschäftsführer Berthold Stückle die Langzeit-Projekte vorgestellt. Das meiste Geld fließt nach Lahnstein. Dort sollen 17 Millionen Euro in rund 20 Hektar Rheinanlagen investiert werden. Was das für eine Stadt bringen kann, zeigt die Neugestaltung des Binger Rheinufers zur Landesgartenschau 2008. Bingen nimmt auch diesmal wieder einen kräftigen Schluck aus der Pulle: Es gibt knapp 5,3 Mio für den Park am Mäuseturm und den Burggraben. Gegenüber in Rüdesheim legt die Buga knapp 5,8 Mio auf den Tisch. Damit sollen der Hafenpark und der Hindenburgdamm gestaltet werden. Weitere 500.00 sind für Grünanlage im Stadtteil Assmannshausen vorgesehen. St. Goar bekommt 5,2 Mio für die Umgebung der Burg Rheinfels. Eine angenehme Überraschung sind die 4 Mio für Trechtingshausen. Der Ort, der massive Probleme mit Ausflugs-Chaoten hat, erhält einen professionell gestalteten Uferbereich. Und dann ist da noch die Loreley. Oberhalb des Plateaus soll ein „Klimapark“ entstehen, der über den klimatischen Wandel in der Region informiert. Dafür investiert die Buga 11,6 Mio. Zu den so genannten „Entwicklungsprojekten“ kommen die buga-typischen temporären Gartenflächen. Sie sind für Koblenz, Kamp-Bornhofen, St. Goar, Oberwesel, Lorch, Bingen und Rüdesheim vorgesehen. Wer in der Aufzählung Bacharach, St. Goarshausen oder andere Orte vermisst: Manche Kommunen gehen bei den eigentlichen Buga-Investitionen leer aus, bekommen aber Geld aus anderen Fördertöpfen („Korrespondenzprojekte“). Und noch eine Neuigkeit wurde am Donnerstag bekannt: Heimliche Buga-Hauptsadt wird Oberwesel. Stückle und sein Team ziehen in das ehemalige Verbandsgemeinde-Rathaus am Marktplatz. Buga-2029-Blog, SWR, Süddeutsche Zeitung (Entscheidung für Oberwesel)

Abendsonne in Oberwesel. Foto: Romantischer Rhein Tourismus / Henry Tornow

Rathäuser in Oberwesel. Foto: Romantischer Rhein Tourismus / Henry Tornow

Visionen für Wesel

Apropos Oberwesel: In der Stadt gab es gerade eine Info-Veranstaltung zum Thema „Alte Geschäfte – neue Wohnkonzepte mit. Bürgermeister Marius Stiehl,  Einzelhändler und Digitalprofi Franziskus Weinert (Schreib- und Spielwaren Hermann) , Architekt Daniel Becker und Stadtmanagerin Lena Höver. Eine der wesentlichen Erkenntnisse: Das einstige Weseler Einkaufsparadies mit 50 oder 60 Läden ist Geschichte, diese Zeiten kommen nie mehr wieder. Dafür bringt spätestens der Home-Office-Boom die Chance, kleine digitale Dienstleister anzusiedeln und junge Familien in die Stadt zu holen. Rhein-Zeitung

Foto des Tages

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von MittelanRHEINerin (@mittelanrheinerin)

Mittelrheingold Auslese: Hier gibt’s den Newsletter

Jeden Freitag die wichtigsten Mittelrhein-Themen auf einen Blick. Hier geht’s zum kostenlosen Abo

Wer möchte Winzer in Kaub werden?

Wolfgang Hillesheim gehört nicht zu den XXL-Winzern am Mittelrhein, aber sein Weingut blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück. Um 1600 erschien der erste „Hyllesem“ in Kauber Urkunden. Sein Nachfahre bewirtschaftet 3 Hektar Steillage über der Stadt und produziert pro Jahr bis zu 13.000 Flaschen Wein, außerdem Likör und Hochprozentiges. Was fehlt, ist ein Nachfolger. Laut „Bild“-Zeitung sucht der 60-Jährige nach einem Käufer für seinen Familienbetrieb. Zum Besitz gehören „zwei Häuser mit drei Wohneinheiten, Gästezimmer, Event-Räume, ein großer Parkplatz, zwei große Weinkeller, Garagen und Maschinenhalle, eine moderne Kellerei und eine Destillationsanlage für Spirituosen.“ Hillesheim würde das Weingut am liebsten komplett abgeben. Ansonsten gehen Weinberge und Häuser einzeln weg. Wer sich einen Eindruck von den Hillesheims, ihrem Betrieb und ihren – Achtung, Spoiler! – unfassbar schön gelegenen Weinbergen am Rheinsteig verschaffen möchte: Auf YouTube gibt es ein Video aus dem Jahr 2014. Bild-Zeitung, Weingut Hillesheim, YouTube (Video)

Blick auf Kaub und die Pfalz. Foto: Rheinland-Pfalz Tourismus / Dominik Ketz

Blick auf Kaub und die Pfalz. Foto: Rheinland-Pfalz Tourismus / Dominik Ketz

Grand Prix für Boppard

Zum Glück gibt es am Mittelrhein nicht nur alte Traditionsbetriebe, sondern auch junge Gründerinnen. Eine davon ist Franziska Bechberger-Gaber. Die 34-jährige Bopparderin hat eine Firma für hochspezialisiertes Reitzubehör aufgebaut und vertreibt u. a. Kompressionsstrümpfe für Pferde. Bechberger-Gaber ist gerade beim „Großen Preis des Mittelstands“ ausgezeichnet worden. Rhein-Zeitung, NoLeaf (Firmen-Website)

Foto des Tages

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Dirk Dietrich (@dirdietrich)

Mittelrheingold Auslese: Hier gibt’s den Newsletter

Jeden Freitag die wichtigsten Mittelrhein-Themen auf einen Blick. Hier geht’s zum kostenlosen Abo

Seite 1 von 7

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

%d Bloggern gefällt das: