Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Kategorie: Interviews Seite 2 von 32

Neustart am Günderodehaus: „Ruhetage hatten wir in den letzten Monaten genug“

Das Günderodehaus bei Oberwesel gehört zu den großen Erfolgsgeschichten im Welterbetal. Die Bad Sobernheimer Hotel-Dynastie Bolland entwickelte aus der „Heimat“-Filmkulisse ein Ausflugslokal mit Charme, Stil und Traumblick. Trotz Corona-Krise gehen Seniorchefin Elke Bolland und ihre Tochter Janine jetzt den nächsten Schritt: Neben dem Günderodehaus entsteht ein kleines Hotel. Im Interview mit Mittelrheingold-Gastbloggerin Marie-Luise Krompholz sprechen Elke und Janine Bolland über ihren Neustart nach dem Lockdown. 

Lust auf die neue Saison: Janine Bolland-Georg und Elke Bolland.

Lust auf die neue Saison: Janine Bolland-Georg und Elke Bolland. Foto: Privat

Elke, wie war die Saison 2020 für das Günderodehaus?

Unsere Gäste und wir waren heilfroh, als wir Mitte Mai endlich öffnen durften! Schon kurze Zeit später haben sich die Ordner mit der Corona-Gästedokumentation bei uns gestapelt …  Insgesamt ist es trotz aller Herausforderungen wieder eine schöne Saison gewesen. Die Gäste haben die Aussicht, die gute Luft und unser leckeres Essen sehr genossen. Wir haben von niemandem gehört, der sich bei uns mit Corona angesteckt haben könnte, auch aus unserem Team ist niemand an Corona erkrankt. 

Als Arbeitgeberin hast du im Günderodehaus ein besonderes Konzept: Du beschäftigst ganz bewusst auch ältere Menschen und gibst ihnen damit Wertschätzung. Musstest du Angestellte entlassen?

Nein, und ich habe auch das Kurzarbeitergeld der Festangestellten aufgestockt. Einige meiner älteren Mitarbeiterinnen sind mir aus meiner Zeit im BollAnts-Hotel in Bad Sobernheim gefolgt, mittlerweile im Rentenalter und arbeiten auf 450-Euro-Basis hier. Gerade für ältere Menschen ist es wichtig, noch gebraucht zu werden und zu zeigen, was man kann. Von den selbstgebackenen Kuchen kann sich jeder Gast gerne überzeugen! Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier sind nicht nur Senioren am Werk. Wir sind ein generationsübergreifendes Team, das zusammen arbeitet und sich auch gerne mal in der Freizeit trifft. 

 

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Wie beurteilst du die Corona-Hilfspakete der Politik?

Die Corona-Hilfspakete sind wichtig, aber die Auszahlung war oftmals zu langwierig. Ich hätte mir von der Politik grundsätzlich mehr Beachtung gewünscht, weil in dieser Branche doch immerhin 2 Millionen Menschen Arbeit finden. Im letzten Jahr hat mein Sohn das „Papa Rhein“-Hotel in Bingen neu eröffnet. Das Hotel ist seit mehreren Monaten geschlossen und die Öffnungsperspektive weiter unklar. Ich habe größte Hochachtung vor meiner Tochter, die sich davon nicht beirren lässt und hier am Günderodehaus weiter investieren will.

Wie bereitet ihr euch auf die Saison 2021 vor, mit den weiterhin bestehenden Corona-Unsicherheiten?

Elke: Darüber macht sich meine Tochter Janine gerade Gedanken und bringt neue Ideen ein.

Janine: In diesem Jahr wird die Außengastronomie weiterhin die Hauptrolle spielen. Bei gutem Wetter rechnen wir mit einem hohen Besucherandrang und werden zusätzlich einen Food-Trailer aufstellen, an dem sich unsere Gäste kleine Speisen abholen können. Ab 1. April wollen wir zumindest den Außenbereich wieder öffnen. Momentan sind wir optimistisch, dass das klappt, und sind dann täglich von 12 bis 18 Uhr für unsere Gäste da. Der Innenbereich folgt, sobald die Corona-Regelungen es erlauben. Ruhetage hatten wir in den letzten Monaten genug und können es kaum erwarten, wieder voll durchzustarten!

Für den Hotel-Neubau auf dem Günderodehaus-Areal hat der Stadtrat von Oberwesel im November grünes Licht gegeben. Was genau ist dort geplant?

Janine: Auf dem Gelände neben und hinter dem Günderodehaus wird ein kleines charmantes Hotel im Chalet-Stil entstehen, ein neuer Wohlfühlort für anspruchsvolle Naturliebhaber. Alle 18 Zimmer haben Balkon oder Terrasse und die meisten auch einen fantastischen Blick ins Mittelrheintal. Nach einem schönen Wander- oder Ausflugstag können die Hotelgäste im Infinity-Pool oder im Sauna-Haus relaxen und eine kleine gesunde Küche genießen. Außerdem wollen wir Yoga-Retreats und Achtsamkeitskurse für die Hotelgäste anbieten. Optisch nimmt das Hotel viel Bezug auf das Günderodehaus, zusammen wirken die Chalets wie ein kleines Dorf im modernen Fachwerkstil. Das wird ein ganz besonderes Schmuckstück und kein 08/15-Hotel! Die Pläne dafür stammen vom international renommierten und vielfach ausgezeichneten Architekturbüro Noa aus Südtirol, dessen Gründer Schüler des Stararchitekten Matteo Thun sind. Für die Bauausführung haben wir einen regionalen Partner als Generalunternehmer engagiert. Die Firma Ochs aus Kirchberg im Hunsrück ist auf Holzbau spezialisiert, wir arbeiten schon seit mehreren Jahren sehr gut zusammen.

Günderodehaus der Zukunft: Entwurf des Berliner Architekturbüros Noa.

Günderodehaus der Zukunft: Entwurf des Architekturbüros Noa.

Das Günderodehaus steht ja einer besonders reizvollen Lage. Was sagt ihr Menschen, die sich darum sorgen, dass diese schöne Örtlichkeit durch einen Hotelkomplex zugepflastert wird?

Janine: Wir bauen hier kein großes Tagungs-Resort, sondern eine kleine Wohlfühloase für Erholung suchende Individualurlauber. Weil wir diesen Ort so lieben und langfristig bewirtschaften wollen, achten wir sehr darauf, dass sich alles harmonisch in die Umgebung einfügt. Das war im Übrigen auch eine Voraussetzung für die Genehmigungen von Stadt, Welterbe Oberes Mittelrheintal und weiteren Behörden, dass das Hotel gut ins Landschaftsbild integriert wird.

Elke: Am Eingang des Günderodehauses hatten wir im letzten Jahr eine Voransicht des Hotels ausgestellt. Wir sind oft darauf angesprochen worden und haben viele positive Stimmen zu den Plänen gehört. Das hat uns sehr gefreut!

Wie ist der aktuelle Stand der Vorbereitungen? Wann beginnen die Bauarbeiten?

Janine: Der Bauantrag soll in Kürze gestellt werden. Ich hoffe, der erste Spatenstich kann im Spätsommer erfolgen.

Bleibt das Günderodehaus weiterhin als Ausflugslokal für alle Besucher geöffnet?

Elke: Ja, das neue Hotel und das Günderodehaus werden als zwei unterschiedliche Betriebe geführt. Das Günderodehaus mit Lokal und Filmmuseum steht weiter allen Besuchern offen. Auch das Getränke- und Speisenangebot im Günderodehaus bleibt so regional und hausgemacht, wie es unsere Gäste kennen und lieben. Die Preise müssen wir allerdings wegen der Corona-bedingten Mehrkosten in diesem Jahr leicht anheben, so wie viele andere Betriebe das auch tun.

Worauf freut ihr euch am meisten in den nächsten Monaten?

Janine: Auf nette Gäste, denen wir schöne Augenblicke außerhalb des Alltags schenken können. Das ist unsere Leidenschaft und unsere Herzenssache.

Elke: Und auf schönes Wetter, damit unsere lieben Gäste oft draußen sitzen und den wunderbaren Blick auf Oberwesel und den Rhein genießen können.

 

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Marie-Luise-Krompholz hat während der Pandemie noch weitere Macherinnen und Macher am Mittelrhein interviewt. Bisher erschienen:

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„Tal- und Höhengemeinden müssen sich gemeinsam weiterentwickeln“

Wenn man sich das Welterbetal als Staat vorstellt, heißt der Präsident Frank Puchtler. Als Vorsteher des Zweckverbandes Welterbe Oberes Mittelrheintal ist er Repräsentant und Klassensprecher aller Kommunen und Kreise zwischen Koblenz und Rüdesheim. Bei der Steuerung der Bundesgartenschau 2029 spielt Puchtler eine wichtige Rolle, denn der Zweckverband hält die Mehrheit an der Buga-GmbH. Der gelernte Banker war 13 Jahre lang Mitglied des rheinland-pfälzischen Landtages. Seit 2014 ist er Landrat des Rhein-Lahn-Kreises und damit auch im Verwaltungsalltag mit der Loreley und ihrer Umgebung befasst. Im Interview spricht er u. a. über das umstrittene Loreley-Hotel und das, was das Tal jetzt braucht.

Frank Puchtler ist seit 2014 Landrat des Rhein-Lahn-Kreises. Foto: Kreisverwaltung

Frank, wann hast du zuletzt am Mittelrhein in einem Lokal gesessen?

Das war Ende Oktober kurz vor dem Lockdown.

Die Corona-Krise wirft Gastronomie und Einzelhandel im Welterbetal zurück. Wie schätzt der gelernter Banker Frank Puchtler den wirtschaftlichen Schaden ein?

Extrem. Die Hilfe vom Bund ist  dauerhaft notwendig. Unser Kreis begleitet über unsere Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft mit Beratung und Investitionszuschüssen.

Was macht dir Hoffnung?

Die Impfungen sind ein Licht am Ende eines langen, sehr langen Tunnels. Und unsere Bürgerinnen und Bürger bringen sich mit hohem Engagement und viel Verständnis für die Lage ein. Sie zeigen Haltung, Mut und Zuversicht.

In Medien und sozialen Netzwerken gibt es unterschiedliche Meinungen zum Bau des Loreley-Hotels. Die Entscheidung liegt jetzt beim Kreis. Wird der Bau genehmigt?

Zurzeit läuft das erforderliche Baugenehmigungsverfahren bei der Unteren Bauaufsichtsbehörde, also bei der Kreisverwaltung. Zu dem Antrag wurden elf betroffene Fachbehörden um Abgabe ihrer Stellungnahmen gebeten, Das Thema „Unesco Welterbegebiet“ spielt dabei eine zentrale Rolle. Dazu wurde die Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord um Stellungnahme gebeten. Die SGD Nord steht in engem Kontakt mit dem Sekretariat für das Welterbe in Rheinland-Pfalz, das beim Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur angesiedelt ist. Vom Sekretariat erwarten wir eine Bewertung, die die Meinung von Unesco und der internationalen Denkmalpflegeorganisation Icomos berücksichtigt. Bisher liegt uns von der Unesco noch keine Stellungnahme vor. Für die Untere Bauaufsichtsbehörde sind die baurechtlichen Vorgaben aus dem Bebauungsplan als Grundlage anzuwenden. Erst nach Vorlage der Stellungnahmen der Fachbehörden kann  eine Bewertung vorgenommen werden. Auf Basis der Stellungnahmen erfolgt dann eine Entscheidung über den Bauantrag im Rahmen der Landesbauordnung  und der baurechtlichen Vorschriften durch die Untere Bauaufsichtsbehörde.

Kritiker des „Slow-Down-Loreley“-Projektes befürchten, dass die Orte im Tal unter die Räder kommen, wenn sich der Tourismus auf die Höhen verlagert. Was kann man gegen Leerstand in den alten Ortskernen tun?

Tal- und Höhengemeinden müssen sich gemeinsam weiterentwickeln. Mit gezielten Förderprogrammen für öffentliche und private Investitionen in Modernisierung und Digitalisierung und aktivem Immobilienmanagement gilt es, nach vorne zu kommen.

In Oberwesel hat die Stadtverwaltung leerstehende Läden, Hotels und Häuser besonders im Blick und hilft  bei der Vermarktung. Gibt es ein zentrales Leerstandskataster für das ganze Tal?

Nein, ein zentrales Leerstandskataster für das gesamte Tal gibt es nicht. Der Rhein-Lahn-Kreis arbeitet flächendeckend mit der Plattform für Immobilienmanagement  „KIP“. Jede Verbandsgemeinde und auch die Mittelzentren im Kreis haben eine eigene KIP-Seite – die darauf eingestellten Angebote werden auf Kreisebene aggregiert, so dass man unter rhein-lahn-kreis.kip.net die  verfügbaren Bauplätze, Gewerbeflächen, freie Gebäude und Mietimmobilien finden kann.

Als Vorsteher des Welterbe-Zweckverbandes bist du auch für die Buga-GmbH zuständig. Ihr fehlt noch eine Geschäftsstelle im Tal. Welcher Ort würde am besten passen? 

Wir freuen uns über eine Geschäftsstelle im Welterbegebiet.

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Thomas Feser: „Wir sind da und erreichbar“

Was macht Corona mit einer Stadt? Thomas Feser ist Oberbürgermeister von Bingen, der nach Koblenz größten Kommune im Welterbetal. Im Interview mit Mittelrheingold-Gastbloggerin Marie-Luise Krompholz erzählt er, wie die Verwaltung auf die Krise reagiert, was ihn besonders beeindruckt hat, was ihm Sorge bereitet und worauf er sich am meisten freut. 

Petra Fleischmann, Leiterin des Lernzentrums, Julia Löffler, Leiterin der Bücherei und OB Thomas Feser (v. li.) bei der symbolischen Bücherei-Eröffnung im Juli 2020. © Stadt Bingen

Feier ohne Publikum: Thomas Feser mit Petra Fleischmann, Leiterin des Lernzentrums, und Büchereichefin Julia Löffler (Mitte) bei der symbolischen Bücherei-Eröffnung im Juli 2020. © Stadt Bingen

Herr Feser, wie hat Corona Ihren Alltag verändert?

Mir persönlich geht es da nicht anders als allen Menschen: Die Welt ist klein geworden, fokussiert auf wenige Orte und wenige Menschen, zumindest was die direkten Kontakte anbelangt. Meine Familie ist mir wichtig, besonders besorgt bin ich natürlich um die Gesundheit meiner betagten Mutter. Trotz allem lebe ich wie alle einen gewissen Rhythmus, aber die Gewohnheiten sind andere als ohne Lockdown. 

Kontakte spielen sich häufig über die digitalen Wege ab, eine spontane Begegnung mit der Bürgerschaft findet leider kaum statt, trotz allem erreichen mich viele Informationen und Fragen. Und mein Kalender ist leerer geworden, „Absage“ steht oft als Randvermerk an Terminvormerkungen. Gremiensitzungen, all die größeren und kleineren Anlässe, Eröffnungen, Einweihungen, Konferenzen, sie sind entweder verschoben, finden nur in begrenztem Umfang statt oder sind gleich in die digitale Welt ausgegliedert. Dafür sind andere Aufgaben dazu gekommen. 

Insgesamt unterscheide ich mich nicht vom Durchschnitt. Mir fehlen die direkten Begegnungen, die Selbstverständlichkeit beim Einkaufen, die Urlaubsplanung. Aber ich weiß auch: Unser Feind ist nicht Herr Spahn oder Frau Merkel, unser Feind ist das Virus. Wir haben schon so viel erreicht, die Zahlen sind dank der Kooperation und Einsicht unserer Bürgerinnen und Bürger runtergegangen, ein Impfstoff ist in kürzester Zeit entwickelt worden. Dafür bin ich dankbar. Auch für die vielfach zu erlebende Hilfsbereitschaft, das ist bei allen Sorgen das Positive. 

Wieviel Stadtverwaltung und Lokalpolitik funktionieren aus dem Home Office?

Wichtig ist für uns, dass Stadtrat und all die anderen städtischen Gremien arbeiten können, denn deren Entscheidungen sind die Basis für die Arbeit der Verwaltung und die Entwicklung der Stadt. Da war viel Organisationstalent und Kreativität gefordert, zunächst in der Fortsetzung der Gremienarbeit in Präsensform in unseren größten Hallen mit den erforderlichen Corona-Regeln. Mittlerweile tagen unsere Gremien weitgehend digital – das funktioniert, aber echter Austausch, Diskussionen mit dem unmittelbarem Gegenüber sind eigentlich unersetzlich.

An das Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiter-Team der Stadtverwaltung kann ich nur ein großes Kompliment aussprechen: Die Arbeit geht weiter, neue Herausforderungen werden kreativ gestemmt, die sich ständig ändernden Regelungen rasch umgesetzt. Homeoffice, meist im Wechselbetrieb, ist mittlerweile gängige Praxis, die technischen Voraussetzungen dafür konnten wir in kürzester Zeit schaffen. Ganz „nebenbei“ wurden Hygienekonzepte entwickelt, eingeführt und auch gelebt. Aber auch hier fehlt allen der unmittelbare Austausch mit Gesprächspartnern, der Small-Talk in der Teeküche, ein Betriebsfest und vieles mehr. Am Wichtigsten jedoch: Wir sind für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt da und erreichbar.

Normalerweise nehmen Sie viele Termine in der Stadt wahr, sind sichtbar und leicht ansprechbar für Bürgerinnen und Bürger. Wie bleiben Sie in der Corona-Zeit präsent?

Die Menschen, die ein Anliegen haben, finden den Weg zu mir auf andere Weise. Generell liegt es mir am Herzen, die Menschen in unserer Stadt gut, umfassend und zeitnah zu informieren, darum ist Pressearbeit besonders wichtig. Als Informationsportal spielt unsere stets aktuelle Homepage eine wichtige Rolle. Zudem informiere ich unsere Bingerinnen und Binger regelmäßig über wöchentliche Videonachrichten zu aktuellen Themen. Auf diesem Wege und mit einem ausführlichen Neubürgerbrief konnte ich auch viele unserer neu zugezogenen Mitbürgerinnen und Mitbürger ansprechen, da unser jährlicher Neubürgerempfang ausfallen musste. 

Wieviel kann eine Kommune wie Bingen in Sachen Corona eigentlich selbst entscheiden? Wo müssen Vorgaben von Land und Kreis zu Corona „einfach nur umgesetzt“ werden? Und wie sorgen Sie dafür, dass die Erfahrungen und Sorgen aus Bingen bei den übergeordneten Stellen ankommen und ernst genommen werden?

Maßgeblich sind für uns in erster Linie die Corona-Regelungen von Bund und Land. Diese Regelungen umzusetzen, ist dann wiederum im örtlichen Bereich auch unsere Aufgabe. Dazu gehören die Aufrechterhaltung der Verwaltung in Corona-Zeiten, die Organisation des Betriebs unserer Kindergärten und Schulen, ebenso die Kontrolle auf Einhaltung der Corona-Regelungen im öffentlichen Bereich in Abstimmung mit Polizei und Kreisverwaltung. 

Ständiger Austausch erfolgt zum Beispiel über regelmäßige Video-Konferenzen mit unserer Landrätin; unsere darüber hinaus gehenden Sorgen und Anliegen trage ich brieflich oder im Gespräch an die zuständigen Stellen, etwa Ministerien oder auch kommunale Spitzenverbände, heran.  

Was war bislang die größte Herausforderung im Zusammenhang mit Corona?

Der Betrieb des Heilig-Geist-Hospitals in Corona-Zeiten, das war und ist schon eine Herausforderung, vor allem für das HGH-Team. Hier habe ich mich etwa bei Minister Spahn für eine Erhöhung der Freihaltepauschale eingesetzt. Der Gang durch die Binger Innenstadt macht mich mehr als nachdenklich beim Blick auf den Einzelhandel. Mit einem kurzfristig entwickelten Online-Einkaufsportal und Appellen, lokal zu kaufen, haben wir versucht zu unterstützen. Betriebe und Institutionen, die unter dem Lockdown in Existenz bedrohende Situationen gekommen sind – das sind Situationen, die eine Kommune alleine nicht lösen kann.

Insgesamt treibt mich die Sorge um das Wohlergehen der Menschen und deren Gesundheit um, das ist ja der Maßstab für all unsere Anstrengungen. Ich bin aber auch dankbar, dass so viel Solidarität in unserer Stadt spürbar war und ist. Gegenseitige Unterstützung, jetzt wieder beim Fahrdienst beim Impfen, organisiert von unserer Ehrenamtsbeauftragten Anette Hammel, und besonders in der ersten Welle die unwahrscheinliche Nachbarschaftshilfe – großartig!

Das Stadtleben besteht ja keineswegs nur aus dem Corona-Management, auch in anderen Bereichen muss die Entwicklung vorangehen. Auf welchen Fortschritt in den letzten Monaten sind Sie besonders stolz?

Ich habe ja bereits erwähnt, dass unsere Verwaltung auch unter den veränderten Bedingungen gut funktioniert. Nur so war es auch möglich, eine Vielzahl von Projekten auch unter den aktuellen Umständen voran zu treiben – im Übrigen wichtig nicht nur für das städtische Leben, sondern auch für eine Aufrechterhaltung der Wirtschaft, die auf diese Aufträge angewiesen ist. Was ich bedaure ist, dass viele Maßnahmen einfach „unter dem Radar“ umgesetzt worden sind. 

So fehlte zum Beispiel eine tolle Eröffnungsfeier unserer neuen Bücherei, die ein ganz großartiges Projekt ist! Damit kommt eine wichtige Kultureinrichtung mitten in die Stadt, nahe zu den Menschen, und kann gleichzeitig Frequenzbringer sein für unsere Innenstadt. Oder ich denke an die Grundschule am Entenbach, grundlegend saniert und jetzt eine der modernsten Schulen im Landkreis, beispielhaft in der Barrierefreiheit und Digitalisierung. So ganz nebenbei wurde mit dem Wald- und Naturkindergarten ein für unsere Stadt völlig neues Konzept erfolgreich realisiert. Man kann die Sanierung des Stadtteilzentrums in Bingerbrück beobachten oder den Anbau der Feuerwehr in Kempten. Viele weitere Vorhaben sind in verschiedenen Phasen der Umsetzung, etwa der Park-and-Ride-Parkplatz oder das Familienzentrum in Bingerbrück. 

Auch wenn das Gastgewerbe derzeit noch generell im Lockdown ist, so konnte das ehrgeizige Projekt des Hotels Papa Rhein am Binger Kulturufer seine Tore zunächst öffnen. Das ist ein wichtiges Signal für mich auch mit Blick auf die Buga 2029, die ich als große Chance für die Stadt und die Region begreife. Besonders freut mich auch, dass Bingen interessant ist für private Bauträger, was sich an den vielen Baukränen im Stadtbild ablesen lässt. So lässt die Gartenstadt, als Schlussstein der Landesgartenschau 2008, quasi einen neuen Stadtteil direkt am Wasser entstehen und verändert damit das „Binger Rheingesicht“ entscheidend.

 

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Welche längerfristigen Veränderungen durch Corona sind bereits absehbar und wie wollen Sie es aktiv angehen?

Was uns sicher noch lange beschäftigen wird, das sind die zu erwartenden Steuerausfälle. Die Auswirkungen lassen sich zurzeit noch gar nicht absehen, da werden wir reagieren müssen. Corona war stellenweise ein bisschen wie ein Brennglas. Veränderungen im Einzelhandel waren schon zuvor spürbar, sind jetzt aber natürlich verstärkt. Schon lange setzen wir uns für eine zeitgemäße Breitbandversorgung ein, die Defizite waren stellenweise bei verstärkter Digitalisierung spürbar. 

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Corona-Pandemie einigermaßen im Griff ist und die Beschränkungen wieder gelockert werden können? 

Wir mussten so viele Jubiläumsveranstaltungen aussetzen, z.B. die 60-jährige Partnerschaft mit Venarey-les Laumes, 25 Jahre Bingen swingt oder 75 Jahre Binger Winzerfest. Da hoffe ich sehr, dass es Wege geben wird, diese Anlässe angemessen zu feiern. Und natürlich freue ich mich darauf, wieder Menschen unmittelbar und persönlich zu treffen und wieder in ein lächelndes Gesicht zu sehen. Und ganz naheliegend: auf meinen Friseurbesuch ☺ 

Interview: Marie-Luise Krompholz

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