Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Kategorie: Reportage Seite 1 von 3

Barbara Kisters: Ein Tuch aus Fäden und das große Ganze aus den kleinen Fitzeln

Vor 5 Jahren gründete Barbara Kisters „rheingewebt“ im St. Goarer Höhenort Biebernheim. Es ist kein gewöhnlicher Dorfladen und Kisters keine gewöhnliche Unternehmerin. Die diplomierte Sozialarbeiterin und ausgebildete Weberin verkauft ausschließlich regionale Produkte und selbst hergestellte Textilien. Mittelrheingold-Autorin Mareike Knevels hat sie besucht. 

Ein Blick in den Webstuhl. Foto: Mareike Knebevels

Foto: Mareike Knebevels

Über ihren kleinen Laden „rheingewebt“ wolle sie eigentlich nicht so viel sprechen, sagt Barbara Kisters am Telefon, aber ich solle trotzdem vorbeikommen, wenn unser Gespräch auch Raum für anderes biete.

Mit den Händen arbeiten, basteln oder nähen, das war schon immer ihr Ding. Das Handfeste, wie sie es nennt, brauchte sie als Ausgleich zum Beruf. Die studierte Sozialarbeiterin arbeitete in Beratungsstellen und im Krankenhaus. Jetzt ist sie in der passiven Phase der Altersteilzeit. Wenn sie vom Weben, vom Haptischen und Fassbaren spricht, malt sie die Worte mit ihren Händen nach. Zeigefinger, Mittelfinger und Daumen reiben übereinander, als würden sie gerade die Dicke des Garns prüfen. Ihr Gegenüber spürt das Gesagte, Kisters Satz „Mit den Händen machen“ wird plastisch. „Eigentlich bin ich ein Mensch, der arbeitet und anschließend gerne ein Ergebnis sieht. Wenn ich aus Getreide, Wasser und Hefe ein Brot backe, dann habe ich am Ende ein Brot dort liegen. Bei der Arbeit mit Menschen ist so ein sichtbares Ergebnis in der Regel schwierig.“

Rhythmus und Dornröschen

Weben ist kaum rentabel, wenn es nicht in andere Länder ausgelagert und industriell durchgeführt wird. Den Preis für ein in Deutschland handgewebtes Handtuch oder einen Schal würde kaum jemand zahlen.

Zugleich ist es ein Handwerk, das entspannt und durch seinen rhythmischen Ablauf meditativ wirkt, bei Therapien oder in Werkstätten für Menschen mit Behinderung eingesetzt wird, erzählt Kisters, während ihre Hündin Jara unter dem Tisch liegt. Zum Weben gekommen sei sie, weil sie schon als junge Frau „gesponnen hat.“ „So richtig – mit Wolle und Spinnrad.“ So richtig kann ich mir das kaum vorstellen und stattdessen wird meine Kindheitserinnerung an Dornröschen wach, die nach dem Stich mit der Spindel in einen hundertjährigen Schlaf fiel.  „Handarbeit war in den 80er-Jahren in der Öko-Szene der Studierenden normal“, erinnert sich Kisters. Schon damals hatte die zierliche Frau mit dem kinnlangen Haar Lust zu weben.

Luft zum Atmen

Barbara Kisters stammt aus Nordrhein-Westfalen. Sie ist in Duisburg geboren und in Mülheim an der Ruhr aufgewachsen. Mit 18 Jahren ging sie fürs Studium nach Hannover. Mit ihrem Mann Ludger und den beiden Kindern zog sie 1995 in den St. Goarer Höhenort Biebernheim. „Hier kriegste Luft zum Atmen“, beschreibt sie ihr damaliges Gefühl und die Weite, die sich auftut, wenn man von der A61 abfährt, sich nach einigen Kilometern Landstraße der Wald öffnet und der Blick über das Mittelrheintal, Taunus und Hunsrück schweift.

Als sie nach St. Goar kamen, war das Städtchen noch richtig belebt. „Es gab einen Quelle-Laden, Schuhgeschäfte, Supermärkte. Fast alles konnte man vor Ort kaufen. Die großen Supermärkte und der Online-Handel haben das verändert.“ Vielleicht haben Barbara und Ludger deswegen ihren Dorfladen „rheingewebt“ vor 5 Jahren gegründet. Er liegt nur wenige Gehminuten von ihrem Wohnhaus entfernt, mitten im Ortskern von Biebernheim im früheren Feuerwehrhaus. Liebevoll sanierte das Paar mit Freunden die kleine Fläche. Dabei kamen wahre Schätze zum Vorschein wie ein antiker Boden mit spanischem Fliesenmuster und das Mauerwerk des Fachwerks.

„Es gibt jede Menge tolle Produkte, die hier in der Region hergestellt werden“, weiß sie, Ob festes Shampoo, dekorative Holzarbeiten, Gin, der neben Wacholder und Zitrus auch die Mittelrheinkirsche zur Geltung bringt, Töpferarbeiten oder selbst gewebte Textilien:  Der sorgsam geführte Laden ist ein Versuch, das Regionale sichtbar zu machen. Doch die Zukunft von „rheingewebt“ sei im Moment ungewiss. Das liege zum einen an den Kosten, so Kisters, aber auch an ihr selbst.

Bunte Garne. Foto: Mareike Knevels

Foto: Mareike Knevels

Kukate und hölzernes Klackern

Vor ihrem Haus weht eine Fahne mit Friedenstaube, der Garten wächst bunt, wild und doch irgendwie geordnet. Es stehen Tee, selbst gebackener Kuchen auf dem Tisch und Plätzchen aus dem Café St. Goar. Zwei größere Webstühle besitzt Kisters und einen kleineren, um Muster zu erstellen. „Mit dem ganz großen Webstuhl habe ich mich noch nicht so angefreundet“, erzählt sie. „Meine Ausbilderin sagte, einen Webstuhl muss man sich erobern, den Großen habe ich mir also noch nicht erobert. Und sie sagte auch, man muss sich den Webstuhl anpassen, wie man ihn braucht. Ich glaube aber, ich versuche eher zu schauen, wie ich mit den Gegebenheiten hinkomme.“ Kisters hebt sanft die Schultern und lächelt.

Das Weben ist mehr als ein Hobby. Über 4 Jahre lang absolvierte Barbara Kisters nebenberuflich eine Weber-Ausbildung im niedersächsischen Kukate. Es ist einer der wenigen Orte in Deutschland, wo das noch möglich ist. „Komm, wir schauen uns mal den Webstuhl an“, sagt sie. Und als sie beginnt, verstehe ich, was sie mit Rhythmus und wohltuendem Moment meint: Barbara Kisters spielt den Webstuhl wie ein Instrument, mit Füßen und Händen. Als säße sie an einer Kirchenorgel. Ihr ganzer Körper ist involviert. Das repetitive hölzerne Klackern fließt durch den Raum und bestimmt, wie schnell sich die bunten Fäden zu neuen Mustern verweben.

Gleichwohl ist das Weben eine sehr strukturierte Tätigkeit: Man legt Parameter wie Garnfarbe, Garnart, Breite und Muster fest. Und in diesen Parametern bewegt man sich dann. Sie deutet auf meine Jeans: „Das ist ein ganz reguläres Webmuster. Nachdem es in heißes Wasser getränkt wurde, schmilzt es zu einem Stück Stoff zusammen. Die Fäden verbinden sich.“

Die Gedanken, die sich um unsere Welt spinnen

Ihr Engagement für die Umwelt, das Hand in Hand mit den damaligen studentischen Friedensbewegungen lief, treibt sie immer noch um. „Meinen Kindern hingen die Grünkernbratlinge wahrscheinlich irgendwann zum Hals hinaus“, lacht sie. Aber es habe sie geprägt.“Und irgendwie ist es auch eine Blase, in der man sich bewegt.“ Ihre Augen blicken ernst und nachdenklich durch die Scheiben des Wintergartens. Die Blätter der Bäume sind bunt, es ist ein bewölkter Herbsttag mit vielen kleinen Tropfen in der Luft. „Frieden schaffen ohne Waffen“, sagt sie plötzlich. Denn ja, da sei zwar das Weben, das ihr Freude mache, „und das, was man da im Kleinen für sich tut.“ Doch irgendwie fällt ihr das gerade sehr schwer. „So für mich vor mich hinzuarbeiten, während die Welt ins Wanken gerät.“ Und die eigenen Werte auf den Prüfstand geraten. Corona, Krieg und Klima-Krise kreisen den ganzen Tag um einen herum. „Im Sommer hatten wir nicht genug Wasser für unseren Garten und das über Wochen. Auf einmal wird Klima-Krise spürbar und sichtbar. Hier in Biebernheim.“ Es ist das Gefühl von Sicherheit, das gerade aufbricht, auseinanderfällt.

Es ist wie ein Schatten, der über dem Alltag und dem eigenen Tun liegt – nicht nur für Barbara Kisters, sondern für sehr viele Menschen. „Ich frage mich, welche Rolle ich in dieser Welt einnehmen möchte“, sagt sie. „Da kann ich mich nicht einfach zurückziehen und Handtücher machen.“ Sie spüre den Drang, etwas zu tun, nicht einfach still zu sitzen. „Du musst die Welt retten, einen Platz, eine Aufgabe in der Welt suchen.“ Das sei der Grund, warum sie eigentlich gar nicht so viel über das Weben und den Laden sprechen wolle.

Die kleinen Fitzel

„Aber eigentlich passt der Laden dann doch wieder“, lächelt Barbara, „Regionalität war schon immer wichtig und gerade jetzt zeigt sich der Wert.“  Wie auch beim Handwerk des Webens, das die Wertigkeit von Kleidung verdeutlicht. Vielleicht. Erstmal will Barbara Kisters herausfinden, wo ihr Platz in dieser entrückten Welt gerade ist. „Was kann ich der Welt Gutes tun? Das ist gerade mein persönliches Drama.“

Gemeinsam mit ihrem Mann Ludger hat sie eine junge Frau aus der Ukraine bei sich aufgenommen. „Das ist schön und das Zusammenleben mit ihr macht Spaß“, sagt sie. Die beiden versuchen, ihr Leben hier in Frieden zu unterstützen. „Jedes kleine Fitzelchen leistet einen Beitrag, aber das kommt einem eben wie ein Fitzel vor, außer jeder tut diesen Fitzel. Und am Ende haben die vielen kleinen Fitzel dann doch eine Wirkung.“

Die Autorin:

Mareike Rabea Knevels studierte Kommunikationsdesign und arbeitet als Dozentin, Illustratorin und Autorin. 2019 war sie Burgenbloggerin auf Burg Sooneck. Seit 2022 schreibt sie regelmäßig für Mittelrheingold. Mehr Texte von Barbara gibt es hier.

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Boppards bester Amateur: Ein Besuch bei Uwe Gramsch

Andere Leute legen nach der Pensionierung die Füße hoch, Uwe Gramsch macht einen Laden auf. Der frühere Verwaltungsjurist betreibt in der Bopparder Oberstraße eine Mischung aus Atelier, Ausstellung und Verkaufsraum. Gramsch hat nie eine Kunsthochschule von innen gesehen, aber  ist der wahrscheinlich freieste Künstler weit und breit. Der Umsatz interessiert ihn nicht, Geld braucht er nicht und originell ist er selbst, darum muss es seine Kunst nicht unbedingt sein. Er malt einfach nur, was ihm gefällt. Mareike Knevels hat ihn für Mittelrheingold besucht. 

Es riecht nach Ölfarbe, auf der Palette türmen sich Zentimeter hoch die Farbschichten und an den vier Wände des Raums hängt mal ein August Macke, mal ein Pierre-Auguste Renoir oder ein Franz Marc.

Flaniert man durch Boppards Fußgängerzone in der Oberstraße, entsteht schnell der Eindruck, auf ganz engem Raum zwischen Drogeriemarkt, Apotheke und Bäckerei passiert etwas ganz Besonderes: großformatige Malereien der Galerie Lúcia Hinz neben detaillierten Ölgemälden des Ateliers Uwe Gramsch.

200 handgemalte Kunstwerke

Nicht nur die Formate von Hinz und Gramsch unterscheiden sich, sondern vor allem das eigene Werk, der Bezug zu dem, was Kunst und Malerei sind. Während Lúcia Hinz ihre eigene künstlerische Sprache entwickelt hat und mit dieser national und international ausstellt, geht man bei Uwe Gramsch durch die Sprachen und Stilrichtungen vieler, bekannter Künstler.

Es ist ein Spaziergang durch die europäische Kunstgeschichte, der mit „Here you find over 200 hand painted works of art“ angekündigt wird.

Die Füchse von Franz Marc

„Seit 50 Jahren mache ich das nun schon“, lächelt Uwe Gramsch mit dem Pinsel in der Hand, „Malen Sie auch? Die Malerei ist ein schöner Zeitvertreib, aber leben kann man davon nicht.“ Den Norddeutschen-Sprech hört man immer noch heraus. Gramsch kommt ursprünglich aus Kiel und lebte lange Zeit in München. Nun malt er in Boppards Oberstraße.

Unter seinen Werken kleben weiße Schilder „140 Euro mit Rahmen, ohne 90 Euro“ oder „150 Euro mit Rahmen, ohne 100 Euro“. Ein günstiger Fund, wenn man bedenkt, dass das Ölgemälde „Die Füchse“ von Franz Marc Anfang des Jahres in einer Abendauktion des Londoner Auktionshauses Christie’s für rund 51,12 Millionen Euro unter den Hammer kam.

Das findet auch Gramsch und lacht. Für „Die Füchse“ habe er kurz darauf einen Auftrag bekommen. „Das Bild habe ich in ein paar Nachmittagen nach gemalt und die Leute haben sich gefreut.“ In seinem Smartphone wischt er durch einige Aufnahmen, die dem Original zum Verwechseln ähnlich sehen.

Ein Bopparder Beltracchi ist der Maler jedoch nicht und so signiert er all seine Werke mit „Gramsch.“ Als studierter Jurist kennt er sich zudem gut mit Gesetzen aus und weiß um Kunstfälschung und Urheberrecht bestens Bescheid. Auf wenigen Quadratmetern vereinen sich so Atelier, Ausstellungsraum und Verkaufsfläche.

OP-Handschuhe und Schiefertafeln

Zur Malerei kam er, um in seinem Jura Studium abzuschalten. Damals schaute er sich die Werke verschiedener Künstler an und begann, sie nachzumalen. „Angefangen habe ich mit den Klassikern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, dann habe ich mich zum Impressionismus gewagt: Renoir, Monet, Manet aber auch Van Gogh.“

Nach und nach hat sich Gramsch durch verschiedene Stile gearbeitet, sie bis ins Detail beobachtet und einstudiert. Er malt immer in Öl. Das sei zwar ein wenig teurer, aber durch den langen Trocknungsprozess der Farbe kann er über eine längere Zeit am Bild arbeiten.

Gramsch malt nicht nur Werke nach, sondern er arbeitet auch nach seinem eigenen Gusto: So hängt eine Adaption von Edward Munchs „Der Schrei“ in seinem Flur. Über dem Mund der Figur leuchtet eine blau-grüne OP-Maske und die Hände stecken in OP-Handschuhen. „Eine Corona-Adaption“, lacht er.

Andere seiner eigenen Werke haben einen illustrativen und floralen Stil und unterscheiden sich sehr von Nachahmungen bekannter Künstler. „Manchmal habe ich eine Idee, das kann beispielsweise die Abstraktion von Augen und Mund sein, und aus dieser Idee entwickele ich dann mehrere Bilder. Meist male ich an allen gleichzeitig.“ Meist weiß er schon, während er an einem Bild arbeitet, was danach kommen wird – die Angst vor der leeren Leinwand kennt Uwe Gramsch nicht.

An den Gemälden verschiedener Epochen und Künstler fasziniert Gramsch nicht nur die Technik, sondern auch das Dargestellte. Durch das genaue Beobachten offenbart sich viel: Das Interieur der Wohnhäuser, Moden, Kleidung oder Schönheitsideale.

„Der Junge dort hält eine Schiefertafel in der Hand. Damit ist er Schule zur gegangen, das war sein Schreibwerkzeug“, zeigt Gramsch auf ein Bild, dessen Original im 19. Jahrhundert entstanden sein könnte. „Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, mit der Schiefertafeln zur Schule gehen. Bald werden die Kinder nur noch ein Tablet oder ein Smartphone haben, Bücher und Hefte werden überflüssig sein.“

Und die Preise?

Vor Kurzem ist ein Künstler in seinem Atelier vorbeigekommen und wunderte sich über die Preise. Die sind zugegeben relativ günstig. Aber das stört Gramsch nicht, er möchte für jedermann malen und so kommen die Danksagungen in seinem Gästebuch aus der ganzen Welt. Seit 2011 führt er das rote Buch, in das Menschen aus Neuseeland, Japan, Chile, Spanien oder Kanada Grüße reinschreiben.

Durch die Pandemie habe sich das Reiseverhalten der Menschen zwar geändert, aber das hält Gramsch nicht von seinem Schaffen ab. Denn die Ideen zu neuen Bilder scheinen endlos zu sein und an den alten Werken könne man ja auch immer noch etwas optimieren.

Und das tut er dann auch gleich. Bei „Der Traum des Mannes“, ein kompletter Gramsch, findet er eine Stelle, die wohl noch weiter ausgearbeitet werden kann..

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Liebe geht durch den Krümel

Lia und Krisztian Berki haben ein leerstehendes Ladenlokal in Bacharach aus dem Koma geholt. Jetzt führen sie dort ein Bistro, das „Krümel“. Mareike Knevels hat die beiden besucht und weiß jetzt, worauf es in der Gastronomie ankommt.

Illustration: Mareike Rabea Knevels

Illustration: Mareike Rabea Knevels

„Wir mögen das Wasser. Nicht nur zum Duschen, sondern auch zum Gucken“, sagt Lia und blickt aus dem großen Schaufenster. So als könnte sie hinter der Häuserreihe den Rhein sehen. Dann wandert ihr Blick prüfend zu Krisztian: „Du doch auch, oder?“ Der schnell ein „Doch, doch“ brummelt.

Lia und Krisztian Berki führen seit dem 24. März „Der Krümel“ in der Bacharacher Oberstraße. Es ist für sie nicht die erste eigene Gastronomie: Vorher betrieben sie das Hotel „Blüchertal“ im Stadtteil Steeg und noch früher die Gaststätte „Zum Saalbau“ in Mainz-Mombach. Die Rumänin und der Ungar haben über 25 Jahre Gastronomie-Erfahrung; jetzt sind sie im Zentrum Bacharachs angekommen.

Buttercreme und Lebensmittelpreise

Holztische mit unebenen Kanten, graue und lila Wände, schwarze Butcher-Fliesen an der Theke, viele Pflanzen – das Restaurant ist mit Liebe und Sorgfalt eingerichtet. Man soll sich familiär fühlen und gut essen.

Vor allem aber lässt Lias Kuchenvitrine die Herzen höher schlagen: Rumänische Süßspeisen aus Buttercreme zubereitet sitzen in Probierhäppchen auf Tellern. Die habe sie selbst gemacht, lächelt Lia, und die Kuchen seien von ihrer Schwester. „Die meisten Deutschen möchten abnehmen, aber die Touristen, die hier vorbeikommen, probieren schon gerne.“

Krisztian ist ausgebildeter Koch und das Kochen macht ihm Spaß; nicht immer natürlich aber fast. Er zuckt mit den Schultern. Man könne auch im Büro einen schlechten Tag haben, so sei es eben auch mal in der Küche. Was es ihm schwerer macht, sind die steigenden Lebensmittelpreise. „Fett kostet fast das Zehnfache und da fängt es erst an. Die steigenden Preise kann man natürlich nicht eins zu eins auf das Endprodukt umlegen.“ Denn dann würden die Gäste nicht mehr kommen. Die Laune lassen sie sich trotzdem nicht verderben, dafür arbeiten sie schon zu lange zusammen.

Die Geschichten der anderen

Ihr erstes Restaurant eröffneten Lia und Krisztian in Mainz. Den „Saalbau“ betrieben sie 13 Jahre lang. Bis zu 100 Menschen fanden dort Platz „Damals ist man viel gerannt. Zeit für die Gäste hatten wir nicht“, erinnern sie sich. Das ist in Bacharache anders. Hier im „Krümel“ fühlt man sich wie bei Freunden zu Besuch, sitzt gemütlich, kann den Gesprächen der anderen lauschen oder sich mit den beiden Inhabern unterhalten.

Dieses Miteinander ist den beiden wichtig. „Ich mag die Geschichten, die mir die Menschen mitbringen“, erzählt Lia. Sie nimmt sich gern Zeit, um zuzuhören, aber auch um etwas von sich zu erzählen. „Das ist doch das Tolle an der Gastronomie.“ Der Austausch und die Begegnung.

Im Radio läuft „Sweet Home Alabama“ von Lynyrd Skynyrd.

Sweet home Alabama
Where the skies are so blue
Sweet home Alabama
Lord I’m comin‘ home to you

Die Songzeilen passen.

Das „Krümel“ ist nicht groß, der Platz reicht für 25 bis 28 Gäste. Lia und Krisztian ging es beim Konzept nicht nur die familäre Atmosphäre. Es war ihnen wichtig, dass sie den Laden zu zweit betreiben können. Überall in der Gastronomie fehlt Personal. Da ist es besser, nicht darauf angewiesen zu sein.

Illustration: Mareike Rabea Knevels.

Illustration: Mareike Rabea Knevels.

Männer ohne Nerven

Seit 17 Jahren sind die beiden nun verheiratet. Kennengelernt hat das Paar sich in Mainz im „Im goldenen Engel“, dort war Krisztian Koch und Lia Zimmermädchen.

„17 mal drei“, lächelt Lia. „Das sind die drei Schichten: Arbeit, Freizeit und Urlaub. Die verbringen wir gemeinsam. Also sind wir eigentlich schon 51 Jahre verheiratet.“

Natürlich geht das nicht ganz ohne Streit. „Dann muss man klar besprechen, woran es liegt. Unsere Gäste merken sofort, wenn zwischen uns etwas nicht passt.“ Und ihr gemeinsames Ziel, ihre Gastronomie, lenke den Blick dann auch schnell wieder nach vorne, sagt Lia.

In dem Moment kommt Krisztian aus der Küche und sagt: „Und ich habe gute Nerven.“ Lia lacht und meint dann: „Ich bin stolz auf uns und dass wir das bis hierhin geschafft haben.“

Die Familien des rumänisch-ungarischen Paares leben in ihren Herkunftsländern, umso wichtiger sind ihnen ihre Freunde. „Die leben alle in Mainz. Dort fahren wir einmal in der Woche hin.“ Mainz vermisse Lia schon hin wieder, ihr Herz hänge noch ein wenig an der anderen Stadt am Rhein.

Und dann ist da noch die Verbindung nach Steeg. Dem Weindorf haben sie ein Schnitzel gewidmet, „Das Steeger Schnitzel, so bringen wir ein Stück Steeg nach Bacharach“, lacht Lia. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja auch bald einen Mainz Muffin oder Mombacher Maultaschen oder…

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