„Schlussredakteure“ nennt man in größeren Verlagen Experten, die Texte vor der Veröffentlichung noch einmal lesen und Vertipper und andere formale Fehler korrigieren. Mittlerheingold Mittelrheingold ist zwar nur eine One-Man-Show, hat aber trotzdem die denkbar beste Schlussredakteurin: Natascha Meyer aus Boppard. Natascha unterstützt bei den „7 Fragen“ und meldet sich auch sonst, wenn ihr Flüchtigkeitsfehler auffallen. Also oft. Natascha entgeht nichts. Ihr Gespür für deutsche Sprache würde selbst Duden-Mitarbeiter faszinieren, dabei hat sie noch nicht einmal einen deutschen Pass: Natascha ist serbische Staatsbürgerin, denn ihre Eltern kamen aus dem damaligen Jugoslawien nach Boppard. Was aus dem „Gastarbeiterkind“ von damals geworden ist, sagt nicht nur viel über Natascha aus, sondern auch über das weltoffene Boppard. 7 Fragen an ein Bopparder Mädchen mit Balkan-Hintergrund.

Natascha Meyer mit Hund Paul auf Tour. Foto: Privat

Natascha Meyer mit Hund Paul auf Tour. Foto: Privat

Natascha, du bist Boppard-Patriotin durch und durch, stammst aber eigentlich aus einem anderen Land. Wie kam deine Familie an den Mittelrhein?

Meine Eltern kamen Anfang der Siebziger aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland und landeten in Boppard. Hier lernten sie sich kennen, meine Mutter damals als Zimmermädchen im „Hotel Rebstock“, mein Vater als Mitarbeiter in der Kneipp-Schule. Die beiden haben zusammen die wilden 70-er in Boppard erlebt, die Älteren werden sich an das „Studio“ auf der Oberstraße erinnern.

Als ich im Januar 1976 geboren wurde, entschieden sie sich, in Deutschland zu bleiben, was die beste Entscheidung war, die sie hätten treffen können. Ich bin also ein Bopparder Mädchen mit Balkan-Hintergrund. 8 Jahre später kam meine Schwester Sonja auf die Welt. Die lebt jetzt auf dem Hunsrück, bleibt aber auch immer Bopparderin im Herzen.

„Gastarbeiter“ nannte man Menschen wie deine Eltern früher. Hast du dich von Anfang an in Boppard zuhause gefühlt?

Ich habe mich selten als das Kind von Migranten gefühlt. Meine Kindergarten- und Schulzeit habe ich mit Bopparder Kindern verbracht, meine Jugend in Bopparder Sportvereinen und Kneipen, und auch heute wissen viele gar nicht, dass ich gar keinen deutschen Pass besitze.

Als der Jugoslawien-Krieg ausbrach, spürte ich davon kaum etwas in Boppard. Sicher war das Thema in der Familie, aber meine Eltern haben immer Wert darauf gelegt, dass wir in Boppard zuhause sind und bleiben. Dafür bin ich dankbar, denn so konnte ich die Sprache, die Musik und die Lebensphilosophie zweier verschiedener Kulturen genießen. Wir Kinder in der 2. oder 3. Generation der damaligen Gastarbeiter haben das große Glück, in einer Kleinstadt aufgewachsen zu sein, die sich – zumindest für mich – wie ein geschützter Raum anfühlt. Es ist schwer zu beschreiben. Ich denke, die Bopparder wissen, was ich meine. Ich liebe diese Stadt, jeden Stein, jede Tür, und ich bin stolz darauf, in der schönsten Ecke Deutschlands zu leben.

Vor einigen Jahren bist du vorübergehend nach Hamburg gezogen. Aber nicht für lange. Was hat dir gefehlt?

Mein Mann und ich sind 2012 aus beruflichen Gründen nach Hamburg gezogen. Er hatte ein Engagement bei einer Event-Agentur, das ihn so sehr einspannte, dass wir unsere Sachen packen und umziehen mussten. Eine Wochenendbeziehung kam nicht infrage, also entschied ich mich schweren Herzens, meine Heimat zu verlassen. Hamburg ist eine tolle Stadt. Das Entertainment-Angebot ist einmalig, die Sehenswürdigkeiten sind grandios, und wer noch nie auf St. Pauli versackt ist, hat etwas verpasst. Ich habe mich in Hamburg beruflich sehr gut aufstellen können, was mir heute noch zugutekommt. Als Büroleitung einer angesehenen Baurechtskanzlei hatte ich über einen gewissen Zeitraum den Eindruck, das Richtige für mich gefunden zu haben. Aber das schwere Herz wurde nie leichter.

Denn es gibt auch Schattenseiten, wenn man als Mädchen vom Rhein in die große nordische Stadt zieht. Meinen Humor beispielsweise konnten die Hamburger nie verstehen. Das rheinische Mundwerk ist nicht überall gern gehört. Ich war oft einsam, weil mir mein Netzwerk gefehlt hat. Freundschaften lassen sich nicht mehr so schnell aufbauen, wenn man älter wird. Ich pflegte lieber die Bestehenden in der Heimat, was von Hamburg aus nicht so einfach war. Mir war klar, dass ich irgendwann zurückkehren würde. Als ich dann 2015 keine Lust mehr hatte, auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag 2 Stunden auf den Elbbrücken zu stehen, beschlossen wir, nach Boppard zurückzukehren. Das war eine der besten Entscheidungen unseres Lebens. Nun sind wir zurück, und außer einem Lottogewinn, der uns ein Haus auf einer thailändischen Insel ermöglichen könnte, gibt es keinen Grund, hier wieder wegzugehen.

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#Hometown

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Sogar Boppard kann man verbessern. Was würdest du anders machen, wenn du entscheiden könntest?

Boppard muss dafür sorgen, dass sich das Stadtbild verbessert. Wenn ich z. B. am Bahnhof vorbeigehe, schaudert es mich. Es ist schmutzig, überhaupt nicht einladend und vor allem nicht barrierefrei. 2021 soll hier der Rheinland-Pfalz-Tag stattfinden. Was sollen die Menschen, die mit dem Zug angereist kommen, von uns denken? Dieser Zustand muss dringend geändert werden. Ich hoffe, dass der Stadtrat vernünftige Lösungen findet, die umsetzbar sind. Wenn ich an das schöne Bahnhofsgebäude von früher zurückdenke mit den großen Holztüren und dem angrenzenden „Café Chagall“, erfasst mich Wehmut. Früher waren doch so einige Dinge besser.

Das Schwimmbad-Thema fasse ich erst gar nicht an. Die Diskussionen verlieren sich teilweise in Polemik und werden mir zu oft auf der Meta-Ebene geführt, was ich persönlich mehr als Wahlkampf der Verantwortlichen sehe. Inhaltlich dreht man sich im Kreis und macht Schuldzuweisungen, wer es denn nun verbockt haben könnte. Die Bürger wollen Ergebnisse sehen. Eine Transparenz der Sachlage ist für einen sachunkundigen Bürger nicht gegeben. Dafür mag ich kritisiert werden, aber solange lediglich die Wildschweine über das Gelände in Buchenau laufen, kann ich nur Taten gelten lassen. Harren wir der Dinge…

Wir haben uns kennengelernt, weil du etwas kannst, was selbst in größeren Medienhäusern nicht selbstverständlich ist. Du hast ein unglaublich gutes Auge für Rechtschreibung und siehst innerhalb kürzester Zeit in jedem Text jeden Fehler. Ist das eine Naturbegabung oder antrainiert?

Beides. Ich lese gern und viel. Wenn ich einen Text nicht flüssig lesen kann, weil er Komma- oder Rechtschreibfehler aufweist, stört das meinen inneren Monk. Mir springen Fehler oder Ungereimtheiten fast immer ins Auge. Falls jemand einen Fehler in diesem Text findet, darf er ihn natürlich gern behalten.

Vielen Verfassern von Texten ist nicht bewusst, dass ein Satz durch eine Kleinigkeit komplett an Sinn und Aussage verlieren kann.

Der Klassiker: „Komm, wir essen jetzt, Opa.“ Oder: „Komm, wir essen jetzt Opa.“

Wenn ich einen Text lese, ist das in meinem Kopf wie eine Melodie, und wenn ein falscher Ton auftaucht, höre ich den sofort. Ich weiß bei weitem nicht immer, wie etwas richtig geschrieben wird, aber ein Blick in den Duden erleichtert bekanntlich die Wortfindung.

Ich komme beruflich aus dem juristischen Bereich. Das stärkste Werkzeug, das Juristen zur Verfügung steht, ist die Sprache. So habe ich von Juristen gelernt, Sprache gezielt einzusetzen. Ich hatte gute Lehrer, die großen Wert auf Fehlerfreiheit in ihren Schriftsätzen gelegt haben. Ein fehlerfreier Text macht einen guten Eindruck und zeugt von Akribie und Stilbewusstsein. Er sollte vom Verfasser gut behandelt werden, denn damit präsentiert er sich nach außen. So habe ich Dich ja auch angesprochen, lieber Frank. Du warst Gott sei Dank kritikfähig und hast mein Potential schnell erkannt.

Warum machst du eigentlich keinen Beruf daraus?

Weil ich bereits einen Beruf habe, der mir Spaß macht. Ich organisiere und leite Anwaltskanzleien. Erst durch die Arbeit mit Dir und für Mittelrheingold ist mir klargeworden, dass ich eine Inselbegabung habe, die auch tatsächlich gebraucht wird. Deshalb plane ich, im Laufe des Jahres meine Dienste als Korrektorin und Lektorin auf selbständiger Basis als Freiberuflerin anzubieten. Angebote sind herzlich willkommen, but Mittelrheingold first.

Bei der obligatorischen letzten Frage nach dem Mittelrhein-Geheimtipp klammern wir Boppard mal aus. Welcher Ort, welcher Laden und welches Lokal gefallen dir im Welterbetal besonders gut?

Wenn ich meine Heimat aus einer anderen Perspektive genießen will, setze ich mich ans Gedeonseck und bewundere die Schönheit, die sich mir bietet.

Ich kann Boppard beim Gedanken an warme Sommerabende und winterliche Spaziergänge jedoch nicht ausklammern. Dabei kehren mein Mann und ich gern in der „Römerburg“ bei Marion und Bernd Stahl ein. Dort gibt es nicht nur guten Riesling und leckeres Essen, sondern auch einen netten Plausch mit „Falle-Bernd“ über alte Zeiten und gute Musik.

Auf der Mittagsrunde mit dem Hund nehmen wir uns oft ein bis vier Stücke Kuchen bei Yvonne im „Café Zeitgeist“ mit. Sie backt jeden Tag frisch, betreibt ihr wunderschönes Café mit ganz viel Liebe, und ein Geheimtipp ist sie schon lange nicht mehr.

Danke, Frau Meyer 🙂

Zuletzt in der Reihe „7 Fragen an …“ erschienen

Claudia Schwarz (Tourismus-Managerin und Welterbe-Repräsentantin aus St. Goar) – Sonja Spano (Restaurant-Einrichterin und Raumausstatterin in Boppard) – Marcel D’Avis (Banker und Designer aus Oberwesel) – Gero Schüler (Winzer und Student aus Steeg) Marlon Bröhr (Landrat des Rhein-Hunrück-Kreises) – Matthias Pflugradt (Medienprofi, Bestatter und Loreley-Rebell aus St. Goarshausen) – Heinz-Uwe Fetz (Weinbau-Präsident, Winzer und Gin-Macher aus Dörscheid) – Michael Maul (Sprecher der Fährbetriebe am Mittelrhein) Martin Nickenig (Bäckermeister in Boppard)Walter Bersch (Bürgermeister von Boppard) – Robert Wurm (Ex-Manager und Winzer in Lorch) – Marcus Schwarze (Journalist, Digitalberater und Buga-Blogger) Tristan Storek (Düsseldorfer Jungwinzer und Techniktalent in Steeg)Andreas Nick (Lehrer, Kommunalpolitiker und Hostel-Besitzer in Bads Salzig) Jean-Michel Malgouyres (französischer Küchenchef in Rüdesheim)

Termine des Tages

Weiler Boppard – Apollonia-Kirmes – 10. Februar, VG St. Goar-Oberwesel

Boppard – „Das Klavier singt“ / Sonntagsmatinee und Brunch im Bellevue – 10. Februar, 11 Uhr. boppard.de

Bingen – „Die Pfefferkörner und der Fluch des schwarzen Königs“ / Kinderkino im Kikubi – 10. Februar, 15 Uhr. bingen.de

St. Goar – „Stiftskonzerte“ in der Ev. Kirche mit Falko Hoehnisch (Bariton) und André Dolabella am Harmonium – 10. Februar, 17 Uhr. VG St. Goar-Oberwesel

Bingen – Orion String Trio in der Villa Sachsen – 10. Februar, 18 Uhr. bingen.de

Boppard – „Der Junge muss an die frische Luft“ / Cinema in der Stadthalle – 10. Februar, 20 Uhr. boppard.de

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#oberwesel#rhein

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