Andreas Roll ist für das Welterbe-Tal gleich dreifach wichtig: Als Initiator des Stolpersteine-Projekts, das an die vertriebenen und ermordeten Bopparder Juden erinnert, als grüner Stadtrat und als Stadt- und Verkehrsplaner mit klarer Meinung zur Mittelrheinbrücke und zur Windkraft im Mittelrheintal. 7 Fragen an einen, der durch Zufall an den Mittelrhein kam und nicht wieder weg will.

Andreas Roll lebt seit über 25 Jahren in Boppard. Foto: Privat

Andreas Roll lebt seit fast 25 Jahren in Boppard. Foto: Privat

„Wahl-Bopparder“ nennt dich deine Partei auf ihrer Website. Was hat dich an den Mittelrhein geführt und warum Boppard?

Ich habe ein Jahr vor Studienende 1992 während eines Jahrespraktikums bei einem führenden Schweizer Planungskonzern meinen späteren Chef und heutigen Miteigentümer kennengelernt. Er hatte in Boppard-Buchholz gerade ein eigenes Büro eröffnet. Nach dem Studium lud er mich ein, und wir wurden schnell handelseinig. Ich bin bis heute in Boppard geblieben. Damals kam ich mit dem Interregio-Fernverkehrszug angereist. Ohne diese schnelle, komfortable Verbindung zurück in meine Pfälzer Heimat wäre mir der Wechsel ins Rheinland nicht so leichtgefallen. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, in meine alte Heimat zurückzukehren. Von daher stimmt das mit dem „Wahl-Bopparder“.

Deine Initiative „Boppard setzt Stolpersteine“ erinnert an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Wie schwierig war es, die Bopparder davon zu überzeugen?

Der Wunsch danach kam von vielen Boppardern. Ich bin lediglich derjenige, der das Ganze organisatorisch ins Rollen gebracht hat. Das Ziel der Initiative und des jetzigen Vereins ist, dass sich vor allem die junge Generation mittels Recherche über Einzelschicksale diesem schwierigen historischen Thema, nämlich der Verfolgung in Zeiten des Nationalsozialismus, nähern kann.

Das heißt, wir bieten an, dass Schüler und Schülerinnen der hiesigen Schulen selbst aktiv werden. Es geht aber nicht nur um ehemalige jüdische Mitbürger. Viel mehr Gruppen und Einzelpersonen wurden verfolgt, ermordet oder vertrieben. Längst nicht alle Schicksale dieser Zeit sind aufgearbeitet.

Kurz nach der Verlegung der ersten Stolpersteine 2017 wurden 2 Platten aus dem Pflaster gebrochen und gestohlen. Was ist mittlerweile über den Täter bekannt?

Außer einer unscharfen Aufnahme einer privaten Überwachungskamera wenig. Es war ein älterer Mann, der zielgerichtet handelte und entsprechendes Werkzeug dabeihatte. Möglicherwiese mit rechter Gesinnung, der die Erinnerung ungeschehen machen wollte. Die Staatsanwaltschaft hat nicht groß ermittelt, da die Tat dort nicht als Schändung eines Mahnmals gesehen wird, sondern lediglich als geringfügiger Diebstahl. Ein Skandal, wie nicht nur ich finde. Aber andererseits hat die Tat viele Bopparder wachgerüttelt, und der Verein „Boppard setzt Stolpersteine“ kann seitdem mit mehr Unterstützung rechnen.

Wie geht es mit dem „Stolperstein“-Projekt weiter?

Wie schon gesagt, haben die Aktiven der Stolpersteininitiative mittlerweile einen Verein gegründet, um die Arbeit dauerhaft fortsetzen zu können. Bisher haben wir mit der IGS Emmelshausen und der Fritz-Straßmann-Schule in gemeinsamen Projekten gearbeitet. Wir hoffen, dass uns das in Zukunft auch mit anderen regionalen Schulen gelingt. Ein weiterer Schwerpunkt wird die Dokumentation der Schicksale für eine Dauerausstellung sein. Möglicherweise zusammen mit dem Stadtmuseum.

Du sitzt für die Grünen im Bopparder Stadtrat. Wie steht deine Partei zur Mittelrheinbrücke?

Ich bin von Beruf Stadt- und Verkehrsplaner. Bei diesem Thema interessiert mich vordergründig: Braucht die Region „einen festen Brückenschlag“?
Wir leben hier im Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal. Eine einzigartige Landschaft, die von der Natur sowie den historischen Städten, Burgen und Kulturlandschaften (Weinbau) geprägt wurde. Der Rhein als Strom spielt dabei eine besondere Rolle.

Das alles verpflichtet zu einem behutsamen Umgang und behutsamer Weiterentwicklung. Bundestraßen und Bahnlinien, aber auch der große Tagebau bei Trechtingshausen haben diesem Raum schon genug Wunden zugefügt.

Ich habe viele der Studien zur Mittelrheinbrücke gelesen. Keine konnte mich überzeugen, dass eine zentrale Autobrücke eine Verbesserung für die nahräumige Mobilität mit sich bringen würde. Ich bin sogar vom Gegenteil überzeugt. Heute gibt es dank der Fähren die Möglichkeit, dezentral den Rhein an vielen Stellen zu überqueren, das schafft kleinräumige Verbindungen zwischen den beiden Rheinseiten.

Die Gefahr beim Brückenbau ist, dass dann diese Verbindungen mit den Fähren mangels Wirtschaftlichkeit nicht mehr angeboten werden. Die Folge sind lange Umwege, und für Fußgänger und Radfahrer zu weite Distanzen im Gegensatz zu heute.

Dann doch lieber die 100 Millionen, die eine Brücke kosten würde samt der Folgekosten, in bessere, modernere Fährverbindungen stecken und das Queren an 24 Stunden kostenlos anbieten. Die Buga 2029 bietet meiner Meinung dafür ein gutes Experimentierfeld an. Schnelle, automatische Solarfähren wären hier meine Vision für das Weltkulturerbe, auch als weitere Touristenattraktion.

Gerade hat ein Gericht den Bau von Windrädern in Boppard-Weiler verboten, weil hier Umweltschutz mit Landschaftsschutz kollidiert. Braucht das Welterbe-Gebiet eher mehr oder weniger Windkraftanlagen?

Ich bin als Grüner, aber auch als Planer von der Notwendigkeit auf Umstellung unseres Energiesystems auf 100 % erneuerbare Energien überzeugt. Die Windkraft ist dabei ein wichtiger Eckpfeiler. Im Welterbetal haben wir allerdings, genau wie mit der Mittelrheinbrücke, damit ein Problem. Die Sichtachsenstudie hat klar aufgezeigt, wo Windenergie geht und wo nicht. Ich begrüße diese Entscheidungshilfe ausdrücklich. Damit wird auch an der ein oder anderen Stelle außerhalb des Kernbereiches Windenergie, zumindest in der bisher bekannten Form, nicht mehr möglich sein.

Aber es gibt andere erneuerbare Energien, die fürs Tal hervorragend geeignet sind. Jede Gewerbehalle, fast jede Schule und Verwaltung könnte mit Photovoltaikanlagen bestückt werden. Viele Privathäuser ebenso. Dank neuer Batteriespeicher lässt sich die gewonnene Energie in Zeiten nutzen, in der keine Sonne scheint. In dichtbebauten historischen Innenstädten könnten Nahwärmenetze, gekoppelt mit Blockheizkraftwerken, Wärme und Strom aus nachwachsenden Rohstoffen (Strauchschnitt/Hackschnitzel) Biogas herstellen.

Auch den Rhein sollten wir dabei nicht aus den Augen verlieren. Stromturbinen im Rhein werden in wenigen Jahren ebenfalls Grundlaststrom produzieren können. Davon bin ich überzeugt. Übrigens kann auch jeder selbst die Energiewende in die Hand nehmen und Mitglied in regionalen Energiegenossenschaften werden. Im Raum Boppard ist die Neue Energie Bendorf aktiv und liefert regionalen Ökostrom aus eigenen Anlagen.

Was ist dein Mittelrhein-Geheimtipp: Welches Lokal, welchen Laden, welchen Aussichtspunkt kannst du besonders empfehlen?

Da ich leidenschaftlich gerne die Region erkunde, könnte ich jetzt Seiten füllen. Es gibt einfach unheimlich viele intelligente und talentierte Menschen hier, die Tolles schaffen. Ok, ich weiß, ich soll mich kurzfassen. Ich entschuldige mich schon mal bei allen tollen Ideengebern und Akteuren, die ich hier nicht nennen kann.

Gastronomie: Fondel‘s Mühle; Esmeraldo Garcia und Team machen seit Jahren diese historische Mühle am Eingang zum Mühltal zum Erlebnis.

Ebenso das Rheinhotel in Bacharach mit Andreas Stüber in der Küche: Regionale Slowfoodküche vom Feinsten.

Feinkostmarkt Link: Eine neue Bereicherung in der Bopparder Fußgängerzone. Tipp: der Loredry Gin und Tomatenbrot aus Bad Salzig.

Weinkauf bei Bioland Weingut Dr. Randolf Kauer in Bacharach und bei Florian Weingart, Spay, direkt in der neuen Kellerei im Bopparder Hamm.

Senf und Gemüse bei Stiftung Bethesda-St. Martin.

Aussichtspunkte: Einfach zu viele! Selbst erkunden, es lohnt sich auf beiden Rheinseiten. Man kann nichts falsch machen. Wenn ich doch einen nennen muss: Liesenfelds Hütte im Bopparder Stadtwald mit Blick auf die Hubertusschlucht, das großen Eisenbahnviadukt und die vorbeifahrende Hunsrückbahn (Teil der Traumschleife Elfenlay).

Schlussredaktion: Natascha Meyer

Bisher in der Reihe „7 Fragen an …“ erschienen:

Sebastian Busch (Landtagskandidat aus Lorch) – Christian Büning (Designer aus Oberwesel) – Sandra Bruns (Instagrammerin und Journalistin aus Emmelshausen) – Hasso Mansfeld (PR-Berater und Brücken-Aktivist aus Bingen) – Peter Theis (Gastronom und Shop-Betreiber in St. Goar) – Esther Pscheidt (Treibholzkünstlerin aus Lorch) – Wolfgang Blum (Wanderführer und Welterbe-Botschafter auf dem Rheinsteig) – Markus Fohr (Brauereibesitzer und Bier-Sommelier aus Lahnstein) – Christin Jordan und Lars Dalgaard (Journalisten und Winzer in Eltville und Oberdiebach) – Nadya König-Lehrmann (Welterbe-Managerin in St. Goarshausen) – Jörg Lanius (Winzer in Oberwesel) – Mario Link (Lebensmittel-Händler in Boppard) – Rolf Mayer (Kultur- und Event-Manager in Boppard) – Uwe Girnstein (Hotelier in Kamp-Bornhofen)  – Stefan Herzog (Tourismus-Berater und früherer Marketingchef für die Region Rheinhessen) – Horst Maurer (Welterber-Gästeführer aus Oberdiebach) – Gerd Ripp (Gastronomie-Unternehmer auf Schloss Rheinfels und Maria Ruh) – Niko Neuser (Kommunalpolitiker aus Boppard) – Christof A. Niedermeier (Krimi-Autor aus Frankfurt und Schöpfer von „Jo Weidinger“) – Stefan, Andreas und Markus Wanning (Gin-Macher aus Münster-Sarmsheim) – Christoph Bröder (Burgenblogger auf Sooeneck) – Hubertus Jäckel (Architekt aus Oberwesel) – Bernd und Marion Stahl (Gastronomen in Boppard) – Markus Hecher (Burgherr auf Rheinstein) – Timo Ahrens (Strandbar-Gründer aus Oberwesel) – Philipp Loringhoven (Kommunalpolitiker aus Boppard) – Carolin Riffel (Winzerin aus Bingen) – Sarah Hulten – Ex-Weinkönigin, Winzerin und Riesling-Influencerin aus Leutesdorf – Walter Mallmann (Politiker aus St. Goar) – Franziskus Weinert (Einzelhändler und E-Commerce-Experte aus Oberwesel) – Klaus Becker (Präsident der TH Bingen) – Marek Gawel (Hotelier aus Boppard)

Termine des Tages

Oberdiebach – „1125 Jahre Oberdiebach“ – 2. September, ab 10 Uhr. oberdiebach.de

St. Goar-Bierbernheim – 136. Biewerumer Quetschekerb – 2. September, ab 10 Uhr 30. VG St. Goar-Oberwesel

Lorch – Auf dem Rheinsteig durch den Freistaat Flaschenhals – 2. September, 10 Uhr 30.  Zweckverband Welterbe

Bingen – Winzerfest – 2. September, ab 11 Uhr (Stadtlauf). bingen.de

Boppard – Feuerwehrfest auf dem Marktplatz – 2. September, ab 11  Uhr 30. boppard.de

Bacharach – „Zündfunken“ / Heinrich Heine Chor Frankfurt & Friends mit Moritz Stoepel und Manuel Campos / Konzert in der Wernerkapelle. 2. September, 15 Uhr. heinrich-heine-chor.de

Kaub  – „Des Kaysers Bombardier“. Soldat und Waffenhandwerk im Dreißigjährigen Krieg / „Eine authentische Vorführung“ auf der Pfalz. – 2. September, 15 Uhr. tor-zum-welterbe.de

Foto des Tages

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