Andreas Pecht von der „Rhein-Zeitung“ hat neulich über die Schwierigkeit geschrieben, angemessen über Veranstaltungen zu schreiben. Es ging um die Tagung „Oberes Mittelrheintal – Zum Umgang mit einer europäischen Kulturlandschaft“ auf der Festung Ehrenbreitstein. Pecht nahm für die „Rhein-Zeitung“ daran teil; ich im Auftrag der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz. Solche Konferenzen seien „eine Qual“ postete der Kollege auf Facebook. Nicht, weil sie langweilig wären, sondern ganz im Gegenteil: „Was dort vorgetragen wird, würde locker ein Buch füllen.“ Man müsse im späteren Artikel radikal kürzen und würde am Ende Niemanden ganz gerecht.

Festung Ehrenbreitstein. Foto: Dominik Ketz / Romantischer Rhein Touristik

Festung Ehrenbreitstein. Foto: Dominik Ketz / Romantischer Rhein Touristik

Andreas Pecht hat recht. Zumal es nie ganz einfach ist, Leser für ein Event zu begeistern, das sie nicht besucht haben. Manchmal gilt auch einfach nur mein zweitliebster Redaktionsspruch: „Das interessiert nur die Leute, die da waren, und die wissen es schon.“ (Falls Sie der andere Satz interessiert, hier steht er auf Twitter)

Mir hat die Mittelrheinkonferenz im Kuppelsaal der Festung Ehrenbreitstein einige neue Erkenntnisse gebracht. Zum Beispiel:

1. Man kann sich zusammenraufen

Die Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz plant für die Zukunft, die Generaldirektion Kulturelles Erbe pflegt das Vergangene, und der private „Rheinische Verein“ kämpft für den Erhalt der Landschaft. Das passt nicht immer zu 100 Prozent. Trotzdem arbeiten die 3 Organisationen zusammen, wenn es um das Welterbe-Tal geht. Die Tagung haben sie gemeinsam veranstaltet. Hier übrigens die SWR-Zusammenfassung, in der ich ständig im Bild rumstehe:

2. Einiges funktioniert schon. Reden wir doch mal drüber

Kritik am Zustand des Tals und seiner „Verlärmung“ (auch ein neu gelerntes Wort“) ist wichtig, aber wer immer nur das Negative sieht, ignoriert alles, was in den vergangenen Jahren erreicht worden ist. Der Städteplaner und Welterbe-Experte Michael Kloos wies z. B. auf den Ostein’schen Park über Rüdesheim hin, auf die Pflege alter Obstkulturen und auf die Freilegung verbuschter Steilhänge. Die Liste wäre fortzusetzen mit der Neugestaltung der Festung Ehrenbreitstein, dem Binger Rheinufer, dem Projekt Rheinleuchten und noch mehr.

3. Heimat ist kein Problem

Jemand aus dem Publikum warf ein, dass der Begriff „Heimat“ als rechts und nationalistisch gelte. Auch am Mittelrhein? Sicher nicht. Das traditionell multikulturelle Rheinland, Zuckmayers „Keltermühle Europas“, ist für Deutschtümelei denkbar ungeeignet. Martin Orth vom rheinland-pfälzischen Innenministerium glaubt, dass der Begriff nirgendwo in der Region Beklemmungen auslöst – allein schon wegen der positiv wahrgenommenen „Heimat“-Filme des Hunsrückers Edgar Reitz. Der Wiener Raumplaner und Professor Thomas Dillinger warf ein, dass der Duden „Heimat“ neuerdings auch in der Mehrzahl akzeptiert. Viele Menschen haben mehr als nur eine Heimat.

4. Werden wir „enkeltauglich“

Das Wort „enkeltauglich“ gebrauchte die Kunsthistorikerin Barbara Wetzel. Sie beschäftigt sich an der Universität Dortmund seit Jahren damit, Kindern und Jugendlichen das kulturelle Erbe ihrer Heimat zu vermitteln und schließt dabei ausdrücklich auch Migranten mit ein. Die heutigen Erstklässler in Boppard, Oberwesel, Braubach, Rheindiebach oder anderswo – egal welcher Nationalität – sollten das Tal in 30, 40 oder 50 Jahren weiterentwickeln können. Machen wir es ihnen nicht unnötig schwer.

5. Es muss nicht immer das Establishment sein

Apropos Zukunft: In Österreich liegt zwischen Wien und Bratislava das „Römerland Carnutum“, das in Koblenz u. a. durch Entwicklungsmanagerin Gabriele Preisinger vertreten war. Dort wird ein sogenannter „Zukunftsrat“ angehört, wenn es um die Weiterentwicklung der Region geht. Einige Mitglieder werden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Damit nicht immer nur die da hocken, die da immer schon hocken.

6. Das Möchengladbach-Motto passt

Der Markletingprofi Richard Röhrhoff erinnerte an einen Spruch im Stadion von Borussia Mönchengladbach: „Stolzer Blick zurück, volle Kraft nach vorn.“ Kein schlechtes Motto für das Obere Mittelrheintal.

7. Wir brauchen keinen neuen Namen

Röhrhoff, der Vater des „Rheinleuchten“-Projekts, lehnt eine neue Marke für die Region übrigens ab. Es ist besser, sich auf die Vermarktung des Oberen Mittelrheintals zu konzentrieren, als auf Diskussionen über seinen Namen.

8. Es gibt immer neue Ideen

Viele von ihnen werden sich nach näherer Prüfung vielleicht als Unsinn herausstellen, aber das gehört immer dazu. Allein von Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim kamen mindestens 3 interessante Vorschläge: Die schon bekannte Idee der Lärmminderung an den Bahnstrecken (die ich als Laie nicht beurteilen kann), der Rückbau der Bundesstraßen und der Plan eines Radweges von Burg zu Burg.

9. Der Kuppelsaal ….

… in der Festung hat übrigens eine unglaubliche Akustik. Wer dort Geheimnisse austauschen möchte, sollte es mittels Zeichensprache tun. Selbst leise Gespräche in mehreren Metern Entfernung kommen wie über Kopfhörer an. Wer es nicht glaubt und den Saal nicht gleich mieten möchte: Dort finden regelmäßig Konzerte statt.

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