Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

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Zwischen Fulguriten und Windkantern: Detlef Kleinens wunderbare Welt der Rheinsteine

Der Rhein liefert den Stoff für Detlef Kleinens Kunst: Unzähige Kieselsteine, geprägt von Zehntausenden von Jahren und über Hunderte von Flusskilometern ins Welterbetal getragen. Einen „wunderbaren Ort der vielen Dinge“ nennt Mittelrheingold-Reporterin Mareike Knevels das Atelier in St. Goarshausen, in dem Kleinen seine uralten Fundstücke ordnet und zu neuen Kunstwerken zusammenfügt. Fast 20 Jahre ging das gut. Selbst die Corona-Krise konnte Kleinen wegstecken. Aber jetzt machen ihm Krieg und Wirtschaftsflaute zu schaffen. 

Illustration: Mareike Knevels

Illustration: Mareike Knevels

„Ganz schön heiß“, denke ich und drehe den braun-grau schimmernden Fulguriten in meiner Hand. Er ist etwa 15 Zentimeter lang, leicht und fragil. Und aus einem Blitz entstanden. Ein Fulgurit ist eine Blitzverglasung, auch Blitzröhre genannt. Er entsteht durch einen Blitzeinschlag, wenn Gestein oder Sand mit Temperaturen von bis zu 30.000 Grad zusammenschmelzen.Die körnige Oberfläche des Fulgurits erinnert mich an einen abgebrochenen Korallenarm, nur eben größer und in einer anderen Farbe, ein wenig extraterrestrisch.

Das Mixtum compositum

Detlef Kleinen spricht schnell, seine dunkelblonden Locken fallen ihm zerzaust ins Gesicht. Ähnlich schnell wie seine Worte durch das Atelier fliegen, sind auch seine Bewegungen. Ein Flug von Ideen und Gedanken. Geistesblitze, denke ich, und schaue auf den zu Stein gewordenen Blitz in meinen Händen. „Die Blitzröhre könnte man dazu nutzen um Wissensvermittlung sichtbar –  nein – fühlbar zu machen.“ Vorsichtig lege ich das extraterrestrisch anmutende Gestein zurück auf den Schrank.

Detlef Kleinen ist Künstler. Er arbeite mit Steinen. Genauer gesagt mit Kieseln und größeren Steinen, die er im Rhein findet. „Mein derzeitiges Fundgebiet befindet sich rund um den Rheinkilometer 450“, heißt es auf seiner Webseite.

Vor fast drei Jahren stand ich zum ersten Mal in seinem Atelier in St. Goarshausen. Damals habe ich diesen Ort als Mixtum compositum beschrieben: „Überall stehen Kisten, aus denen Zeitungen und Zeitschriften herausquellen. Dazwischen Gläser mit Vogelfedern, ein Haufen voller Treibholz, ein Mammut-Milchzahn, eine Vitrine mit einem Weißkopfseeadler-Ei darin und Steine. Jede Menge Steine, 16 Jahre Mittelrhein in Kieseln verschiedener Größen und mittendrin seine Kunstwerke.“

Wabernde Unruhe

Fast so sieht es auch heute aus, aber nur fast. Sein Atelier wirkt leerer. Einige Kunstwerke fehlen. Und man möchte sagen: Auch die Energie, mit denen er seine Arbeiten schuf, hat sich ein wenig verloren. Sie ist einer Unruhe gewichen, die immer mal wieder durch den Raum wabert. Und Detlef Kleinen Sorgen bereitet.

„Corona habe ich gut überstanden“, sagt der Künstler, „doch seit Beginn des Ukraine-Krieges sind mir die Kund:innen und Aufträge weggebrochen.“

Materialmangel hat er nicht. Denn die Rohstoffe für seine Werke findet er vor Ort. „Die Menschen sind zurückhaltender geworden. Sie haben Angst oder Sorge ihr Geld auszugeben.“ Lebensmittel, Nebenkosten, Strom, Gas, Benzin und Öl werden immer teurer. „Kunst ist ein Luxus. Und beim Luxus sparen die Menschen als erstes.“

Der Mann, der meist olivfarbene Arbeitslatzhosen und ein schwarzes T-Shirt darunter trägt, spricht auf einmal langsamer. Seine Stimme, die sonst einem feuernden Neuronen-Netzwerk gleicht, wird schwerer: „Nächstes Jahr hätte ich mein 20-jähriges Bestehen. Mein Traum wären noch weitere sieben Jahre“, dann bricht er ab. Ob er diesen Traum leben kann, weiß er im Moment nicht.

Kunst ist mehr als Luxus

Wir sitzen im Eingangsbereich seines Ateliers. Die zwei Sessel erinnern an den Bauhaus Club Chair  – der kubische Sessel des Malers und Kunstpädagogen Josef Albers. „Vom Flohmarkt“, deutet Kleinen auf die Sessel, „ich bin absoluter Flohmarkt-Fan.“ Das Atelier von Detlef Kleinen sitzt im Ortskern von St. Goarshausen. Immer mal wieder kommt eine Nachbarin oder ein Nachbar vorbei, möchte einen Nachmittagsplausch halten und zieht dann weiter.

Doch Kunst ist nicht nur Luxus. Kunst ist auch Wissensvermittlung, Kultur und Bildung. Als Teil der Gesellschaft tragen Künstler:innen dazu bei, das ein neuer Blick über Bestehendes entsteht.

„So wie Sie unseren Rohstoff darstellen, hab ich das noch nie gesehen.“ Diesen Satz habe mal ein Kunde zu Kleinen gesagt, erinnert er sich. Und das brachte ihn zu einer Idee: der Natur- und Wissensvermittlung.

 

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Der Windkanter

Kleinen hievt einen von mehreren Seiten geschliffenen Stein auf den Tisch. „Das ist ein Windkanter.“ Der Stein stammt aus der letzten Eiszeit. „Das ist noch ein junger Stein“, lächelt Kleinen. Jede Kante des Steins wurde vom Wind transportierten Sand zu einer glatten Fläche geschliffen. Sein Exemplar ist ein sogenannter Mehrkanter. Alle Seiten sind ebenmäßig, fühlen sich weich, beinahe samtig an.

Ich fahre über die weichen Seiten des Windkanters und denke, dass ähnlich wie bei der Blitzröhre, die schönen Seiten unserer Naturereignisse sichtbar und erfahrbar werden. Wind wird greifbar und manifestiert sich in einem Stein. Das Sekundenereignis eines Blitzes bleibt gebannt in einer Blitzröhre.

Die Kunstwerke aus den Naturereignissen seien im Entstehungsprozess, sagt Detlef Kleinen.

„Aber jetzt muss ich erstmal hier aufräumen. Hier muss mehr Klarheit rein.“ Sodass seine Energie wieder Platz hat und die Sorgen aus seine Atelier vertreibt, denke ich.

Vielleicht entdecke ich Naturereignisse in Kunstwerken bei meinem nächsten Besuch in diesem Mixtum compositum, diesem wunderbaren Ort der vielen Dinge.

Über Detlef Kleinen gibt es mehrere Filmbeiträge, darunter ein YouTube-Video der Wirtschaftsförderung Rhein-Lahn:

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Leben im Roten Turm

Barbara Höhn ist Kunstsammlerin, Galeristin, Netzwerkerin und die kreativste Bewohnerin des „Roten Turms“ von Oberwesel seit Carl Haag. Mittelrheingold-Autorin Mareike Knevels hat sie über den Dächern der Altstadt besucht und weiß jetzt, wie ein Buchstabe im Alphabet ein Leben verändern kann, wofür „DiDa“ steht und warum das Leben im Turm ein Traum ist.

Der Rote Turm in Oberwesel, illustriert von Mareike Rabea Knevels.

Illustration: Mareike Rabea Knevels

Die Galerie im Turm ist seit zwei Jahren geschlossen, doch das hindert Barbara Höhn nicht daran einzeln Menschen herzlich zu empfangen und ihnen ein Stück vom Roten Turm in Oberwesel zu zeigen.

Der Rothe Turm ist eine Besonderheit in Oberwesel: Nicht nur Barbara Höhn und ihr Ehemann nutzen ihn als Kunst- und Lebensraum, schon der Künstler Carl Haag malte darin.

Die Begegnung mit Dali

Barbara Höhn lächelt und in ihren blauen Augen ist ein Leuchten zu sehen, als wäre es erst gestern passiert. Als junges Ding, sagt sie, etwa mit 18 Jahren sei sie durch Bochum gelaufen. Dort lebte sie damals mit ihren Eltern und habe in einer Galerie des Städtchens ein Kunstdruck von Dali gesehen. Die Zeichnung und dass es ein Original war, lösten eine solche Faszination in der jungen Frau aus, dass sie das Bild kaufen musste. Die Galeristen ganz angetan von der Begeisterung der jungen Frau, ließ Barbara das Bild abstottern.

Nach dem Abitur wollte Höhn etwas Kreatives machen, Cutterin werden. „Nicht vor, sondern hinter der Kamera stehen“, wollte sie. Barbara bestand die Aufnahmeprüfung an der Hochschule Nürnberg. Starten durfte sie trotzdem nicht: Wegen ihres Mädchennamens – Rigo – musste sie noch ein Jahr warten. Der erste Teil des Alphabets durfte sofort anfangen, der zweite Teil ein Jahr später.

Eine Freundin machte ihr den Vorschlag das Jahr am “Steigenberger Frankfurter Hof” zu verbringen. Barbara, die kontaktfreudig und ein offener Mensch ist, arbeitete nun im Empfang des Hotels.

„Für mich war das ein toller Job, ich konnte meine Sprachkenntnisse anwenden und fand den Kontakt zu Gästen herrlich.“ Noch zu Schulzeiten verbrachte sie ein Jahr in England und nach dem Abitur ein Jahr in Frankreich „Ich konnte nach Monte Carlo zu Fuß gehen“, lacht die heute 78-jährige.

Während ihrer Zeit in Frankfurt besuchte Höhn oft ihre Tante, die in Oberwesel lebte. Dort lernte sie ihren Mann Manfred Höhn kennen, den sie heiratete und mit ihm drei Kinder bekam. Cutterin ist Barbara Höhn nicht geworden, dafür hat die Kunst sie nie verlassen.

Die Kunst, die sie nie verließ

„In der Zeit des Kinderkriegens und Familienlebens war die Kunst vielleicht nicht mehr ganz so präsent“, überlegt Barbara. In Oberwesel gründete die zierliche Frau mit den roten Haaren mit sechs Freundinnen DiDaArt, Dienstagskunst, das war 1989. Das Septett organisierte Kunstausstellungen in der “Historischen Weinwirtschaft”, wo sie sich auch regelmäßig trafen.

Über die Ausstellungen lernte sie den Künstler Otmar Alt kennen, der ganz angetan von Barbara war und ihr anbot, für ihn zu arbeiten. So pendelte Höhn immer mal wieder für eine Woche nach Hamm, wo Alt ein riesiges Anwesen hatte, organisierte Ausstellungen und knüpfte Kontakte. Sie reiste durch ganz Deutschland, kam nach England und lernte nach und nach immer mehr Künstler:innen kennen. „Das hat einfach Spaß gemacht, diese Begegnung von Lebensläufen“, sagt sie.

Der heute 84-jährige Otmar Alt hatte damals mehrere Wohnungen auf seinem Hammer Anwesen, erzählt Höhn und erinnert sich: „Er lud halbjährig junge Künstler oder Musiker ein. Die durften bei ihm wohnen und an ihren Projekten arbeiten. Es gab ein Haus für Bildhauer, in dem es Platz für riesige Skulpturen gab. Und Feste feierte Alt gerne, er hatte einen großen Saal mit einem Flügel von Schimmel. Dort spielte der Jazzmusiker Zwingenberg. Naja, und Promis kamen auch.“

Barbara Höhn lernte in der Zeit viele Leute aus der Kunstszene kennen und baute sich ein immer größeres Netzwerk auf.

Die Veränderung des Sehens

Irgendwann zog sie dann mit ihrem Mann in den Turm. „Das war schon immer unser Traum.“ Sie verkauften ihr Haus, die Kinder waren mittlerweile ausgezogen, und richteten sich dort ein, wo der deutsch-britische Künstler Carl Haag von 1865 bis zu seinem Tod 1915 gelebt hatte.

Die alten Türen mit gusseisernen Schlössern, ein eingelassenes Pult und die farbigen kleinen Glasscheiben – alles Relikte des Malers – sind immer noch in dem Gebäude mit den meterdicken Mauerwerk zu finden. Aber an den Wänden hängt nun zeitgenössische Kunst.

„Mir geht es um das, was geschieht, wenn man sich längere Zeit mit einem Bild beschäftigt“, erzählt Barbara Höhn. Die meisten Menschen, die in den Turm kommen, sind über 40 Jahre alt. Das jüngere Publikum interessiere sich nicht so für Kunst. Überhaupt habe sich das Interesse in den letzten Jahren an Originalwerken verändert,. „Das hat schon vor der Pandemie begonnen“, sagt sie nachdenklich.

„Moderne Kunst lädt den Menschen ein, sich damit zu beschäftigen, man muss sich Zeit nehmen. In ein Gespräch mit dem Gesehenen gehen.“ Natürlich wird nicht jeder Menschen gleich auf ein Bild reagieren. Es gibt Bilder, die sagen einem nicht viel, aber man müsse sich eben erst einmal drauf einlassen, findet Höhn.

Durch die bunten Glasfenster des Turms fällt Licht. Orangene Kreise wandern die Wände entlang und geben dem runden Raum einen ganz eigenen Klang. Hier im dritten Stockwerk hat man das Gefühl, weit weg von der Welt zu sein und ist umgeben von Werken der Künstler:innen Jan Schröder, Brigitta Zeumer, Otmar Alt, Dali und Daniel Thouw.

„Ein Originalbild ist etwas anderes als ein Ikea-Bild. Stehen Sie auf!“, sagt sie und wir sehen uns Daniel T.Houws „Where is My Mind“ an. Zu sehen ist ein Kopf, nach links geneigt, mit groben Pinselstrichen, vielleicht mit einer Spachtel gemalt. Es sieht so aus, als würde sich der Kopf der Person auflösen, in Fragmente zerfliegen. „Ihnen muss das Bild nicht gefallen“, lächelt sie, „aber wenn sie sich die Zeit nehmen, dann können Sie trotzdem etwas darin sehen.“

Vielleicht hat sich Qualitätsbewusstsein über die Jahre verändert, die Schnelllebigkeit der Zeit, der allgegenwärtige Konsum von Bildern, Social Media, Instagram. Vielleicht sind das Gründe, warum sich jüngere Menschen nicht mehr so für Kunst begeistern. „Und natürlich hat das auch etwas mit der jeweiligen finanziellen Situation zu tun.“

Im Blick zurück, im Blick nach vorn

Die DiDa trifft sich bis heute „Und das müssen Sie mal sehen, wie wir diskutieren, wie wir lachen. Wir sind laut, was das Zeug hält“, lacht Barbara Höhn. Ihre rote Haare sind mittlerweile zum Markenzeichen geworden. „Es gibt sogar eine Fastnachts-Imitation“, verrät sie mir.

Früher hatte die Galerie im Turm immer Mittwoch und Samstag geöffnet. „Mein Wunsch ist es, hier noch mal eine Ausstellung zu machen“, lächelt Barbara Höhn.

Und man wünscht es ihr auch, dass noch einmal Menschen durch die besonderen Räume flanieren, Werke im steilen Treppenaufgang hängen und zum Staunen einladen.

Aus Oberwesel kam auch Barbaras Vater, den ihre aus Tschechien stammende Mutter während des Krieges kennenlernte. Gemeinsam ging dann die kleine Familie ins Ruhrgebiet. Und irgendwie schließt sich doch so ein Kreis, findet sie. Jetzt lebt Barbara Höhn gemeinsam mit ihrem Mann im Roten Turm, freut sich an Kunst und genießt hin und wieder ein Glas Wein auf dem Balkon über den Gleisen.

 

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Ein Beitrag geteilt von Petra Dittmann (@petrakoenigshoff)

Die Autorin:

Mareike Rabea Knevels studierte Kommunikationsdesign und arbeitet als Dozentin, Illustratorin und Autorin. 2019 war sie Burgenbloggerin auf Burg Sooneck. Seit 2022 schreibt sie regelmäßig für Mittelrheingold. 

Im Januar 2022 erschien eine TV-Reportage über Barbara Höhn. Der 5-Minüter ist noch in der ARD-Mediathek zu sehen:

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Burggärtner aus Leidenschaft

Christian Lenz ist der Philosoph unter den Mittelrhein-Gärtnern. In seiner Niederheimbacher Burggärtnerei kümmert er sich nicht nur um das, was aus der Erde kommt, sondern auch um himmlische Dinge. Ein Haus- und Gartenbesuch. 

Illustration: Mareike Rabea Knevels

Illustration: Mareike Rabea Knevels

Gänse schnattern aus der Ferne, in einem kleinen Häuschen lodert der Kamin und ein Motor-Boot rattert den Rhein hinauf. „Ich bin in einem Märchenhain“, denke ich und gehe leise durch die Burggärtnerei in Niederheimbach. Während mich Zwerg Nase, dämonische Wasserspeier und Glocken in allen Größenordnungen begleiten. Ich beobachte, wie der Rauch aus dem kleinen Häuschen zum Himmel steigt und frage mich, was es mit dem Schild „Hosta – Spezial Gift“ auf sich hat.

Auf einmal steht Christian Lenz vor mir, ein wenig so, als hätte man ihn just in den Garten gezaubert. Der Burggärtner lächelt, entschuldigt sich, er habe gerade noch mit einem Freund telefoniert. Er deutet auf das Häuschen mit dem brennenden Kamin, dort solle ich warten. Er komme gleich wieder.

Zögerlich öffne ich die Türe, wundere mich, ob mich wohl dahinter die Hexe Baba Jaga begrüßen wird und muss dabei über mich selbst schmunzeln. Satt einer Märchengestalt entdecke ich weitere Glocken und eine Pendeluhr an der Wand. Sie hat das letzte Mal um 2.51 Uhr ihr Pendel bewegt, während das Feuer munter vor sich hin knistert.

Hingabe und Begeisterung

Neben dem Häuschen und der Gärtnerei liegt die Heimburg, auch Hohneck genannt. Zu ihr gehörte der Garten einmal, in dem ich mich gerade befinde. Damals war er Burggarten. Heute würde ich ihn als „Jardin de Maravillas“ – Wundergärten auf Spanisch bezeichnen, während der jetzige Besitzer Christian Lenz sein verzaubertes Areal als „Paradies mit Tücken“ beschreibt.

Christian Lenz steht wenig später mit Apfelkuchen und Kaffee in der Tür. „Den habe ich selbst gebacken“, lächelt er, „und dieser Raum ist mein Multifunktionsraum. Hier sitze ich auch mit Freunden, trinke ein Glas Wein oder treffe mich mit Kunden.“ Ich notiere Multifunktionsraum, behalte mir aber gedanklich Häuschen bei, weil das Wort so gut zu diesem mystischen Garten passt.

„Und was haben die Glocken für eine Bedeutung?“, sehe ich ihn verwundert an.

„Die Glocken sind mein Hobby, viel mehr meine Leidenschaft.“

Begonnen habe die Leidenschaft, als er noch ein Messdiener war. Damals hatten sie in Niederheimbach eine Küsterin, die der ganze Ort liebevoll „Tante Toni“ nannte. Tante Toni stärkte Christian Lenz‘ christlichen Glauben.

Glockengießer ist er damals doch nicht geworden, sondern Burggärtner. Aber die Glocken und der Glaube, blieben Hingabe und Begeisterung. Vor drei Jahren machte er sogar ein Praktikum in einer Gießerei. Und der Beruf? Der sei mittlerweile auch Berufung, sagt Christian Lenz.

Die Burggärtnerei, die heute in Besitz von Christian Lenz ist, wurde einst zur Versorgung der Burg gebaut, zumindest vordergründig. „Heute würde man sagen: Just for fun“, lacht er. Denn zur Ernährung diente der Garten nicht. Der Großindustrielle Hugo Stinnes, der den Innenausbau der Burg Hohneck veranlasste, nutze den Ort hauptsächlich als repräsentativen Wohnsitz.

Noch zu Lebzeiten von Stinnes Nachfahren begann der Burggarten brach zu liegen. Fast 30 Jahre lang, bis der damals 22-jährige Christian Lenz den Burggarten pachtete und schließlich erwarb.

„Damals noch voller Tatendrang“, lächelt er und nimmt einen Schluck Kaffee „der ist jetzt langsam weg.“

Die Berufung

Vom Verlust des Tatendrangs spürt man allerdings wenig: Denn nicht nur in seinem Garten passiert eine Menge, auch Drumherum. Gerade hat er auf einem anliegenden Grundstück oberhalb der Gärtnerei ein weiteres Gewächshaus sowie ein Holzhaus mit der Hilfe von Freunden und Bekannten errichtet.

„Dort oben möchte ich Gemüse einkochen. Im Gewächshaus werden vor allem Tomaten gezüchtet“, sagt er als wir zu dem Grundstück aufbrechen.

Christian Lenz schreitet zügig den Hang hoch, man merkt, dass er das öfter tut. Überhaupt sind seine Bewegungen schnell und gelenk, ein wenig, als gehöre er in die Natur oder sie zu ihm und als habe er genau deswegen den Beruf – die Berufung.

„Wissen Sie ich arbeite jeden Tag, selbstständig sein heißt immer und ständig.“

„Und trotzdem ist es mehr als ein Beruf?“

„Ja, Gärtner sein bedeutet bei Wind und Wetter draußen zu sein. Der Beruf stirbt langsam aus. Für mich bedeutet die Arbeit Kontakt zu Menschen, ein guter Umgang ist mir wichtig. Kommendes Jahr bin ich 30 Jahre selbstständig und ich arbeite nicht nur, um Geld zu verdienen, es macht mir Spaß.“

Den Blick gen Himmel

Auf dem Weg passieren wir ein Steingebäude. Während mein Blick über Niederheimbach schweift, ist Christian Lenz schon ein paar Meter vorausgeeilt. „Das Gebäude habe ich 2016 gemeinsam mit der Hilfe von Angestellten, Freunden und Bekannten gebaut. Wissen Sie, was das ist?“

Ich zucke zunächst mit den Schultern. Das, was ich sehe, ähnelt einem Stein-Iglu.

„Gehen Sie mal hinein“, fordert er mich auf.

Drinnen wird schnell klar, um welches Gebäude es sich handelt: Es ist eine Nachbildung des römischen Pantheons, eins zu zwölf gebaut, ohne Kassendecke, aber mit einer kreisrunden Öffnung gen Himmel  –  dem Auge oder dem Okkulus, wie Christian Lenz sagt. Steht man in der Mitte des Steinbaus, verändert sich auf einmal die Akustik. Die eigene Stimme klingt dumpf und so, als würde sie an den eigenen Körper gepresst werden. Das Sprechen innerhalb des Baus irritiert mich und so trete ich wieder heraus.

„Das Pantheon wurde vor 1900 Jahren gebaut und ist reine Baukunst.“

Ich nicke stumm und erinnere mich an den Moment, als ich das erste Mal im Pantheon stand: „Der Blick nach oben in den Kuppelbau hat mich gefesselt.“ Als würde einen der Himmel ansehen, denke ich und genauso ist es auch hier. Christian Lenz fügt an, dass er den Nachbau geostet hat, das sei ihm wichtig gewesen.

Das Labyrinth und die Tücken

Wir laufen weiter den Hang hinauf. Wildschweine haben hier nach Wurzeln gegraben, die Erde ist aufgewühlt. Er hebt ein Stück Plastik auf, schüttelt sanft den Kopf: „Ich versuche hier alles sauber zu halten, es ist schon seltsam, was man alles in der Natur findet.“

Dann hält er kurz inne: „Sehen Sie den Friedhof da drüben? Die Glocke oberhalb habe ich auch errichtet.“

Ich muss lächeln, Hingabe und Begeisterung.

Oben angekommen zeigt Christian Lenz mir als erstes den Pythagorasgarten: Die ans Haus anliegenden Flächen sowohl das Haus sind so aufgebaut, dass sie den Satz des Pythagoras nachbilden. Im Garten liegt zu dem ein biblisches Labyrinth. „Ein Labyrinth führt zum Ziel, das ist der Unterschied zum Irrgarten. Denn der führt in die Irre. Am Ende landet man in einer Blockade“, sagt Christian Lenz. Die Vorlage zum Labyrinth habe er selbst gezeichnet.

In der Mitte des Labyrinths befindet sich eine Rebe „Ich bin der Weinstrauch, ihr seid meine Rebenzweige“, zitiert er.

Dann machen wir uns auf den Weg zurück zum Garten. Er sei nun mit seinen Eltern verabredet.

„Und was sind nun die Tücken des Paradieses?“, frage ich ihn.

„Jedes Paradies hat Tücken, auch wenn man nur das Unkraut als Tücke sieht. Jedes Paradies bedarf der Pflege und die Pflege kann zu Tücke werden“, sagt der Burggärtner.

„Wenn der Gärtner schläft, sät der Teufel Unkraut“, heißt es ganz passend auf einem Schieferschild in seinem Garten.

 

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Die Autorin:

Mareike Rabea Knevels studierte Kommunikationsdesign und arbeitet als Dozentin, Illustratorin und Autorin. 2019 war sie Burgenbloggerin auf Burg Sooneck. Seit 2022 schreibt sie regelmäßig für Mittelrheingold. 

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