Journalistisches Blog über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Kategorie: Reportage

Burggärtner aus Leidenschaft

Christian Lenz ist der Philosoph unter den Mittelrhein-Gärtnern. In seiner Niederheimbacher Burggärtnerei kümmert er sich nicht nur um das, was aus der Erde kommt, sondern auch um himmlische Dinge. Ein Haus- und Gartenbesuch. 

Illustration: Mareike Rabea Knevels

Illustration: Mareike Rabea Knevels

Gänse schnattern aus der Ferne, in einem kleinen Häuschen lodert der Kamin und ein Motor-Boot rattert den Rhein hinauf. „Ich bin in einem Märchenhain“, denke ich und gehe leise durch die Burggärtnerei in Niederheimbach. Während mich Zwerg Nase, dämonische Wasserspeier und Glocken in allen Größenordnungen begleiten. Ich beobachte, wie der Rauch aus dem kleinen Häuschen zum Himmel steigt und frage mich, was es mit dem Schild „Hosta – Spezial Gift“ auf sich hat.

Auf einmal steht Christian Lenz vor mir, ein wenig so, als hätte man ihn just in den Garten gezaubert. Der Burggärtner lächelt, entschuldigt sich, er habe gerade noch mit einem Freund telefoniert. Er deutet auf das Häuschen mit dem brennenden Kamin, dort solle ich warten. Er komme gleich wieder.

Zögerlich öffne ich die Türe, wundere mich, ob mich wohl dahinter die Hexe Baba Jaga begrüßen wird und muss dabei über mich selbst schmunzeln. Satt einer Märchengestalt entdecke ich weitere Glocken und eine Pendeluhr an der Wand. Sie hat das letzte Mal um 2.51 Uhr ihr Pendel bewegt, während das Feuer munter vor sich hin knistert.

Hingabe und Begeisterung

Neben dem Häuschen und der Gärtnerei liegt die Heimburg, auch Hohneck genannt. Zu ihr gehörte der Garten einmal, in dem ich mich gerade befinde. Damals war er Burggarten. Heute würde ich ihn als „Jardin de Maravillas“ – Wundergärten auf Spanisch bezeichnen, während der jetzige Besitzer Christian Lenz sein verzaubertes Areal als „Paradies mit Tücken“ beschreibt.

Christian Lenz steht wenig später mit Apfelkuchen und Kaffee in der Tür. „Den habe ich selbst gebacken“, lächelt er, „und dieser Raum ist mein Multifunktionsraum. Hier sitze ich auch mit Freunden, trinke ein Glas Wein oder treffe mich mit Kunden.“ Ich notiere Multifunktionsraum, behalte mir aber gedanklich Häuschen bei, weil das Wort so gut zu diesem mystischen Garten passt.

„Und was haben die Glocken für eine Bedeutung?“, sehe ich ihn verwundert an.

„Die Glocken sind mein Hobby, viel mehr meine Leidenschaft.“

Begonnen habe die Leidenschaft, als er noch ein Messdiener war. Damals hatten sie in Niederheimbach eine Küsterin, die der ganze Ort liebevoll „Tante Toni“ nannte. Tante Toni stärkte Christian Lenz‘ christlichen Glauben.

Glockengießer ist er damals doch nicht geworden, sondern Burggärtner. Aber die Glocken und der Glaube, blieben Hingabe und Begeisterung. Vor drei Jahren machte er sogar ein Praktikum in einer Gießerei. Und der Beruf? Der sei mittlerweile auch Berufung, sagt Christian Lenz.

Die Burggärtnerei, die heute in Besitz von Christian Lenz ist, wurde einst zur Versorgung der Burg gebaut, zumindest vordergründig. „Heute würde man sagen: Just for fun“, lacht er. Denn zur Ernährung diente der Garten nicht. Der Großindustrielle Hugo Stinnes, der den Innenausbau der Burg Hohneck veranlasste, nutze den Ort hauptsächlich als repräsentativen Wohnsitz.

Noch zu Lebzeiten von Stinnes Nachfahren begann der Burggarten brach zu liegen. Fast 30 Jahre lang, bis der damals 22-jährige Christian Lenz den Burggarten pachtete und schließlich erwarb.

„Damals noch voller Tatendrang“, lächelt er und nimmt einen Schluck Kaffee „der ist jetzt langsam weg.“

Die Berufung

Vom Verlust des Tatendrangs spürt man allerdings wenig: Denn nicht nur in seinem Garten passiert eine Menge, auch Drumherum. Gerade hat er auf einem anliegenden Grundstück oberhalb der Gärtnerei ein weiteres Gewächshaus sowie ein Holzhaus mit der Hilfe von Freunden und Bekannten errichtet.

„Dort oben möchte ich Gemüse einkochen. Im Gewächshaus werden vor allem Tomaten gezüchtet“, sagt er als wir zu dem Grundstück aufbrechen.

Christian Lenz schreitet zügig den Hang hoch, man merkt, dass er das öfter tut. Überhaupt sind seine Bewegungen schnell und gelenk, ein wenig, als gehöre er in die Natur oder sie zu ihm und als habe er genau deswegen den Beruf – die Berufung.

„Wissen Sie ich arbeite jeden Tag, selbstständig sein heißt immer und ständig.“

„Und trotzdem ist es mehr als ein Beruf?“

„Ja, Gärtner sein bedeutet bei Wind und Wetter draußen zu sein. Der Beruf stirbt langsam aus. Für mich bedeutet die Arbeit Kontakt zu Menschen, ein guter Umgang ist mir wichtig. Kommendes Jahr bin ich 30 Jahre selbstständig und ich arbeite nicht nur, um Geld zu verdienen, es macht mir Spaß.“

Den Blick gen Himmel

Auf dem Weg passieren wir ein Steingebäude. Während mein Blick über Niederheimbach schweift, ist Christian Lenz schon ein paar Meter vorausgeeilt. „Das Gebäude habe ich 2016 gemeinsam mit der Hilfe von Angestellten, Freunden und Bekannten gebaut. Wissen Sie, was das ist?“

Ich zucke zunächst mit den Schultern. Das, was ich sehe, ähnelt einem Stein-Iglu.

„Gehen Sie mal hinein“, fordert er mich auf.

Drinnen wird schnell klar, um welches Gebäude es sich handelt: Es ist eine Nachbildung des römischen Pantheons, eins zu zwölf gebaut, ohne Kassendecke, aber mit einer kreisrunden Öffnung gen Himmel  –  dem Auge oder dem Okkulus, wie Christian Lenz sagt. Steht man in der Mitte des Steinbaus, verändert sich auf einmal die Akustik. Die eigene Stimme klingt dumpf und so, als würde sie an den eigenen Körper gepresst werden. Das Sprechen innerhalb des Baus irritiert mich und so trete ich wieder heraus.

„Das Pantheon wurde vor 1900 Jahren gebaut und ist reine Baukunst.“

Ich nicke stumm und erinnere mich an den Moment, als ich das erste Mal im Pantheon stand: „Der Blick nach oben in den Kuppelbau hat mich gefesselt.“ Als würde einen der Himmel ansehen, denke ich und genauso ist es auch hier. Christian Lenz fügt an, dass er den Nachbau geostet hat, das sei ihm wichtig gewesen.

Das Labyrinth und die Tücken

Wir laufen weiter den Hang hinauf. Wildschweine haben hier nach Wurzeln gegraben, die Erde ist aufgewühlt. Er hebt ein Stück Plastik auf, schüttelt sanft den Kopf: „Ich versuche hier alles sauber zu halten, es ist schon seltsam, was man alles in der Natur findet.“

Dann hält er kurz inne: „Sehen Sie den Friedhof da drüben? Die Glocke oberhalb habe ich auch errichtet.“

Ich muss lächeln, Hingabe und Begeisterung.

Oben angekommen zeigt Christian Lenz mir als erstes den Pythagorasgarten: Die ans Haus anliegenden Flächen sowohl das Haus sind so aufgebaut, dass sie den Satz des Pythagoras nachbilden. Im Garten liegt zu dem ein biblisches Labyrinth. „Ein Labyrinth führt zum Ziel, das ist der Unterschied zum Irrgarten. Denn der führt in die Irre. Am Ende landet man in einer Blockade“, sagt Christian Lenz. Die Vorlage zum Labyrinth habe er selbst gezeichnet.

In der Mitte des Labyrinths befindet sich eine Rebe „Ich bin der Weinstrauch, ihr seid meine Rebenzweige“, zitiert er.

Dann machen wir uns auf den Weg zurück zum Garten. Er sei nun mit seinen Eltern verabredet.

„Und was sind nun die Tücken des Paradieses?“, frage ich ihn.

„Jedes Paradies hat Tücken, auch wenn man nur das Unkraut als Tücke sieht. Jedes Paradies bedarf der Pflege und die Pflege kann zu Tücke werden“, sagt der Burggärtner.

„Wenn der Gärtner schläft, sät der Teufel Unkraut“, heißt es ganz passend auf einem Schieferschild in seinem Garten.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Swen Weber (@news_vom_rhein)

Die Autorin:

Mareike Rabea Knevels studierte Kommunikationsdesign und arbeitet als Dozentin, Illustratorin und Autorin. 2019 war sie Burgenbloggerin auf Burg Sooneck. Seit 2022 schreibt sie regelmäßig für Mittelrheingold. 

Hier oben auf der Hardthöhe

Auf dem Oberweseler Hof Hardthöhe hat man das Gefühl, über dem Rhein zu schweben. Es ist ein kühler und verregneter Januartag, die Felder um den Ferienbauernhof wirken in der Dämmerung olivgrün, die Bäume strecken ihre kahlen Äste aus und die Schönburg schimmert golden. Hier oben lebt und arbeitet Rita Lanius-Heck. Die 62-Jährige kandidiert im Rhein-Hunsrück-Kreis für das Amt der Landrätin. Eigentlich ist sie CDU-Mitglied, aber bei der Wahl am 16. Januar will sie es ohne ihre Partei wissen.

Hof Hardthöhe. © Mareike Rabea Knevels

© Mareike Rabea Knevels

Der Wahlkampf sei viel Arbeit, heute war sie in Emmelshausen und Simmern, habe Bürgergespräche geführt. Den ganzen Tag war sie unterwegs, „ich bin richtig durchgefroren“, lächelt sie und hält eine Tasse Tee in der Hand.

„Wenn meine Tochter nicht die Führung des Hofs übernommen hätte und mich meine Familie nicht so unterstützen würde, könnte ich das alles gar nicht leisten.“ Mit leisten meint sie nicht nur den Wahlkampf, sondern auch ihre Arbeit als kommissarische Kreischefin, die sie seit Marlon Bröhrs Wahl in den Bundestag übernommen hat. Sportlich sei es, aber gut, lächelt sie.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Rita Lanius-Heck (@ritalaniusheck)

Leben miteinander

Mit vier Generationen leben sie auf dem Anwesen, das mehrere Ferienhäuser, eine Sauna mit Rheinblick, Stallungen, eine Imkerei, einen Hofladen und einen Raum für Festlichkeiten umfasst. „Einfach ist das Leben mit vier Generationen auf einem Hof natürlich nicht immer, aber ohne die Familie würde der ganze Betrieb nicht funktionieren.“

Vielleicht lernt man im Leben mit mehreren Generationen an einem Ort aushalten, abwarten und kooperieren. Fähigkeiten, die auch in der Politik dienlich sind. Sie lacht: „So genau habe ich noch nie darüber nach gedacht. Aber ja, wenn hier jeder seinen oder ihren Willen durchsetzen würde, dann geht der gemeinschaftliche Betrieb natürlich nicht lange gut.“

Zum Betrieb gehört neben dem Ferienangebot die Landwirtschaft. Rund 50 Mutterkühe stehen auf den Feldern um die Hardthöhe. Um die kümmere sich ihr Vater, der sich mit über 90 Jahren noch aktiv in den Hof einbringt.

„Ich bin nicht polarisierend, sondern würde mich eher als integrativ und zusammenführend beschreiben“, sagt sie nachdenklich und spricht weiter: „Mir ist es wichtig, dass man aus der Summe der Ideen und Meinungsverschiedenheiten das Beste rausholt. Das lernt man wahrscheinlich nur im Miteinander.“

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Hof Hardthöhe (@hofhardthoehe)

Im Herzen Landwirtin

Lanius-Heck ist im Herzen Landwirtin, so ist sie geprägt und sozialisiert. Schon als Kind war sie stolz auf das, was ihre Vorfahren aufgebaut haben. Eigentlich war es gar nicht geplant, dass sie den Familienbetrieb übernimmt, sie wuchs in die Aufgabe hinein, besuchte die Fachhochschule für Landwirtschaft und lernte dort ihren späteren Mann kennen. Der Hof stand immer im Mittelpunkt, und so hieß es morgens und abends in den Stall zu gehen, die Kühe zu melken, die Tiere auf die Felder zu bringen oder nach den Reben zu schauen. Damals betrieb man noch Weinbau und Landwirtschaft zugleich, wie in vielen Familien am Mittelrhein.

„Meine Oma hatte noch eine Straußenwirtschaft, den Wein haben wir im Direktvertrieb verkauft“, erinnert sie sich. Die Tradition ist im Hause Lanius immer präsent. Im Flur hängt eine Winzer-Urkunde von 1885.
 Später entschloss sich die Familie, Weinbau und Landwirtschaft zu trennen. Rita Lanius-Heck übernahm den Hof und ihr Bruder Jörg Lanius das Oberwesler Weingut Lanius-Knab. „Nach der Trennung haben wir erst gemerkt, wie viel Wein wir getrunken haben“, lacht sie.

Die Idee zum Ferienhof kam im Urlaub in Dänemark. „Ich dachte, wenn es dort möglich ist, müsste ein Ferienbetrieb auch auf der Hardthöhe funktionieren. Im Sommer ist es hier schließlich wie in der Toskana. Unterhalb unseres Wohnhauses entstanden die ersten vier Ferienhäuser. Das war 1994. Natürlich war es ein Risiko. Ich erinnere mich noch, wie ich die ersten Prospekte gefaltet habe: Die waren DIN A5 und ich hatte sie selbst geschrieben.“

Das Risiko hat sich gelohnt. Und während das Tal noch Winterschlaf hält, begegnet man hier oben vielen Feriengästen mit Kindern, die Rita Lanius-Heck zwischendurch immer mal wieder persönlich begrüßt. Ihr voraus ihre Fox-Terrier-Hündin Lilly, die gerne mitten im Geschehen wuselt.

„Ich bin es gewohnt immer da zu sein und Dienstleisterin zu sein. Damals durch das Weingut, heute durch den Ferienhof.“ Die Unternehmerin merkt man ihr deutlich an, aber auch die gute Gastgeberin, die jeden auf der Hardthöhe herzlich empfängt.

In ihrem Wohnzimmer und ihrer Küche hängen Malereien einer Gästin. „Das Gemälde in der Küche erinnert mich an ein Segelschiff, das gerade losfährt. Aber es ist eigentlich ein Gesicht, wenn man genau hinsieht“, lächelt sie.

Der florierende Ferienbetrieb ist auf der Hardthöhe überlebenswichtig geworden. Mit Landwirtschaft allein wäre schwierig. Das Thema treibt sie auch in der Politik um: „Corona hat uns gezeigt, wie wichtig eine regionale Landwirtschaft ist. Und diese muss auskömmlich sein. Das heißt der gute, mittelständische Betrieb sollte Sicherheit bieten.“

Auf ihrem Hof will Lanius-Heck Landwirtschaft verständlich machen. Kinder sollen lernen, was auf einem Bauernhof passiert und warum das für alle wichtig ist: „Das müsste auch in die Schule implementiert werden“, fordert sie.

Hier oben

Dann wird die Frau mit den klaren blauen Augen fast ein wenig bedächtig: „Irgendwie macht es mich stolz, dass dieses Land seit Generationen beackert wurde. Mein Großvater und Urgroßvater standen schon hier und ich empfinde es als Geschenk auch hier stehen zu dürfen. Es ist etwas ganz besonderes für mich, hier leben zu dürfen.“

Hier ist mittlerweile alles in das Blau der Nacht gehüllt, Felder und Hänge der Hardthöhe liegen im Dunkeln, nur der Rhein schimmert vor sich hin und spiegelt Oberwesels Lichter.

Die Autorin:

Mareike Rabea Knevels studierte Kommunikationsdesign und arbeitet als Dozentin, Illustratorin und Autorin. 2019 war sie Burgenbloggerin auf Burg Sooneck. Seit 2022 schreibt sie regelmäßig für Mittelrheingold. 

Seite 2 von 2

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

%d Bloggern gefällt das: